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Reich durch Dichtung · Mar 21, 2026

Das Schrumpfen hat längst begonnen

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Tom Reimer · Reich durch Dichtung

Noch sind sie da - die Vielen, die Mittelalten, die Alten, nur in Afrika sind die Vielen die Jungen. Die Weltbevölkerung wächst trotz sinkender Reproduktionsrate. Das demografische Delay - die Verzögerung der Auswirkungen des Geburtenrückgangs aufgrund des Älterwerdens und Nochnichtsterbens - macht die Schrumpfung numerisch unsichtbar. Die Zahlen steigen, doch wir spüren bereits deutlich, dass die Pyramide auf dem Kopf steht, dass da kaum nach etwas nachkommt. Es fehlt schon jetzt massiv an jungen Menschen. Seit dem Mittelalter gab es das nicht mehr. Wir wissen daher kaum etwas über die Auswirkungen eines großen Bevölkerungsrückgangs. Er trifft uns voraussichtlich vollkommen unvorbereitet. Was also tun?

Vigelandsanlegget, Oslo, Bild 1

Vielleicht hilft es, die richtigen Fragen zu stellen. Was sind die Ursachen der Schrumpfung? Ist sie eine Gefahr oder kann sie positive Folgen haben? Wie gehen wir mit einer exponentiell schrumpfenden Bevölkerung um?

Ursachen?

In der Geschichte waren es Naturkatastrophen, Pandemien, Krieg und Hungersnot, die zu einer starken, meist regional begrenzten Dezimierung der Bevölkerung führten. Die Sterberate stieg, aber die Geburtenrate blieb bezogen auf die verbliebene Bevölkerungszahl über dem Erhaltungsniveau oder erholte sich rasch wieder. Der Wachstumstrend blieb intakt. Erst seit Beginn der Industrialisierung entfaltet sich das Phänomen des Rückgangs der Geburtenrate mit zunehmender Dynamik.

In Deutschland kam es in den vergangenen zweihundert Jahren zu zahlreichen zeitlich begrenzten Rückgängen. Markant sind der Einbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Pillenknick der 1960er und 70er Jahre oder der Rückgang nach der deutschen Wende in den 1990er Jahren. Gegenwärtig erleben wir eine erneute Verstärkung. Im Jahr 2022 nahm die Geburtenziffer um 8 % ab und der Trend setzte sich mit 4,3 % Rückgang im vergangenen Jahr fort. Die Schrumpfung der Bevölkerung ist dabei kein deutsches oder europäisches Phänomen, sondern sie ist in sämtlichen ökonomisierten Ländern zu beobachten. Selbst wirtschaftlich weniger entwickelte Staaten mit hoher Staatsquote wie der Iran oder Nordkorea bilden keine Ausnahme.

Wo liegen die Ursachen? Ist es die Ökonomisierung des Lebens, die Ausrichtung auf Arbeit und Konsum, die wirtschaftliche Unsicherheit? Hat der industrielle Fortschritt in den vergangenen zweihundert Jahren zu einer grundsätzlichen Werteverschiebung geführt? Weg vom Finden von Glück und Zufriedenheit in der Familie und im geistigen und kulturellen Schaffen hin zur Suche nach Befriedigung im Materiellen, in Produkten und Dienstleistungen? Oder sind andere Faktoren ausschlaggebend?

Wir leben in einer von der Ökonomie tief durchdrungenen Kultur. Unsere Ziele und Motivationen haben sich angepasst. Immer neue Bedürfnisse werden geweckt und die Angst, in der Kürze des Lebens etwas zu verpassen, ist groß. Das Kind steht in Konkurrenz zur Karriere, zur Selbstverwirklichung, zur finanziellen Freiheit, zur Anhäufung von materiellem Reichtum.

Wir umgeben uns mit Maschinen, Bildschirmen, Stahl, Beton und Glas. Die Vielfalt der Produkte steigt und unser Leben dient oft allein der Herstellung anorganischer Gegenstände, der Produktivitätssteigerung und Profitmaximierung. Hat das Materielle über das Lebendige gesiegt? Die vom Menschen produzierte Masse an toter Materie übersteigt bei weitem die Masse alles Irdisch-Lebendigen.

Wir fördern die Produktion des Nichtlebendigen, nicht den Erhalt und die Reproduktion des Lebens. Ob Kreuzfahrtschiffe, Windräder, Waffen, Hyperscale-Datenzentren oder Pharmaka - alle Energie fließt in den Produktionsprozess mit dem Ziel der Generierung monetären Profits. In Folge wird das Leben kleiner, das pflanzliche, tierische, menschliche. Die Gesamtheit allen Lebens schrumpft, Lebensräume und Artenvielfalt schwinden.

Vigelandsanlegget, Oslo, Bild 2

Die Natur wird verbraucht statt geachtet. Technisches Wissen verdrängt das Verständnis biologischer Mechanismen. Trotz der Erkenntnis der Verantwortlichkeit des Menschen für Naturzerstörung und Umweltverschmutzung wird unser Handeln von ökonomischen Zwängen dominiert statt von dem Gefühl der Verbundenheit mit und dem Bewusstsein für unsere Abhängigkeit von der Natur. Der Verlust der Achtung und Berücksichtigung der uns umgebenden sowie der eigenen, menschlichen Biologie scheint eine Hauptursache für das Schrumpfen zu sein.

Doch haben Veränderungen in komplexen Systemen meist mehrere Ursachen. So verändert sich unser Verhalten nicht allein aufgrund der Anpassungsfähigkeit bzw. dem Zwang zur Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse, sondern es reagiert z. B. äußerst sensibel auf chemische Substanzen. Der Vermarktung der Anti-Baby-Pille folgte ein starker Geburtenknick. Hormone und hormonell aktive Stoffen sind heute überall in unseren Gewässern und im Trinkwasser zu finden und entfalten ihre Wirkung.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Unsicherheit. Ein Kind verursacht Kosten. Zwei oder drei Kinder verursachen doppelte und dreifache Kosten. Ein Kind stirbt nicht wie ein Hund nach 15 Jahren, sondern es überlebt die Eltern in der Regel und will womöglich studieren. Gegenwärtig steigen die Mieten wie die Kosten für Nahrung, Heizung und Strom. Der ökonomische Druck ist hoch.

Zusätzlich wirkt die medial verbreitete Angst vor Krankheit, Krieg und Klima. Feindbilder werden geschaffen, horrible Zukunftszenarien ausgemalt und der Mensch wird als Schuldiger an den Pranger gestellt. Die Welt wird zunehmend als negativ empfunden. Das eigene Leben wird wertlos, denn die Zukunft wird garantiert grauenvoll. Haben wir diese propagierte Weltsicht verinnerlicht, ist Kinderkriegen keine Option.

Vigelandsanlegget, Oslo, Bild 3

Folgen?

Die Welt ist schön. Doch wenn dem Menschen die Beziehungen fehlen, wenn er sich alleine fühlt, wenn die Technik sich zwischen die einzelnen Individuen schiebt, dann erkennt er diese Schönheit nicht mehr, sondern entwickelt eine diffuse Angst, die ihn unsicher macht. Muskel- und Geisteskraft werden durch Maschinen und künstliche Information ersetzt. Wir werden scheinbar nicht mehr benötigt.

Nähe und Lust finden sich virtuell hundertmillionenfach im Netz. Wozu noch eine anstrengende Beziehung aufbauen, die meine Freiheit einschränkt und Toleranz und Kompromissbereitschaft fordert? Wenn der Bus nicht mehr kommt, weil kein Busfahrer nachgerückt ist, dann fährt halt die KI. Der Altenpfleger ist ein Roboter und die Kasse im Supermarkt funktioniert auch ohne Mensch. In den Fabriken werden die Produkte vollautomatisch hergestellt. Alles kein Problem.

Oder ist die diffuse Angst vielleicht doch berechtigt? Ist sie nur falsch verortet, irgendwo zwischen Klima, Viren und Krieg? Entsteht irgendwann die Erkenntnis, dass es die eigne Angst sein könnte, die zum Verlust der Beziehungen führt, zu Kinderlosigkeit und vielleicht zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Funktionierens? Sollten wir nicht Angst vor unserer eigenen Angst und ihren Folgen haben?

Schon jetzt fehlt es an jungen Menschen. Das demografische Delay ist zwar existent aber die Auswirkungen der niedrigen Geburtenrate zeitigen längst ihre Wirkung. Ob im Pflegeheim, im Krankenhaus, bei der Bahn oder in der Industrie - die Aufrechterhaltung von Infrastruktur und Wirtschaft wird ohne eine ausreichende Anzahl an Menschen zum Problem. Was machen wir, wenn die Produktion und Logistik notwendiger Güter nicht aufrechterhalten werden kann, gewohnte Dienstleistungen nicht mehr angeboten werden? Wie organisieren wir das „Weniger“?

Oder ist die Sorge doch unbegründet? Weniger Menschen bedeuten doch schließlich, dass von allem weniger benötigt wird. Weniger von allem. Weniger vom überproduzierten toten Material. Kann das funktionieren im globalen Kapitalismus? Der gründete doch immer auf dem steigenden Konsum einer wachsenden Weltbevölkerung? Und nun? Wird es zukünftig keine Überproduktion mehr geben? Keinen Kapitalismus mehr? Keinen Krieg? Wenn es keine Kinder mehr gibt, dann gibt es auch keine Armeen. Krieg wird also obsolet?

Gegenwärtig sieht es nicht danach aus. Europa rüstet sich für einen Krieg mit Russland, Amerika greift den Iran an, Israel schießt wild um sich und China hat sein Waffenarsenal massiv ausgebaut. Wozu? Wie kommen gegenwärtige Machthaber trotz schrumpfender Bevölkerung auf die Idee, Kriege anzuzetteln, in denen die knappen jungen Menschen verheizt werden? Um Ressourcen wird es nicht gehen, denn diese sind reichlich vorhanden und die benötigte Menge wird bei geringer werdendem Bedarf ebenfalls schrumpfen. Es geht also - wie immer - um die Dominanz des einen Systems über andere, konkurrierende Systeme.

Der Mensch dreht sich im Kreis. Er schafft es einfach nicht, dieses psychopathische Dominanzstreben zu überwinden. Immer wieder entwickelt er den Willen zur Macht und zur persönlichen Bereicherung abseits jeder Moral. Es ist schwer vorstellbar, aber es gibt offensichtlich Menschen, die Freude daran haben, ihre Macht so zu nutzen, dass möglichst viele andere Menschen sterben.

Vigelandsanlegget, Oslo, Bild 4

Mit einer exponentiell schrumpfenden Bevölkerung wird diese Möglichkeit jedoch ebenso exponentiell verschwinden. Die Realität wird die Realitätsverweigerer, die Rüstungsprofiteure, Kriegstreiber und Wehrpflichtwiedereinführer einholen.

Derweil fahren die Babyboomer als Rentner in ihren Wohnmobilen durch die Welt, überfliegen die entlegendsten Orte, bevölkern die Hotels, kümmern sich einen feuchten Kehricht um die Politik zu Hause und lassen Ideologie Ideologie sein. Sie haben sich ihren Ruhestand in der Industrie verdient, wenig Kinder geboren und Vermögen angehäuft. Welcher Roboter sie im hohen Alter pflegen wird, steht auf einem noch zu bedruckenden Blatt.

Handeln?

Am Anfang des letzten Jahrhunderts haben wir uns von einem Diktator verführen lassen, dann von der ökonomischen Prosperität des Wiederaufbaus und dem Wirtschaftsaufschwung und gegenwärtig schweben wir ziellos in der Luft und suchen Halt bei Narrativen, die, wenn man genau hinsieht, auch nur den monetären Profit als Motivation kennen.

Wo ist die Philosophie? Wo ist das positive Nachdenken über unsere Zukunft? Wo sind die Ideen für ein menschliches, humanitäres Zusammenleben? Das fehlt. Und solange das Alte so weitermacht wie bisher, geht das Schrumpfen weiter und der kulturelle Niedergang schreitet fort. Es fehlt an Tiefe. Alles bleibt an der Oberfläche und was heute an die große mediale Glocke gehängt wird, ist morgen schon von neuen, durch die Medien getriebenen Plattitüden ersetzt. Nichts hat Bestand, nichts ist ernsthaft, anständig, wahrhaftig.

Ein Bewusstseinswandel, eine Abkehr vom lebensfeindlichen, profitgetriebenen Ökonomismus der gegenwärtig unser Leben bestimmt wäre eine Option. Der Mensch war immer ein wirtschaftender Mensch, aber der Profit saß nicht auf dem Thron. Er stand nicht über dem Menschen, über der Ethik und Humanität, über der Achtung vor der Natur.

Zahlreiche Produkte und Entwicklungen verbessern unser Leben, wir sind sogar auf sie angewiesen. Eine funktionierende Wirtschaft ist für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse essentiell. Doch muss sie mit dieser immensen Naturzerstörung einhergehen, mit immer neuem Wachstum, mit der Reduzierung des Lebens auf Arbeit und Konsum?

Der Mensch ist eine Art unter vielen. Er ist Teil der Biosphäre. Er kann sie als Lebensraum nutzen und schützen oder er kann sie ausbeuten und mit Leblosem überschwemmen. Er kann, er muss nicht.

Die gegenwärtige Schrumpfung zeigt uns vielleicht, dass die Entwicklung zu lange in eine dem Leben nicht zuträgliche Richtung gelaufen ist. Der Ökonomismus mit seinen Homines oeconomici wird vom Rückgang der eigenen Art überholt. Wir müssen uns wohl etwas Neues einfallen lassen.

Dazu benötigen wir Wissen, Kreativität, Freiheit von Ideologie, Offenheit und den Willen selbst nachzudenken, in sich hineinzuhören. Vor allem aber Menschlichkeit. Die scheint in weiter Ferne verschüttet unter Krediten, Konten und Kryptowährungen. Vielleicht kann ja die vom Menschen geschaffene und Unmengen an Energie und Material verschlingende sogenannte künstliche Intelligenz sie wieder hervorholen…?

Vigelandsanlegget, Oslo, Bild 5

T. Reimer, März, 2026

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