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taz.de - taz.de · Aug 21, 2026

Plakataktion in MV: „Wir haben keine Angst. Wir zeigen Gesicht“

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Adam Schwedhelm · taz

So denkt das Bundesland über Demokratie: Die Fotografin Sabina von Kessel organisiert eine Plakataktion über Menschen in Mecklenburg-Vorpommern.

In einer Wohnsiedlung vor einem gelben Haus hängen drei junge Menschen ein Plakat an einer Straßenlaterne auf
In Malchin hängen Jugendliche die ersten Plakate von „Wir zeigen Gesicht“ auf

Foto: privat

Adam Schwedhelm

Was haben eine Bäuerin, ein Fischereiwissenschaftler, ein Imbissbesitzer, eine Reinigungskraft und eine Polizistin gemeinsam? Sie sind Meck­len­bur­ge­r*in­nen und Pom­me­r*in­nen. Und sie lassen sich bis zu den Landtagswahlen im Bundesland plakatieren. Unter dem Motto: „Wir zeigen Gesicht. Für ein weltoffenes MV.“ organisiert Fotografin Sabine von Kessel eine Plakataktion über die Menschen von MV, wie sie wirklich sind.

In Malchin und Gielow wurden die ersten 100 Plakate druckfrisch am Mittwochmorgen aufgehängt. „Wir haben 3.750 Plakate drucken lassen“, sagt von Kessel. An Verteilpunkten in Neustrelitz, Greifswald, Rostock und Schwerin werden die Plakate verteilt, die Freiwillige und verschiedene Initiativen bis zur Landtagswahl überall in Mecklenburg-Vorpommern aufhängen. Außerdem zeigt Sabine von Kessel weitere Porträts in einer Ausstellung in der „STRAZE“ in Greifswald.

„Bunt statt braun“, „Können ist international“, „Liebe ist stärker als Hass“: Solche Zitate zieren die Plakate sowie Beruf und Heimatort der Porträtierten. Die Porträts lehnen sich bewusst an die Ästhetik von Wahlplakaten an, sagt von Kessel. „Die Leute werden sich im September fragen, wo ist denn nun diese Partei auf dem Wahlzettel?“, sei die Reaktion einer Freundin gewesen. Aber die Plakate seien viel differenzierter und zeigten Menschen in realen Situationen im Alltag. „Nicht so gestellt mit hellblauem Hintergrund.“

Porträt von Sabina von Kessel
Sabina von Kessel fotografierte in den letzten Monaten Menschen aus MV für die Plakataktion

Foto: privat

Sabine von Kessel kommt gebürtig nicht von hier, „aber meine Vorfahren mütterlicherseits liegen hier auf dem Friedhof“. Viele Jahre arbeitete sie in der Entwicklungszusammenarbeit. 12 Jahre in Indien und 2 Jahre in Südafrika für die Afrikanische Union. Sie sei zurück nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen, denn „Entwicklungsarbeit braucht es überall.“

Zwölf bunte Portraits

Kathrin mit der Kuh

An die Fotosessions kann sich von Kessel gut erinnern. „An jede einzelne!“ Zum Beispiel an Kathrin mit der Kuh. Die Landwirtin traf sie an einem Februartag. Es lag Schnee und bitterer Frost. „Wir haben so gefroren. Aber die Landwirt*innen, die haben geschwitzt!“ Auch andere Gespräche sind ihr noch lebendig im Kopf: mit Nouga Nouga, einem Lehrer in Sternberg, der gebürtig aus Kamerun kommt, oder mit Stephanie D., einer Reinigungskraft in Schwerin.

In Parchim wurde sie von Mehmet S. an einem anderen sehr kalten Tag auf einen Tee im Hinterzimmer seines Imbisses eingeladen. Eine Stunde redeten sie über seine Arbeit, Parchim und die große kurdische Community dort. Dann fragte von Kessel, ob sie ein Porträt von ihm schießen dürfe.

Das Gespräch vorher ist entscheidend. Und die Intensität des Blicks entscheide über die Auswahl ihrer Modelle. Die komme für Sabina von Kessel durch „Konzentration im Gesicht“. Deshalb sei Fotografieren keine unpolitische Form, betont sie. „Das Wichtige ist, eine Beziehung aufzunehmen.“

Mit ruhiger Ausstrahlung und Ernsthaftigkeit sollen von Kessels Modelle zeigen: „Ich habe keine Angst.“ Sie habe die Modelle nicht aufgefordert, eine Position gegen etwas einzunehmen, sondern für etwas. Wie zum Beispiel die 88-jährige Rita A. aus Neustrelitz auf einer Schaukel: „Es sieht so aus, als ob sie die Faust hebt.“

Vielfalt gegen rechts

Denn reichen Ruhe und Konzentration gegen den Rechtsruck? Die Gruppe „zusammen bewegen“ habe sich als Bewegung entschieden, sich nicht gegen die AfD zu positionieren, sondern in den Dialog zu gehen. „Es gibt ja vielfältige Formen von Protest.“ Die Omas gegen Rechts aus Greifwald etwa waren sehr sympathisch. Sie fotografierte sie bewusst vor einem gesprayten Hintergrund: „Also sehr modern!“

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„Es gibt sehr viele mutige Menschen, auch in diesem Land“ betont von Kessel. Viele hätten ein Bild von Engstirnigkeit in MV. Das störe sie auch an den Medien. „Die AfD gibt es auch in anderen Teilen Deutschlands.“ Ein Besuch aus Köln etwa sei „total erstaunt“ gewesen, was für offene Menschen und tolle Angebote es hier gebe. Dass sich ihre Aktion nicht nur an Meck­len­bur­ge­r*in­nen und Pom­me­r*in­nen selbst richtet, sondern auch an Menschen von außerhalb, daran habe die Fotografin anfangs gar nicht gedacht. „Aber immerhin gibt es hier 8 Millionen Tourist*innen.“

Ob sie die Landtagswahlen beeinflussen können: „Na ja. Leute, die sich eine AfD-Fahne in den Garten hängen, erreichen wir eh nicht. Aber es gibt ja etwa 20 Prozent Unentschiedene. An die wenden wir uns.“ Jede und jeder auf den Plakaten sei ein Beispiel dafür, Mut zu zeigen und für Demokratie einzustehen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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