Oder: Warum nichts mehr erklärt werden muss – und trotzdem keiner es begreift
Wer diesen Text liest und glaubt, es gehe hier um Donald Trump, Davos oder irgendeinen einzelnen politischen Aufreger, hat den Punkt bereits verfehlt. Trump ist nicht die Ursache. Davos ist nicht der Skandal. Die Ukraine ist kein Ausnahmefall. Venezuela kein Betriebsunfall. Russland kein Dämon. Europa kein Opfer.
Was wir gerade erleben, ist das sichtbare Ende eines Erzählmodells, das uns seit 1945 begleitet hat: die Nachkriegsordnung, die regelbasierte Welt, die Wertegemeinschaft, die Idee, dass Macht sich an Recht zu halten habe und nicht umgekehrt.
Dieses Modell ist nicht „in Gefahr“.
Es ist bereits tot.
Und was jetzt passiert, ist nur noch die Phase, in der der Leichnam verwertet wird.
Uns wird täglich eingeredet, wir befänden uns in einer Krise. Das ist bequem, denn Krisen gehen vorbei. Übergänge nicht.
Was wir sehen, ist kein Ausrutscher, sondern ein Systemwechsel.
Internationale Institutionen funktionieren nicht mehr als Ordnungsmacht, sondern nur noch als schnöde Kulisse. Die UNO „verwaltet“ Elend, sie verhindert es nicht. Sanktionen ersetzen Bomben. Friedenspläne ersetzen Gerechtigkeit. Dialog ersetzt Wahrheit.
Der neue Konsens lautet nicht mehr: „Was ist richtig?“
Sondern: „Was können wir uns nehmen, ohne dass es uns gleich um die Ohren fliegt?“
Das ist die neue Weltordnung. Ohne Pathos, ohne Moral, ohne Scham.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.