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Ann Cathrin's Digital Digest · Oct 20, 2024

Verwaltung und Vertrauen – Ein Test für unsere Demokratie

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Warum die Verwaltungsdigitalisierung entscheidend für das Demokratie-Vertrauen ist, wie Netzwerke den Wandel vorantreiben und meine persönlichen Panel-Tipps für Neulinge.

In den letzten Wochen war ich unter vielen anderen bei zwei Veranstaltungen aktiv, die eines der drängendsten Themen unserer Zeit beleuchteten: Die Leistungsfähigkeit der Verwaltung und ihre Auswirkungen auf das Vertrauen in unsere Demokratie. Sowohl bei der Vorstellung des eGovernment MONITOR 2024 der Initiative D21 als auch beim Roundtable des Netzwerks junge Bürgermeister:inn auf der Smart Country Convention stand die Frage im Fokus, wie ein ineffizienter Staat das Vertrauen der Bürger:innen zunehmend untergräbt.

Die neueste Ausgabe des eGovernment MONITOR zeigt alarmierende Zahlen: 45 % der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland empfinden staatliche Dienstleistungen als zu bürokratisch. Besonders erschütternd ist, dass lediglich 19 % der Deutschen digitale Behördengänge nutzen – ein Rückgang im Vergleich zu früheren Jahren. Dabei wünschen sich 64 % mehr digitale Angebote, die auch tatsächlich funktionieren und für ganze 48 % sind einfach und schnell nutzbare digitale Angebote ein Grund, dem Staat (wieder) mehr zu vertrauen. Es wird deutlich, dass nicht nur der Mangel an digitalen Lösungen problematisch ist, sondern vor allem ihre oft unzureichende Nutzerzentrierung. Hier kannst du die Studie selbst einsehen.

Die Studie macht klar, dass Vertrauen in staatliche Institutionen heute maßgeblich davon abhängt, wie gut diese in der digitalen Welt funktionieren. Bürgerinnen und Bürger erwarten, dass der Staat mit der Zeit geht und ihnen moderne, effiziente Lösungen anbietet – und wenn das nicht der Fall ist, leidet das Vertrauen erheblich.

Beim Roundtable des Netzwerks junge Bürgermeister:innen, an dem ich als Expertin teilgenommen habe, stand besonders die Situation der Kommunen im Fokus. Hier zeigte sich, dass die Digitalisierung auf kommunaler Ebene oft noch in den Kinderschuhen steckt – mit gravierenden Folgen. Ich habe neben den Zahlen aus der aktuellen D21-Studie auch noch auf andere gravierende Zahlen verwiesen: 70 % der Bürger:innen und 60 % der öffentlich Beschäftigten sind der Meinung, dass der Staat mit seinen Aufgaben überfordert ist, so die Bürgerbefragung des dbb 2024. Wie die Überforderung zu bewältigen sein wird, wird auch deswegen immer schwieriger zu beantworten, da aktuell 570.000 Stellen im öffentlichen Dienst nicht besetzt sind und eine Studie von pwc davon ausgeht, dass es bis zum Jahr 2030 eine Million sein werden.

Wir sehen hier klar: Wenn die Verwaltungen nicht mit den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger Schritt halten, ist das Vertrauen in den Staat als Ganzes gefährdet. Beide Veranstaltungen haben die Herausforderungen für eine zukunftsfähige Verwaltung unmissverständlich deutlich gemacht: Ohne eine konsequente digitale Transformation wird das Vertrauen in den Staat weiter erodieren – und damit auch die Grundlage unserer Demokratie.

Als Moderatorin habe ich bei der Veranstaltung der Initiative D21 mal versucht mithilfe islamischer Mystik einen kleinen Schubser zum besseren Zusammenarbeiten mitzugeben und habe Navid Kermani zitiert: “Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen”1. Woher er den Satz hat, erfährst Du in der Fußnote.

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In einem kürzlich erschienenen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beschreibt Prof. Dr. Henning Meyer die mangelnde Leistungsfähigkeit der Verwaltung als Bedrohung für unsere Demokratie – ein Punkt, der mir aus tiefster Überzeugung aus der Seele spricht. Meyer verdeutlicht, dass die Verwaltung das Herzstück unseres Staates ist. Sie bildet die Schnittstelle zwischen Bürgerinnen und Bürgern sowie dem Staat und setzt dessen politische Entscheidungen um. Doch die immer größer werdende Lücke zwischen den Erwartungen der Menschen – geformt durch die privatwirtschaftliche Effizienz – und den Leistungen der Verwaltung führt zu wachsender Frustration.

Stillstand bei der Digitalisierung, die langsame Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes und die Fixierung auf Prozesse statt Ergebnisse sind nur einige der strukturellen Probleme, die das Vertrauen in den Staat untergraben. Meyer beschreibt dieses Phänomen als „träges und veränderungsresistentes Gesamtsystem“ und betont, dass es nicht an den Mitarbeitenden liegt, sondern an den veralteten Strukturen, die sie demotivieren und bremsen. Genau diesen Punkt möchte ich hervorheben, denn im Beirat zur Umsetzung der Digitalstrategie Deutschland haben wir das ebenfalls so festgestellt.

Auch in meinen eigenen Vorträgen setze ich mich intensiv mit diesen Themen auseinander. Die Digitalisierung der Verwaltung ist kein simples technisches Update – sie ist eine tiefgreifende Transformation, die über die Zukunftsfähigkeit unseres Staates entscheidet. Die Frustration der Bürger,:innen die Meyer so treffend beschreibt, und der fehlende Fortschritt sind Symptome eines größeren strukturellen Problems. Es geht darum, ob unser Staat in der Lage sein wird, große gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel und die technologische Transformation zu bewältigen. Ohne eine leistungsfähige Verwaltung werden wir in einem Zustand der Stagnation verharren – mit schwerwiegenden Folgen für das Vertrauen in unsere Demokratie. Die Zahlen aus meinem ersten Text heute, belgen dies.

Deshalb ist es essenziell, dass die Modernisierung der Verwaltung endlich als eine der zentralen politischen Prioritäten verstanden wird. Es geht nicht nur um technologische und personelle Reformen, sondern darum, den Staat auf Ergebnisse auszurichten, die den Bürgern wirklich nutzen. Nur eine Verwaltung, die mutig nach vorne denkt und sich nicht in überholten Prozessen verliert, wird das Vertrauen in unsere Demokratie stärken oder zurückgewinnen können.

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Netzwerke als Treiber der Transformation in der Verwaltung

In der Verwaltung sind Netzwerke nicht nur nützlich, sie sind essenziell für den Erfolg der Transformation. Bei meiner Moderation des Panels auf der SCCON 2024 wurde das erneut deutlich: Netzwerke und Communities of Practice ermöglichen den Austausch von Wissen und Erfahrungen, stärken die Zusammenarbeit und helfen, Innovationsprojekte schneller umzusetzen.

Bei NExT setzen meine Kolleg:innen gerade eine vom BMI geförderte Studie um, die genau das sucht. Die Zwischenergebnisse haben wir auf dem Panel vorgestellt und hier veröffentlicht.

👉 Die Mehrwerte des Netzwerkens aus unseren Zwischenergebnissen:

1️⃣ Wissens- und Erfahrungsaustausch
2️⃣ Good Practices übernehmen und Doppelarbeit vermeiden
3️⃣ Netzwerken und Kontakte knüpfen
4️⃣ Motivation und Gemeinschaftsgefühl
5️⃣ Inspiration und kreative Impulse
6️⃣ Politischer Einfluss
7️⃣ Gemeinsame Projektarbeit
8️⃣ Persönliche und berufliche Weiterentwicklung

Besonders spannend war die Diskussion über die Rolle von Führungskräften in diesem Kontext. Führungskräfte sind oft der Schlüssel, wenn es darum geht, Netzwerke innerhalb der Verwaltung zu stärken. Sie können Verbindungen schaffen, Teams motivieren und den Rahmen für einen kontinuierlichen Austausch bieten. Im Ergebnis führt das nicht nur zu effizienteren Abläufen, sondern auch zu mehr Motivation und Innovationskraft in den Teams.

Netzwerke und Communities of Practice sind also nicht bloß „nice to have“ – sie sind Treiber für die erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsprojekten. Und sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Verwaltung insgesamt.


Podcast-Tipp: Das Politikteil – Vom Verlust des Fortschrittsoptimismus

Im Podcast das Politikteil der ZEIT analysiert Andreas Reckwitz den schleichenden Verlust des Fortschrittsoptimismus. Unsere Gesellschaft war lange von der Überzeugung geprägt, dass die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart – doch diese Idee hat an Kraft verloren. Ob Klimakrise, politische Instabilität oder technologische Umbrüche: Viele Menschen blicken zunehmend pessimistisch in die Zukunft. Ein hörenswerter Podcast, der aufzeigt, wie dieser Wandel unser Denken und Handeln beeinflusst und was wir daraus lernen können. (Das Buch dazu lese ich gerade auch noch :) )

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Meine Tipps für Panel-Neulinge

Als Moderatorin habe ich oft mit Panel-Neulingen zu tun. Gerade für sie ist der erste öffentliche Auftritt eine besondere Herausforderung – das Lampenfieber, die ungewohnte Situation, das Publikum. Mein Ziel ist es, ihnen nicht nur ein sicheres Gefühl zu geben, sondern auch die Bühne so zu gestalten, dass sie sich frei entfalten können. Die Vorbereitung spielt dabei eine große Rolle, doch ich glaube fest daran, dass spontane Gespräche und authentische Beiträge immer am besten ankommen.

Deshalb teile ich meine Fragen vorab selten im Detail. Es sind die Dynamik und das echte Miteinander, die ein Panel lebendig machen. Gerade für Neulinge gibt es jedoch einige Tipps, die den Einstieg erleichtern und das Selbstbewusstsein stärken – Tipps, die mir selbst auf meinem Weg geholfen haben und die ich heute gerne weitergebe:

„Man würde Dich nicht fragen, wenn man es Dir nicht zutrauen würde!“
Dieser Satz hat mir am Anfang meiner Karriere sehr geholfen. Wenn Zweifel aufkommen, warum Du gefragt wurdest, denk daran: Man stellt Dich nicht auf die Bühne, ohne Vertrauen in Deine Fähigkeiten.

„Du musst Dir kein extra Wissen aneignen!“
Vor meinem ersten Panel wollte ich noch Unmengen an Büchern und Artikeln lesen. Dabei wird man für das Wissen eingeladen, das man bereits mitbringt. Natürlich kannst Du Dich vorbereiten, aber übertreib es nicht – im Nachhinein merkst Du, dass es oft zu viel war.

„Sei Du selbst!“
Gerade wenn bekannte Persönlichkeiten mit auf dem Panel sind, hat man oft das Gefühl, mithalten zu müssen. Aber Du bist nicht dort, um jemand anderes zu sein. Deine Perspektive und Dein Wissen sind der Grund, warum Du auf der Bühne stehst – nicht das der anderen.

„Ich weiß das nicht!“
Es ist völlig in Ordnung, auf einem Panel zuzugeben, wenn Du eine Frage nicht beantworten kannst. Authentizität und Ehrlichkeit kommen beim Publikum gut an – es macht einen besseren Eindruck, als sich etwas zusammenzureimen, worüber man keine Ahnung hat.

Setz Dich in die erste Reihe!
Als Panelist:in gehörst Du nach vorne. Gerade als Neuling macht man sich oft kleiner, als man ist. Setz Dich in die erste Reihe und geh von dort auf die Bühne – das stärkt das Selbstbewusstsein und spart auch noch den langen Weg zur Bühne.

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“Als Scheich Abu Said, einer der berühmtesten islamischen Mystiker des elften Jahrhunderts einmal nach Tus kam, einer Stadt im Nordosten des heutigen Irans, strömten in Erwartung seiner Predigt so viele Gläubige in die Moschee, dass kein Platz mehr blieb. “Gott möge mir vergeben”, rief der Platzanweiser: “Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.” Da schloss der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. “Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt”, gab er zur Erklärung, bevor er sich umwandte und die Stadt verließ.”

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