Diese Woche in der Straßenbahn: Eine Gruppe etwa 13-jähriger Mädchen spricht über eine Mitschülerin, der man ADHS attestiert. Im Hotel: Der Barmann outet sich — „hab ADHS”. In der Supervisionsgruppe bringe ich das Thema ein: siebenköpfiges Augenrollen. Und dann funkt es mir auch noch im Coaching rein. Denn immer mehr Führungskräfte haben damit zu tun, dass irgendjemand eine Diagnose als Begründung für dysfunktionales Verhalten im Team einbringt.
Warum nervt es, spaltet es, baut sich eine derartige Industrie um ein paar Buchstaben auf? Ein „zertifizierter ADHS-Coach” nach 8-Stunden-Kurs ploppt mir bei Instagram entgegen. Dass dieses „Produkt” angeblich 4,9 Sterne hat, lässt meinen Blutdruck kurz steigen. Ja, da ist Ärger.
Es ist in gewisser Weise wie vor etwa einem Jahrzehnt bei Hochsensibilität, nur in der Breitenwirkung deutlich schlimmer. Oder auch damals, Anfang der 2000er, als absolut jedes Kind hochbegabt sein sollte. Damals gab es noch nicht so viele Kopierer und kein Brennglas namens Algorithmus, der einen zwingt, es zu hören, zu sehen, zu merken. Es wächst zusammen mit gesellschaftlichen Wellen, in deren Folge plötzlich die „Neurotypischen” unter Rechtfertigungsdruck geraten — befeuert durch Aussagen wie die von Alex Karp, CEO des umstrittenen US-Unternehmens Palantir. Karp hatte gesagt, in Zukunft würden nur zwei Gruppen überleben: Menschen mit handwerklichen Fähigkeiten und Neurodivergente - gemeint sind Menschen mit ADHS, Autismus und Ähnlichem. Genau diese „anderen” Gehirne seien der Rohstoff des KI-Zeitalters.
Solche Aussagen lassen den Börsenwert eines Etiketts steigen. Und wie das bei Etiketten so ist, passen sie plötzlich auf alles, was man mit Begriffen wie unkonzentriert, hibbelig oder “kreatives Chaos” assoziiert. In der Theorie von Julius Kuhl aktiviert ein Etikett das Objekterkennungssystem OES. Es zoomt sich in Details. Der Blick richtet sich auf einen kleinen Punkt, blendet alles andere aus. Im multiplen Rauschen gibt es dann nur noch einen Ton. Im bunten Bild ist plötzlich alles… rot. Die Umgebung wird ausgeblendet. Es ist nicht mehr Mensch in Landschaft, sondern ein Aspekt, der in den Vordergrund tritt, während alles andere nach hinten rückt. Das OES ist bei Kuhl eines von vier Systemen - und nur im Zusammenspiel mit den anderen entsteht ein kontextangemessenes Bild.
Kontextangemessen betrachtet sind Verhaltensweisen wie kreatives Denken oder leichte Ablenkbarkeit zunächst nur Beobachtungen. Beobachtungen, die eine bestimmte Brille brauchen, um als Störung zu gelten. Die Bewertung liegt nicht im Verhalten selbst - sondern im System, das bewertet.
Je weniger wir wissen, desto trivialer sind unsere Urteile. Je mehr wir wissen, desto schwerer fallen sie. 13-jährige Schülerinnen wissen für gewöhnlich nicht, dass sich neurobiologische Besonderheiten und soziale Prägungen nicht sauber voneinander trennen lassen - und das Henne-Ei-Problem damit unlösbar ist. Nehmen wir einen Forschungsfakt: Unsichere Bindung ist bei Menschen mit ADHS-Diagnose deutlich überrepräsentiert. Pinto et al. haben in einer Meta-Analyse über 26 Studien gezeigt, dass unsichere Bindung signifikant mit ADHS-Symptomen korreliert - Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, emotionale Dysregulation. Bindungsstile sind das früheste Regulationssystem, das ein Mensch entwickelt. Sie betreffen genau die Funktionen, die bei ADHS als gestört gelten. Das ist der Kern einer der größten Debatten in Psychiatrie und Entwicklungspsychologie - und er taucht in keinem 8-Stunden-Kurs auf.
Ich habe viele Menschen erlebt, bei denen eine Diagnose - von was auch immer - wichtig für die berufliche und persönliche Findung und Entwicklung war. Aber sie entlastet nicht vom Zurechtkommen in der Welt. Und davon, weiter neugierig auf die Reise sein, der zu werden, der man sein kann UND will, darf und kann in dieser Welt.
Phänomenologisch sind viele Symptome identisch, egal ob die Ursache neurobiologisch oder bindungsbiografisch ist. Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität, emotionale Dysregulation - das sieht im Verhalten alles gleich aus. Diagnosesysteme wie DSM und ICD fragen nach Symptomen, nicht nach Ursachen. Das heißt, jemand mit traumatischer Bindungsgeschichte kann dieselbe ADHS-Diagnose bekommen wie jemand mit primär genetischer Disposition — aber nicht dieselbe Therapie brauchen.
Neurobiologisch gibt es ebenfalls keine sauberen Abgrenzungen. Chronischer früher Stress verändert den präfrontalen Kortex, die Amygdala, das Dopaminsystem - auf eine Weise, die sich von „angeborenem” ADHS nicht unterscheiden lässt. Die Prägung wird Biologie. Oder umgekehrt.
Interventionen wirken manchmal unabhängig von der Ursache: Methylphenidat erhöht Dopamin - egal warum der Dopaminhaushalt dysreguliert ist. Das erklärt, warum Medikamente bei vielen funktionieren, ohne dass die Frage „woher kommt das?” je beantwortet wurde.
Doch die Haltung dahinter ist nicht egal. Wer eine Diagnose biologisiert, entlastet die Systeme, die möglicherweise Teil der Ursache sind. Familie. Schule. Unternehmen. Solange wir das Individuum diagnostizieren, stellen wir nie die richtigen Fragen. Das ist keine Kleinigkeit - das ist eine politische Entscheidung, die im Gewand der Medizin daherkommt.
Genau hier ist Kuhls Ansatz wegweisend: Er fragt nicht „was ist defekt?”, sondern welches System übernimmt, wenn ein anderes blockiert ist. Das ist eine funktionale, keine pathologische Sichtweise. Und sie erfordert, dass wir Etiketten nicht als Endpunkt behandeln. Es ist wichtig, auch immer die Funktionalität im Blick zu behalten.
Was ist funktional für den Menschen? Eine Diagnose kann identitätsbildend sein - und damit richtig und gut. Aber auch: Was ist gut für seine Entwicklung: Da kann es sein, dass die Diagnose wie ein Brennglas nur einen Aspekt fokussiert, was entwicklungshemmend wirkt. Letztlich geht es auch um das umgebende System? Was ist ein für alle funktionaler Umgang mit solchen Etiketten? Braucht man sie oder besser nicht?
Die eigentlich drängende Frage lautet nicht: Hat diese Person dieses oder jenes? Sondern: In welchem System befindet sie sich - und was hält dieses System davon ab, ihr zu geben, was sie braucht? Und wie werden wechselseitige Beziehungen mit anderen möglich?
Wenn der Text auch für andere interessant ist, gerne empfehlen!
Diskussionen mag ich sehr - teile deine Gedanken:
Veränderung zu begleiten, bedeutet auch solche Themen mitzudenken. Das tun wir in unserer Ausbildung, die am 8.10. startet - anhand der Fälle der Teilnehmenden. Schau doch mal rein.
Mein Podcast-Interview mit Prof. Dr. Andre Zimpel findet sehr viel Zuspruch - hier im Video
Im DERSPIEGEL findet sich aktuell ein Dossier über das Anderssein. Hinter der Paywall.
Meinen Karriereanker für Neurodiversität könnt ihr hier ausprobieren und mir gern Feedback geben. Man darf dafür auch ganz normal sein :-) Und nein, nicht für Ettiketten - für Vielfalt

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.