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Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien · Oct 23, 2025

Liz Kessler: Als die Welt uns gehörte

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Moseron · Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien

Die Geschichte dieser beeindruckenden Jugendhörbuchproduktion beginnt im Jahr 1936 in Wien, als drei Kinder, drei dicke Freunde, den besten Tag ihres Lebens verbringen: Leo, Elsa und Max feiern Leos Geburtstag im Prater, wohin sie Leos Vater, ein Fotograf, eingeladen hat. Und nicht nur, dass sie im Riesenrad das glückliche Gefühl bekommen, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt, sondern Herr Grünberg lädt sie schließlich sogar auf eine zweite Riesenrad-Runde ein – und hält das Ereignis natürlich auch in einem Porträt der drei Kinder fest. Leo, Max und Elsa erhalten jeder einen Abzug und noch ahnen sie nicht, dass dieses Foto zum wichtigsten Dokument ihrer Freundschaft werden soll; es ist eine Art Dreh- und Angelpunkt für die ganze Geschichte …

So beginnt ein Roman, der zu Recht im Jahr 2023 den Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch gewonnen hat, denn es ist eine Geschichte, die sich am Beispiel dieser drei Kinder und unter Einbezug der eigenen Familiengeschichte der Autorin Liz Kessler allumfassend mit den Gräueln des Nationalsozialismus von 1936 bis zum Kriegsende beschäftigt. Der Roman erreicht dabei zuweilen eine Intensität und Authentizität, die weh tut und jungen Menschen wieder deutlich vor Augen führt, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

Um nicht zu viel vorwegzunehmen, sei nur angedeutet, dass wir konkret den weiteren Lebensweg der Kinder erleben, die sehr bald nach diesem einen glücklichen Tag auseinandergerissen werden: Leo und Elsa kommen aus jüdischen Familien und erleiden immer mehr Einschränkungen ihrer physischen und psychischen Lebensbedingungen, die Familien werden getrennt. Elsas Familie flieht zunächst nach Prag. Leos Vater, der freundliche Fotograf, wird früh in ein Arbeitslager verschleppt. Leo und seine Mutter versuchen verzweifelt, Wien zu entkommen in ein sicheres Land. Max dagegen hat einen Vater, der sich von frühen Tagen an Hitler angeschlossen hat und einen Karriereweg in der NSDAP und der Waffen-SS einschlägt. Mit entsprechenden Konsequenzen für seinen Sohn, den er zu einem „richtigen Mann“ ausbilden möchte.

Als die Welt uns gehörte schlägt stilistisch den Weg ein, dass immer abwechselnd aus der konkreten Ich-Perspektive der Kinder erzählt wird, die somit alle aktuellen Ereignisse, ihre Gefühle, Gedanken, Sorgen und Ängste direkt mitteilen. Die Hörbuchproduktion hat dies umgesetzt, indem verschiedene Sprecher/Sprecherinnen jeweils die Rollen der Kinder einnehmen. Dabei wurden mit Julian Greis, Fritzi Haberlandt, Walter Kreye und Friedhelm Ptok Sprecher/Sprecherinnen ausgewählt, die perfekt zu ihren jeweiligen Figuren passen und die der sowieso schon atmosphärisch dichten Geschichte noch mehr Intensität verleihen.

Dieses Hörbuch zieht einen in den Bann und lässt einen eine ganze Palette an Gefühlen durchleben – und so wandelte sich auch mein Urteil darüber über die acht Hörstunden hinweg. Zu den wenigen negativ auffallenden Punkten gehörte dabei, dass mir zuweilen die strenge Ich-Erzählung etwas künstlich vorkam: Am Anfang der Geschichte sind die Kinder noch recht klein, da muten die Gedanken, die sie von sich geben, doch zuweilen zu reflektiert und erwachsen an; auch fällt über die Zeit ein gewisses intellektuelles Ungleichgewicht auf – die Reflexionen der jüdischen Kinder Elsa und Leo sind weit über dem Niveau des fast durchweg als naiv erscheinenden Max angelegt. Das von Kessler gewählte Stilmittel, was einerseits einen guten Rahmen gibt, engt an dieser Stelle dann leider eben ein und ist vielleicht einfach auch Geschmackssache. Doch diese Erwägungen einer Kritikerin werden im weiteren Verlauf des Romans wieder beiseite gewischt – die Handlung, die schrecklichen Erlebnisse der Familien, die schockierende Härte, mit der die Wahrheiten auch so als solche geschildert werden, fegen solche „Einwände“ einfach beiseite.

Und das Ende sowohl des Buches als auch speziell des Hörbuches ist schließlich so phänomenal gut, dass man als Rezensentin alle möglichen Negativpunkte gleich wieder durchstreichen will. Denn nachdem man dem Kaddisch-Gebet für die Toten gelauscht hat, blendet Liz Kessler in die Gegenwart über, in der uns eine der Figuren als nun alter Mensch begegnet – und eine solch nachdrückliche Warnung ausspricht und den jungen Menschen einen solch wichtigen Handlungsauftrag erteilt, dass einem die Trauer über all die schlimmen Taten und Ereignisse die Kehle zuschnüren; all die Gefühle kulminieren zum Abschluss in einem wehmütig und traurig vorgetragenen jiddischen Lied: Oyfn Pripetshik.

Als die Welt uns gehörte beschäftigt einen noch lange nach dem Hören. Hier wurde ein wichtiges Buch in eine rundum gelungene und aufwendige Hörbuchproduktion übertragen, die hoffentlich auch in Klassenzimmer Einzug gefunden hat oder finden wird.

Katharina Reinecke, Oktober 2025: Kessler, Als die Welt uns gehörte

Read the original on alliteratus.substack.com

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