Am 21. Mai wird das europäische Natura 2000-Netzwerk gefeiert, das ein Netzwerk geschützter Gebiete ist, welches die wichtigsten und gefährdetsten Arten und Lebensräume Europas schützt. Es ist das größte koordinierte Schutzgebietsnetzwerk der Welt. Der Tag erinnert an die Verabschiedung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) am 21. Mai 1992, die die rechtliche Grundlage für Natura 2000 bildet
Aktuell sind über 80% der laut FFH-Richtlinie zu schützenden Lebensräume und Arten in Österreich in keinem guten Zustand und die Situation hat sich in den letzten Jahren immer verschlechtert1.
In den 27 EU-Mitgliedsstaaten gibt es mittlerweile über 27.000 Natura 2000 Gebiete, die knapp 19 Prozent der EU-Fläche abdecken. Österreich liefert derzeit mit insgesamt 353 Gebieten auf rund 15 Prozent der Landesfläche seinen Anteil und liegt damit auf Platz 16 aller Mitgliedsstaaten (Abbildung 1)2
Vor über zehn Jahren, als das Schutzgebietsnetzwerk noch kleiner war, wurde anhand einer Analyse3 bereits festgestellt, dass der Gesamtwert mit rund 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr zu beziffern war. Darunter fallen Leistungen für Tourismus, Erholung, Hochwasserschutz aber auch Versorgungsleistungen in Zusammenhang mit der Land- und Forstwirtschaft oder der Fischerei. Allein für den Tourismus in Natura 2000 Gebieten wurden jährliche Besucherzahlen zwischen ein und zwei Milliarden über gesamt Europa geschätzt. Eine Verbesserung des Zustandes der Lebensräume und Artenbestände würde auch den ökonomischen Gesamtwert in Zusammenhang mit der Kohlenstoffspeicherung um bis zu 50 Prozent erhöhen.
Mit dem Natura 2000 Netzwerk hat die EU eine weltweit einzigartige Chance, Natur- und Kulturlandschaften zu erhalten und wiederherzustellen – einschließlich jener Funktionen gesunder Lebensräume (sogenannter „Ökosystemleistungen“), die für Klimaschutz, Anpassung an den Wandel und eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft dringend notwendig sind.
Um das zu ermöglichen reicht es nicht, Schutzgebiete einfach in einer Karte einzuzeichnen, es braucht jedenfalls entsprechende personelle und finanzielle Rahmenbedingungen für ein zeitgemäßes Schutzgebietsmanagement. Das bedeutet, dass Expert:innen vor Ort als Ansprech- und Vertrauenspersonen sowie Schnittstellen und Informationsdrehscheibe zwischen Landnutzern, Behörden und der allgemeinen Bevölkerung vorhanden sind, die sowohl den Schutz der relevanten Arten und Lebensräume als auch die nachhaltige Weiterentwicklung und Nutzung der Flächen in den Natura 2000 Gebieten zum Ziel haben und damit das bisherige Silodenken einzelner Interessen beseitigt und sogenannte „Mehrgewinnstrategien“4 entwickelt und umsetzt. Dieser Mehrwert für alle Betroffenen wird derzeit noch zu wenig gesehen und damit auch zu wenig gefördert.
Investitionen in unsere Natur sind auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll: Laut Schätzungen der Europäischen Kommission5, bringt jeder in Renaturierung investierte Euro das acht bis 38-fache an Nutzen. Wird also bereits heute zielgerichtet in Renaturierung investiert, schafft das nicht nur ökologischen Mehrwert, sondern es werden auch die finanziellen Risiken von morgen gesenkt.
Im Wienerwald sind laut Managementplan rund 81.900 ha zum Schutz von europaweit bedeutenden Lebensräumen und Arten als Natura 2000 Gebiet, das man auch als „Europaschutzgebiet“ bezeichnet, ausgewiesen. Laut EU Natura 2000 Viewer sind im Gebiet insgesamt 44 Vogelarten, 27 Lebensräume und weitere 32 Tier- und Pflanzenarten geschützt.
Persönliche Highlights von von geschützten Arten und Lebensraumtypen im Wienerwald sind zum Beispiel der Schwarzstorch, die Gelbbauchunke oder die den Wienerwald prägenden Eichen- und Buchenwälder.
Seit Februar 2023 ist das Biosphärenpark Wienerwald Management mit der Schutzgebietsbetreuung beauftragt.
Sowohl Biosphärenparke als auch Natura 2000 Gebiete können als Modellregionen einer nachhaltigen Entwicklung angesehen werden, die für eine zukunftsfähige Wirtschaft im Einklang mit der Natur beispielgebend sein sollten.
Ein intaktes Natura 2000 Gebiet im Wienerwald ermöglicht uns ein Naherholungsgebiet mit vielen Naturerlebnissen vor der Haustüre, saubere Luft, eine natürliche Klimaanlage durch den Wald und Feuchtlebensräume, wie Bäche oder Feuchtwiesen. Naturnahe Wiesen und Wälder sind ein wichtiger Lebensraum für viele Bestäuber und andere Nützlinge, auf die auch die Landwirtschaft angewiesen ist. Dementsprechend ist die weitere Verbesserung des Zustandes unserer Natur nicht nur eine Investition in eine schöne und bunte Zukunft, sondern auch Grundlage zur Sicherung der weiteren wirtschaftlichen Tätigkeiten in der Region.
Die weitere Verbesserung des Zustandes unserer Natur ist nicht nur eine Investition in eine schöne und bunte Zukunft, sondern auch Grundlage zur Sicherung der weiteren wirtschaftlichen Tätigkeiten in der Region.
Natura 2000 Gebiete dürfen auch nicht alleine betrachtet werden sondern sind wichtige Einzelbausteine in einem Mosaik an Schutzgebieten, die auch miteinander verbunden sein müssen, um auch gut funktionieren zu können. Dementsprechend braucht es zwischen den Schutzgebieten Verbindungen durch Korridore, wie zum Beispiel naturnahe Fließgewässer, Hecken oder Blühflächen, die als „grüne Wanderwege“ den Austausch von Arten zwischen einzelnen Schutzgebieten ermöglichen. Solche „grüne Infrastruktur“ in der Kulturlandschaft hilft wiederum, Extremwetterereignisse, wie Hochwässer oder Trockenperioden abzupuffern, Wasser und Nährstoffe besser zu speichern und wertvollen Boden vor Erosion zu schützen, sowie Bestäubern und Nützlingen einen neuen Lebensraum zu bieten. Ein Beispiel wäre hier, die Verbindungen zwischen dem Wienerwald und den Tullnerfelder Donau-Auen als nächstgelegenes Natura 2000 Gebiet weiter zu verbessern.
Europäische Kommission, Institute for European Environmental Policy (2014): Der ökonomische Nutzen des Natura-2000-Netzes. Synthesebericht. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. https://data.europa.eu/doi/10.2779/53166
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