RSS Amplifier

Ann Cathrin's Digital Digest · Aug 4, 2024

Olympische Überwachung – #109

0
Sign in to vote or save

This page did not load. You can still read it on the original site — the toolbar below keeps your place in the directory.

Olympia ist überall und selbst ich bin im Olympia-Fieber! Aber man sollte bei all der Euphorie nicht vergessen, dass nebenbei auch viel Kritisches läuft. Die massenhafte Überwachung besipielsweise.

Ich bin im Olympia-Fieber! Zumindest für meine Verhältnisse. Es liegt vielleicht auch an Instagram und den ganzen Memes dort, die tollen Sportlerinnen mit ihren Instagram-Accounts, die über Mental Health oder Body Positivity berichten, sowie überhaupt inspirierende Frauen und natürlich die Kommentierungen von Snoop Dogg. Ich bin sogar so sehr im Fieber, dass ich überlegte nach meinen täglichen Schwimm-Sessions im Urlaub direkt nach Paris fliege, um an den Spielen teilzunehmen. Mit 30 Min/700 m habe ich wohl eher wenige Chancen. Aber wie man sieht: I’m invested!

Das ist die schöne Seite von Olympia. Es gibt auch nicht so schöne, die auch leider kaum besprochen werden.

Jetzt abonnieren

Sicherheit nicht ohne Kritik an Maßnahmen

Gerade als Deutsche wissen wir, dass olympische Spiele nicht selten Ziel terroristischer Anschläge sind. Frankreich hat generell ausreichend Erfahrungen mit (islamistischen) Terrorangriffen. Daher ist es nur selbstverständlich und auch gerechtfertigt, dass entsprechend höhere Sicherheitsstandards als sonst gelten und mehr Sicherheitspersonal als üblich in der Stadt ist. Doch das Ausmaß der (KI-gestützten) Überwachung ist etwas, das man sich genauer ansehen sollte.

Was bei Ländern wie China und den Spielen dort deutlicher im Fokus stand, ist hierzulande kaum Bestandteil kritischer Berichterstattung. Das überrascht nicht, denn die Annahme, dass in der Europäischen Union gute Standards gelten und Bürger- und Freiheitsrechte immer gewahrt bleiben, verleitet zu oft zu der Annahme, dass entsprechende Maßnahmen schon alle gerechtfertigt und angemessen seien.

Frankreich hat im Vorwege der Olympischen Spiele 2023 extra ein Gesetz erlassen, das KI-gestützte Überwachung im öffentlichen Raum ermöglicht. Damit ist Frankreich das erste Land der EU, das so ein Gesetz verabschiedet hat. Es ermöglicht die biometrische Überwachung, jedoch keine Gesichtserkennung. Menschliche Körper liefern aber weitaus mehr biometrische Daten, als nur über das Gesicht. Das Bewegungsverhalten ist zum Beispiel auch eines. Der zum 1. August in Kraft getretene AI Act der EU greift hier auch nicht ein. Denn die entsprechenden Passagen wurden auf den letzten Metern noch gelockert und ermöglichen das, was gerade in Frankreich passiert.

Nur für Olympia?

Das Gesetz, das extra für den Technikeinsatz während Olympia verabschiedet wurde, galt aber schon vor Beginn der Spiele. Und so konnte die eingesetzte Technologie auch schon während Konzerten und anderer Großereignisse getestet werden. Ein – nicht überraschender – Hinweis darauf, dass solche Maßnahmen eben doch nicht nur für den einen Zweck eingesetzt werden, der kommuniziert wird.

Eigentlich soll das Gesetz auch automatisch im März 2025 außer Kraft gesetzt werden. So ist es zumindest in dem verabschiedeten Gesetz auch festgehalten. Nur wäre es auch hier nicht das erste Mal, dass Gesetze verlängert werden. Eine Begründung findet man immer. Frankreich hat auch hier mit Antiterrorgesetzen bereits entsprechende Erfahrung.

Frankreich hat vor allem auch mit großen Protestbewegungen Erfahrungen. Erst kurz vor den Spielen waren die Straßen wieder voll von protestierenden Französinnen und Franzosen. Wir wissen auch, dass Gesetze, die einmal für einen bestimmten Zweck verabschiedet wurden, häufig auf andere Zwecke erweitert werden. Oder für andere Zwecke missbraucht werden. Die Beobachtung von Demonstrant:innen bietet sich da immer gut an. An dieser Stelle sei auch nochmal an die jüngsten Wahlergebnisse in Frankreich erinnert.

Jetzt abonnieren

Ein Schelm, wer wirtschaftliche Gründe sieht

Zudem fragt man sich: warum bis Ende März? Die Spiele sind doch nur im Sommer? Vermutlich ist es nur so lukrativ für die beteiligten Unternehmen. Denn die können durch entsprechendes Gesetz ihre Modelle trainieren und verbessern. Präsident Macron möchte ja schließlich, dass Frankreich eine KI-Nation wird. Da wäre es ja nur gut, wenn französische Unternehmen auch entsprechend gute KIs im Angebot haben, die ausgiebig trainiert wurden.

Nicht nur beim Einsatz während Olympia muss man sich allerdings fragen: Wie gut sind diese Systeme? Wie hoch sind die Fehlerquoten – die gibt es, auch ohne, dass Gesichter erfasst werden. Wer auditiert die Modelle? Und ist es legitim, dass französische KI- und Sicherheitsunternehmen auf Basis dieser enormen Überwachung, der man als Besucher:in der Olympischen Spiele und als Einwohner:in auch nicht entkommen kann, später Profite machen, weil sie ihre Modelle in einem viel größeren als notwendigen Zeitraum trainieren konnten?

Französische Bürgerrechtler:innen haben vor all diesen Szenarien gewarnt – fanden aber wie so häufig nicht genügend Gehör. Dabei sind genau das die Bereiche, wo sich schleichend Freiheitsgerade verringern und wo eine demokratische Gesellschaft ein wachsames Auge haben muss. Der Freedom House Index ist für Frankreich zwar immer noch gut und hat sich in den letzten vier Jahren nur um einen Punkt verringert, aber ein Punkt und noch ein Punkt – das ist eben der schleichende Prozess. Wenn es schon nicht zu den Olympischen Spielen geklappt hat, sollte wenigstens ein Auge darauf geworfen werden, ob das Gesetz sich wirklich zum März 2025 selbst abschafft oder nicht.

Wenn Dir dieser Text gefallen hat, teile ihn doch gerne über Deine Social-Media-Kanäle, damit noch andere meinen Newsletter entdecken können.

Teilen


Für das ganze Thema Überwachung und vor allem Bias, aber auch die Frage, was und wie Unternehmen eigentlich davon profitieren, wenn sie erstmal die Daten haben und damit Modelle trainieren können, auch wenn es später als falsch angesehen wird, kann ich Euch eines der Bücher empfehlen, dass ich im Urlaub gelesen habe: Unmasking AI von Joy Boulamwini. Sie beschreibt dort nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte und damit ihrer persönlichen Entdeckung des Bias-Problems in Algorithmen, sondern eben auch den Umgang von Unternehmen mit moralisch fragwürdigen Methoden mit Daten.

Kurz vorher habe ich noch Means of Control von Byron Tau gelesen, der eindrucksvoll beschreibt, wie der Staat mit privaten Unternehmen zusammenarbeitet und so super leicht an Daten kommt. Denn wir generieren sie massenweise und unbewusst. Ihr erinnert das teure NSA Programm? Daten, bei Daten-Brokern einkaufen ist für den Staat viel billiger. Selbst Putin könnte man so recht genau orten.

Jetzt abonnieren


Buchtipps

Was ich im Urlaub gelesen habe

(bitte denkt daran: mein Lesepensum ist nicht Eures und das ist okay. Ich bin alleine und vor allem ohne Kinder im Urlaub!)

𝐖𝐨𝐥𝐟𝐠𝐚𝐧𝐠 𝐒𝐞𝐢𝐛𝐞𝐥: 𝐕𝐞𝐫𝐰𝐚𝐥𝐭𝐮𝐧𝐠 𝐯𝐞𝐫𝐬𝐭𝐞𝐡𝐞𝐧. Endlich fertig gelesen. Tolles Werk, das aus verwaltungswissenschaftlicher Perspektive gut verständlich erklärt, warum Verwaltung ist wie sie ist. 

𝐏𝐡𝐢𝐥𝐢𝐩 𝐌𝐚𝐧𝐨𝐰: 𝐔𝐧𝐭𝐞𝐫 𝐁𝐞𝐨𝐛𝐚𝐜𝐡𝐭𝐮𝐧𝐠. Manow schaut sich die Freunde der liberalen Demokratie an: die Institutionen. Hat sich die Demokratie zu sehr verrechtlicht und liegt da ein Problem für Demokratieverdruss? Manow vermutet ja. 

𝐂𝐨𝐥𝐢𝐧 𝐂𝐫𝐨𝐮𝐜𝐡: 𝐏𝐨𝐬𝐭𝐝𝐞𝐦𝐨𝐤𝐫𝐚𝐭𝐢𝐞 𝐫𝐞𝐯𝐢𝐬𝐢𝐭𝐞𝐝. Crouch hat sich seine Thesen nochmal angesehen und sagt: Den Populismus hat er unterschätzt. Eines andere auch falsch gesehen. Institutionen müssten gestärkt werden. 

𝐆𝐫é𝐠𝐨𝐫𝐲 𝐒𝐚𝐥𝐥𝐞: 𝐒𝐮𝐩𝐞𝐫𝐲𝐚𝐜𝐡𝐭𝐞𝐧. Der durchschnittliche CO2-Ausstoß von Millardären soll 8190 Tonnen/Kopf betragen. Weltweit liegt er bei 5 Tonnen/Kopf. Superyachten boomen, sie zerstören Naturschutzgebiete, Behörden schauen weg.

𝐉𝐨𝐬𝐞𝐩𝐡 𝐖𝐞𝐢𝐳𝐞𝐧𝐛𝐚𝐮𝐦: 𝐂𝐨𝐦𝐩𝐮𝐭𝐞𝐫𝐦𝐚𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐆𝐞𝐬𝐞𝐥𝐥𝐬𝐜𝐡𝐚𝐟𝐭. Seine Reden auch Jahrzehnte später immer noch aktuell. Welche politischen Probleme kaschieren wir ggf. mit dem Einsatz von Computern (oder KI)?

𝐅𝐫𝐚𝐮𝐤𝐞 𝐑𝐨𝐬𝐭𝐚𝐥𝐬𝐤𝐢: 𝐃𝐢𝐞 𝐯𝐮𝐥𝐧𝐞𝐫𝐚𝐛𝐥𝐞 𝐆𝐞𝐬𝐞𝐥𝐥𝐬𝐜𝐡𝐚𝐟𝐭. Freiheit wird immer für alle eingeschränkt. Man kann nicht dem einem was nehmen und dem anderen ein Mehr ermöglichen. Eine immer vulnerablere Gesellschaft schränkt Freiheiten ein. Das kann in Ordnung sein, nur fehlen entsprechende Diskussionen dazu. 

𝐂𝐡𝐫𝐢𝐬𝐭𝐢𝐚𝐧 𝐊𝐫𝐚𝐜𝐡𝐭: 𝐟𝐚𝐬𝐞𝐫𝐥𝐚𝐧𝐝. War ja Thema nach Sylt. Also habe ich es mal gelesen. Hat mir sehr gut gefallen. 

𝐒𝐭𝐞𝐟𝐟𝐞𝐧 𝐌𝐚𝐮: 𝐔𝐧𝐠𝐥𝐞𝐢𝐜𝐡 𝐯𝐞𝐫𝐞𝐢𝐧𝐭. Bayern darf anders sein, warum der Osten nicht auch? Habe viel in Maus kurzweiligem Büchlein gelernt und verstanden.

Jetzt abonnieren

 𝐒𝐭𝐞𝐯𝐞𝐧 𝐋𝐞𝐯𝐢𝐭𝐬𝐤𝐲/𝐃𝐚𝐧𝐢𝐞𝐥 𝐙𝐢𝐛𝐥𝐚𝐭𝐭: 𝐃𝐢𝐞 𝐓𝐲𝐫𝐚𝐧𝐧𝐞𝐢 𝐝𝐞𝐫 𝐌𝐢𝐧𝐝𝐞𝐫𝐡𝐞𝐢𝐭. Biden will den Supreme Court reformieren. Das wäre nur ein Teil der notwendigen Reformen in den USA, um das zu machen, was andere Demokratien viel häufiger machen: ihre Verfassung anpassen und verbessern. Hierzu gibt es auf LinkedIn auch schon eine längere Rezension von mir.

𝐒𝐡𝐞𝐡𝐚𝐧 𝐊𝐚𝐫𝐮𝐧𝐚𝐭𝐢𝐥𝐚𝐤𝐚: 𝐃𝐢𝐞 𝐬𝐢𝐞𝐛𝐞𝐧 𝐌𝐨𝐧𝐝𝐞 𝐝𝐞𝐬 𝐌𝐚𝐚𝐥𝐢 𝐀𝐥𝐦𝐞𝐢𝐝𝐚. Maali Almeida. Kriegsfotograf im Sri Lanka der 80er und 90er Jahre. Hat einen Mord aufzuklären. Seinen eigenen. Wortgewaltiger Roman, ungewöhnlich mit der Erzählposition der zweiten Person. Booker Prize 2022. Man braucht etwas um rein zu kommen, aber große Empfehlung. 

𝐉𝐨𝐲 𝐁𝐨𝐮𝐥𝐚𝐦𝐰𝐢𝐧𝐢: 𝐔𝐧𝐦𝐚𝐬𝐤𝐢𝐧𝐠 𝐀𝐈. Kannte ihre Geschichte und Arbeit bereits. Super Einstieg ins Thema Bias. Die Macht der Tech-Konzerne ist erschreckend, wenn Wissenschaftler sich nicht auflehnen, aus Angst des Verlusts der Fördergelder für die Uni. 

𝐊𝐫𝐢𝐬𝐭𝐢𝐧 𝐖𝐚𝐫𝐧𝐤𝐞: 𝐒𝐞𝐢 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐬𝐨. Entwicklungsroman. Kurzweilig, creepy, heilsam.

𝐈𝐠𝐢𝐧𝐢𝐨 𝐆𝐚𝐠𝐥𝐢𝐚𝐫𝐝𝐨𝐧𝐞: 𝐂𝐡𝐢𝐧𝐚, 𝐀𝐟𝐫𝐢𝐜𝐚 𝐚𝐧𝐝 𝐭𝐡𝐞 𝐅𝐮𝐭𝐮𝐫𝐞 𝐨𝐟 𝐭𝐡𝐞 𝐈𝐧𝐭𝐞𝐫𝐧𝐞𝐭. China will nicht das eigene Modell des souveränen Internets vertreiben, aber wirkt stark daraufhin, dass Nationen und nicht im Multi-Stakeholder-Modell entscheiden, wie das eigene Internet aussehen soll. 

𝐓𝐢𝐦 𝐌𝐚𝐫𝐬𝐡𝐚𝐥𝐥: 𝐃𝐢𝐞 𝐆𝐞𝐨𝐠𝐫𝐚𝐟𝐢𝐞 𝐝𝐞𝐫 𝐙𝐮𝐤𝐮𝐧𝐟𝐭. Europa hatte das erste Schaf im Weltall. Shawn das Schaf. Immerhin. Der Weltraum ist überaus wichtig und wir Europäer so hinterher. Nach dem Buch bin ich highly invested in das Thema!

𝐌𝐚𝐫𝐜 𝐎𝐰𝐞𝐧 𝐉𝐨𝐧𝐞𝐬: 𝐃𝐢𝐠𝐢𝐭𝐚𝐥 𝐀𝐮𝐭𝐡𝐨𝐫𝐢𝐭𝐚𝐫𝐢𝐚𝐧𝐢𝐬𝐦 𝐢𝐧 𝐭𝐡𝐞 𝐌𝐢𝐝𝐝𝐥𝐞 𝐄𝐚𝐬𝐭. Bei Desinformationen wird der Nahe Osten als Akteur gerne vergessen. Fokus richtet sich hier auf Saudi-Arabien und VAE. Einfluss u.a. über den Sport nicht zu unterschätzen. Intensivere Kritik an weiteren Akteuren wäre gut gewesen.

𝐀𝐲𝐧𝐧𝐞 𝐊𝐨𝐤𝐚𝐬: 𝐓𝐫𝐚𝐟𝐟𝐢𝐜𝐤𝐢𝐧𝐠 𝐃𝐚𝐭𝐚. Unternehmen, die chinesischen Unternehmen gehören, müssen dem Staat Zugang zu Daten gewähren. Die USA schützen ihre Bürger nicht, gerade im Gaming-Bereich ist der Datenzugriff enorm. Datensicherheit ist kein Kriterium bei der Bewertung von Unternehmen. 

Und von noch vor dem Urlaub

Byron Tau: Means of Control. How the hidden Alliance of Tech and Government is creating a new American Surveillance State. Überwachung war noch nie so einfach und günstig für den Staat. Auf Instagram gibt es meine ausführlichere Rezension.

Read on anncathrin.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.