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Alexander Schiebel · Aug 20, 2026

Schau dir die Landschaft gut an

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Alexander Schiebel · Alexander Schiebel

Im Herbst 2014 stand ich zum ersten Mal auf dem Tartscher Bichel, einem kleinen Hügel mitten im Vinschgau, den man dort den Nabel des Tals nennt. Ich arbeitete an einem Filmporträt des Fotografen Gianni Bodini, der über den Holzzaun geklettert und mir mit seinem Stativ längst vorausgeeilt war. Während er oben auf den richtigen Augenblick wartete, filmte ich die romanische Kirche und die karge Vegetation und kam nicht voran, weil mich die Aussicht nicht arbeiten ließ. Grüntöne, die an manchen Stellen ins Braun des Erdreichs übergingen, an anderen in ein helles Gelb, das aussah, als würde es von unten beleuchtet. Schafe, wie mit einem Pinsel ins Tal getupft. Baumgruppen, Bäche, Wege, niedrige Hecken, in den Gärten Apfel- und Birnbäume, dazwischen Kornfelder.

Dann hörte ich Gianni hinter mir: »Schau dir die Landschaft nur gut an, denn in ein paar Jahren wird das alles verschwunden sein.« Ich drehte den Kopf und sah ihn an. Warum? »In ein paar Jahren wird es hier aussehen wie überall sonst in Südtirols Tälern. Endlose Reihen von Apfelbäumchen, von zigtausend Betonpfeilern gestützt.« Ich hielt ihm entgegen, dass es wenige Wochen zuvor in Mals eine Volksabstimmung gegeben hatte, bei der eine große Mehrheit sich gegen genau diese Form der Landwirtschaft ausgesprochen hatte. Er bestätigte die Zahlen und sagte, davon werde sich niemand aufhalten lassen, solange damit Geld zu verdienen sei.

Aus diesem Nachmittag wurden ein Film, ein Buch und ein Prozess mit 1.372 klagenden Obstbauern. Elf Jahre später weiß ich, dass Gianni mir an diesem Hügel zwei verschiedene Dinge gesagt hat und dass ich damals nur das eine gehört habe. Das eine war die Prognose: Betonpfeiler, Monokultur, Spritznebel. Das andere steckte in dem Wort »verschwunden«. Was auf einer solchen Fläche verschwindet, taucht in keiner Aussterbeliste auf. Es gibt keinen Stichtag, keine letzte Wandertaube, keine Meldung. Es wird nur weniger, und dann noch weniger, und irgendwann hat niemand mehr ein Bild davon im Kopf, wie es vorher war.

In meiner Serie über die planetaren Grenzen habe ich über Klima, Landnutzung, Süßwasser, Stoffkreisläufe, Pestizide und Plastik geschrieben und ausgerechnet jene Grenze ausgelassen, wo alle diese Schäden am Ende zusammenlaufen: die Unversehrtheit der Biosphäre. Das trage ich nun in drei Teilen nach. Der erste klärt, was der Verlust überhaupt ist und warum er sich der Wahrnehmung entzieht. Der zweite behandelt, was auf dem Spiel steht und was den Verlust eigentlich antreibt. Der dritte fragt, wo die Hebel liegen und warum sie bisher so zögerlich gezogen werden.

Biodiversität meint die Vielfalt des Lebendigen auf drei ineinander geschachtelten Ebenen: die Vielfalt der Geneinnerhalb einer Art, die Vielfalt der Arten und die Vielfalt der Lebensräume, die sie miteinander bilden. Der Verlust läuft auf allen drei Ebenen gleichzeitig, und auf jeder ist er auf andere Weise unsichtbar.

Am unsichtbarsten ist er auf der genetischen Ebene. Jede Banane, die wir in Europa kaufen, ist genetisch dieselbe Banane: Die Sorte Cavendish wird über Stecklinge vermehrt, alle Pflanzen weltweit sind Klone. Das ist schon einmal schiefgegangen. Bis in die fünfziger Jahre war die Handelsbanane die Sorte Gros Michel, bis ein Bodenpilz sie von den Plantagen verschwinden ließ — weil überall dasselbe Erbgut stand, gab es keine einzige Pflanze, die zufällig resistent gewesen wäre. Cavendish steht heute mit einem neuen Pilzstamm vor demselben Problem. Genetische Vielfalt ist die Menge an Zufallslösungen, die eine Art für ein noch unbekanntes Problem in Reserve hält, und diese Reserve kann schrumpfen, während die Art selbst zahlreich bleibt. In der Wildnis passiert das über Inzucht in Restbeständen, in der Landwirtschaft planmäßig über die Züchtung: Es gibt weiterhin Schweine, aber immer weniger verschiedene Schweine.

Auf der Artenebene ist der Verlust leichter zu beschreiben. Eine Wiese, auf der hundert Insektenarten lebten, trägt nach Jahren intensiver Bewirtschaftung vielleicht noch dreißig. Und auf der Ebene der Lebensräume verschwinden nicht Arten, sondern ganze kleine Welt. Aus Mooren, Bächen, Feuchtwiesen und Trockenrasen wird eine einheitliche Fläche, sobald man entwässert, begradigt und umbricht. Genau das hat Gianni Bodini am Tartscher Bichel kommen gesehen.

Für das Aussterben selbst ist die Wandertaube eines der stärksten Beispiele. Sie war im 19. Jahrhundert vermutlich der häufigste Vogel der Erde, drei bis fünf Milliarden Individuen, Schwärme, die den Himmel über Nordamerika stundenlang verdunkelten. 1914 starb das letzte Exemplar in einem Zoo in Cincinnati. Häufigkeit schützt nicht. Arten verschwinden heute hundert- bis tausendmal schneller, als es der natürlichen Rate entspricht.

Trotzdem ist das Aussterben nur die dramatischste Form des Verlusts, nicht die mengenmäßig wichtigste. Gewichtiger ist das Ausdünnen: Eine Art existiert weiter, aber statt in Millionen Individuen auf halb Europa verteilt, nur noch in Zehntausenden die auf ein paar Restflächen leben. Ökologisch ist diese Art dann fast abwesend. Sie frisst nichts mehr, bestäubt nichts mehr, wird von nichts mehr gefressen.

Das lässt sich an der eigenen Windschutzscheibe ablesen, wenn man sich an lange Autofahrten vor zwanzig Jahren erinnert. Belastbarer ist dazu die Krefeld-Studie von 2017, die in deutschen Naturschutzgebieten über 27 Jahre einen Rückgang der Biomasse flugfähiger Insekten um rund drei Viertel gemessen hat. Keine einzige dieser Arten ist ausgestorben, und trotzdem ist der größte Teil dessen weg, was sie ökologisch getan haben. Die Kettenreaktion läuft bereits: Fehlen Milliarden Schwebfliegen, Wildbienen und Käfer, sinkt die Bestäubungsleistung, und insektenfressenden Vögeln bricht die primäre Kalorienquelle weg. Im Weltmaßstab zeigt der Living Planet Index dasselbe, er verfolgt Wirbeltierbestände und weist seit 1970 einen mittleren Rückgang von grob 70 Prozent aus. Über die Zahl wird gestritten, weil wenige extreme Einbrüche den Mittelwert ziehen; die Richtung ist unbestritten.

Die zweite Bewegung ist die Vereinheitlichung. Es wird nicht überall weniger Leben, es wird überall dasselbe Leben. Wenige Gewinnerarten breiten sich global aus, die hochspezialisierten Verlierer verschwinden. Von der gesamten Säugetierbiomasse der Erde sind heute etwa 96 Prozent Menschen und deren Nutztiere. Ein Maisfeld in Niederösterreich und eines in Iowa tragen mit hoher Wahrscheinlichkeit verwandte Hybridsorten, und die Vogelgemeinschaften von Wien, Boston und Peking ähneln einander inzwischen mehr als die von Wien und dem Wienerwald.

Die dritte Bewegung ist die entscheidende. Ökosysteme leisten etwas — Bestäubung, Bodenbildung, Wasserreinigung, Kohlenstoffspeicherung —, und Vielfalt wirkt in diesem Bereich wie Redundanz in einem technischen System. Solange mehrere Arten dieselbe Aufgabe übernehmen können, fällt der Ausfall einer einzelnen nicht auf. Wird das Netz zu dünn, kippt die Leistung plötzlich statt allmählich.

Der eindrücklichste Fall sind die indischen Geier. In den neunziger Jahren brachen ihre Bestände um über neunzig Prozent ein, Ursache war ein Entzündungshemmer, den man Rindern verabreichte und der die Vögel beim Fressen der Kadaver tötete. Die Geier hatten eine Aufgabe erfüllt, die niemandem aufgefallen war: Kadaverbeseitigung. An ihre Stelle traten verwilderte Hunde und Ratten, die Zahl der Tollwutfälle stieg. Eine ökonomische Studie schätzt die zusätzlichen menschlichen Todesfälle auf mehrere hunderttausend; die Größenordnung ist umstritten, das Muster nicht. Niemand hatte je einen Preis für die Dienstleistung »Geier« bezahlt, und niemand hatte sie eingeplant, bis sie fehlte.

Wie ein einzelner Knoten ein ganzes System hält, zeigen die Seeotter an den Pazifikküsten. Otter fressen Seeigel, der Seeigelbestand bleibt unter Kontrolle, dichte Kelpwälder wachsen und bieten Hunderten Fischarten Schutz. Ohne Otter vermehren sich die Seeigel, weiden den Kelp bis auf die Wurzeln ab, und der Wald wird zur Unterwasserwüste. Ein einziger entfernter Räuber, ein vollständig gekipptes Ökosystem.

Wegen dieser Doppelnatur aus Bestand und Funktion wird die zugehörige planetare Grenze zweifach gemessen. Einmal als genetische Vielfalt, ersatzweise über die Aussterberate, die mindestens zehn- bis hundertfach über dem Wert liegt, den man noch als sicher ansieht. Und einmal als funktionale Unversehrtheit, also daran, wie viel des von Pflanzen erzeugten Energieflusses die Ökosysteme selbst behalten und wie viel der Mensch abschöpft. Beide Grenzen gelten als überschritten.

Falsch wäre dieser Befund, wenn sich zeigen ließe, dass die Bestandsrückgänge in der Fläche geringer sind als gemessen — die Krefeld-Zahlen stammen aus einer begrenzten Zahl von Standorten, und die Debatte über die Repräsentativität solcher Reihen ist nicht abgeschlossen. Falsch wäre der Befund auch, wenn sich nachweisen ließe, dass Ökosysteme mehr Redundanz aufweisen, als wir annehmen, wenn also der Ausfall vieler Arten regelmäßig folgenlos bliebe. Dagegen spricht aber eigentlich fast alles. Zu Vorsicht mahnt die Geiergeschichte: Der Ausfall wurde erst bemerkt, als er teuer wurde. Wir sehen die meisten dieser Leistungen gar nicht, solange sie wie am Schnürchen funktionieren.

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