Monte Castillo ist ein Hügel, kein Berg, 354 Meter, bestehend aus Kalkstein. Ein Kegel, den man von der Terrasse eines Thermalhotels in Puente Viesgo aus sehen kann, während man im heißen Wasser sitzt. Ich habe den Hügel nie gesehen, kenne ihn nur als Datensatz: als Koordinaten und Höhenlinien auf einer topographischen Karte, dann als eine 3D-Tour, durch die ich mit Maus und PC gemacht habe.
Ich schreibe also über einen Ort, den ich nie betreten habe. Ebenso wie die anderen drei Höhlen, habe ich diesen Hügel nur über die Augen von Kameras kennengelernt. Man könnte nun sagen, dann ist es kein Augenzeugenbericht, sondern nur Archivstudium - ich halte jedoch dagegen und behaupte: besser eine fiktive Reise, als gar keine. Den Hügel jedenfalls interessiert es nicht, ob ich da war oder nur über ihn aus trockenen Quellen berichte.
Wer den Hügel von außen betrachtet, sieht zunächst nichts. Kein Tor, keine Inschrift, kein Hinweis darauf, dass hier möglicherweise die älteste Kunst Europas liegt. Oder, je nachdem, wen man fragt, die älteste Kunst überhaupt, von einer Spezies abstammend, die man bislang nicht für künstlerisch hielt.
Fünf Hohlräume durchziehen den Monte Castillo:
El Castillo
La Pasiega
Las Chimeneas
Las Monedas
La Flecha
Vier der fünf wurden 2008 gemeinsam als Erweiterung des UNESCO-Welterbes eingetragen, das seit 1985 bereits Altamira umfasst, einen Ort, der eine gesonderte Betrachtung verdient.
La Flecha fällt raus aus dieser UNESCO-Ehre, weil dort lediglich ein Depot von Pfeilspitzen gefunden wurde. Keine Höhlenmalerei, nichts anderes. Wobei ich selbst Pfeilspitzen immer sehr aussagekräftig finde.
Ich erwähne das, weil ich nämlich selbst zunächst der falschen Aufzählung gefolgt bin. Las Chimeneas fehlte mir, La Flecha stand fälschlicherweise dabei. Ein Fehler, der zeigt, wie leicht sich Übersichten aus dem Internet in einer bestimmten Reihenfolge festsetzen können, wenn sie nicht sofort hinterfragt werden.
Wenn ich diese Reihe mit einer gewissen Sorgfalt gegenüber Belegen führen will, ist das die Art von Fehler, die ich korrigieren muss. Gleichzeitig ist es aber auch ein Blickwinkel, der zeigt, welche Fehler bei der Recherche passieren können.
Beginnen wir mit der bekanntesten der vier Höhlen.
Hermilio Alcalde del Río entdeckte El Castillo 1903. Über den genauen Umstand seiner Entdeckung sagen die Quellen nichts. Kein Drama, kein Hund. Belegt ist vor allem, dass er den Zugang entdeckte und anschließend begann, die Höhle zu untersuchen. Manchmal ist die unspektakulärste Version eben auch die einzig belegbare.
Was El Castillo besonders macht, ist auch gar nicht die Entdeckungsgeschichte, sondern ein einzelner roter Punkt. Ein Team um Alistair Pike datierte 2012 in „Science“ die Kalzitkruste über diesem Punkt per Uran-Thorium-Methode auf mindestens 40.800 Jahre. Das machte ihn, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, zur ältesten datierten Höhlenkunst Europas. Er war damit älter als Chauvet, welches ich in einem früheren Teil dieser Reihe beschrieben habe. Mindestens 4000 Jahre älter. Die Handabdrücke in derselben Höhle kommen auf mindestens 37.300 Jahre.
Wer heute nach El Castillo will, muss sich eine Zahl merken, die nichts mit Archäologie zu tun hat, sondern mit unseren Lungen: sieben.
Mehr als sieben Personen dürfen pro Führung nicht gleichzeitig in die Höhle. Fünfzehn Euro kostet der Eintritt, die Tickets werden am Centro de Arte Rupestre de Cantabria verkauft, die Sitzungen sind minutiös getaktet. Alle sechzig Minuten darf eine neue Gruppe hinein. Es ist ein Betrieb, der mehr an ein Krankenhaus erinnert als an ein Museum. Der Grund ist derselbe, den ich in einem anderen Teil dieser Reihe bei El Castillos jüngerem Nachbarn Lascaux beschrieben habe: Wir sind das Problem. Unser Atem und unsere Körperwärme, die Feuchtigkeit, die wir mitbringen, verändern das Mikroklima einer Höhle, die zehntausende Jahre im Gleichgewicht war – innerhalb weniger Jahrzehnte.
Die zweite Höhle ist ein Labyrinth. La Pasiega gliedert sich in die Galerien A, B und C, mit sogenannten tamponierten Figuren. Bei diesen wird die Farbe mit einem Tupfer oder durch ein Blasrohr aufgetragen. Und sie sind mindestens 25.000 Jahre alt. Das allein würde als Geschichte schon genügen. Aber es ist nicht das, was diese Höhle berühmt gemacht hat.
In Sektion C von La Pasiega befindet sich eine Zeichnung aus waagrechten und senkrechten roten Linien, die aussieht wie eine Leiter oder ein Gitter. 2018 veröffentlichte ein Team um Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie eine Datierung dieser Zeichnung. Erneut datiert per Uran-Thorium-Methode an der darüberliegenden Kalzitkruste – das Alter beträgt mindestens 64.800 Jahre.
Zum Vergleich: Der moderne Mensch erreichte Europa nach heutigem Kenntnisstand frühestens vor etwa 45.000 Jahren. Die Schlussfolgerung des Teams war entsprechend radikal: Wenn die Zeichnung so alt ist, kann sie nicht von Homo sapiens stammen. Sie muss von Neandertalern gemacht worden sein.
Ich habe in den bisherigen Teilen dieser Reihe versucht, bei Deutungen zurückhaltend zu sein und bei Fakten möglichst genau. Hier ist der Fakt selbst der Streitpunkt, was die Geschichte noch ein ganzes Stück interessanter macht.
Noch im selben Jahr widersprachen Ludovic Slimak und Kollegen in derselben Zeitschrift (der „Science“) der Datierung. Ihr Einwand: Uran kann aus solchen Kalzitkrusten ausgewaschen werden, was das berechnete Alter künstlich erhöht.
Legt man ihre eigene Neuberechnung zugrunde, kommt man auf etwa 47.000 Jahre, was wieder in den Zeitraum fiele, in dem der moderne Mensch allmählich in Europa ankam.
Hoffmanns Team antwortete, ebenfalls 2018, mit einer Verteidigung ihrer Methode, unter anderem in einem Aufsatz mit dem unverblümten Titel „Die Datierungen für Neandertaler-Kunst und symbolisches Verhalten sind verlässlich“ .
2019 legten White, Bosinski und weitere Autoren eine eigene kritische Übersicht vor, die weiterhin keinen archäologischen Beleg für eine Urheberschaft der Neandertaler sieht.
Der Streit ist bis heute nicht sauber aufgelöst. Was sich seither verändert hat, ist die Beweislage von der anderen Seite her:
In der Cueva Ardales, einer der beiden anderen Höhlen aus Hoffmanns ursprünglicher Studie, haben Ausgrabungen eines Kölner Forschungsteams unabhängig vom Datierungsstreit Bodenfunde erbracht. Diese sprechen für eine tatsächliche Anwesenheit von Neandertalern an vergleichbaren Fundorten. Das beweist nicht, dass die Leiter in La Pasiega von einem Neandertaler gemalt wurden. Es macht die Idee nur weniger abwegig, über neandertalische Kunst nachzudenken.
Was mich an dieser Geschichte am meisten beschäftigt, ist nicht, wer am Ende recht behält. Es ist die Tatsache, dass eine einzelne Kalkschicht über einer roten Linie in einer spanischen Höhle darüber entscheidet, ob wir unsere eigene Definition von Kunst, von Symbolik, vielleicht sogar von uns selbst als einziger Spezies mit dieser Fähigkeit, neu schreiben müssen oder nicht. Eine enorme Bürde für einen einzelnen roten Punkt.
Die dritte Höhle habe ich am schwierigsten fassen können, was vermutlich an den begrenzten Informationen liegt.
Las Chimeneas wurde 1953 entdeckt. Die geläufige Erklärung für den Namen verweist auf die Schornsteine bzw. Schächte, die die zwei Etagen der Höhle verbinden. Innen finden sich schwarze Gravuren und Malereien sowie sogenannte Macaroni- bzw. Lehmritzungen und abstrakte Figuren.
Die Höhle ist derzeit für die Öffentlichkeit nicht als Besuchshöhle ausgewiesen. In den offiziellen Besucherinfos der Monte-Castillo-Anlage werden El Castillo und Las Monedas als die öffentlich zugänglichen Höhlen genannt. Den genauen Schließungsgrund von Las Chimeneas konnte ich in den verfügbaren Quellen nicht finden. Ob diese Schließung dauerhaft ist oder ob sie, wie bei anderen kantabrischen Höhlen üblich, in Zyklen von Öffnung und Schonung verwaltet wird, bleibt also unbeantwortet.
Die vierte Höhle hat die menschlichste Geschichte von allen, unabhängig von unseren Vorfahren.
Isidoro Blanco entdeckte sie 1952, zunächst unter dem Namen Cueva de los Osos - Bärenhöhle, wegen der Spuren, die sich dort fanden. Kurz darauf entdeckte man in einem 23 Meter tiefen Schacht zwanzig Münzen aus der Zeit der Katholischen Könige, eine davon nachträglich umgeprägt, datiert auf 1503 oder 1563. Jemand hat sie dort, vermutlich im 16. Jahrhundert, verloren oder versteckt und ist nie zurückgekommen, um sie zu holen.
Sie haben den heutigen Namen der Höhle bestimmt, nicht die eiszeitliche Kunst, die dort ebenfalls existiert. Ein homogenes Ensemble schwarzer Tier- und Zeichendarstellungen aus dem späten Magdalénien.
Es ist schon ein wenig ironisch, dass eine zehntausende Jahre alte Höhle nach etwas benannt wird, was erst wenige hundert Jahre alt ist. Und nicht nach dem, was sie wirklich enthält. Anscheinend finden wir nur gute Namen, wenn etwas näher an uns dran ist. Dabei denke ich: Was kann näher an uns dran sein als das Rätsel unserer Existenz, unseres Denkens und unserer Kreativität?
Vier Höhlen in einem Hügel, mindestens drei verschiedene Zeiträume und mindestens zwei verschiedene Menschenarten.
El Castillo mit seiner ununterbrochenen Sequenz von 150.000 Jahren, aus deren unteren Schichten ein Neandertaler-Zahn von etwa 80.000 Jahren stammt. Mit einer belegten Phase, in der Neandertaler und Homo sapiens am selben Ort koexistierten. Zwischen 40.000 und 28.000 Jahren vor heute.
La Pasiega, in der eine Leiter möglicherweise die älteste bekannte Zeichnung überhaupt ist. Möglicherweise nicht von uns gemalt.
Las Monedas, benannt nach einem Münzfund aus der im Vergleich neuen Zeit.
Und Las Chimeneas, das hinter verschlossenen Türen liegt.
Was mich an diesen Höhlen beschäftigt, ohne dass ich sie je betreten habe, ist die Gleichzeitigkeit.
Wir stellen uns die Vorgeschichte gern als Abfolge vor: hier eine Art, dann eine Lücke, dort der Neandertaler, wieder eine Lücke, dann wir.
Am Monte Castillo gibt es diese Lücke offenbar nicht. Es gibt nur einen Berg, an dem über hunderttausend Jahre hinweg verschiedene Wesen ein- und ausgegangen sind und den Fels in Farbe getaucht haben.
Der Gedanke, den ich bei diesem Text habe, ist folgender: Was bedeutet es, dass ausgerechnet ein roter Punkt und eine „Leiter“ die Vorstellung von uns selbst ins Wanken bringen könnten?
Die Tatsache, dass eine Felszeichnung Anlass gibt, das bisherige Bild in Frage zu stellen, oder die Datierungsmethoden, ist nicht gerade kleinzureden.
Eine erneute, unabhängige Datierung mit einer anderen Methode könnte klären, ob die ungewöhnlich hohen U-Th-Werte tatsächlich das Alter der Kunst widerspiegeln. Würde sie für dasselbe Motiv deutlich jüngere Ergebnisse liefern, wäre die Neandertaler-Deutung erheblich geschwächt – nicht aber jede Überlegung zu neandertalischer Symbolik.
Dazu braucht es aber eine zuverlässige, mehrfach erprobte Methode und die Sicherheit, dass wir nicht einfach nur nicht wollen, dass unser Bild vom Ablauf gravierend verändert wird.
Linearität war nie gegeben. Kann dies nicht auch bedeuten, dass manche Funde anders einzuordnen sind als bislang?
Danke fürs Lesen!
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- Pike, A. W. G. et al.: „U-Series Dating of Paleolithic Art in 11 Caves in Spain”, Science 336 (6087), 2012
- Hoffmann, D. L. et al.: „U-Th dating of carbonate crusts reveals Neandertal origin of Iberian cave art”, Science 359 (6378), 2018
- Slimak, L., Fietzke, J., Geneste, J.-M., Ontañón, R.: „Comment on U-Th dating of carbonate crusts reveals Neandertal origin of Iberian cave art”, Science 361, 2018
- Hoffmann, D. L. et al.: „Dates for Neanderthal art and symbolic behaviour are reliable”, Nature Ecology & Evolution, 2018
- White, R., Bosinski, G. et al.: „Still no archaeological evidence that Neanderthals created Iberian cave art”, Journal of Human Evolution, 2019
- IGME (Instituto Geológico y Minero de España): Datenblatt CV014, Cueva de El Castillo
- Wikipedia: „Höhlen von Monte Castillo”, „El-Castillo-Höhle” (Stand 2026)
- cuevas.culturadecantabria.com: Seiten zu El Castillo, Las Monedas, Las Chimeneas, Horarios y Tarifas
- Universität zu Köln, SFB 806 „Our Way to Europe”: Multimediastory zur Cueva Ardales (Stand 2026)

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