Bei der Klimakrise wissen wir ziemlich genau, wie sich die Katastrophe anfühlt. Starkwetter, Dürre, Fluchtbewegungen, Unruhen. Für den Verlust der biologischen Vielfalt kann ich dieses Bild nicht liefern, und das liegt an dem Problem selbst. Zunächst einmal fehlt die ‚Leitwährung‘: Ob man Artenzahl, Biomasse, funktionale oder genetische Vielfalt misst, jedes Mal ergibt sich ein verändertes Bild derselben Lage, und keine einzelne Zahl lässt sich in den Abendnachrichten einblenden. Dann fehlt der Termin: Das Klima hat 2050 und 2100, der Artenverlust beschleunigt sich dramatisch, ohne dass an einem bestimmten datierbaren Tag etwas Bestimmtes geschehen würde. Ein Hurrikan zerstört ein Haus in drei Stunden, das kann man zeigen. Das Verschwinden von vier Fünfteln der Feldlerchen geschieht geräuschlos über dreißig Jahre, und jede Generation hält den Zustand ihrer Jugend für den Normalzustand der Natur. Dazu kommt das verzögerte Einsetzen der Wirkung: Wird ein Wald heute zerschnitten, sterben die Arten nicht am selben Tag, sie reproduzieren sich ‚nur‘ in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr ausreichend. Die Zerstörung passiert heute, der Zusammenbruch vierzig Jahre später.
Am schwersten wiegt jedoch, dass der Zusammenhang zwischen Artenverlust und völligem Systemzusammenbruch weder linear noch bekannt ist. Dass Vielfalt Redundanz erzeugt und Redundanz Stabilität, ist gut belegt. Wie viel man wegnehmen kann, bevor etwas kippt, weiß niemand. Es gibt keine belastbare Theorie, die sagt: Bei so und so viel Prozent Verlust bricht die Bestäubung zusammen. Wer trotzdem ein Datum nennt, erfindet es.
Ziemlich sicher ist die Fortsetzung des Bisherigen in erhöhtem Tempo. Zuerst wird die Natur ärmer, was für Menschen fast unsichtbar bleiben wird. Dann werden die Systeme weniger leistungsfähig, die Bestäubung nimmt ab, Böden verlieren Qualität, Fischbestände gehen zurück, Wälder werden anfälliger. Das System sieht dabei lange stabil aus und wird in Wirklichkeit immer empfindlicher. Die Kosten entstehen vorläufig nicht durch Totalzusammenbruch, sondern in der Form von steigendem Aufwand: mehr Pestizide gegen die ausfallende natürliche Schädlingskontrolle, Handbestäubung, wie sie in Teilen Chinas praktiziert wird, teurere Wasseraufbereitung, teurerer Küstenschutz dort, wo Korallen und Mangroven fehlen. Das ist die realistische mittlere Zukunft, eine Welt, in der immer mehr Dinge bezahlt und technisch ersetzt werden müssen, die früher gratis waren.
Weniger sicher, aber sehr wahrscheinlich sind regionale Kipppunkte, an denen ein Ökosystem in einen anderen Zustand übergeht. Das Korallenriff wird zum Algenökosystem, der klare See zum algenreichen Gewässer, der Regenwald zur offenen, trockenen Savanne. Solche Regimewechsel sind dokumentiert; wo die Schwellen liegen, ist nicht mit letzter Sicherheit bekannt, und genau das macht die Lage besonders gefährlich. Der bestuntersuchte Fall ist der Amazonas, wo prognostiziert wird, dass ab einer Entwaldung in der Größenordnung von zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent die eigene Feuchtigkeitsrückführung des Waldes nicht mehr ausreicht. Sehr gut untersucht sind auch Korallenriffe: Für zwei Grad Erwärmung gehen die Schätzungen von über neunzig Prozent Verlust aus, und daran hängt die Ernährung von hunderten Millionen Menschen.
Spekulativ bleibt der globale Zusammenbruch von Ökosystemleistungen, die große Kaskade. Diese Szenarien sind ganz und gar nicht ausgeschlossen, sie beruhen aber auf einer Systemdynamik, die wir nicht ausreichend verstehen. Das ist der Grund, warum die konkrete Beschreibung hier ausbleibt.
Diese Unschärfe wird meist als Schwäche gelesen. Das Gegenteil ist leider der Fall. Beim Klima kennen wir die Physik ungefähr und können mehr oder weniger genau ausrechnen, was wir riskieren. Bei der Biosphäre wissen wir nicht, wo die Schwellen exakt liegen und wie viel Redundanz noch vorhanden ist. Wir setzen keinen Betrag aufs Spiel, dessen Höhe wir kennen, sondern einen unbekannten Betrag. Hinzu kommt die Unumkehrbarkeit. Kohlendioxid lässt sich prinzipiell wieder aus der Atmosphäre holen, so mühsam das ist. Eine ausgestorbene Art ist auf jeder Zeitskala, die uns betrifft, endgültig verloren, und mit ihr Handlungsoptionen, die niemand zurückholen kann.
Manchmal hört man, dass alle Umweltzerstörung auf den Verlust der Vielfalt hinauslaufe, er sei der Konvergenzpunkt. Diese Behauptung stimmt nur teilweise.
Richtig ist, dass sich fast alle anderen Umweltschäden an der Biosphäre ablesen lassen. Klimawandel, Stickstoffeintrag, Pestizide, Versauerung, Bodenerosion — sie alle wirken auf Lebewesen, und ihr gemeinsamer messbarer Ausdruck ist der Rückgang von Populationen. In diesem Sinn ist die Vielfalt ein Integral über die anderen Belastungen. Deshalb führt das Modell der planetaren Grenzen die biosphärische Unversehrtheit zusammen mit dem Klima als eine von zwei Kerngrenzen.
Falsch wäre jedoch der Umkehrschluss, der manchmal unausgesprochen mitläuft: dass nämlich der Erhalt der Vielfalt deshalb der Hebel wäre. Wer direkt beim Artenverlust selbst ansetzt, mit Schutzgebieten und Artenschutzprogrammen, tut etwas sehr Wichtiges, aber er behandelt das Symptom.
Und, um der Genauigkeit willen: einige Umweltprobleme laufen gar nicht auf den Verlust der Vielfalt hinaus. Luftverschmutzung in Städten tötet jährlich Millionen Menschen und hat mit Biodiversitätsverlust wenig zu tun, der Ozonabbau war ein UV-Problem, Wasserknappheit trifft Menschen, lange bevor der Umweg über die Artenvielfalt relevant wird.
Auch die naheliegende Behauptung, es handle sich um die schlimmste aller denkbaren Katastrophen, hält der Prüfung nicht stand, weil dieser Befund ohne klaren Maßstab keine prüfbare Aussage ergibt — Todesfälle, Irreversibilität, Zivilisationsrisiko führen jeweils zu verschiedenen Reihungen. Wenn die Vielfalt aber ein Symptomträger ist, dann ist die wirklich bedeutsame Frage: Welche Entwicklungen treiben diesen Verlust eigentlich an?
Die maßgebliche Bestandsaufnahme zu den Ursachen des Biodiversitätsverlustes ist der Weltbericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES von 2019. Er unterscheidet fünf direkte Treiber und ordnet sie nach Gewicht. Exakte Prozentzahlen für die Aufteilung gibt es nicht, weil die Treiber zusammenwirken und sich je nach Ökosystem und Messgröße verschieben. Die Rangfolge ist dennoch klar.
An erster Stelle steht die Land- und Meeresnutzungsänderung, in der Größenordnung eines Drittels: die Umwandlung von Lebensraum in Acker, Weide, Plantage und — in geringerem Umfang — Siedlung. Grob drei Viertel der eisfreien Landoberfläche sind bereits erheblich vom Menschen verändert, etwa die Hälfte der bewohnbaren Landfläche ist Landwirtschaft. Innerhalb der Landwirtschaft beansprucht die Tierhaltung mit Weiden und Futtermittelanbau rund drei Viertel der Fläche und liefert lediglich ein Fünftel der Kalorien.
An zweiter Stelle folgt die direkte Übernutzung, in der Größenordnung eines Viertels: Fischerei, Jagd, Holzeinschlag, Wildtierhandel. Im Meer ist sie nicht der zweite, sondern der erste Treiber.
An dritter Stelle der Klimawandel mit einem heute noch kleineren Anteil. Er ist jedoch ein Treiber, der sich systematisch verstärkt; in den meisten Projektionen zieht er bis zur Jahrhundertmitte mit der Landnutzung gleich.
An vierter Stelle die Verschmutzung, wobei weniger Plastik und Öl entscheidend sind als Stickstoff und Phosphor aus der Düngung, dazu Pestizide, die wesentlich zum Insektenrückgang beitragen.
An fünfter Stelle die eingeschleppten Arten, global der kleinste der fünf Treiber, auf Inseln der größte.
Der übermäßige Konsum tierischer Kalorien bzw. deren Produktion ist der gemeinsame Nenner aller fünf Treiber: die Überfischung der Meere einerseits und die intensive Landwirtschaft zum Futtermittelanbau andererseits. Neben der direkten Zerstörung, die diese Wirtschaftsbereiche verursachen, sind Massentierhaltung und Futtermittelanbau auch die zweite Hauptursache der Erderhitzung, mit der Ausbreitung invasiver Arten in ihrem Schlepptau.
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