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Die Eskapade · Feb 23, 2025

Alle Hände an DECK! #1

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Andreas Laux · Die Eskapade

Ich bin genau das Schaf, vor dem mich Alice Weidel immer gewarnt hat. Wenn nur zwei Leute freitags die Schule schwänzen, ess ich weniger Schnitzel und merke nicht mal, wie sehr mir das Ampel-Gängelband die Luft abschnürt. Unfassbar! Bei Weidels zu Hause, da gibt’s Schnitzel an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr. Morgens, mittags, abends, zu jeder gottverdammten Mahlzeit. „Bis der Flachspüler glüht“, schrieb die Bunte.

Bei mir haut nur noch das Phlegma rein. „Sammeln sie Payback-Punkte?“, fragt die Kassiererin so sehr gutgelaunt, dass ich darüber nachdenken muss, in welcher Jahrhundertkonstellation gerade Uranus zur Sonne steht, damit man in Berlin einen so freundlichen Menschen in einem so mies gewürdigten Servicejob trifft. Eine Sekunde bin ich zu viel irritiert, sodass sich mein inneres Schaf unbemerkt auf die andere Seite dieser Anti-Covid-Scheibe mogeln kann. Da schmiegt es sich jetzt ran ans verlaufende Tattoo auf Jennys Oberarm.

„Ich habe keine Payback-Karte.“ – „Wollen sie vielleicht eine? Heute gibt es richtig viele Extrapunkte. Ich kann ihren Einkauf direkt auf die Karte buchen. Sie können das dann zu Hause alles in Ruhe angucken. Hier ist die Broschüre. Und noch ein Einkaufschip. Und ein Kugelschreiber.“ – „Och. Warum eigentlich nicht?“ Määh!

Als Kunde ist man ja heutzutage lieber weniger als mehr gläsern. Als es noch Wählscheibentelefone gab oder gar: das Fräulein von der Vermittlung, da war Frau Geheimrat mehr als verzückt, wenn der Hofschokoladenlieferant bei ihrem letzten Besuch heimlich notiert hatte, welchen Kakao-Anteil die feine Dame bei ihrer zarten Bitterschokolade bevorzugt, sodass er das Faktum fortan becircenderweise aus dem Ärmel schütteln konnte.

Im Zeitalter der Sprachi kann der ehrenlose Schoko-Creep von Glück sagen, wenn ihm nur der Laden zugecancelt wird.

Dass ich mich dem Einkaufstriptease bisher verweigert habe, hat keine edlen Gründe, dass ich den Datenraffkes in die Suppe spucken will zum Beispiel, sondern vielmehr ästhetische. Ich will meine knapp bemessene Lebensenergie eigentlich nicht in Vorhaben stecken, an deren Ende ein Plastikzwiebelhäcksler winkt.

Nicht mal eine halbe Stunde bevor Jenny und der Einkaufschip in mein Leben traten, hatte ich die Punktepropaganda am Supermarkteingang noch innerlich kaputtgeschnöselt. Weil nämlich auf den Plakaten glückliche Menschen im AfD-blauen Punktebällebad baden, aber für mich Punkte im Wortsinn zweidimensional sind und mit hochbreittiefen Bällen überhaupt nichts gemein haben.

Zum Glück gibt’s zu jeder Paybackkarte eine Paybackpartnerkarte. Also habe ich, als meine Mutter wieder mal die ARD-Mediathek gelöscht hatte und „mein Medienexperte“ herbeieilen musste, die Paybackpartnerkartenkartennummer diskret überall da hinterlegt, wo sie onlineshoppt. Meine Mutter ist leidenschaftliche Onlineshopperin, sogar ihre Rouladen sind aus dem Internet.

Im blauen Bällebad haben sie eben Tsunami-Warnung gegeben.

„Hallo! Herzlich willkommen an Bord“, flötet Barbara mich an. Frau Wussow steht hinter ihrem Klapppult neben der Gangway. Hinter ihr strahlt in sonnigstem Weiß die MS Amadea. Wie im Fernsehen, man kennt’s.

Die Hoteldirektorin begrüßt jeden Passagier persönlich, zum lockeren Kennenlernen gibt es leckeren Schaumwein – und trotzdem bildet sich nicht das kleinste Fitzelchen Menschenschlange. Wie macht die Barbara das nur, frage ich mich und kalkuliere: 570 Passagiere wollen auf den Sehnsuchtskahn. Bei Barbaras Schlagzahl muss das Einschiffen ziemlich genau 47 Stunden dauern. Das sind zwei Tage ohne Schlaf, Essen und Pipimachen.

Ich sehe in Barbaras zementiertes Lächeln und denke, das kann schon sein, dass die zwei Tage auf den Beinen ist. Das Nazi-Meth, das für den Polen-Feldzug gut war, kann für Barbaras Kreuzfahrt ja nicht schlecht sein. Ich notiere: Collien, Babsis Dosis checken!

Vielleicht war das alles doch keine so schlechte Idee. Natürlich dachte ich zuerst an einen Scherz, als vor sechs Wochen der Brief ins Haus flatterte, in dem mir zum Neueigentum der Amadea gratuliert wurde. Der vormalige Reeder war voll des Überschwangs. So eine Payback-Punktesammelwut habe er noch nie gesehen – und er habe schon so einiges gesehen auf den sieben Weltmeeren. Das Schiff, das im ZDF das „Traumschiff“ mimt, hätte ich mir also redlich verdient. Aus dem Umschlag fiel ein Bund mit zwei Schlüsseln dran und mit einem Einkaufschip.

Inzwischen habe ich mich nicht nur an den Gedanken gewöhnt, ich gehe auf in der Rolle des Neureeders. Beruflich war bei mir sowieso gerade die Luft raus, da kam die Amadea in mein Leben geschippert. Diese Fahrt ist meine erste. Ich will mir einen Eindruck machen vom messingbeschlagenen Rest meines Lebens.

„Wir haben für sie die Kaisersuite auf dem Lido-Deck reserviert, Signor Stradivari“, sagt Frau Wussow, die hier alle Traumschiff-gerecht Frau Liebhold nennen. „Danke, das ist nett, aber mein Name ist Laux.“ – „Ja, ja, gewiss. Wenn Sie das sagen!“ Frau Liebhold zwinkert mir sehr verschwörerisch zu und ich versuche zu verstehen, was gerade vor sich geht. Glaubt sie, ich glaube, inkognito reisen zu müssen, weil mir das alles hier gehört? Auf solche Ideen (und einen so beknackten Decknamen) kommt man wohl, wenn man zu lange in einem ZDF-Drehbuch lebt.

Was viele nicht wissen: Die Traumschiff-Schauspieler leben das ganze Jahr auf dem Schiff. Das steht so in ihren Verträgen. Sehen wir sie mal woanders, dann sind sie auf Landgang. Wenn der Flori Silbereisen mal wieder die größte Arena der Welt vollmoderiert hat, bringt ihn anschließend ein Fahrer zurück zum Hafen. Manchmal kommt der Thomas Anders mit. Dann nehmen die beiden noch einen Absacker in der Vista-Bar und der Thomas schläft nachher auf dem Sofa in der Internet-Ecke. Da wo sonst die Passagiere ihre T-Online-Mails abrufen.

Fortsetzung folgt.

Die Eskapade ist gratis und umsonst. Ein Klick unten aufs Herz und ich wäre höchstverzückt. Obendrein eine Weiterleitung an einen Matrosen vielleicht? wäre wie zarteste Bitterschokolade.

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Read the original on andreaslaux.substack.com

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