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Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien · Dec 5, 2025

Susann Pásztor: Von hier aus weiter

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Moseron · Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien

Oft ist es so, dass man sich als Leser/Leserin entscheiden muss: Will man einen schwergewichtigen Roman, der komplexe psychologische, philosophische oder geschichtliche Themen behandelt, aber schwer verdaulich ist, oder will man unterhalten werden, Seiten umblättern und die Zeit vergessen, dann aber zu dem Preis, dass der Inhalt zu leichtgewichtig ist, um lange im Kopf zu bleiben?

Susann Pásztor gehört zu den Autorinnen, bei denen man sich nicht entscheiden muss: Sie schafft es, Romane zu schreiben, die gleichzeitig leicht und schwer sind. Schwer, weil sie keine Scheu davor hat, das schwierigste Thema überhaupt in den Fokus zu nehmen: den Tod allgemein und das eigene Sterben. Leicht, weil es ihr wie vielleicht keiner anderen gelingt, die schwersten Situationen des Lebens ohne Dramatik, dafür mit Humor, Geduld und Leichtigkeit zu behandeln – ohne dass das wichtige Grundthema dabei jedoch an Gewicht verliert. Bewiesen hat sie das unter anderem schon mit dem Roman Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster (auch als Hörbuch erschienen bei Argon Digital).

In Von hier aus weiter geht es diesmal um den Themenkomplex des Todes des eigenen Lebensgefährten, nachdem man viele gemeinsame Jahre zusammen verbracht und Erinnerungen angehäuft hat. Wie soll es nach so einem Ereignis überhaupt weitergehen? Wie soll man danach weiterleben wollen können? Solch schwierige Gedanken beginnen bei Susann Pásztor mit einer skurrilen Eingangsszene: Marlene steckt in einer Toilettenkabine fest. Sie bekommt die Tür nicht mehr auf und arbeitet sich nun durch den Spalt zwischen Boden und Kabinentür, um ihrer Lage zu entkommen, stumm beobachtet von einem kleinen Mädchen, der Tochter ihres Stiefsohns. Nachdem sie sich wieder hergerichtet hat, tritt sie wieder hinein in den Gasthof mitten unter die vielen Gäste – bei der Beerdigung ihres eigenen Mannes. Innerlich ist sie jedoch kaum da, sie sieht sich das Spektakel an wie ein Zaungast.

Denn wie man bald erfährt, kreisen ihre Gedanken eigentlich nur darum, wann und wo und wie bald sie ihrem Mann nachfolgen kann, der sich, um einem von einem Gehirntumor verursachten elenden Ende zuvorzukommen, das Leben genommen hat. In diese trostlose Situation greift nun das Universum in Form von Jack, einem Klempner und ehemaligen Schüler Marlenes, ein, der nicht nur ihre Wasserleitung repariert, sondern gleich noch versuchsweise bei ihr einzieht, da er selbst gerade keine eigene Wohnung hat. Jack wird so nicht nur ihr persönlicher Koch und Gesprächspartner, sondern vermag auch das fragile psychische Gleichgewichts Marlenes zu stabilisieren, wie es eben nur ein Außenstehender in so einer Situation kann.

Bei all den kleinen und großen Dingen, die im Verlauf passieren, gelingt es Susann Pásztor, Marlenes sarkastisch-zynische Gedanken nonchalant neben Unterhaltungen übers Kochen und Essen zu setzen, Tabletten- und Alkoholmissbrauch als Flucht vor der Realität neben Gespräche über Lieblingsmusik. Alles bekommt den gleichen Raum und hält sich die Waage, ganz so, wie es im echten Leben eben ist. In diesem Rhythmus begleiten wir Marlene bei ihrer Reise durch Wut, Trauer, Müdigkeit und dem Ringen nach Verstehen. Gesprochen wird der Roman und damit Marlenes Figur von Ruth Reinecke, die – und das ist in meinen Augen auch wirklich der einzige Minuspunkt – hier etwas zu ruhig und traditionell klingt, um dem unkonventionellen Charakter Marlenes wirklich perfekt entsprechen zu können, so gut sie ansonsten auch vorliest.

Die Reise bringt nach und nach weitere Begleiter wie zum Beispiel die junge Ärztin Ida – und wird schließlich ganz buchstäblich zu einem Aufbruch, dem Beginn einer Reise nach Wien. Wie das alles zusammenhängt, möchte ich nicht vorwegnehmen, um Hörer und Hörerin nicht ihrer eigenen Reise zu berauben. Denn nichts weniger ist dieses Buch, eine Fahrt, die alles enthält, was ein guter Road-Trip braucht: schöne Landschaften, smoothe Highways, zwischendurch unasphaltierte, rucklige Abschnitte, Abenteuer am Wegesrand, wenn man mal das Auto verlässt, und auch der eine oder andere gefährliche Moment, der die eigene Sicht aufs Leben und Sterben verändern kann. Doch neben allen Tiefen des Lebens, die vorgeführt werden, ist es eine Reise, bei der man sich nicht anschnallen und festhalten muss, sondern einfach in guter Gesellschaft und bei guter Musik eine wundervolle Zeit verbringt!

Katharina Reinecke, Oktober 2025: Pásztor: Von hier aus weiter

Read the original on alliteratus.substack.com

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