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Weiterdenken · Aug 16, 2026

Wenn Menschen hilflos sind

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Svenja Hofert · Weiterdenken

Seit einiger Zeit begleitet mich ein kleiner Hund namens Ella Propella. Sie kommt aus der Nähe von Thessaloniki und heißt so, weil sie ihren Schwanz drehen kann wie eine Rotorscheibe.

Meine Mutter ist in Reha und kann ihn oder vielmehr sie derzeit nicht halten. Gestern abend waren wir zusammen im Deutsche-Bahn-Restaurant. Es war viel los, und die kleine Hündin bekam einen Tritt von einem großen Mann, was ihren Schwanz sinken und sie zittern ließ. Der Mann beachtete das Tier nicht mal. War ich empört! Ich hätte den Typen umbringen können. Und nein, ich neige sonst nicht zu Wutausbrüchen.

Es gibt Dinge im Leben, die versteht man erst, wenn man sie einmal intensiv gefühlt hat. Deshalb ist Verstehen so eine Sache. Es kann im präfrontalen Cortex zirkulieren, im vorderen Bereich unseres Gehirns also, ohne wirklich tief zu gehen und die Insula in die älteren Hirnbereiche zu überbrücken.

Ich unterscheide kognitives, affektives und verbundenes Verstehen.

Richtig bewusst wurde mir diese Unterscheidung, seitdem ich über den Satzanfang „Wenn Menschen hilflos sind“ nachsinne. Es ist einer der Wortstämme aus dem Washington University Sentence Completion Test (WUSCT), mit dem ich im Coaching arbeite. Ein Mitglied meiner Supervisionsgruppe hatte ihn eingebracht. Er wollte wissen, was uns dazu für Gedanken kommen – weil ich der Satz so sehr berührte.

Das ist eine typische Aufgabe dieses Tests, bei dem es um Satzvervollständigungen geht. Manche schreiben „Wenn Menschen hilflos sind… hilft man“. Das ist dann wenig differenziert und würde von einem „Scorer“ (Auswerter) als „E4“, also konformistisch eingestuft – der Satz, nicht der Mensch wohlgemerkt. Ich habe meinen Satz ausdifferenziert. Manchmal berührt mich Hilflosigkeit, oft muss ich mich schützen. Und im Grunde ständig unterscheiden und über Konsequenzen nachdenken, etwa wenn ich dieses Mal den Euro gebe….

Die Frage ist ja auch, ob nur ich die Hilflosigkeit sehe oder das Gegenüber selbst sich auch so wahrnimmt. Hilflosigkeit kann sich wie Abhängigkeit anfühlen, dann ist das kein gutes Gefühl und verhindert echte Beziehung.

Gestern fuhr ich mit einen syrischen Taxifahrer, der drei Finger durch eine Bombe verloren hatte. Er brauchte lange, meine Quittung zu schreiben, ich wollte helfen. Doch das wollte er nicht – er wollte lernen!

Seit einiger Zeit merke ich eine neue Qualität in solchen Momenten: Ich bin vieles zugleich, mitfühlend, aber auch freudig, fühle tief, kann das aber auch im nächsten Moment wieder loslassen.

Es ist drei Monate her, seitdem wir uns professionell mit diesem Satz beschäftigten. Und irgendwie merke ich, wie meine Gedanken kürzer werden; ich fühle das mehr. Das ist vielleicht das, was verbindendes Verstehen ausmacht. Vielleicht muss der Mann im Zug einfach mal ein paar Wochen auf einen Hund aufpassen…

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