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Wissensgeist.TV · Jul 8, 2026

KI-Diktatur oder Freiheit? Ernst Wolff warnt: Droht uns eine Frankenstein-Zukunft?

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Nicole Hammer · Wissensgeist.TV

Von Nicole Hammer, Wissensgeist.TV

Auf dem Sommer-WEFF Davos 2025 hielt der Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff einen eindringlichen Vortrag über die globale Entwicklung der künstlichen Intelligenz und die Errichtung einer neuen Machtstruktur, die er als «KI-Diktatur» bezeichnet. Der Vortrag liegt inzwischen fast ein Jahr zurück, an Aktualität hat er dadurch jedoch nicht verloren: Die Marktkapitalisierung von Nvidia, die Wolff mit rund 4,5 Billionen Dollar bezifferte, überstieg im April 2026 zwischenzeitlich bereits die 5-Billionen-Dollar-Marke, das genannte Meta-Rechenzentrum «Hyperion» wurde seither weiter ausgebaut, und auch Rüstungsausgaben, CBDC-Pilotprojekte und der Ausbau KI-gestützter Finanzsysteme setzen sich unvermindert fort.

Wolff eröffnete seinen Vortrag mit einem Verweis auf die englische Schriftstellerin Mary Shelley, die im Alter von 19 Jahren den Roman «Frankenstein oder Der moderne Prometheus» verfasste. Das 1818 veröffentlichte Werk sei – neben Visionären wie Leonardo da Vinci, Albert Einstein, Stephen Hawking, George Orwell und Aldous Huxley – der phänomenalste Blick in die Zukunft, den ein Mensch je gewagt habe. Geschrieben wurde der Roman in Cologny am Genfersee, wo heute das WEF angesiedelt ist. Die Geschichte des Schweizer Arztes Victor Frankenstein, der ein künstliches Wesen erschafft und daraufhin die Kontrolle darüber verliert, diene ihm als Blaupause für die Gegenwart: Setze man Dr. Frankenstein mit der heutigen Biotechwissenschaft und die Kreatur mit dem Phänomen der künstlichen Intelligenz gleich, komme man der Realität sehr nahe.

Das Wissen der KI-Forscher verdopple sich derzeit alle drei bis vier Monate, so Wolff – bis Weihnachten 2026 entspreche dies dem 16-Fachen des heutigen Wissensstands. Als Beleg für den fortgeschrittenen Stand der Technik nannte er das Weizmann-Institut in Israel, wo ein Forscherteam im September 2023 ein menschliches embryoähnliches Modell im Labor erzeugte – ohne Eizellen, ohne Spermien und ohne Gebärmutter, sondern aus naiven humanen embryonalen Stammzellen. (Redaktioneller Hinweis: Dabei handelt es sich nicht um einen Roboter und nicht um das Austragen eines Babys, sondern um ein Modell früher menschlicher Embryonalentwicklung.)

Als Beispiel aus der Finanzwelt führte Wolff das Analysesystem Aladdin von BlackRock an, das seit April 2022 in der Azure Cloud von Microsoft läuft und seit 2023 künstliche Intelligenz nutzt. An Aladdin angeschlossene Profiinvestoren verfügten damit über einen Informationsvorsprung, den niemand außerhalb des Systems in dieser Vollständigkeit erreichen könne.

Humanoide Roboter würden schon bald die Jobs von Hunderten Millionen Menschen übernehmen und diese Arbeit dank KI-Vernetzung – dem Lernen aus der Erfahrung Tausender anderer Roboter – schneller und effizienter erledigen als jeder Mensch. Betroffen seien nicht nur einfache Tätigkeiten: In Deutschland arbeiten laut Wolff aktuell fünf Millionen Menschen in der Verwaltung, europaweit stünden Jobs im zweistelligen Millionenbereich zur Disposition. Mit der Einführung des autonomen Fahrens würden in Europa vier Millionen Berufskraftfahrer arbeitslos. Auch gehobene Berufe seien betroffen: Der Beruf des Übersetzers existiere praktisch nicht mehr, die ärztliche Diagnostik werde fast vollständig entfallen, und selbst universitäre Forschungsaufgaben würden künftig von KI besser gelöst als von studierten Experten.

Die Marktkapitalisierung von Nvidia, 1993 gegründet, liege mittlerweile bei rund 4’500 Milliarden Dollar. Allein im Juli 2024 habe das Unternehmen an einem einzigen Börsentag einen Kursgewinn von 330 Milliarden Dollar verzeichnet – mehr als der gesamte Marktwert von Coca-Cola, für dessen aktuellen Börsenwert von 310 Milliarden der Konzern 133 Jahre gebraucht habe. Besonders bedrohlich sei die Entwicklung im Rüstungsbereich: Die globalen Rüstungsausgaben hätten 2024 bei 2,7 Billionen Dollar gelegen, allein die Ausgaben für Nuklearwaffen seien gegenüber dem Vorjahr um 11 % gestiegen und erreichten damit 190’000 Dollar pro Minute.

Wolff zitierte in diesem Zusammenhang mehrere prominente Stimmen aus der Tech-Branche selbst. Sam Altman, CEO von OpenAI, habe in einem Podcast gesagt:

«Als ich GPT-5 getestet habe, habe ich Angst bekommen. Ich habe gedacht: Was um Himmels willen haben wir da erschaffen? Es war für mich wie beim Manhattan-Projekt.»

Geoffrey Hinton, ehemaliger Google-Chefentwickler im Bereich künstliche Intelligenz, habe seinen Job im Mai 2023 mit der Begründung quittiert, die KI beginne, die Menschheit zu bedrohen. Er eröffne seine Vorträge regelmäßig mit dem Satz: «Wer nach meinem Vortrag ruhig schläft, der hat mich offensichtlich nicht verstanden.» Auch Mo Gawdat, ehemaliger Marketingchef von Google X und Autor des Buches «Scary Smart», habe seinen Posten aufgegeben und warne seither öffentlich vor den Folgen der KI. Ihm zufolge sei der Point of No Return bereits überschritten:

«Meiner Meinung nach steht die Welt ab 2027 aufgrund der Entwicklung der KI vor einer Phase von 10 bis 15 Jahren, in der weltweit vollständiges Chaos herrscht, weil aufgrund des vollständigen Einbruchs der Arbeitswelt auch fast alle anderen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen einstürzen werden.»

Wolff verwies zudem auf den massiven Ausbau von Rechenzentren: Allein im Großraum New Jersey/Northern Virginia gebe es 275 Datenzentren, 177 weitere seien für rund 200 Milliarden Dollar im Bau. OpenAI, SoftBank und Oracle planten im Rahmen des von der US-Regierung unterstützten Projekts Stargate, in den kommenden Jahren 500 Milliarden Dollar in die KI-Entwicklung zu investieren. Meta baue mit «Hyperion» das größte Datenzentrum der westlichen Welt – so groß wie Manhattan –, ein weiteres geplantes Zentrum trage den Namen «Prometheus». In der Schweiz investiere allein Microsoft 400 Millionen Dollar in den Ausbau von Rechenzentren in Genf und Zürich. Um den enormen Energiebedarf zu decken, hätten sich im vergangenen Jahr 14 Wall-Street-Großbanken zu einer Initiative zur Finanzierung von Atomkraftwerken in den USA zusammengeschlossen. Selbst der Einwand, man könne im Zweifel den Strom abstellen, greife nicht mehr: Parallel werde an sogenannter Organoidenintelligenz gearbeitet, bei der Computer teilweise oder ganz durch aus Stammzellen gezüchtetes menschliches Hirngewebe ersetzt werden – eines der führenden Unternehmen in diesem Bereich sei in Vevey am Genfersee ansässig.

Nach dieser Bestandsaufnahme – der Titel seines Vortrags, «Können wir die KI-Diktatur noch verhindern?», sei damit eigentlich bereits beantwortet, so Wolff, denn man stecke «mitten in ihrer Errichtung» – ging Wolff der Frage nach, wie die Menschheit in diese Lage geraten konnte. Die Vorgeschichte beginne mit der dritten industriellen Revolution, die ab den 1970er-Jahren den Personal Computer und das Internet hervorgebracht und damit die Grundlagen für die KI geschaffen habe. Diese Entwicklung des Internets habe sich in drei Phasen vollzogen: zunächst das «Internet der Dinge» (Fernsteuerung von Heizung oder Grill), dann das «Internet der Körper», das mit Smartwatches begann, deren Gesundheitsdaten auch ohne Einverständnis an Dritte weitergegeben worden seien, sowie die Zeit der «Smart Pills» zur Analyse der Magensäure. Daran habe sich die aus seiner Sicht gefährlichste Phase angeschlossen: das «Internet of Behavior», das Internet des Verhaltens, bei dem Gefühle und Gedanken erfasst würden – nicht um zu helfen, sondern um Persönlichkeiten vollständig zu erfassen, künftiges Verhalten vorherzusagen und es in der Folge auch zu manipulieren.

Parallel dazu habe die «Finanzialisierung der Weltwirtschaft» seit der Jahrtausendwende dazu geführt, dass die großen Vermögensverwalter mit BlackRock an der Spitze das globale Finanzgeschehen bestimmen. Durch die Verschmelzung des jahrtausendealten Herrschaftsmittels Geld mit dem neuen Herrschaftsmittel Daten sei ein Kartell entstanden, «das mächtiger ist als alles, was die Welt bisher gesehen hat» – Herrschaftsstrukturen, von denen frühere Diktatoren «nicht einmal träumen konnten». Wörtlich sagte Wolff:

«Wir alle werden aktuell, ob wir es wollen oder nicht, rund um die Uhr überwacht, kontrolliert, manipuliert und drangsaliert wie keine Generation zuvor.»

Wolff beschrieb ein «Kartell», das aus den «Big Three» der Wall Street – BlackRock, Vanguard und State Street – sowie den «Magnificent Seven» aus dem Silicon Valley bestehe: Nvidia, Meta, Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet und Tesla. Hinzu komme Palantir als weltweit aktive Datenkrake, die insbesondere von Geheimdiensten und Militär genutzt werde. Dieses Machtgefüge sorge dafür, dass KI nicht der gesamten Menschheit, sondern einzig dem Machterhalt einer «verschwindend geringen Minderheit» diene.

Trotz dieser beispiellosen Machtkonzentration sitze das Kartell keineswegs sicher im Sattel, so Wolff. Er formulierte die aus seiner Sicht entscheidende Frage der Gegenwart so:

«Wie fest sitzt dieses Kartell überhaupt im Sattel? Wie groß sind die Chancen, ihm die Macht zu entziehen?»

Das gegenwärtige Geldsystem sei «zerbrochen» und werde nur noch durch massive Manipulation am Leben gehalten. Als Ersatz seien digitale Zentralbankwährungen (CBDCs) vorgesehen, die zentral steuerbar seien und hohe Negativzinsen ermöglichten. Pilotprojekte in der Karibischen Union, auf Jamaika, auf den Bahamas und in Nigeria seien jedoch bereits auf erheblichen gesellschaftlichen Widerstand gestoßen, weil die Bevölkerung die damit verbundenen Einschränkungen mehrheitlich nicht akzeptiere. Ein zweiter, aus Sicht des Kartells noch dringlicherer Grund für die Einführung von CBDCs sei der absehbare Zusammenbruch des globalen Arbeitsmarktes durch KI: Um die durch massenhaften Jobverlust wegfallende Kaufkraft zu kompensieren, sei ein universelles, programmierbares Grundeinkommen mit Ablaufdatum vorgesehen – Geld, das man nicht mehr ansparen könne, sondern das monatlich «von der Hand in den Mund» wandern müsse. Eine solche Konstruktion werde, so Wolff, auf gewaltigen Widerstand stoßen und mittelfristig zu Inflation führen, der man nur mit Preiskontrollen begegnen könne – wodurch wiederum die Produktion abgewürgt werde.

Zu dieser wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung komme, so Wolff, «ein unendlich viel größeres Problem»: die zunehmende Entmenschlichung der Gesellschaft. Um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, müssten die Mächtigen ihre transhumanistische Agenda immer weiter vorantreiben und «die Daumenschrauben von Monat zu Monat fester anziehen». Als Beispiel nannte er Elon Musk, der bei der Vorstellung seines humanoiden Roboters Tesla-Bot «Optimus» eine Zukunft skizziert habe, in der Roboter Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen und selbst zum «besten Freund» des Menschen werden könnten. Noch schärfer kritisierte Wolff den Historiker Yuval Noah Harari, der die Menschheit angesichts der KI-Entwicklung vor dem Problem sieht, Millionen «nutzloser Esser» mit durchzubringen. Ein solches Denken offenbare ein zynisches Menschenbild, das den Wert eines Menschen allein an seiner Arbeit bemesse und ihm jenseits davon keinen sinnvollen Lebensinhalt zugestehe. Das wirkliche Leben, so Wolff, beginne dagegen gerade dort, wo Zwang und Erwerbsarbeit aufhörten und Menschen sich frei entfalten könnten – genau das könnte KI ermöglichen, allerdings nur, wenn sie «nicht nur wenigen, sondern uns allen» diene.

Trotz der düsteren Analyse sieht Wolff das «Kartell» keineswegs unangreifbar. Dessen Macht beruhe wesentlich auf dem Besitz von Patenten und Lizenzen – Bill Gates etwa sei nicht als Erfinder, sondern als Besitzer von MS-DOS-Lizenzen zum Milliardär geworden, ähnlich verhalte es sich bei Elon Musk und den Tesla-Patenten. Auch Nvidia gehöre – ebenso wie Qualcomm, Broadcom und AMD – zu den sogenannten «Fabless Companies», die Chips entwickeln, ohne sie selbst zu produzieren, und daher primär von Lizenzeinnahmen leben. Wolffs zentrale Forderung: die vollständige Freigabe aller Patente und Lizenzen. Dies würde dem Kartell eine seiner wichtigsten Machtgrundlagen entziehen und jungen Entwicklern, die heute oft gezwungen seien, sich von IT-Giganten aufkaufen zu lassen, neue Möglichkeiten eröffnen.

Auf die Frage, was der Einzelne tun könne – nach eigener Aussage die am häufigsten an ihn gerichtete Frage –, nannte Wolff vier Ansatzpunkte: erstens kritische Distanz gegenüber jeder Information und die Frage nach Quelle und Interesse dahinter; zweitens die aktive Weitergabe von Wissen, denn «was nützt der bestinformierte Zeitgenosse, wenn er das, was er weiß, für sich behält»; drittens die Vernetzung mit Gleichgesinnten, um Wissen wirksam werden zu lassen und der Vereinzelung entgegenzuwirken; viertens das Formulieren gemeinsamer, konkreter Forderungen, da erst diese – wie am Beispiel der Coronakrise sichtbar geworden – aus spontanen Bewegungen dauerhafte, schlagkräftige Strukturen machten. Bewegungen ohne klares Ziel «vergehen oder versanden», so Wolff, während gemeinsame Forderungen «Klärungsprozesse» auslösten und die Mitglieder zusammenschweißten.

Zum Abschluss stellte Wolff die Menschheit vor eine Entscheidung: entweder die technologische Entwicklung rundweg abzulehnen oder denjenigen, die «nur ihre eigene Gier kennen», die Macht zu entreißen und die positiven Möglichkeiten der KI in den Dienst aller zu stellen. Bereits 4 % der globalen Rüstungsausgaben würden ausreichen, um den weltweiten Hunger zu beenden, 10 % zur Beseitigung der Armut und 12 %, um allen acht Milliarden Menschen eine menschenwürdige medizinische Versorgung zu ermöglichen. Sein Schlusswort:

«Mary Shelley hat uns gewarnt. Sie hat uns gezeigt, was passieren kann, wenn wir vor dem Monster weglaufen. Tun wir deshalb das Gegenteil: Stellen wir uns ihm entgegen und entziehen wir ihm die Grundlage seiner Macht.»

Anmerkung der Redaktion: Ein Teil der zentralen Zahlenangaben wurde redaktionell überprüft; einige Aussagen bleiben Prognosen oder Deutungen Wolffs. Bestätigt sind unter anderem die Nuklearwaffen-Ausgaben von 190’151 US-Dollar pro Minute bzw. +11 % (Quelle: ICAN, «Hidden Costs: Nuclear Weapons Spending in 2024»), die globalen Rüstungsausgaben von 2,7 Billionen Dollar für 2024 (Quelle: SIPRI), der Nvidia-Kursgewinn von rund 330 Milliarden Dollar an einem einzelnen Handelstag im Juli 2024 sowie der Größenvergleich des Meta-Rechenzentrums «Hyperion» mit Manhattan, der von Meta-CEO Mark Zuckerberg selbst stammt. Die Marktkapitalisierung von Nvidia (ca. 4,5 Billionen Dollar) entspricht dem Wert, den der Konzern im Verlauf des Jahres 2025 erreichte. Nicht unabhängig belegbar ist die Aussage, das Wissen der KI-Forschung verdopple sich «alle drei bis vier Monate» – hierbei handelt es sich um eine in der Branche verbreitete Faustregel, nicht um eine offiziell gemessene Kennzahl.

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