Du liest #DRANBLEIBEN - Einordnungen zu Tech und Gesellschaft, von André Cramer. Ich bin Berater, Speaker und Podcast-Host von DRANBLEIBEN - Gespräche über unsere Zukunftsoptionen und Code & Konsequenz - Tech-Industrie Reflexionen. Lerne mehr über mich hier auf meiner Website, auf LinkedIn, Bluesky oder Mastodon!
Willkommen zu einer neuen Ausgabe von #DRANBLEIBEN!
Willkommen zu einer neuen Ausgabe von #DRANBLEIBEN!
Vor ein paar Wochen habe ich endlich meine Website überarbeitet und komplett neu aufgesetzt. Aktuelle KI-coding Tools sei Dank, bestehen dazu heute mächtige Möglichkeiten, die meine in den frühen 2000er eingerosteten HTML-Skills völlig vergessen machen. Die Farbwelt habe ich aus meinem eigenen Logo abgeleitet, dem AC oben rechts, das ich vor über zehn Jahren in einer Art Chicago-Cubs-meets-San-Francisco-Giants-Ästhetik (ja, ich mag Baseball sehr und aufgrund meiner eigenen Biografie diese beiden Teams besonders) selbst entworfen hatte. Und ich habe ganz bewusst eine Serifenschrift gewählt. Denn diese dunklen, leicht nach Cyberpunk riechenden kühl-technokratisch anmutenden Sites, die einem KI-Tools wie v.a. Claude heute am laufenden Band ausspucken, die sprechen mich einfach nicht an. Am Ende war ich zufrieden. Das Ding sah nach mir aus.
Wobei, ganz ehrlich, beim genaueren Hinsehen ist mir später etwas aufgefallen. Orange, Schwarz, Creme, zwar alles brav aus dem Logo abgeleitet… damit war ich ungewollt ziemlich genau in der aktuellen Claude-Ästhetik gelandet. Die war mir bis dahin vor allem in PDF-Artefakten aus Claude begegnet, seltener in Websites. Heute bin ich da schlauer, aber von der cremefarbenen Variante möchte ich mich dennoch nicht verabschieden.
Und dann, ein paar Wochen später, scrolle ich durch meinen LinkedInFeed. Ein sehr geschätzter ehemaliger Kollege stellt stolz seine neue Website vor. Und die sah aus wie ein ästhetischer Klon meiner eigenen. Gleiche Anmutung, gleiche Bausteine, fast dasselbe Gefühl.
Da hat’s bei mir klick gemacht. Offenbar muss man noch deutlich geschärfter aufpassen und ästhetische Gegenbewegungen ganz bewusst etablieren und pflegen, um diese Werkzeuge so zu nutzen, dass am Ende eben nicht doch Einheitsbrei herauskommt. Ich beschäftige mich viel mit den Gegenbewegungen zu inhaltlichem Einheitsbrei, aber die ästhetische Komponente trifft uns gerade mit Wucht.
Genau darum geht’s heute. Es gibt kein Entkommen mehr davon, wie sich KI-generierte Websites, HTML-basierte Dokumentationsartefakte, Präsentationen und PDFs auf eine ganz bestimmte Art angleichen. Sofort erkennbar, einem von gefühlt drei, vier Stilen folgend. Wie gesagt, es erinnert mich an etwas, das wir bei KI-Texten längst kennen. Und es führt mitten in eine Debatte, die uns gerade alle beschäftigt, die um unsere Urteilskraft im KI-Zeitalter.
Ich habe dazu tiefer recherchiert, als ich ursprünglich vorhatte. Was ich gefunden habe, hat mich überrascht. Die Forschung erzählt eine klügere und unbequemere Geschichte, als das schnelle „alles wird gleich” sie nahelegt. Davon handelt diese Ausgabe.
Viel Freude beim Lesen. Und wie immer freue ich mich über Rückmeldungen.
Herzliche Grüße
André
Du scrollst durch deinen Feed, durch eine Sammlung Pitch-Decks, durch ein paar frisch gebaute Landingpages, und meistens weißt du längst nach einer Sekunde, was hier am Werk war. Dunkler Modus, kühle technoide Anmutung. Neon-Glow unter abgerundeten Karten. Hochkontrastige Indikatoren, ein bisschen Terminal, ein bisschen Raumschiff-Cockpit, dieser Frontier-Look, der nach Tech-Demo riecht. Monospace, wo es besonders technisch wirken soll. Schick sieht das aus, kompetent, aufgeräumt. Und eben austauschbar.
Und das ist erst eine von mehreren wiedererkennbaren Spielarten. Der New-Yorker-Autor Kyle Chayka seziert in einem aktuellen Text über die Claude-Design-Ästhetik eine andere, die warme. Creme, Rostorange, große Serifen, betont und kursiv. Er bringt ein schönes Beispiel. Ein Designer zeigt ihm zwei Pitch-Decks von zwei verschiedenen Startups. Anderes Logo, ansonsten praktisch dasselbe Deck. Die sähen aus, als kämen sie aus derselben Firma, sagt der Designer. Gemein hatten die beiden nur eines, sie waren mit Claude Design gebaut.
Das Tückische daran ist die Plausibilität. Es sieht gut genug aus, dass die meisten gar nicht erst prüfen. Das geübte Auge erkennt den Tell sofort. Das ungeübte feiert das Ergebnis und stellt es online. Chayka hält den Design-Look übrigens für genauso auffällig wie die bekannten Text-Tics der KI, die inflationären Gedankenstriche, die „not X but Y”-Konstruktionen und viele andere Marker.
Anthropic räumt das nach Chaykas Darstellung sogar selbst ein. Der Default-Hausstil sei hartnäckig, und eine pauschale Anweisung wie „kein Creme” verschiebe das Modell bloß auf die nächste feste Palette. Man muss also gegen das Werkzeug arbeiten, um etwas zu bekommen, das nicht nach KI aussieht. In genau die warme Falle bin ich ja selbst getappt, siehe Intro.
Das alles ist nicht neu, und es hat sogar einen Namen. Schon 2016 prägte derselbe Kyle Chayka den Begriff AirSpace, als Wortspiel auf Airbnb. Gemeint war diese reibungslose Geografie der visuellen Gleichheit, die digitale Plattformen erzeugen. Reclaimed Wood, Subway-Tiles, Edison-Glühbirnen, Flat White, derselbe Typ von Café von Berlin über Kapstadt bis Bangkok. 2024 hat er das in seinem Buch Filterworld weitergedacht, in einem vielzitierten Guardian-Beitrag über die Frage, wie Algorithmen unsere Kultur verflachen. Mich fasziniert dieser Gedanke schon seit damals, und ich habe hier bei #DRANBLEIBEN immer wieder darauf verwiesen.
Und jetzt kommt der Punkt, der mich umtreibt. Derselbe Beobachter, zehn Jahre später, dieselbe Diagnose, jetzt eine Etage tiefer. Er hat beide Texte geschrieben, den über die Cafés und den über Claude Design.
Wichtig ist mir dabei eine feine Verschiebung, weil sie alles in dieser Betrachtung entscheidet. Bei AirSpace homogenisiert die Plattform über Sichtbarkeit. Ein Café gleicht sich an, weil der Instagram-Algorithmus Konformität mit Reichweite belohnt. Die Angleichung ist der Preis fürs Gesehenwerden. Ein Druck, der hinterher wirkt. Bei generativer KI verschiebt sich das. Der Generator liefert den Durchschnitt schon an der Quelle. Als Startpunkt, noch bevor irgendein Feed eingreift. Früher musste man sich angleichen, um sichtbar zu werden. Heute bekommt man die Angleichung gratis in die Hand gedrückt und müsste aktiv Arbeit investieren, um ihr zu entkommen.
Und damit wird Urteilskraft zur entscheidenden Größe, mal wieder in der KI-Debatte. Wenn der Mittelwert frei Haus kommt, ist das eigene Urteil das Einzige, was überhaupt noch unterscheidet.
Bleibt der naheliegende Einwand, das sei doch bloß der Default eines Tools für ein paar Monate, der ändere sich ja ständig. Stimmt, und genau hier hat Chayka schon vor Jahren vorgesorgt. Die konkreten Stilzeichen wechselten über die Jahre, schreibt er sinngemäß. Subway-Tiles weichen Beton, Beton weicht dem Nächsten. Was bleibt, ist die Gleichheit. Sie ändert sich nicht. Das beruhigt also kein bisschen, im Gegenteil.
Bleibt die Frage, warum unsere Urteilskraft ausgerechnet hier so leicht aussetzt. Meine Antwort ist die Plausibilitätsfalle, und sie hat einen psychologischen Kern. Was flüssig zu verarbeiten ist, halten wir für schöner und für wahrer. Das ist seit Langem gut erforscht. In einer grundlegenden Arbeit zur Verarbeitungsflüssigkeit zeigen Reber, Schwarz und Winkielman, dass unser ästhetisches Urteil zu großen Teilen davon abhängt, wie mühelos uns etwas durch den Kopf geht. Je glatter, desto besser fühlt es sich an. Und KI-Output ist von Bauart maximal glatt. Er sieht nie unfertig aus, nie suchend, nie roh. Genau dieser Reiz schaltet unseren Impuls ab, zweimal hinzusehen.
Jetzt kommt der Teil, der mich beim Recherchieren überrascht hat. Am schärfsten zeigt das ein kontrolliertes Schreib-Experiment von Vishakh Padmakumar und He He. Menschen schrieben Argumentationstexte, einmal mit einem rohen Basismodell (GPT-3), einmal mit einem auf menschliches Feedback getrimmten, also geglätteten Modell (InstructGPT), einmal ganz ohne KI. Das Ergebnis war eindeutig. Mit dem geglätteten Modell sanken die lexikalische und inhaltliche Vielfalt statistisch signifikant, die Texte verschiedener Autor*innen wurden sich ähnlicher. Mit dem rohen Basismodell passierte das nicht. Und der Effekt kam nachweislich daher, dass das geglättete Modell selbst weniger vielfältigen Text beisteuerte, während die menschlichen Beiträge vielfältig blieben.
Das jetzt mal kurz sacken lassen.... genau die Politur, die ein Modell hilfreicher und gefälliger macht, ist die Politur, die zum Mittelwert zieht. Das ist die Falle in Reinform. Was uns beruhigt, weil es so plausibel wirkt, ist dasselbe, was homogenisiert. Gezeigt ist das für Text, für die Gestaltung gilt dieselbe Logik eine Etage höher. In meiner eigenen Arbeit, wo ich verschiedene unterbewusst wirkende kognitive Effekte rund um KI als Plausibilitätsillusion zusammenbinde, beschreibe ich genau diesen Mechanismus. Der Output sieht richtig aus, fühlt sich richtig an, hält oberflächlicher Prüfung stand. Je glatter die Antwort, desto seltener wird sie hinterfragt.
Und damit sind wir zurück an der Oberfläche. Genau dort wird der Sog sichtbar. In Kyle Chaykas Text über die Claude-Design-Ästhetik im New Yorker vergleicht der Softwareentwickler Lucas Gelfond die Gleichförmigkeit mit der Massenfertigung nach der Industriellen Revolution. Automatisierte Prozesse hinterließen Signaturen, Spritzguss-Nähte im Plastik, Sägespuren im Holz. Die typischen Tells in KI-Software, die hellen Akzent-Serifen, die vielen Punkte, die hochkontrastigen Indikatoren, seien für ihn ähnliche Spuren des Werkzeugs. Ein schönes Bild. Das geübte Auge erkennt die Naht. Das ungeübte sieht nur saubere Oberfläche. Und genau diese saubere Oberfläche legt die Urteilskraft schlafen, die wir eigentlich bräuchten.
Bisher ging es um den Sog am einzelnen Output. Jetzt zoome ich raus, auf die Summe. Hier liegt eine Schlüsselstudie in der Arbeit von Anil Doshi und Oliver Hauser in Science Advances. Menschen schrieben Kurzgeschichten, ein Teil von ihnen bekam dabei Ideen von einem Sprachmodell (GPT-4) als Anstoß. Das Ergebnis hat zwei Seiten. Die Geschichten mit KI-Ideen wurden als kreativer, besser geschrieben und unterhaltsamer bewertet, und das vor allem bei den weniger kreativen Schreibenden. Zugleich ähnelten sich diese Geschichten untereinander stärker als die ohne KI.
Individuell ein Gewinn, kollektiv ein Verlust. Die Autor*innen selbst nennen das ein soziales Dilemma. Einzeln steht man mit KI besser da, und in der Summe entsteht ein schmaleres Feld an wirklich Neuem.
Genau das ist der strukturell interessante Teil, und für meine Fragestellung hier der eigentliche Kern. Die Angleichung entsteht, ohne dass jemand sie verordnet, als Nebenprodukt vieler einzeln völlig vernünftiger Entscheidungen. Jeder Schritt für sich ist nachvollziehbar, sogar klug. Die Verarmung zeigt sich erst auf der Ebene, die niemand einzeln spürt, im Gesamtbild.
Und dieses Gesamtbild lässt sich inzwischen messen. Eine Analyse von über 15 Millionen PubMed-Abstracts von Dmitry Kobak und Kolleg*innen zeigt, dass mit dem Erscheinen von ChatGPT bestimmte Stilwörter sprunghaft häufiger wurden. Aus dem Übermaß dieser Wörter schätzen die Autor*innen, dass mindestens 13,5 Prozent der 2024er Abstracts durch ein Sprachmodell gelaufen sind, in manchen Teilbereichen bis zu 40 Prozent. Der Effekt auf die Wissenschaftssprache war größer als der von Großereignissen wie der Covid-Pandemie. Das Paradewort dieses Fingerabdrucks ist „delve”, und mit feinem Humor trägt die Studie es selbst im Titel. Was Gelfond als Naht im Plastik beschreibt, liegt hier über einer ganzen Fachliteratur.
Damit schließt sich der Kreis zur Urteilskraft. Der oder die Einzelne sieht ein besseres Ergebnis und einen guten Grund, das Werkzeug zu nutzen. Die Kosten fallen dort an, wo sie niemand persönlich spürt, im kollektiven Spielraum. Deshalb kann Urteilskraft hier nicht allein individuell bleiben. Sie muss zur bewusst gepflegten Gegenbewegung werden, zu genau der ästhetischen Gegenbewegung, von der ich eingangs sprach.
Eine Abgrenzung noch, weil zwei Begriffe gern durcheinandergeraten. Es kursiert das Wort Model Collapse, aus einer vielzitierten Nature-Studie von Ilia Shumailov und Kolleg*innen. Das meint etwas anderes. Dort geht es ums Training. Wenn Modelle immer wieder auf dem synthetischen Output früherer Modelle trainiert werden, degeneriert die Fähigkeit künftiger Modelle, vielfältigen und hochwertigen Output zu erzeugen. Das ist eine Rückkopplung in den Trainingsdaten und ein Problem von morgen. Wovon ich hier rede, ist die Konvergenz im Output von heute, erzeugt von Menschen, die mit den aktuellen Modellen arbeiten. Zwei verschiedene Mechanismen, die man sauber auseinanderhalten sollte.
Bis hierhin ging es um den psychologischen Sog und das emergente Gesamtbild. Ich würde gerne noch über die Schicht reden, die meiner eigenen Arbeit am nächsten liegt. Und das ist die Macht. Irgendjemand setzt die Voreinstellungen, und das ist alles andere als folgenlos.
Chaykas Recherche zeigt einen Punkt, der über die Optik hinausgeht. Claude Design prägt mehr als nur den Look. Es lenkt seine Nutzer*innen auf dieselben wenigen Open-Source-Bausteine. shadcn UI und Radix UI für die Oberfläche, Drizzle für die Datenbank. Eine ganze Etage des neuen Webs wird aus demselben Baukasten zusammengesetzt. Anthropic räumt das im eigenen Frontend-Cookbook selbst ein, das Modell konvergiere zu generischen, erwartbaren Outputs, die Nutzer*innen als „AI slop” bezeichnen. Damit wird die Ästhetik eines einzigen Unternehmens zur Grundlinie für einen erheblichen Teil dessen, was gerade entsteht.
Warum das zieht, ist gut belegt. Menschen bleiben überproportional bei der vorgegebenen Option. Das ist der Status-quo-Bias, den Samuelson und Zeckhauser schon 1988 sauber dokumentiert haben. Jeder Default ist eine Entscheidungsarchitektur, keine neutrale Vorgabe. Wer den Default setzt, setzt die Grundlinie für alle, die nicht aktiv gegensteuern. Und Gegensteuern kostet, Zeit, Können und Mühe. Die Designerin Celine Nguyen bringt es im Chayka Text auf eine bittere Formel. Frei nach dem Eames-Credo, das Beste für die meisten zum geringsten Preis, biete das Werkzeug nun das ganz Gute für die meisten zum geringsten Aufwand. Zwanzig Dollar Abo im Monat statt jemanden fürs Design zu bezahlen. Den Preis dafür zahlt die Vielfalt.
Bei aller Schärfe der Analyse ist mir die Redlichkeit wichtig. Diese Schicht ist durch Reportage und benannte Praktiker*innen belegt, durch beobachtete Klischees, nicht durch eine kontrollierte Studie über das ganze Web. Die Beobachtung ist gut begründet, sie bleibt aber eine Beobachtung.
Klischees aus Vorlagen gab es immer. WordPress, Squarespace, Wix, alle haben ihre eigenen Standardlooks erzeugt. Der Unterschied liegt in Tempo und Hartnäckigkeit, und darin, dass der Default diesmal an der Quelle der Erzeugung selbst sitzt und in sehr wenigen Werkzeugen gebündelt ist. Die Macht über die Grundlinie ist konzentrierter als je zuvor.
Deshalb lese ich das Ganze als Macht- und Organisationsfrage. Die ästhetische Grundlinie eines großen Teils des digitalen Outputs wird von einer Handvoll Defaults aus wenigen Unternehmen gesetzt. Urteilskraft, das bewusste Gegensteuern, entscheidet, ob man im Default eines anderen lebt oder eine eigene Linie zieht.
Bis hierhin ergibt sich ein ziemlich dunkles Bild. Redlichkeit heißt aber nun auch, jetzt die Gegenevidenz danebenzustellen. Sie ist real, und sie ist der spannendste Teil der ganzen Geschichte. Denn die Forschung ist uneindeutig.
Erstens lässt sich der Zug zur Mitte beeinflussen. Lennart Meincke, Ethan Mollick und Christian Terwiesch zeigen, dass die richtigen Prompting-Methoden, allen voran Chain-of-Thought, die Streuung der KI-Ideen deutlich erhöhen, bis nahe an menschliches Niveau. Die Tendenz zum Durchschnitt ist also eine Einstellung und kein Schicksal. Wer anders fragt, bekommt auch mehr Bandbreite.
Zweitens gibt es einen handfesten Widerspruch zu meiner Konvergenz-Linie. Joshua Ashkinaze und Kolleg*innen führten ein großes, dynamisches Experiment durch, über 800 Teilnehmende aus mehr als 40 Ländern, bei dem die Ideen früherer Teilnehmender zum Material für spätere wurden, ganz wie kulturelle Evolution. Heraus kam ein klarer Befund. Hohe KI-Exposition steigerte die kollektive Vielfalt der Ideen, in Menge und Veränderungsrate. Die Ideen wurden vielfältiger, ohne aber individuell kreativer zu werden. In diesem Setting weitete die KI den gemeinsamen Raum, statt ihn zu verengen.
Das steht quer zu Doshi und Hauser aus dem letzten Abschnitt, und genau diese Spannung will ich nicht glätten. Dort, beim Ko-Schreiben mit KI-Ideen, rückten die Ergebnisse zusammen. Hier, wo KI nur ein Reiz unter anderen war und die Leute danach ihre eigene Idee bildeten, ging der Raum auf. Eine plausible Lesart geht so. Es kommt darauf an, wie die KI in den Prozess kommt. Wer sich an den glatten Output anlehnt und ihn übernimmt, konvergiert. Wer ihn als einen Anstoß unter mehreren nutzt und dann selbst weiterdenkt, kann die Bandbreite sogar vergrößern.
Und damit erleidgt sich die einfache These „alles wird gleich”. Das Vorzeichen des Effekts hängt an uns Menschen. Urteilskraft und Methode sind der entscheidende Hebel. Dasselbe Werkzeug kann verflachen oder weiten, und was darüber entscheidet, ist, ob wir passiv ankern oder aktiv steuern. Das ist die unbequemere Geschichte, die mich beim Recherchieren überrascht hat. GenAI hebt den Zugang und die individuelle Oberfläche. Ohne wache Urteilskraft senkt es die kollektive Bandbreite, mit ihr kann es sie heben. Die Beweislast verschiebt sich damit zu uns. Wir müssen Varianz bewusst gestalten.
Die Rettung ist real, aber sie ist nicht geschenkt.
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Kommen wir dahin zurück, wo ich angefangen habe, zur Optik. Das ist greifbar und alltäglich. Die Website, die heute jede*r in ein paar Stunden baut. Das PDF, das im Business mal eben rübergeschickt wird. Die HTML-Artefakte, diese neue, coole Art, Informationen interaktiv aufzubereiten. Präsentationen sowieso. Aber eines nach dem anderen fängt an, gleich auszusehen.
Der Look an sich ist dabei gar nicht das Problem. Das Werkzeug demokratisiert Gestaltung auf eine Art, die ich ernst nehme. Wer nie ein Budget für Design hatte, bekommt für zwanzig Dollar im Monat etwas Kompetentes, Aufgeräumtes, Vorzeigbares. Das ist ein echter Gewinn. Der Preis steht direkt daneben. Das Kompetente wird zur Grundlinie für alle, und genau dadurch verschwindet die Handschrift.
Was bleibt, ist eine Haltung gegenüber dieser Grundlinie. Urteilskraft heißt hier ganz konkret, zu entscheiden, ob meine Sachen im Default eines anderen aufgehen oder nach mir aussehen. Der bequeme Ausweg funktioniert dabei nicht. „Kein cremefarben” zu sagen, schiebe das Modell nach Anthropics eigener Auskunft nur auf die nächste feste Palette. Eine eigene Linie kostet Mühe, Wissen und ein wenig Eigensinn.
Und ehrlich, hier liegt der eigentliche Skandal der Bequemlichkeit. Die Erstellung ist so leicht geworden wie nie. Genau das setzt Zeit frei, Zeit, die wir früher ins Handwerk gesteckt haben. Wie viele von diesen ewig gleichen Artefakten wollen wir denn noch produzieren, bevor wir diese Zeit anders nutzen? Wählerischer werden kostet heute fast nichts. Dreißig Minuten für ein Moodboard aus Designs, die einem wirklich gefallen. Eine bewusste Entscheidung für eine Schrift, eine Farbe, eine Form, die etwas bedeutet. Das ist keine Kunst, das ist Muße, und die können wir uns endlich leisten.
Mein eigener Weg geht in zwei Richtungen. Erstens sorge ich für Differenzierung über die Inhalte. Wenn das Design nah an einem Default liegt, trägt der Gedanke die Unterscheidung. Zweitens bleibe ich mit dem Design im Reinen, solange jede Entscheidung eine konkrete Begründung hat. Serifen, weil ich sie gegen den kühlen Techno-Look gesetzt habe. Farben, weil sie aus meinem alten Logo stammen. Eine Wahl mit Grund hält den Verdacht des Einheitsbreis aus, eine Wahl per Default nicht.
Und damit bin ich wieder bei meiner eigenen Seite. Ich habe bewusst gewählt, mich gefreut, und wäre um ein Haar trotzdem im Einheitslook gelandet, sichtbar spätestens, als der geschätzte Kollege fast dasselbe postete. Die Lehre daraus ist unspektakulär und hartnäckig. Man muss ästhetische Gegenbewegungen bewusst pflegen, immer wieder, weil der Sog nie Pause macht. Wir müssen dagegen anschwimmen.
Schwimm’ mit dagegen an. Bleib’ dran!
Herzlichst
André
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