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Stefan A K Weichelt · Aug 16, 2026

Vierzig Jahre Filmbranche zwischen Zelluloid, KI und digitalen Doppelgängern

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Stefan A K Weichelt · Stefan A K Weichelt

Ich will euch mal ein bisschen was über mich erzählen und darüber, was gerade so los ist.

Angefangen habe ich in der Film- und Fernsehbranche 1985. Da war ich gerade achtzehn. Trotzdem durfte ich ziemlich schnell an die damals professionellen Videoanlagen, U-Matic, Betacam, das gute schwere Zeug, bei dem man beim Tragen wusste, dass man arbeitet. Für einen Achtzehnjährigen war das ungefähr so, als würde man dich in einen Ferrari setzen und sagen, fahr mal.

Aber es hat mich schnell zum Film gezogen. Und zwar zum echten.

Zwei Jahre später war es dann so weit. Ich durfte bei einem Spielfilm mitarbeiten, teils als Regieassistent, und nebenbei habe ich noch eine Dokumentation über die Entstehung des Films gedreht. Später saß ich dann am Schnitttisch, und dort lag kein Datenträger, sondern echtes Zelluloid. Ein Schnitt war damals eine körperliche Handlung, Klinge und Klebeband, und wenn du dich vertan hast, hast du das an den Fingern gemerkt. Beim Video mit U-Matic war es einfacher, aber langwierig. Du spulst, du wartest, du spulst zurück, du wartest wieder, und irgendwann sitzt dein Schnitt. Und das Ergebnis sah aus wie durch Milchglas betrachtet. Zumindest aus heutiger Sicht. Film war einfach die bessere Qualität, deshalb ging kein Weg daran vorbei.

Gedreht wurde unter anderem auf Gran Canaria. Hier sind ein paar Bilder davon.

Kameraassistent mit einer Arri. 1987. Foto: Stefan Weichelt
Richard Harrison und Sharon von Wietersheim 1987. Foto: Stefan Weichelt

Mit dabei waren Richard Harrison und Sharon von Wietersheim, die bis heute im Geschäft ist und inzwischen selbst Regie führt. Wir haben uns danach allerdings recht bald aus den Augen verloren.

Und eine Geschichte muss ich noch loswerden. Ich sollte Christine Neubauer vom Flughafen abholen, mit einem offenen Jeep, der kein Verdeck dabeihatte. Quer über die Insel, bei bestem Wetter. Auf halber Strecke fing es an zu schütten wie aus Kübeln, warm zwar, aber nass ist nass. Am Flughafen hörte es genau in dem Moment wieder auf, in dem ich ankam. Ich stand also pünktlich da, in strahlendem Sonnenschein, mit einem Schild in der Hand und klatschnass bis auf die Knochen. Sie kam raus, sah mich an, und der Blick sagte alles.

So war das damals.

Christine Neubauer und Richard Harrison 1987. Foto: Stefan Weichelt

Und jetzt kommt die Pointe, die keine schöne ist: Der Film ist nie herausgekommen. Nie. Die letzten Arbeiten wurden vom Produzenten nicht mehr bezahlt, und was nicht bezahlt wird, wandert bekanntlich nicht in den Verleih, sondern ins Regal. Ich vermute die Rollen bis heute irgendwo in einem Keller bei ARRI. Wenn dort jemand mal aufräumt und sich wundert, was das für Dosen sind: das war mein erster Spielfilm. Also nicht meiner. Aber ich war dabei. Aber das ist eine andere Geschichte, die erzähle ich vielleicht ein andermal.

Sprung nach vorn. Vor zwei Wochen saß ich an einem Einstieg für eine Sendung: Die Kamera startet unter Wasser, taucht auf, und der Auftauchmoment geht nahtlos ins reale Studio über. Wasseroberfläche bricht, Tropfen laufen ab, und plötzlich steht da die Moderation im echten Set.

Aiman Abdallah bei einer Galileo-Moderation. Bildgestaltung und Visual Effects: Stefan Weichelt

Vor zwanzig oder dreißig Jahren wäre so etwas eine sehr, sehr teure Angelegenheit gewesen. Und ehrlich gesagt hätte es auch nicht annähernd so gut ausgesehen. Für eine Fernsehsendung, auch wenn es in diesem Fall nur eine kleine Voraufzeichnung und nicht ganz live war, wäre das schlicht nicht drin gewesen. Kein Sender hätte dafür das Budget freigegeben, kein Produzent die Tage an Renderzeit durchgewunken.

Heute macht das ein Mensch mit einer Workstation. Ich zum Beispiel. Meistens mit klassischen 3D-Tools. Und seit einiger Zeit kommt noch etwas dazu, das vieles noch einmal schneller, einfacher und in manchen Fällen überhaupt erst möglich macht: künstliche Intelligenz.

Wir, also meine Firma, machen solche Arbeiten übrigens schon seit über zwanzig Jahren. KI ist für uns deshalb nicht der Ersatz für all das, was vorher da war, sondern ein weiteres Werkzeug im Kasten. Eines, das inzwischen allerdings ziemlich mächtig geworden ist.

Und genau da beginnt die interessante Frage: Was bedeutet KI in diesem Zusammenhang eigentlich? Und darf man einfach jede Person durch eine KI jagen?

Ganz vorweg: Den Moderator in dieser Szene habe ich nicht durch eine KI geschickt. KI-Elemente sind zwar enthalten, aber der Moderator selbst blieb unangetastet. Wobei er vermutlich nicht einmal etwas dagegen gehabt hätte. Es gibt für solche Übergänge schließlich auch andere technische Lösungen.

Und genau da wird es interessant. Denn die Frage, wann KI nur ein Werkzeug ist und wann sie beginnt, einen echten Menschen digital zu verändern, zu kopieren oder sogar zu ersetzen, wird in der Filmbranche gerade immer häufiger diskutiert.

Seit dem 1. März 2025 gilt in der deutschen Film- und Fernsehbranche ein Tarifvertrag zwischen der Produktionsallianz, der Gewerkschaft Verdi und dem Bundesverband Schauspiel, der etwas regelt, das noch vor wenigen Jahren nach Drehbuch geklungen hätte: den digitalen Doppelgänger. Der Kern ist simpel und ziemlich vernünftig. Schauspielerinnen und Schauspieler müssen ausdrücklich zustimmen, bevor ihr digitales Abbild in einer Produktion eingesetzt wird, egal ob als KI-erzeugte Stimme oder als komplett virtuelle Version ihrer selbst.

Dass so ein Vertrag überhaupt nötig wurde, hat Gründe mit Namen. In „Der Brutalist” hat man KI eingesetzt, um den Darstellern einen perfekten ungarischen Akzent zu verpassen. In „Emilia Pérez” wurde die Stimme der Hauptdarstellerin per KI verändert. Beides keine Skandale im strafrechtlichen Sinn, aber beides Momente, in denen man merkt: Die Grenze zwischen „die Person hat das gespielt” und „die Person wurde nachträglich verrechnet” ist inzwischen fließend.

In den USA läuft der SAG-AFTRA-Vertrag, der nach dem großen Streik erstmals Leitplanken für KI eingezogen hat, in diesem Jahr aus. Das heißt, während du das hier liest, wird darüber verhandelt, unter welchen Bedingungen ein Studio künftig einen Menschen einmal scannen und danach beliebig oft einsetzen darf. Das ist kein Zukunftsthema. Das ist ein laufender Verhandlungstisch.

Ich will KI hier nicht schlechtreden. Das wäre auch reichlich verlogen, weil ich täglich damit arbeite. Aber man muss den Menschen im Auge behalten, und zwar in beide Richtungen: den Menschen, der das Werkzeug benutzt, und den Menschen, dessen Arbeit dadurch verschwindet.

Die eine Wahrheit: Ein unabhängiger Filmemacher kann heute ein Ergebnis bauen, für das er früher ein Team und ein Vielfaches an Geld gebraucht hätte. Geld, das er nie hatte. Das heißt im Klartext, dieser Film wäre sonst überhaupt nicht entstanden. Nicht in klein und auch nicht in groß. Gar nicht. Wer sein Berufsleben lang Ideen an Budgets scheitern sah, weiß, was für ein Unterschied das ist.

Die andere Wahrheit steht daneben und ist genauso wahr. In Los Angeles County hat die Film- und Tonbranche im Jahr bis Mai 2026 rund 6.700 Arbeitsplätze verloren, während die Studios KI immer tiefer in ihre Abläufe einbauen. Werkzeuge, die Animationskosten um bis zu 90 Prozent drücken können, sind für einen Controller kein kreatives Angebot, sondern eine Sparvorlage. Eine Branchenstudie schätzte schon vor zwei Jahren, dass bis 2026 rund ein Fünftel aller Jobs in der Unterhaltungsindustrie wegfallen könnten, etwa 118.500 Stellen, mit Postproduktion und visuellen Effekten als besonders gefährdetem Bereich.

Und weil ich hier ehrlich sein will: Mich trifft das selbst, von beiden Seiten.

Jobs fallen weg, weil sie inzwischen jemand anders macht, der es genauso gut kann oder einfach billiger ist. Gleichzeitig bin ich schneller geworden, und schneller zu sein ist wirtschaftlich ein zweischneidiges Vergnügen. Wenn du für etwas drei Tage brauchst statt zwei Wochen, kannst du dafür eben auch nicht mehr zwei Wochen berechnen. Der Kunde weiß das übrigens auch.

Und dann gibt es die Seite, für die ich dankbar bin. Ich kriege meine eigenen Ideen endlich vom Kopf auf die Seite. Ich muss nicht mehr alles fünfmal Korrektur lesen, ich muss nicht jeden Text erst durch drei andere Leute schicken. Technisch kann ich mir Hilfe holen, und dadurch entstehen Dinge, die früher an schlichter Zeit gescheitert wären. Beiträge wie dieser hier zum Beispiel.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Geschrieben habe ich immer, auch beruflich, Konzepte, Drehbücher, Texte für Auftraggeber. Was ich hier auf Substack mache, ist etwas anderes. Das sind meine eigenen Themen, meine eigene Auswahl, und niemand bezahlt mich dafür.

Wobei, ganz stimmt das inzwischen nicht mehr. Es gibt tatsächlich ein paar wenige zahlende Abonnentinnen und Abonnenten, und dafür bin ich sehr dankbar. Nicht nur wegen des Geldes, sondern auch, weil es mich ermutigt, hier weiterzumachen, mehr zu schreiben und diese Seite auszubauen. Deshalb an dieser Stelle einmal ganz ausdrücklich: Vielen Dank dafür.

Solange das freie Schreiben eine Leidenschaft nebenher bleibt, ist das eine feine Sache, und ich will es weiter ausbauen. Sollte sich diese Art von Veröffentlichung eines Tages tatsächlich tragen, wird daraus eine andere Nummer, mit anderen Ansprüchen an mich selbst. Davon bin ich noch ein gutes Stück entfernt.

Werkzeuge sind weder gut noch böse. Das war beim Schneidetisch so, das war beim ersten digitalen Schnittsystem so, und es ist bei KI nicht anders. Entscheidend ist, wer sie in der Hand hält und wer am Ende die Rechnung bezahlt.

Ein Studio, das mit KI Millionen spart und das Geld in mehr Produktionen und mehr Beschäftigung steckt, handelt völlig anders als eines, das die Ersparnis als Gewinn verbucht und Teams nach Hause schickt. Genau deshalb sind Regelungen wie die Zustimmungspflicht beim digitalen Doppelgänger kein bürokratischer Bremsklotz, sondern der Versuch, diesen Unterschied überhaupt sichtbar zu machen.

Ich habe 1987 einen Film mit einer Klinge geschnitten, der bis heute in einem Keller liegt. Vor zwei Wochen habe ich eine Kamera aus einem Meer auftauchen lassen, das es nie gegeben hat. Zwischen diesen beiden Punkten liegt mein Berufsleben, und ich würde keinen der beiden missen wollen.

Aber ich hätte gern, dass am Ende noch jemand da ist, der die Klinge halten kann.

Herzlichen Dank fürs Lesen.

  • Tarifvertrag zu digitalen Doppelgängern in der deutschen Film- und Fernsehbranche, gültig seit 1. März 2025, sowie die Beispiele „Der Brutalist” und „Emilia Pérez”: https://taz.de/KI-in-der-Filmindustrie/!6065180/

  • Beschäftigungsrückgang in der Film- und Tonbranche in Los Angeles County im Jahr bis Mai 2026: https://www.peoplematters.in/news/strategic-hr/layoffs-hit-hollywood-film-industry-loses-6700-jobs-as-ai-reshapes-production-50588

  • Studie zu gefährdeten Arbeitsplätzen in der Unterhaltungsindustrie und zur besonderen Betroffenheit von VFX und Postproduktion: https://www.hollywoodreporter.com/business/business-news/ai-hollywood-workers-job-cuts-1235811009/

  • Hintergrund zum SAG-AFTRA-Vertrag, zum Streik und zum Auslaufen der Vereinbarung: https://akomag.de/ki-im-film-der-anfang-einer-grossen-wende/

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