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SWISSVOX · Aug 20, 2026

Schweizer Unternehmen unter Druck: Die Konkurswelle von 2025 und 2026

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2025 war kein normales Konkursjahr. 2026 setzt die Entwicklung fort – und die Zahl der Firmenpleiten bleibt auf Rekordniveau. Doch hinter den nackten Zahlen steckt ein wichtiger Unterschied: Ein Teil des Anstiegs ist tatsächlich wirtschaftlich, ein anderer Teil ist Folge einer Gesetzesänderung.

Die Schweizer Wirtschaft erlebt eine ungewöhnliche Bereinigung. Im Jahr 2025 wurden nach der offiziellen Statistik des Bundes 12’485 Unternehmenskonkurse eröffnet. Das waren 61,2 Prozent mehr als 2024. Insgesamt wurden 13’612 Konkursverfahren eröffnet, davon 12’485 gegen Unternehmen und 1’127 gegen Privatpersonen.

Die Zahl ist gewaltig. Doch sie darf nicht einfach mit einer klassischen Wirtschaftskrise gleichgesetzt werden.

Der entscheidende Einschnitt kam am 1. Januar 2025. Mit der Revision des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes können öffentlich-rechtliche Gläubiger bei Unternehmen im Handelsregister offene Forderungen wie Steuern oder Sozialversicherungsbeiträge auf dem Konkursweg durchsetzen. Zuvor war hier grundsätzlich die Betreibung auf Pfändung vorgesehen.

Damit wurden Unternehmen sichtbar, die wirtschaftlich möglicherweise schon länger angeschlagen waren, aber bisher nicht zwingend im Konkursverfahren landeten.

Der Bund selbst warnt deshalb davor, den Anstieg vollständig als konjunkturellen Einbruch zu interpretieren. Gleichzeitig lässt sich statistisch nicht exakt bestimmen, welcher Anteil der zusätzlichen Konkurse allein durch die Gesetzesänderung ausgelöst wurde.

Das macht die Entwicklung interessant: Die Konkurswelle ist real – aber ihre Ursachen sind komplexer als eine einfache Geschichte vom wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Die finanziellen Folgen sind trotzdem erheblich.

2025 belief sich der finanzielle Verlust aus Konkursverlustscheinen auf knapp 1,8 Milliarden Franken. Das entspricht einem Anstieg von 17,8 Prozent gegenüber 2024. Gleichzeitig wurden 19’894 Konkursverfahren abgeschlossen; 55,9 Prozent davon mussten mangels Aktiven eingestellt werden.

Das ist ein wichtiger Punkt.

Ein Konkurs bedeutet nicht automatisch, dass Gläubiger grosse Vermögenswerte vorfinden, die anschliessend verteilt werden können. Bei mehr als der Hälfte der abgeschlossenen Verfahren war 2025 schlicht nicht genügend verwertbares Vermögen vorhanden.

Die Rechnung bezahlen damit nicht nur Eigentümer und Unternehmer. Betroffen sind auch Lieferanten, Vermieter, Arbeitnehmer, Banken, Sozialversicherungen und letztlich andere Unternehmen in der Lieferkette.

Die Konkurswelle verteilt sich nicht gleichmässig über die Wirtschaft.

Bereits in den ersten elf Monaten 2025 entfielen bei den von CRIF erfassten Konkursen besonders viele Fälle auf das Baugewerbe mit 1’576 Konkursen, die Gastronomie mit 1’090 und den Detailhandel mit 774 Fällen. Gleichzeitig stiegen die Konkurse beispielsweise in der Immobilienbranche besonders stark.

Diese Branchen haben eines gemeinsam: Sie arbeiten häufig mit relativ engen Margen, hohen Fixkosten und erheblichem Liquiditätsdruck.

Steigende Löhne, Mieten, Finanzierungskosten, Energiepreise, eine starke Konkurrenz und eine veränderte Konsumnachfrage können deshalb schnell aus einem schwachen Geschäftsjahr ein Liquiditätsproblem machen.

Wer gehofft hatte, dass die hohen Konkurszahlen von 2025 nur ein einmaliger statistischer Effekt der Gesetzesänderung waren, bekommt 2026 eine unangenehme Antwort.

Nach den aktuellen CRIF-Daten wurden allein von Januar bis Juni 2026 insgesamt 7’603 Firmenkonkurse eröffnet. Das sind 53,9 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025.

Besonders betroffen waren erneut das Baugewerbe mit 919 Fällen, die Gastronomie mit 697 und der Detailhandel mit 587 Konkursen.

Noch auffälliger sind die prozentualen Veränderungen einzelner Branchen: Bei Finanzdienstleistungen stiegen die Konkurseröffnungen im ersten Halbjahr um 94 Prozent, im Grundstücks- und Wohnungswesen sogar um 99 Prozent. Auch Unternehmensberatung, IT und Grosshandel verzeichneten starke Zunahmen.

Regional zeigen sich ebenfalls erhebliche Unterschiede. Im Kanton Thurgau stiegen die Konkurszahlen im ersten Halbjahr um 185,6 Prozent, in Basel-Landschaft um 146,9 Prozent und im Jura um 131,4 Prozent. Einzige Ausnahme bei den Kantonen war Schwyz mit einem Rückgang von 16,3 Prozent.

Das vielleicht überraschendste Detail der aktuellen Entwicklung: Die Schweiz erlebt gleichzeitig eine Konkurs- und eine Gründungswelle.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 27’719 neue Unternehmen ins Handelsregister eingetragen – 2,5 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Besonders viele Neugründungen gab es bei Unternehmensberatungen, in der Immobilienbranche und im Bau.

Das bedeutet: Die Schweizer Wirtschaft verschwindet nicht.

Sie verändert sich.

Alte, wirtschaftlich nicht mehr tragfähige Unternehmen verlassen den Markt, während gleichzeitig neue Unternehmen entstehen. Die Gesetzesänderung von 2025 hat diesen Prozess zusätzlich beschleunigt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Schweiz eine Konkurswelle erlebt. Das tut sie.

Die entscheidende Frage lautet: Was steckt dahinter?

Dun & Bradstreet kommt für 2025 ebenfalls zu dem Schluss, dass die Entwicklung wesentlich durch die Revision des SchKG geprägt wurde. Gleichzeitig stiegen dort die erfassten Insolvenzverfahren bei Handelsregisterfirmen um 54 Prozent. Das Unternehmen spricht von einer beschleunigten Marktbereinigung.

Das ist die optimistische Interpretation: Der Schweizer Wirtschaftsstandort räumt auf. Unternehmen, die ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können, verschwinden schneller vom Markt. Dadurch werden Wettbewerbsverzerrungen reduziert.

Die pessimistische Interpretation lautet: Die Gesetzesänderung hat zwar einen Teil der Zahlen produziert, aber sie hat gleichzeitig Unternehmen sichtbar gemacht, die tatsächlich finanzielle Probleme haben.

Denn ein gesundes Unternehmen geht nicht allein deshalb unter, weil plötzlich Steuerschulden konsequenter eingefordert werden. Die neue Regel kann den Zeitpunkt des Konkurses verändern – sie erklärt aber nicht automatisch jede wirtschaftliche Schwäche.

Die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026 ist deshalb wichtiger als die reine Zahl von 7’603 Konkursen.

Denn inzwischen liegen nicht nur die Auswirkungen der Gesetzesänderung auf dem Tisch. Auch Branchen mit hoher Verschuldung, knappen Margen und strukturellem Wandel geraten zunehmend unter Druck.

Besonders auffällig sind Immobilien, Finanzdienstleistungen, IT, Detail- und Grosshandel.

Gleichzeitig bleibt die Schweizer Gründungsdynamik positiv.

Das Bild ist deshalb widersprüchlich: Auf der einen Seite verschwinden Unternehmen in grosser Zahl. Auf der anderen Seite entstehen neue.

Genau das spricht gegen die einfache These vom «wirtschaftlichen Kollaps der Schweiz».

Aber es spricht ebenso gegen die Vorstellung, bei den Konkurszahlen handle es sich lediglich um einen statistischen Sondereffekt.

Für die Schweiz wird entscheidend sein, wie sich die Konkurszahlen nach dem vollständigen Auslaufen des statistischen Sondereffekts der Gesetzesänderung entwickeln.

Bleiben sie dauerhaft auf diesem Niveau, wäre das ein wesentlich stärkeres konjunkturelles Warnsignal.

Fallen sie wieder deutlich zurück, dürfte sich bestätigen, dass ein erheblicher Teil der Explosion von 2025 und 2026 durch die neue Konkurslogik ausgelöst wurde.

Noch ist diese Frage nicht endgültig beantwortet.

Fest steht aber bereits heute:

2025 war ein Rekordjahr bei den Unternehmenskonkursen. Und 2026 beginnt nicht mit einer Entspannung, sondern mit einer weiteren massiven Zunahme.

Die Schweiz erlebt damit keine klassische flächendeckende Wirtschaftskrise. Sie erlebt etwas Komplizierteres: eine aggressive Marktbereinigung, verschärften finanziellen Druck auf Unternehmen und gleichzeitig eine bemerkenswert hohe Zahl von Neugründungen.

Für Unternehmer bedeutet das vor allem eines: Liquidität wird wichtiger. Für Gläubiger bedeutet es: Bonitätsrisiken steigen. Und für die Politik stellt sich die Frage, ob die aktuelle Konkurswelle tatsächlich nur den Markt bereinigt – oder ob sie bereits ein Symptom tieferliegender Probleme des Schweizer Wirtschaftsstandorts ist.

Die Zahlen für 2026 geben jedenfalls noch keinen Grund zur Entwarnung.

Read the original on swissvox.substack.com

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