Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
X. LANDESVERTEIDIGUNG
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 307
volume linkBern 1983
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E27#1000/721#12762* | |
| Old classification | CH-BAR E 27(-)1000/721 2593 | |
| Dossier title | Memorial von Oberstkkdt von Sprecher betr. Mobilmachung und Bereitstellung des schweiz. Heeres; Aufmarsch III (1912–1912) | |
| File reference archive | 06.D.2.a |
dodis.ch/43162
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher1
ALLGEMEINES BETREFFEND DIE MOBILMACHUNG UND BEREITSTELLUNG DES SCHWEIZERISCHEN HEERES
Zu verschiedenen Malen, namentlich im Memorial vom Dezember 19062, zuletzt in dem Memorial über das Aufgebot und die Mobilmachung der Armee vom August 19113, habe ich die Ehre gehabt, dem Chef des Militärdepartements den Antrag zu stellen und zu begründen, es sei bei jedem Kriegsausbruch zwischen Grosstaaten an unsern Grenzen die gesamte Armee aufzubieten. Unser Bestreben muss dahin gehen, den bei unsern Nachbarn möglicherweise bestehenden oder entstehenden Gedanken an eine Verletzung unserer Grenzen im Keime zu ersticken. Zu diesem ersten und Hauptzwecke müssen alle uns zu Gebote stehenden Mittel an ge wendet werden, und zwar in ihrem vollen Umfange. In erster Linie handelt es sich eben darum, den Krieg von unsern Grenzen fernzuhalten. Dadurch vor allem sollen sich unsere Leistungen für das Heer bezahlt machen. Unsere Neutralität bedeutet Nichtbeteiligung an den Kriegen der ändern Staaten; wir haben zunächst also auch jeden Gedanken daran auszuschliessen, den Krieg der Nachbarmächte zur Erlangung irgendwelcher Vorteile, wie namentlich zu einer Verbesserung unserer strategischen Grenzverhältnisse zu benutzen; der Zweck unseres Truppenaufgebotes ist die Erhaltung unseres politischen status quo.
Erst in zweiter Linie, wenn unsere Grenzen tatsächlich verletzt oder durch Massnahmen eines Nachbarn so bedroht werden, dass dessen Angriffsabsicht offenkundig wird, kommen wir in die Lage, Massregeln zu treffen, die auf eine Teilnahme an der kriegerischen Aktion hinzielen. Selbstverständlich wird er uns diese Absicht erst im letzten Augenblicke offiziell kundtun. Unsere Neutralitätsstellung versetzt uns also hinsichtlich der Bereitstellung der Armee in eine Lage, die nicht nur sehr verschieden ist von der eines nicht neutralen Staates, sondern die sehr zu unserm Nachteile davon absticht.
Im normalen Verhältnisse wird ein Staat, der den Krieg mit einem Nachbarn voraussieht, sich einen bestimmten Kriegsplan zurechtlegen und dem entsprechend seine Armee bereitstellen. Er wird nicht damit beginnen, sich zu fragen, was mag der Gegner tun, sondern damit, dass er sich klar macht, was er selbst tun will. Erst in zweiter Linie erwägt er, was der Gegner tun könnte, um den Plan zu durchkreuzen. Dieser Gedankengang der strategischen Offensive ist uns durch die Neutralitätsstellung versperrt. Aber nicht nur das, sondern auch bezüglich der strategischen Defensive befinden wir uns in der misslichen Lage eines Verteidigers, der nicht weiss, von welcher Seite ihm in ein und demselben Kriegsfall der Angriff droht. Die Neutralität und gewisse innerpolitische Rücksichten machen es uns beinah unmöglich, diese oder jene Abkommnisse im Frieden schon zu treffen, welche die uns drohenden Gefahren wenigstens auf eine geringere Anzahl einschränken würden. So sind wir gezwungen, in gewissem Sinne die Armee, trotz ihrer Kleinheit, im Kriegsfall zwischen den Nachbarmächten nach mehreren Fronten zugleich bereitzustellen.
Dazu gesellt sich noch ein weiterer nicht geringer Übelstand.
Um aus dieser etwas unbestimmten Bereitstellung rechtzeitig in die definitive Kriegsfront aufmarschieren zu können, sollten wir wenigstens sehr frühzeitig zu erkennen vermögen, ob und wo die Gefahr des Einbruchs tatsächlich aus dem Nebel der Ungewissheit hervortritt. Mehr als jede andere Lage erforderte die unsere einen möglichst vollkommenen, sicher arbeitenden Nachrichtendienst bezüglich des diplomatischen Verkehrs zwischen den Grosstaaten sowohl als bezüglich der militärischen Vorgänge, wenigstens der Truppenbewegungen in den benachbarten Grenzgebieten. Was den diplomatischen Nachrichtendienst anlangt, so kann ich nur auf dessen grosse Wichtigkeit hinweisen und empfehlen, in dieser Beziehung durch das Politische Departement alles Wünschenswerte vorzukehren.
Die nötige Kenntnis über allfällige Truppenbewegungen im Grenzgebiete könnte uns nur ein Nachrichtendienst vermitteln, der schon im Frieden eingerichtet wäre und regelmässig funktionierte. Ihn erst im Momente der Gefahr einrichten zu wollen, wäre aussichtslos. Es würde zu weit führen, hier die Gründe auseinander zu setzen, weshalb, abgesehen von den nicht unbeträchtichen Kosten, die vollständige Einrichtung eines solchen Dienstes für uns beinah unerreichbar erscheint. - Wir werden also, meiner Überzeugung nach, damit rechnen müssen, beim Ausbruch eines Krieges zwischen Nachbarmächten über das, was jenseits unserer Grenzen vorgeht, nur sehr unvollständig unterrichtet zu sein.
Von dieser Anschauung ausgehend wird man unfehlbar dazu gelangen, der Luftschiffahrt für uns eine besonders grosse Bedeutung zuzuschreiben, denn sie bildet das einzige Mittel, um vor Kriegsausbruch eine möglicherweise vom Nachbar nicht erkannte oder von ihm nicht zu verhindernde Aufklärung in das Grenzgebiet zu treiben. - Je früher wir Massnahmen einer Nachbararmee erkennen, die gegen unsere Grenzen zielen, um so eher haben wir Aussicht, dem Gegner jenseits unserer Grenze begegnen zu können oder doch ihm ein möglichst kleines Gebiet unseres Landes preiszugeben.
Unsere übrigen militärischen Aufklärungsmittel können wir erst an wenden, wenn wir uns selbst im Kriegszustand gegenüber dem Nachbar befinden. Sie sind übrigens relativ so schwach, dass wir grosse Ergebnisse davon nie erwarten dürfen. In den meisten Fällen wäre es wohl mehr als vermessen, unsere Heereskavallerie der Armee weit voraus in ein Feindesland zu schicken, das über weit überlegene Kavalleriemassen verfügt; ganz abgesehen davon, dass voraussichtlich der Kriegsfall für uns erst eintritt, wenn die feindlichen Kräfte sich nahe an unsere Grenze herangeschoben haben.
Je mehr wir nun genötigt sind, unsere Aufmärsche auf eine sehr ungewisse Lage hin zuzuschneiden, um so mehr muss es uns daran liegen, diese Ungewissheit wenigstens soweit als irgendmöglich aufzuhellen. Von dem Satze ausgehend, dass man bei jedem Gegner stets vermuten muss, er werde die für ihn zweckmässigsten Massregeln ergreifen, galt es zu untersuchen, welches diese Massregeln in Beziehung auf unser Land sein könnten. Das ist im allgemeinen bei den Erwägungen für die einzelnen Aufmärsche, insbesondere für Aufmarsch III geschehen; das Ergebnis der betreffenden Prüfung und Überlegung lässt sich dahin zusammenfassen, dass aus strategischen und militärpolitischen Gründen eine spontane Verletzung unserer Neutralität und unserer Grenzen als möglich, resp. als mehr oder minder wahrscheinlich anzunehmen ist:
im Kriegsfall I von Seite Frankreichs,
im Kriegsfall II von Seite Italiens,
im Kriegsfall III von Seite Frankreichs oder Italiens.
Als so zu sagen ausgeschlossen zu betrachten ist eine Grenzverletzung von Seiten Österreichs und als sehr unwahrscheinlich anzusehen ist eine solche von Seiten Deutschlands. Durch den gegenwärtigen tripolitanischen Krieg sind die Richtlinien der Beziehungen zwischen den Mächten und namentlich zwischen den Völkern allerdings vorübergehend etwas gestört und verschoben worden; vielleicht haben die Ereignisse auch die Gefahr eines europäischen Krieges eher hinausgeschoben als nähergerückt. Allein nach wie vor ist von einer Aussöhnung des Gegensatzes zwischen Frankreich und Deutschland keine Rede und anderseits halte ich es auf absehbare Zeit für höchst unwahrscheinlich, dass Italien an der Seite Österreichs kämpfe; dafür sorgen die «unerlösten» italienischen Gebietsteile Österreichs. Wir aber befinden uns, vom italienischen Standpunkt aus gesehen, trotz aller Freundschaftsbeteuerungen von Seiten Italiens, ihm gegenüber ganz in derselben Lage und Beleuchtung.
Die Frage des Bündnisses ist im Memorial von 1906 erörtert worden. Die Zeiten sind vorüber, wo ein kleiner Staat, mit Aussicht auf Erfolg, allein einem grossen die Spitze bieten konnte, weil er im Falle war, das ganze wehrfähige Volk einem beschränkten Söldner- oder Konskriptionsheer entgegenzustellen. Die Lage ist heute von Grund aus verändert. Überall steht Volksheer gegen Volksheer, und wenn es nicht gelingt, durch Entschlossenheit und durch Einsetzung der letzten Kraft einer fremden Heeresleitung die Lust zu nehmen uns an die Seite des Gegners zu treiben, so wird es zum mindesten zu einem Einverständnis mit diesem über die Führung der Operationen kommen müssen. Sache kurzer Erwägung der allgemeinen Lage und raschen Entschlusses ist es dann, zu entscheiden, ob nicht ein förmliches Bündnis grössere Vorteile bietet als unabhängige Kriegführung. Der Entscheid kann erst angesichts der internationalen Lage, wie sie im Augenblick des Kriegsausbruches besteht, getroffen werden.
Dem Gesagten entsprechen im wesentlichen folgende Vorbereitungen:
im Kriegsfall I eine Bereitstellung der Armee in der Hauptsache zu dem Zwecke der Abwehr eines französischen Einbruchs. Daneben scharfe Beobachtung der deutschen Grenze und Beobachtung der Südgrenze;
im Kriegsfall II eine Bereitstellung der Armee, um, im Anschluss an die österreichischen Operationen, italienische Unternehmungen gegen unsere südlichen Landesteile abzuwehren und zwar womöglich durch Hinübertragen des Krieges auf italienisches Gebiet;
im Kriegsfall III wird die Bereitstellung im wesentlichen der des Kriegsfalles I entsprechen, unter stärkerer Betonung jedoch des Schutzes der Südgrenze. Das Gros unserer Kräfte wird auch in diesem Falle im nordwestlichen Teile der Hochebene zusammengezogen für den Vormarsch sei es gegen Westen oder Südwesten. Die Vorbereitungen haben aber auch den Abtransport gegen Süden sowohl als eine Verschiebung gegen die Nordfront zu umfassen.
Das Hauptaugenmerk bei all diesen Bereitstellungen ist darauf zu richten, dass:
1.) vorgeschobene strategische Avantgarden und Grenzdetachemente der Armee die Zeit verschaffen für den Aufmarsch und zur Heranziehung der getrennten Teile, sowie für den Vormarsch zum Angriff des Invasors;
2.) dass den Heeresteilen möglichst viele Strassen und Bahnen für die Konzentration und den Vormarsch zur Verfügung stehen;
3.) dass zahlreiche, leistungsfähige Bahnhöfe eine rasche und sichere Ausführung der strategischen Verschiebungen gewährleisten.
Die oben dargelegte Ungewissheit der militärpolitischen Lage, in die ein Krieg an unsern Grenzen uns versetzt, stellt die Wichtigkeit eines leistungsfähigen Eisenbahnnetzes für uns in die hellste Beleuchtung. Bei Ausbruch eines solchen Krieges können wir zunächst gar nichts anderes tun, als, nach sorgfältiger Mobilmachung, die Armee im Hinblick auf die wahrscheinlichste Bedrohung zusammenzuziehen. Aber schon bei dieser Bereitstellung nach einer Front bringt die strategische Defensive, auf die wir verwiesen sind, Ungewissheiten mit sich, deren Nachteile nur durch rasche Verschiebungen ausgeglichen werden können. Sobald es sich um Entfernungen von mehr als 1-2 Tagemärschen handelt, setzen uns nur die Eisenbahnen in den Stand, diese Verschiebungen innert nützlicher Frist auszuführen. Noch viel mehr ist dies der Fall, wenn es gilt, aus der Bereitstellung nach einer Front in die nach einer ändern überzugehen, auf der die Gefahr plötzlich und unerwartet eintritt.
Die Eisenbahnen werden so für uns, trotz der relativen Kleinheit des Landes, zu einem Kriegsmittel ersten Ranges, von dessen Vollkommenheit und Leistung gutenteils das Gelingen der wichtigsten Operationen abhängt. Die mächtigen Hindernislinien unseres Landes, Flüsse wie Gebirgszüge, müssen uns anderseits die Möglichkeit verschaffen, durch vorgeschobene Abteilungen allfällig auch durch Landwehr- und Landsturmtruppen einem namentlich an Kavallerie überlegenen Gegner solange Aufenthalt zu bereiten, bis der Aufmarsch zur Schlacht, auch in unvorhergesehener Richtung, erfolgt ist. Auf den Ausbau unseres Eisenbahnnetzes, insbesondere die Ergänzung von Bahnhofanlagen und die Vervollständigung der Doppelspur muss demnach unausgesetzt hingearbeitet werden, und es ist alles anzuwenden, um Schädigungen der Landesverteidigung künftig zu vermeiden, wie solche z. B. der schmalspurigen Anlage der Brienzerseebahn zugeschrieben werden muss. Dem gleichen Zwecke wird auch die in Aussicht genommene Beschaffung beweglicher Verladerampen dienen.
Wir haben alle Ursache nichts zu vernachlässigen, was die unvermeidlichen Nachteile unserer militärpolitischen Lage abzuschwächen vermag.


