Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 8, doc. 124
volume linkBern 1988
more… |▼▶Repository
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2001B#1000/1503#1360* | |
| Old classification | CH-BAR E 2001(B)1000/1503 49 | |
| Dossier title | Kaiser Karl I. und sein Gefolge; Dokumente I, II, III und IV (1918–1922) | |
| File reference archive | B.44.142.2 |
dodis.ch/44766
Notice du Président de la Confédération, E. Schulthess1
Der italienische Geschäftsträger Pignatti verlangte mich heute zu sprechen und erklärte mir in Abwesenheit des Herrn Motta, dass die italienische Regierung beunruhigende Nachrichten aus dem Burgenland erhalten habe, woselbst bewaffnete Banden umherzögen und ein überhitzter ungarischer Patriotismus sich breit mache. Man erwarte Schwierigkeiten und bemerke die Spur einer karolistischen Strömung. Die Vermutung liege nahe, und Einzelne behaupten es auch, dass König Karl versucht sein könnte, wieder einen Versuch zu machen, auf den ungarischen Tron zu kommen. Zweifellos werden Schritte in diesem Sinne getan und es machen sich solche Einflüsse geltend. Der Geschäftsträger fügte bei, dass er mir dies einfach mitteile, er verlange nichts und habe nichts zu verlangen, aber die italienische Regierung wollte doch nicht ermangeln, uns von der Lage zu verständigen. Er fügte bei, dass wir wohl die Stellung der kleinen Entente kennen für den Fall, dass ein neuer Versuch Karls eingeleitet würde.
Ich erklärte dem italienischen Geschäftsträger, dass ich ihm gar nichts sagen könne und eigentlich nicht daran glaube, dass Karl einen neuen Versuch wagen werde. Wenn ich ihm etwas mitzuteilen hätte, werde ich ihn verständigen.2
In einer Besprechung der Mitglieder des Bundesrates, an der Herr Musy wegen anderweitiger Inanspruchnahme nicht mehr teilnehmen konnte, wurde vereinbart, dass ich Herrn Regierungsrat Waltherin Luzern verständige und ihn ersuchen werde,
1. König Karl konfidentiell durch einen Vertrauensmann mitteilen zu lassen, dass wir nach wie vor darauf rechnen, dass er keinen Ausreiseversuch mache ohne uns, wie versprochen, drei Tage zuvor eine Mitteilung zukommen zu lassen und
2. Die Überwachung des «Königs» zu verschärfen.
Diese Beschlüsse wurden von mir telephonisch um 11/4 Uhr Herrn Regierungsrat Walther mitgeteilt, der versprach, sofort das Nötige zu tun und beifügte, dass er an einen neuen Versuch Karls nicht glaube.3
- 1
- E 2001 (B) 3/49.↩
- 2
- En haut de la page, K. Egger a noté: Laut Instruktionen von Herrn Schulthess Graf Pignatti mitgeteilt, dass der König in Hertenstein sei, u. dass kein Anlass zur Beunruhigung vorliege. 4.X.21,17 h. E[gger], Le même jour, le Chargé d’Affaires d’Autriche a fait part au Département politique (Egger) des rumeurs circulant à Vienne à ce sujet: Nach diesen Gerüchten soll König Karl beabsichtigen, die gegenwärtigen Verhältnisse im Burgenland zu benützen, um sich dort neuerdings als König von Ungarn ausrufen zu lassen. Dans cette même notice de K. Egger du 4 octobre 1921, on lit: Die Bundesanwaltschaft erhielt gestern eine Detektiv-Meldung von der österreichischen Grenze, man spreche in eingeweihten Kreisen von der Wahrscheinlichkeit, dass König Karl in den nächsten Tagen nach Ungarn reisen wolle. Sämtliche Polizeibeamten seien für die nächsten Tage auf Pikett gestellt und in den Zügen werde eine strenge Kontrolle ausgeübt. Wir haben heute durchaus keinen Grund, diesen alarmierenden Gerüchten Glauben zu schenken (E 2001 (B) 3/49).↩
- 3
- Le 5 octobre 1921, K. Egger reçoit d’un représentant du Roi Charles les assurances suivantes: Vertraulich. 5. Oktober 1921. Heute nachmittag sprach bei mir Herr Legationssekretär AladarBoroviczény de Kisvarda vor, der bei König Karlin Hertenstein die Funktionen eines Kämmerers ausübt. (Boroviczény hat sich im Frühjahr in Hertenstein mit der Gräfin Schönborn, einer Hofdame der Königin, verheiratet). Herr Boroviczény ist von König Karl beauftragt, dem politischen Departement zu Händen des Bundesrates folgende Erklärungen abzugeben: 1. König Karl erklärt feierlichst, er erachte sich durch die ihm am 18. Mai 1921 in Hertenstein unterbreiteten und von ihm angenommenen Bedingungen auch heute noch rückhaltlos gebunden, insbesondere werde er keinen Aufenthaltswechsel vornehmen, ohne das politische Departement mindestens 3 Tage vorher davon zu verständigen. 2. König Karl erklärt ferner auf das Bestimmteste, er stehe den Ereignissen in Westungarn gänzlich fern, und was immer über seine Person in diesem Zusammenhang gemeldet werde, sei eine absurde, erlogene und tendenziöse Machenschaft, die er verurteile und aufrichtig bedaure. Der König denke nicht daran, sich in das ihm zugemutete Abenteuer zu stürzen, überdies diktiere ihm heute doch zweifellos das politische Wesen der ganzen Frage an sich schon ein peinliches Fernhalten. Das sind die wörtlichen Äusserungen des Herrn Boroviczéni, wodurch seine Mission erschöpft Im nachfolgenden Gespräch äusserte sich Herr Boroviczény auch über die A ufenthaltsfrageund fügte bei, dass eine Antwort ausSpanienimmer noch ausstehe, die Umgebung des Königs rechne aber schon heute damit, dass sie sicher negativ ausfalle. Es herrsche zwar ein reger Briefwechsel mit Madrid, «mais on se dit beaucoup de choses sans rien dire». Er glaubt, Spanien ziehe die Antwort aus blosser Courtoisie heraus, um nach aussen nicht den Eindruck einer allzu raschen und brüsken Absage zu erwecken.Englandhabe sagen lassen, man möge eine offizielle Anfrage unterlassen, da die Antwort negativ ausfallen würde. Die Antworten ausSchweden, LuxemburgundFrankreichlauteten gleichfalls abweisend und anItalienkönne man sich nicht wenden. Boroviczény hebt das glückliche Familienleben des Königs hervor, dem er fast seine ganze Zeit widme, doch könnten begreiflich die grossen Ereignisse, die sich draussen abspielen, nicht unbemerkt, mehr als es seiner Umgebung lieb sei, an ihm Vorbeigehen. Das Ungewisse seiner Lage und seines Aufenthaltes beschäftige den König sehr (E 2001 (B) 3/49). D’après une remarque de G. Motta en tête du texte, ces renseignements ont été communiqués au Conseil fédéral le 7 octobre.↩
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