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Acid Communist Aachen · Jun 27, 2026

Wie offen ist Gemeinde?

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Predigt zum 26.04.2026 in der Christusgemeinde Aachen

Danke für das schöne Lied. Es ist das Bekenntnis des Liedermachers Manfred Siebald auf Lebensfragen, die uns alle bewegen, Lebensfragen nach

  • Sicherheit,

  • Freiheit,

  • Orientierung,

  • Lebenssinn,

die wir, jede und jeder, irgendwo suchen, die wir irgendwo festmachen, verorten wollen, verorten müssen und letztlich auch verorten werden.

I.

Ich möchte die heutige Predigt aber mit einer Polizei-Frage beginnen, die wir gut aus der Welt der Krimis kennen: Wo waren Sie am Vormittag des 1. Februar 2026? Nun? Wer erinnert sich noch? Da begann unsere Predigtserie zum Thema Gemeinde:

  • Gott und die Gemeinde

  • Wir als Gemeinde

  • Ich in der Gemeinde

  • Die Gemeinde und ihr Umfeld

Heute möchte ich das Thema Gemeinde noch einmal aufgreifen, und zwar mit einer Frage: Wie offen ist Gemeinde an der Berührungsfläche zur umgebenden Gesellschaft? Ihr merkt schon, ich habe das Wort „Gemeinde” ohne Artikel gebraucht. Ich möchte nämlich gerne dem Grundgedanken, dem Ursprung, dem Konzept nachspüren. Der Zusammenhang zu unserer eigenen Gemeinde hier und jetzt ergibt sich dann daraus ganz von selbst. Gemeinde: Da ist zum einen das Bild eines Ortes, der ein großes „Willkommen” ausstrahlt, eine große Offenheit, die Einladung, sich mit den Fragen unseres Manfred-Siebald-Liedes zu verorten.

Das gegenteilige Bild, das Gegenteil von Offenheit (wie sagt man heute doch?) ist die Bubble: ein Bereich, der allseits durch eine oft hauchdünne Hülle von der Umgebung abgetrennt ist. Man kennt sich, teilt eine gemeinsame Geschichte, hat eine gemeinsame Sprache usw. Eine Bubble schließt ein, bietet gewissermaßen eine Heimat – eine Bubble schließt aber auch knallhart aus. Man gehört entweder dazu oder man ist draußen.

Viele von uns werden von den Milieustudien gehört haben, etwa den Studien des Sinus- Instituts, die seit 2008 regelmäßig durchgeführt werden. Da geht es z.B. um die Untersuchung: Wie ticken die jungen Menschen U27 heute? Aber auch quer durch alle Altersgruppen, durch die ganze Gesellschaft. Es geht um Lebenswelten, Alltags-Sozio- Kulturen, Milieus, in denen sich eben Menschen zusammenfinden, die ähnlich ticken, und die wenig bis gar nichts mit Menschen zu tun haben, die anders ticken.

Das Ergebnis wird in solchen Diagrammen dargestellt: Da gibt es ein Y-Achse, Unter- / Mittel- / Oberschicht; da geht es ums Geld, die finanzielle Ausstattung, aber auch das Bildungsniveau, die Einflussmöglichkeiten, etc.. Die X-Achse teil nach Einstellungen traditionell (links) bis Aufbruch zu Neuem ein.

Solche Milieus, solche Alltags-Sozio-Kulturen, haben tatsächlich die Tendenz, Bubbles zu bilden. Wenig Durchlässigkeit zu anderen Lebenswelten. Wie schwer es ist, eine Willkommensstruktur zu verwirklichen, die Menschen quer zu den verschiedenen Milieus erreicht, davon wissen Vereine, Verbände, Gesellschaften, ja, und auch Kirchengemeinden, ein Lied zu singen.

Müssen wir unsere Gemeinde daher etwa so einordnen?

II.

Vom Ursprung her ist Gemeinde völlig anders. Ich fange da beim Pfingstereignis an. „Moooment mal!” höre ich da vielleicht einen Einspruch. „Gemeinde gab es schon viel früher. Du lässt ja 1200 Jahre jüdische Tradition weg!” Ich weiß. Aber bzgl. Offenheit war die erste Gemeinde der Christen tatsächlich ein Einschnitt, eine Zeitenwende.

Die christliche Gemeinde begann nämlich mit einer riesengroßen Zumutung. Da waren plötzlich mehrere 1000 Menschen aus allen Milieus zusammen: Da waren Arme und Reiche / Händler, Handwerker, Bauern / Eliten: Ratsherren, Gelehrte, Priester / rechtlose Witwen und Sklaven, Menschen mit Einschränkung / ethnisch Eingeborene und Zugereiste – später Samariter und sog. Heiden, alle sozusagen in einem Topf. Keiner hatte sie gezielt beworben oder eingeladen; sie waren einfach da. Und das war ganz gewiss keine Formation von Leuten, die ähnlich tickten.

Hatten die denn überhaupt etwas gemeinsam? Ja, das hatten sie tatsächlich. Sie alle hatten die Predigt des Petrus gehört:

In diesem Jesus von Nazareth, der für euch bisher keine besondere Rolle gespielt hat – in einem Spektrum, das von „wohlwollend zur Kenntnis nehmen” über „ignorieren” bis zu „ablehnen” reichte, ... in diesem Jesus begegnet euch Gott. Und eure Haltung zu diesem Jesus deckt unbestechlich auf, wie ihr zu Gott wirklich steht – ebenfalls von „wohlwollend zur Kenntnis nehmen” über „ignorieren” bis zu „ablehnen”. Das war ihnen durchs Herz gegangen. Sie waren betroffen, über sich selber erschrocken und ratlos. Was sollen wir denn jetzt tun? Und sie waren bereit, ihr Leben umwerten, auf den Kopf stellen zu lassen und in und mit diesem Jesus auf Gott ausrichten zu lassen. Die Bibel nennt das „Buße”. So war sie, die erste Gemeinde der Christen.

Aber dennoch tickten die Menschen darin nach wie vor sehr unterschiedlich. In der Apostel- geschichte wird uns ganz ehrlich davon berichten, wie schon bald Konflikte auftraten, etwa zwischen den Ortsansässigen und den Zugereisten, oder zwischen den Traditionellen, die sich von den anderen Völkern abgrenzten, und denen, die da keine Berührungsängste hatten; ganz besonders, als dann tatsächlich Syrer, Griechen, Römer dazukamen.

Die Gemeinde lebte in einem großen Spannungsfeld, im Spannungsfeld zwischen

  • einer allen gemeinsamen Erfahrung, nämlich einer persönlichen Gottesbegegnung, einer persönlichen, lebensverändernden Christuserfahrung einerseits

  • und der nach wie vor vorhandenen Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu andererseits.

Wir sind hier und heute zwar keine mehrere 1000 Leute. Aber das teilen wir bis heute mit dieser ersten Gemeinde.

Wie haben sie das damals geschafft, die Spannungen auszuhalten? Wie haben sie ihre Konflikte bewältigt? Die Antwort ist: Durch Liebe untereinander. Jesus hatte das seinen Jüngern immer wieder besonders ans Herz gelegt. Joh. 13,34+35. Liebe untereinander – ganz praktisch gelebt, in Achtsamkeit, Respekt, Einander-Dienen, Einander-Zuhören, Tragen, Trösten, Teilen. Das war mehr „Willkommen” als jedes noch so gut aufgelegte Programm. Die Menschen fanden das total attraktiv. Und täglich kamen Neue hinzu.

In der Lesung wurde das Kapitel vom Schafstall und dem guten Hirten vorgelesen. Wenn wir das Bild so ansehen, dann wird hier ein klares Drinnen und Draußen dargestellt.

Man kann die Mauer um den Schafstall leicht missverstehen als eine Grenze zwischen der Gemeinde und der umgebenden Welt. Dann wäre die Gemeinde eben doch eine Art Bubble. Viel Leid ist in der Kirchengeschichte dadurch entstanden, wenn die Mauer so miss- verstanden wurde. Warum ist das ein falsches Verständnis? Ein paar Argumente:

  • Die Funktion der Mauer ist vor allem eines: Schutz der Schafe während der Nacht, nicht Grenze zu anderen Lebensbereichen.

  • Die Idee der Mauer als Grenze um einen Lebensraum ist unsinnig, denn die Schafe leben nicht innerhalb der Mauer. Sie würden dort sehr rasch verhungern. Sie werden täglich herausgeführt. Und auch dort wird der Schutz garantiert, nämlich durch die Gegenwart des Hirten.

  • In der Übertragung des Bildes sagt Jesus den Menschen, die unter seiner Führung leben, genau das zu, was wir vorhin in dem Lied von Manfred Siebald gesungen haben: Sicherheit / Freiheit / Orientierung / Lebenssinn.

  • Da ist die Sache mit der Tür. Bevor Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte”, sagt er ja „ich bin die Tür zu den Schafen”. Eine Person, die zugleich eine Tür ist? Für uns eigenartig. Für die damaligen Zuhörer aber war das leicht zu verstehen. So ging es eben damals im Hirtenberuf zu.

In Übertragung: Die Grenze der Gemeinde sind nicht Regeln, Riten, Mitgliedschaften, ja nicht einmal Rechtgläubigkeit. Es gibt eine einzige Grenze, und das ist eine Person, eine Tür, eine Willkommenstür. Man sieht es ja in den Evangelien, wie Jesus mit Menschen umgeht. Jesus Christus selber legt seine Hand auf den Einzelnen, die Einzelne, und sagt „Willst du mein Eigentum sein? Dann komm!” Das ist ein Vorgang, der in völliger Freiheit geschieht und der dann das ganze Leben betrifft. {wie Eheschließung}.

Da spiegelt sich dieselbe gemeinsame Anfangserfahrung wider, die uns eben schon bei der allerersten Gemeinde begegnet ist.

III.

Ich muss zu Schluss noch einmal auf die Spannung zu sprechen kommen, in der die Gemeinde bis heute lebt: Da ist die allen gemeinsame Erfahrung der Christusbegegnung einerseits, und die Zugehörigkeit zu ganz unterschiedlichen Milieus andererseits. Wie wird diese Spannung heute ausgehalten? Genauso wie damals: Durch Liebe untereinander. Joh. 13,34+35.

Da müssen wir nun aber sehr sorgfältig hinschauen. Denn wenn wir dieses Wort von der Liebe untereinander als ein bloßes Gebot an uns verstehen, dann ist das eine Forderung ohne ihre Ermöglichung. Wir stimmen dem dann zwar ganz und gar zu, aber wir schaffen es nicht, das auch in die Lebensrealität umzusetzen. Wir leben eben nach wir vor ganz in unserer diesseitigen Lebensdimension, soziologisch, psychologisch, ökologisch; wir sind eben mit Haut und Haar „in der Welt”.

(Zwei-dimensionale Wesen, die nur die Papierebene kennen, kommen aus ihrem Bereich nicht heraus; da ist der Kreis eine echte, harte Grenze). Bonhoeffer hat es so formuliert: Die eigenen Wege führen im Kreis immer zu uns selbst zurück.

Wenn man aus der Papierebene hinaustreten kann, dann ist das Verlassen des Kreises ganz einfach. Man braucht also eine neue Lebensdimension, und die kann uns nur geschenkt werden. Im Bild von den zweidimensionalen Wesen: Was in zwei Dimensionen ganz unmöglich ist, das ist erst bei einer geschenkten neuen Dimension möglich.

Spielen in einer realen Gemeinde also die Milieus, die Alltags-Sozio-Kultur eine Rolle? Zum einen: Ja. Wir sind immer noch ganz und gar in der Welt. Und zugleich (vielleicht ganz unlogisch): Nein. Uns ist eine neue Dimension geschenkt. Wir sind nicht mehr von der Welt, und das relativiert unsere Milieugrenze, innerhalb und nach außen.

Der Schlüssel ist die Liebe untereinander. Ich möchte dazu eine Zeile aus einem alten Lied zitieren. Das Lied gebraucht die Sprache des Pietismus des 18. Jahrhunderts, und es mag unseren heutigen Ohren süßlich und kitschig vorkommen. Ich bitte euch, dennoch die Kernaussage herauszufiltern:

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Herz und Herz, vereint zusammen
sucht in Gottes Herzen Ruh.
Lasset eure Liebesflammen
lodern auf den Heiland zu.

Die Kernaussage ist doch diese: Wir sind gar nicht primär dazu aufgefordert, unsere Liebe aufeinander auszurichten. Es heißt eben nicht: „Lasset eure Liebesflammen lodern aufeinander zu”. Es ist eine schon fast geometrische Wahrheit: Je näher wir, jede(r) Einzelne, an Jesus heranrücken, desto mehr rücken wir auch einander näher, desto weniger spielen unsere Milieus, sogar unsere Bubbles, eine Rolle, und die Liebe untereinander geschieht als Folge, ohne moralische Anstrengung. Der biblische Ausdruck dafür ist: Frucht.

Das ist attraktiv. Da möchte man dann dazugehören. Und das ist letztlich der wirkmächtige Zugang zum Thema Offenheit und Willkommenskultur einer Gemeinde, den wir bei aller guten Planung, bei allen guten Programmen nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Danke fürs Lesen! Diese Predigt ist übrigens nicht von mir. Abonniere mich um meine eigenen Beiträge und ggf. weitere solcher Predigten zu erhalten.

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