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taz.de - taz.de · Aug 22, 2026

Israel zerstört Dörfer im Libanon: Die Toten finden keine Ruhe

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Julia Neumann · taz

In rund 60 besetzen Grenzdörfern in Südlibanon hat Israels Armee auch Friedhöfe zerstört. Dabei sind Grabstätten völkerrechtlich besonders geschützt.

Ein zerstörter Friedhof in der weiten Landschaft von Südlibanons
Zerstörter Friedhof in Khiam. Für schiitische Muslime sind Gräber nicht bloß Ruhestätten. Sie verleihen Orten Bedeutung

Foto: Emilie Madi/reuters

Julia Neumann

Die Eltern von Tarek Mazraani liegen auf dem Friedhof in Hula im Süden Libanons. Oder: lagen begraben? Der Sohn weiß nicht, ob die Gräber noch existieren. Hula liegt an der Grenze zu Israel. Das Dorf ist seit fast drei Jahren von der israelischen Armee besetzt, so wie 59 andere Dörfer in Südlibanon. Mazraanis Haus ist zerstört, die Straße dorthin ebenfalls. „Kein Stein steht mehr auf dem anderen“, sagt der Ingenieur der taz am Telefon. Selbst den Friedhof kann er nicht besuchen.

„Israel hat viele Friedhöfe angegriffen. Die meisten wurden bombardiert, Gräber ausgegraben und geschändet. In vielen der besetzen Dörfer gibt es überhaupt keine Friedhöfe mehr“, erzählt Mazraani. Er hat eine Bürgerinitiative gegründet. Sie fordern von Libanons Regierung, zurückkehren zu können, Hilfe beim Wiederaufbau und den Stopp der Gespräche mit Israel – bis die Zerstörung wirklich aufhört. Wann sie wirklich zurückkönnen, wissen die über 360.000 Kriegsvertriebenen nicht.

Mazraani schickt Fotos der Grabsteine: Ein weißer für seine Mutter und ein schwarzer für seinen Vater; „Ruhevolle Seele, kehre zu deinem Herrn zurück“, steht darauf. „Wir haben sie regelmäßig besucht“, sagt er, „besonders an Feiertagen.“ Am Grab rezitierte Mazraani die Sure Al-Fatiha, um der Verstorbenen zu gedenken. Seine Kinder habe er damals mitgenommen, damit sie sich an ihre Großeltern erinnerten. „Unter Schiiten ist es Tradition, Gräber zu besuchen.“

Laut Tarek Mazraani ist die Zerstörung systematisch. „Neben Denkmälern und Statuen werden auch öffentliche Plätze verwüstet, Wahrzeichen, Straßen, Symbole. Sogar uralte Bäume werden gefällt und gestohlen“, erzählt er. „Als ob es einen Plan gäbe, die Erinnerung auszulöschen, jede Verbindung zum Land und zur Geschichte zu kappen.“

Die Erinnerung auslöschen

Hussein Chaabane dokumentiert die Zerstörung. Er arbeitet bei der libanesischen Organisation Legal Agenda und spricht von israelischen Kriegsverbrechen. Das zeige sich anhand des ersten Dorfes, das 2024 gesprengt und völlig zerstört wurde: Mhaibib.

Israels Armee behauptete damals, sie habe nicht das Dorf selbst gesprengt, sondern einen Tunnel darunter. Chaabane hat Videos der israelischen Armee analysiert und das Dorf während eines Waffenstillstands im November 2024 selbst besucht. „Unsere Untersuchung konnte zweifelsfrei belegen, dass die Häuser selbst gesprengt wurden. Wäre ein Tunnel darunter gesprengt worden, wäre das gesamte Haus mit Fundament eingestürzt.“

In diesem Dorf stellte Chaabanes Team auch fest, dass die Friedhöfe dem Erdboden gleichgemacht wurden. „Die Gräber wurden vollständig mit Bulldozern eingeebnet.“ Das entwickelte sich zu einem Muster, sagt Chaabane. „32 Dörfer sind mittlerweile vollständig zerstört.“

Israels ultrarechte Regierung behauptet, sie wolle in der Region eine Pufferzone einrichten, um Nordisrael vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. Mittlerweile spricht Verteidigungsminister Israel Katz ausdrücklich von einer Politik der Zerstörung ganzer Dörfer. Aus Chaabanes Sicht geht es um die dauerhafte Vertreibung der Bevölkerung: Die vollständige Zerstörung von Friedhöfen spiele dabei „eine entscheidende Rolle“, sie ermögliche ethnische Säuberung. „Für Schiiten sind Gräber nicht bloß Ruhestätten der Verstorbenen“, erklärt er. „Sie sind davon überzeugt, dass die Toten sie hören und nicht gänzlich verschwunden sind.“

Wenn Israels Armee die Friedhöfe vernichtet, tilgt sie nicht nur die Toten aus, sondern auch die Bedeutung des Ortes für die Lebenden, sagt Chaabane. „Sie sehen in den Gräbern ihre Wurzeln, die Ruhestätte ihrer Liebsten, ein Zeugnis ihres Daseins im Dorf. Es ist eine Verbindung zu den Generationen, die vor ihnen dort gelebt haben.“

Keine rechtliche Handhabe

Aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Bedeutung sind Gräber völkerrechtlich besonders geschützt. Tarek Chabaane hofft, das Beweismaterial des israelischen Vorgehens in der Region vor Gericht bringen zu können. Doch Libanon ist kein Mitglied des Internationalen Strafgerichtshofs. Dieser hat deshalb keine Erlaubnis, Kriegsverbrechen in dem Land zu untersuchen. Hinzu kommt: Libanons Regierung hat im Abkommen mit Israel unterschrieben, auf Strafverfolgung zu verzichten.

Während Libanons Regierung noch mit Israel verhandelt, verwüsten israelische Truppen weiter die Dörfer. Täglich gibt es Berichte über Sprengungen, Demolierungen und Feuer. In dem Grenzdorf Yaroun hat Israels Armee diesen Monat ganze Olivenhaine verbrannt. „Es scheint, als sei nichts mehr von unseren Olivenbäumen übrig“, sagt Bürgermeister Adib Ajaka der taz.

Selbst der Bürgermeister weiß nur durch Satellitenbilder, wie es um das Dorf bestellt ist. „Soweit wir wissen, ist unser Dorf völlig zerstört.“ In Yaroun wohnten schiitische Muslime und katholische Christen. Es gab zwei Moscheen und eine Kirche. Zwischen Dezember 2024 und Ende Februar 2025 besetzte die israelische Armee das Dorf zum ersten Mal. „Damals hat das israelische Militär die Kirche zerstört, auch die Moscheen und das Gemeindehaus. Sie haben sogar unseren Eichenwald vernichtet. Und jahrhundertealte Häuser sowie Friedhöfe beschädigt“, sagt er.

Am 2. März dieses Jahres hat Israels Armee Yaroun erneut besetzt. Fotos und Satellitenbildern zufolge wurden ein Kloster und eine von Nonnen geführte Schule mit einer Planierraube zerstört. Seitdem wartet Adib Ajaka sehnsüchtig auf die Möglichkeit zurückzukehren. Selbst wenn sein Haus, ein weiteres Haus seiner Familie und der Garten mit seinem geliebten Zitronenbaum nicht mehr stehen. Ajaka möchte alles wieder aufbauen, so schnell wie es geht.

wochentaz

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Das will auch Tarek Mazraani. Er erzählt, dass nicht nur die Lebenden zurück in die Dörfer möchten. Auch die Toten würden darauf warten. „Diejenigen, die jetzt sterben, werden auf sogenannten provisorischen Friedhöfen beigesetzt.“ Sie würden dort nur vorübergehend begraben. „Falls wir jemals zurückkehren können, müssen wir das Grab ausheben, den Leichnam bergen und ihn in unserem Dorf wieder beerdigen.“

Die gesamte Situation sei qualvoll, sagt Mazraani. Viele Menschen sehnten sich nach ihrem Land und danach, ihre Angehörigen dort zu bestatten. „Viele sterben an gebrochenem Herzen, weil sie von ihrer Heimat getrennt wurden.“

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