
� 23. Die platonische Naturphilosophie und Psychologie.
1. Naturphilosophie. Auch auf physikalischem Gebiete ragte Platons scharfsinniger Geist vor anderen hervor. So hatte er nach neueren Untersuchungen bereits eine deutliche Vorstellung von der Schwere der Luft, fa�te den Schall schon als Schwingungsbewegung auf, kannte gewisse Erscheinungen des Magnetismus und der Elektrizit�t, nahm sp�ter eine Achsendrehung der Erde an und huldigte aufgekl�rten medizinischen Grunds�tzen. Gleichwohl blieb er auf diesem Gebiete im ganzen doch ein Kind seiner Zeit. W�hrend er auf dem Felde der Erkenntnistheorie und Ethik der Begr�nder einer neuen Weltanschauung geworden ist, steht seine Naturphilosophie, die er �brigens erst in hohem Alter auszubauen suchte, im wesentlichen auf dem Boden der Vorsokratik und zeigt insbesondere Verwandtschaft mit der Zahlenspekulation der Pythagoreer. Er selbst betrachtet seine naturphilosophischen Theorien nur als einen Versuch, als ein geistreiches �Spiel� und scheidet sie im Eingang des diesen Er�rterungen gewidmeten �Tim�us� scharf und ausdr�cklich von der Wissenschaft (epist�m�). Er beansprucht f�r sie nicht Wahrheit (al�theia) sondern nur Wahrscheinlichkeit (pistis), bezeichnet sie als �wahrscheinliche Mythen� (eikotes mythoi), mit denen sich der Philosoph zur Erholung von der ernsten Erforschung des Seienden befassen k�nne, und scheint sie auch in seinen m�ndlichen Vortr�gen nicht n�her ausgef�hrt zu haben; wenigstens bezieht sich Aristoteles nur auf den Tim�us. Wir unterlassen deshalb auch ein Eingehen auf Einzelheiten und heben nur den Grundri� dieses Weltbildes hervor.
Hervorstechend darin ist der teleologische Zug; der letzte Grund der Welt ist die Abzweckung auf das Gute (s. � 24).
Der g�ttliche Weltbildner (Demiurg) hat die Welt �im Hinblick� auf die in ihm wohnende einheitliche Idee als die sch�nste, vollkommenste und einzig m�gliche geschaffen. Noch bevor die Elemente entstanden, mischte er - so lautet die mythische Weisheit des Tim�us - aus der unteilbaren, nur sich selbst gleichen Wesenheit der Ideen und dem k�rperlich Teilbaren des Raumes ein Drittes, dem er das Sich selbst Gleiche (tauton) und das Verschiedenartige (thateron) beilegte. Dies Mittelding zwischen dem Einen und den Vielen, Schaffendem und Geschaffenem ist die Weltseele, der Urquell alles Lebens und zugleich die zur Substanz erhobene Kraft zahlengesetzlicher Bewegung. Als mathematisch bestimmt und bestimmend (s. � 22), teilt sie sich auf Grund harmonischer Verh�ltniszahlen in die Kreise des Fixsternhimmels, der verschiedenen Planeten usw. (vgl. � 3). Auch die Elemente entstehen auf mathematischem Wege: das Feuer aus kleinsten K�rperchen von Tetraeder-Form, die Luft aus Oktaedern, das Wasser aus Ikosaedern, die Erde aus W�rfeln. Das Weltall im ganzen besitzt die vollkommenste, also die Kugelgestalt, ebenso die in dessen Zentrum befindliche Erde; die als �sichtbare G�tter� geschilderten Gestirne bewegen sich ringf�rmig um die Weltachse. Mit geistvoller Phantastik werden aus den kleinsten (dreieckigen) Fl�chen - einer Art demokritischer Atome - die physikalischen und chemischen Eigenschaften, wie ihre Bewegung und Verteilung im Raume hergeleitet. Der Schlu�teil des Tim�us besch�ftigt sich ziemlich eingehend mit psycho-physiologischen Betrachtungen, l��t z.B. die Begierde durch Spiegelung der Vorstellungen auf der gl�nzenden Fl�che der Leber entstehen.
2. Psychologie. Denn die Psychologie Platons ist zun�chst auch nur ein Teil der Physik. Die menschliche Seele teilt, wenngleich sie von der Gottheit unmittelbar geschaffen worden ist, die Eigenschaften der Weltseele. Sie ist, gleich dieser, in erster Linie Prinzip des Lebens als das Sich selbst Bewegende (to auto kinoun). Steine werden bewegt; Pflanzen, Tiere und Menschen bewegen sich selbst, d.h. leben. Aus diesem physikalischen Begriff der Seele als Lebenskraft wird auch der �Beweis� f�r die Unsterblichkeit der Seele im Ph�drus gewonnen. �ber die pers�nliche Unsterblichkeit spricht sich die Apologie zweifelnd aus, das Symposion kennt nur eine solche der Menschheit, der Dialog Ph�do glaubt sie nicht mit mathematischer Sicherheit (85 C), sondern nur hypothetisch (91 B) beweisen zu k�nnen, f�r den gro�en Mythos endlich in Staat X (608 D bis 611 A) ist sie blo� sittliche Forderung. Au�er seiner physikalischen oder physiologischen hat der Begriff der Seele n�mlich bei Plato noch eine erkenntnistheoretische und eine ethische Bedeutung, von denen uns zun�chst die erstere interessiert. In diesem Sinne ist sie der - nicht materiell irgendwo im K�rper lokalisierte, sondern nur gedanklich erfa�te - Inbegriff der Grundkr�fte unseres Erkennens und Wollens. Die Erkenntnisstufen der aisth�sis, doxa und no�sis sind schon S. 95 erw�hnt; es sind logische Unterabteilungen (eid�), nicht k�rperliche Triebe; erkenntnistheoretische Unterscheidungen, nicht psychologische Schubf�cher. Ja, es finden sich ganz moderne Unterscheidungen, wie das Bewu�tsein im Begriff der mn�m� sogar das Bewu�tsein des Bewu�tseins als epist�m� epist�m�s schon angedeutet. Jener Dreiteilung der Erkenntnis entspricht eine andere f�r die Welt des Willens und als Unterlage f�r die Ethik: 1. das epithym�tikon, der begehrende Teil der Seele, 2. das thymoeides d. i. das �Mutartige�, die Willenskraft, 3. das logistikon, das vernunftgem��e Wollen. 1. kommt den Pflanzen, 1. und 2. den Tieren, alle 3 den Menschen zu: nach dem sch�nen Mythos im Phaedrus (246 f.) der Wagenlenker (die Einsicht) mit dem Zweigespann, von denen das edlere Ro� (die Willenskraft) das z�gellose (die Begierde) b�ndigen hilft. Damit stehen wir an der Schwelle des letzten Teiles der platonischen Philosophie: der Ethik.