Der Lehrer Philipp Reis baute Anfang der 1860er Jahre den ersten funktionierenden Apparat, der Töne über weite Entfernungen elektrisch übertrug. Er gab dem Gerät den Namen “Telefon”, doch das Potenzial der Erfindung erkannte damals kaum jemand. Erst 15 Jahre später — und nach Reis’ Tod — meldete Alexander Graham Bell, der heute meist als Erfinder des Telefons gilt, sein erstes Patent an.
Frankfurt am Main, am 26. Oktober 1861: Zahlreiche Mitglieder des Physikalischen Vereins sowie weitere Gäste, darunter auch der aus Berlin angereiste Werner von Siemens, versammeln sich in einem Saal.
Der Lehrer Philipp Reis will eine selbst gebaute Apparatur vorstellen, mit der sich Klänge über größere Entfernungen elektrisch übertragen lassen.
Im Garten spricht ein Mann einige Sätze in ein Trichtermikrofon. Reis wiederholt im Saal, was er durch das Empfangsgerät verstanden hat.
Die Anwesenden sind erstaunt, messen der technischen Neuheit allerdings keine große Bedeutung zu — zu Unrecht, wie Werner von Siemens sich später erinnert:
“Wir Esel haben zwar das Wunder des Verstehens auf 60 Fuß und mehr angestaunt, aber die Sache nicht verfolgt.”
Johann Philipp Reis wurde am 7. Januar 1834 in Gelnhausen geboren. Er verlor beide Eltern früh und wuchs bei seiner Großmutter auf.
Ein Studium blieb ihm aufgrund der finanziell angespannten Lage verwehrt. Er machte eine kaufmännische Lehre und arbeitete später als Lehrer an einem Internat in der Nähe von Frankfurt.
Nebenher beschäftigte er sich mit Physik, Mathematik und Mechanik und tüftelte an eigenen Konstruktionen.
Dabei entwickelte er nicht nur Rollschlittschuhe, sondern auch eine frühe Form des Fahrrads, das mit handgesteuerten Hebeln in Bewegung gesetzt werden konnte.
Für seine Schüler baute er ein Modell des menschlichen Ohrs, um ihnen die Funktionsweise des Gehörs zu veranschaulichen. Später erinnerte Reis sich:
“Seitdem hatte ich die Idee, ob man nicht einen Apparat bauen kann, mit dem man die menschliche Stimme auf weite Entfernungen hörbar machen kann.”
Dabei orientierte er sich am Vorbild des Ohrs: Weil das Ohr Schall über Trommelfell und Knöchelchen in Bewegung umsetzt, nutzte er für einen ersten Prototypen die Blase eines Hasen als Trommelfell. Ein Platinstreifen übernahm die Funktion der Ohrknöchelchen.
Trafen Schallwellen auf die Membran, geriet diese in Schwingung und bewegte den Platinstreifen im selben Rhythmus. Jede Schwingung der Membran öffnete und schloss einen Stromkreis, sodass aus dem Schall eine Folge elektrischer Impulse entstand, die sich über ein Kabel weiterleiten ließen.
Als Resonanzkörper, der den entstehenden Ton verstärkte, diente eine Geige.
Mit dieser Konstruktion gelang Reis 1860 erstmals eine kratzige, aber funktionierende Tonübertragung. Seinen Übertragungsapparat verbesserte er in den folgenden Jahren immer weiter.
Im Oktober 1861 präsentierte er seinen Fernsprecher-Prototypen, den er “Telefon” nannte — zusammengesetzt aus dem griechischen “tele” (weit) und “fon” (Ton) — im Physikalischen Verein in Frankfurt. Unter den Zuhörern war auch der Berliner Industrielle Werner von Siemens.
Doch die Reaktionen waren enttäuschend: Philipp Reis wurde als Nichtakademiker belächelt und sein “Telefon” als Spielerei abgetan.
Die von Reis gewählte Übertragungstechnik eignete sich gut für Rhythmen und Melodien — für die feinen Schwingungen der menschlichen Sprache dagegen weniger.
Trotzdem konnte der Erfinder für den Jahresbericht 1860/1861 des Frankfurter Physikalischen Vereins immerhin einen Beitrag “Über Telephonie durch den galvanischen Strom” verfassen, der seine Erfindung in wissenschaftlichen und technisch interessierten Kreisen bekannt machte.
1863 präsentierte Reis sein Telefon dem österreichischen Kaiser Franz Joseph. In den folgenden Jahren verkaufte er mehrere verbesserte Ausführungen ins Ausland.
Doch der Fernsprecher blieb eher ein Demonstrationsobjekt und wurde kein echter Gebrauchsgegenstand.
Weitere Verbesserungen an seiner Erfindung konnte Philipp Reis nicht mehr vornehmen: Er starb wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag, am 14. Januar 1874, an Tuberkulose.
Nur zwei Jahre später ließ der in den USA lebende Schotte Alexander Graham Bell — vielen heute als der Erfinder des Telefons bekannt — einen Fernsprecher patentieren.
Bell räumte selbst ein, dass seine Erfindung zumindest teilweise auf den Arbeiten von Reis beruhte. Mit Bells Telefon ließ sich erstmals auch gesprochene Sprache klar übertragen.
Im Gegensatz zu Reis gelang Bell die erfolgreiche Vermarktung seiner Erfindung: Aus seinem Patent entstand die Bell Telephone Company, aus der später der Konzern AT&T hervorging.
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Während Alexander Graham Bell erfolgreicher Unternehmer wurde, lebten Philipp Reis’ Witwe Margaretha und die beiden gemeinsamen Kinder in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen.
Wolfram Weimer hat 2019 die Philipp Reis-Biografie “Der vergessene Erfinder” veröffentlicht.
Bis bald!
Euer Leo
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Die wichtigsten Quellen:
1. Philipp Reis: Der fast vergessene Erfinder des Telefons, CIO
2. “Ich nannte das Instrument Telefon”, Stadt Friedrichsdorf
3. Der Urgroßvater des Handys, Frankfurter Rundschau
Dies ist die 136. Ausgabe von Zeitsprung.

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