Antonina und Jan Zabinski leiteten in den 1930er Jahren den Warschauer Zoo. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte das Ehepaar das Gelände des geschlossenen Zoos, um 300 verfolgte Menschen zu verstecken und vor den deutschen Besatzern zu retten.
Warschau, während der deutschen Besatzung: Durch ein Fenster der Villa auf dem Gelände des ehemaligen Zoos beobachtet Antonina Zabinska, wie ein deutscher Wagen vorfährt.
Sofort setzt sie sich an den Flügel im Wohnzimmer und beginnt, eine Arie aus der Operette “Die schöne Helena” des Komponisten Jacques Offenbach zu spielen.
Die Melodie ist ein Warnsignal für die heimlichen Bewohner der Villa:
Einige der Untergetauchten klettern in Wandschränke, andere kriechen auf den Dachboden. Wer nicht rechtzeitig ein Versteck findet, verschwindet im Keller durch einen Tunnel, der in den Garten führt.
Antonina öffnet die Tür. Sie spricht mit den Deutschen, die einen Blick ins Innere der Villa werfen. Dann gehen sie wieder.
Erneut setzt sich Antonina an den Flügel. Diesmal spielt sie ein Stück von Chopin — und die Menschen in ihren Verstecken wissen, dass die Gefahr vorerst vorüber ist.
Antonina Erdman wurde am 17. Juli 1908 in St. Petersburg als Tochter polnischstämmiger Eltern geboren. Ihre Kindheit war von schweren Verlusten geprägt:
Ihre Mutter starb an Tuberkulose und ihr Vater, ein Eisenbahningenieur, wurde von den Bolschewiki erschossen, weil er zur vermeintlichen intellektuellen Elite gehörte.
Antonina wuchs bei ihrer Tante auf, mit der sie 1923 nach Polen zog. In Warschau studierte sie Fremdsprachen und Malerei.
An der Universität lernte sie den Zoologen Jan Zabinski kennen. Die beiden wurden ein Paar und heirateten 1931. Jan hatte 1929 die Leitung des Warschauer Zoos übernommen und ihn zu einem der modernsten Europas aufgebaut.
1932 wurde Antoninas und Jans Sohn Ryszard geboren. Die Familie lebte in der Direktorenvilla auf dem Zoogelände, inmitten einer wechselnden Schar von Tieren, darunter Kakadus, Dachse und Polarkaninchen, denn Jan war überzeugt:
“Um die Tiere zu verstehen, musst du mit ihnen leben.”
Antonina schrieb Geschichten über das Zusammenleben mit Tieren, die sie in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte.
Dann kam der Krieg: Am 1. September 1939 griff die Wehrmacht Polen an. Bei der Bombardierung Warschaus wurden ein Großteil des Zoos zerstört. Die wenigen überlebenden Tiere wurden später in deutsche Zoos gebracht.
Die Familie Zabinski erhielt im März 1940 von den deutschen Besatzern den Auftrag, auf dem Zoogelände eine Schweinefarm zu errichten, um die Lebensmittelversorgungslage in Warschau zu verbessern.
Im Herbst 1940 errichteten die Deutschen das Warschauer Ghetto, in das die jüdische Bevölkerung der Stadt umsiedeln musste. Der “jüdische Wohnbezirk” wurde mit einer Mauer abgeriegelt.
Konfrontiert mit dem Leid, das ihre jüdischen Freunde mit Beginn der Besatzung erfuhren, begannen die Zabinskis, ihnen zu helfen:
Jan hatte als Angestellter der Stadtverwaltung einen Passierschein für das Ghetto, um sich um die Bäume und einen kleinen Park im abgesperrten Gebiet zu kümmern.
Er nutzte diesen Zugang, um Lebensmittel und Geld ins Ghetto hineinzuschmuggeln — und Menschen heraus. Anschließend versteckten Antonina und Jan die Verfolgten in ihrer Villa und in leeren Gehegen des Zoos.
Manche Verfolgte blieben nur wenige Tage, bis gefälschte Papiere für sie beschafft werden konnten. Andere harrten mehrere Monate und sogar Jahre im Zoo aus. Bis zu 50 Menschen tauchten gleichzeitig auf dem Gelände unter.
Antonina organisierte den Alltag der Untergetauchten und versorgte sie mit Lebensmitteln. Sie lebten in ständiger Angst, entdeckt zu werden.
Der Flügel im Wohnzimmer der Villa diente als Alarmsystem der Zabinskis:
Wenn Antonina eine Arie von Jacques Offenbach spielte, wussten die Verfolgten, dass sich deutsche Soldaten oder nicht eingeweihte Gäste auf dem Zoogelände aufhielten.
Dann versteckten sie sich in Wandschränken oder auf dem Dachboden der “Arche Noah”, wie sie die Villa nannten, oder sie flohen durch einen Tunnel in den Garten.
Spielte Antonina im Anschluss Chopin, wussten die Verfolgten, dass die Gefahr vorüber war.
Bis 1944 versteckten das Ehepaar Zabinski rund 300 Menschen auf dem Zoogelände. Fast alle überlebten den Krieg.
Darüber hinaus beteiligte sich Jan an Sabotageaktionen des polnischen Widerstands. Das Zoogelände diente zudem als Versteck für andere Widerstandskämpfer und als Lager für Waffen und Sprengstoff.
Im August 1944 nahm Jan am Warschauer Aufstand teil. Schwer verletzt geriet er in deutsche Gefangenschaft.
Antonina floh mit dem zwölfjährigen Ryszard und der neugeborenen Tochter Teresa aus der zerstörten Stadt.
Antonina, Jan und die beiden Kinder überlebten das Kriegsende. Sie kehrten nach Warschau zurück und begannen, den zerstörten Zoo wieder aufzubauen. Im Mai 1948 konnten sie den Tierpark wiedereröffnen.
Doch schon 1951 war Jan gezwungen, die Leitung wieder abzugeben. Als ehemaliges Mitglied des antikommunistischen Widerstands galt er in der kommunistischen polnischen Diktatur als “persona non grata”.
Antonina veröffentlichte 1968 ihre Memoiren (“Menschen und Tiere”). Darin schilderte sie die Zerstörung des Warschauer Zoos während der Besatzung, ihre Kriegserlebnisse sowie den Wiederaufbau nach dem Krieg.
Am 19. März 1971 starb Antonina Zabinska im Alter von 62 Jahren. Ihr Ehemann Jan starb am 24. Juli 1974 mit 77 Jahren.
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Seit 2015 ist in der Villa auf dem Zoogelände ein kleines Museum eingerichtet, das an die Verdienste der Zabinskis erinnert.
2017 erschien der Film “Die Frau des Zoodirektors”, basierend auf Diane Ackermans gleichnamigem Buch.
Hier gibt es das Buch zum Zeitsprung-Newsletter.
Die wichtigsten Quellen:
1. History in the Eyes of the Family, Zabinski Foundation
2. Antonina’s List, New York Times
3. Żabiński Jan & Żabińska Antonina (Erdman), Yad Vashem
Dies ist die 133. Ausgabe von Zeitsprung.

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