Neulich, als ich auf einer kleinen Mauer saß und auf meinen Garten starrte, hatte ich es klar vor Augen. Es ist nicht die Pflanze, die ich konkret vor mir sehe, sondern eher das, was ich über sie weiß. Ich muss daher meist zweimal hinsehen, wenn ich neue Gärten besuche. Einmal erkenne ich eine Pflanze oder sogar eine Sorte wieder. Das macht erstmal zufrieden und schafft ein bisschen Orientierung über die Vorlieben und die Möglichkeiten hier im Beet. Dann brauche ich aber immer noch einen zweiten Blick, wie denn das Exemplar vor mir tatsächlich ist. Ist es gut gewachsen oder am falschen Ort? Ist es im Wachstum oder kümmert es vor sich hin? Nachdem ich die Kategorie habe, schaue mich das Individuum an. Wie eine gute Behörde. Erst die Einordnung, dann die Einzelfallprüfung.
Ich weiß nicht, ob das eine Marotte ist von Leuten, die gerne Wissen sammeln oder ob das anderen auch so geht. Auf jeden Fall ging es mir sehr lange so mit Rosen. Jahrelang, nein eher Jahrzehntelang hab ich keinen Bezug zu Rosen gehabt. Ich hab natürlich Rosen in Gärten gesehen, als schön wahrgenommen, ihren Duft gekostet, aber es hat mich eher gestreift als berührt. Es gibt andere Pflanzen, die mich sofort angesprochen haben. Paeonien im Austrieb, Geranium oder Tellerastilben, die haben sofort meinen Fokus gehabt und nie wieder verloren.
Die meiste Liebe habe ich bei Rosen noch für den Austrieb zeigen können, der bei sich vielen Sorten in allen möglichen energischen Rottönen zeigt. Die roten Pigmente sind ein Sonnenschutz für das neue Gewebe, aber auch sehr hübsch fürs Auge.
Mein Desinteresse war so desinteressiert, dass ich sehr lange nicht mal Rosen im Garten hatte. Ich hatte für sie einfach keinen Platz. Ich habe am Rande mitbekommen, dass es alte englische Rosen gibt, dass es David Austin gibt und dass da irgendwas mit Mehltau war. Dazu kommen Informationsfetzen von Gartenmenschen aus meiner Kindheit, die über die empfindlichen Rosen jammerten, über Läuse und Blüten, die sich nicht öffneten. Die meisten hatten Rosensträucher im Garten stehen, deren Blüten groß, mehrfach gefüllt und meist in den Grundfarben blühten. Mich interessierten diese Blüten nicht die Bohne. Nicht farblich, nicht ökologisch, es waren in meinen Augen Plastikrosen aber in empfindlich. Warum sollte man sich so etwas in den Garten holen? Sicher, es gibt Menschen, die erst aufblühen, wenn das Chaos in ihr Leben schneit. Sie wohnen in kleinen Wohnungen und kaufen sich einen großen Hund und zeigen dann vorwurfsvoll aber mit stiller Freude auf ihrruiniertes Sofa.
Wie ich über eine Rambler stolperte
Wie das so ist, mit der eigenen Ignoranz, irgendwann stolpert man über etwas, das den eigenen Rahmen weitet. Irgendwann hab ich eine Rose anders wahrgenommen. Eine weiße Kletterrose – heute würde ich tippen, dass es eine Rambler war. Kleine weiße Blüten, ungefüllt, aber davon so viele, dass fast kein Grün mehr zu sehen war. So gehen Rosen also auch, also mit Bienen und sogar mit Duft und in umwerfend. Ich war gefesselt.
Was mich bisher von Rosen abgehalten hat, war nicht zuletzt auch deren wirklich komplizierte Klassifzierung. Als wollte man den europäischen Adel nachbilden hat man über viele Jahrhunderte lang ein System aus Rosenzüchtungen geschaffen das am Ende so verworren war, dass keiner mehr durchblickte. Als Designer bin ich komplizierte Klassifizierungen gewohnt. Kein vernünftiger Mensch kann die Unmenge an verschiedenen Schriftarten in ein sinnvolles System bringen. Namen von Kategorien im Schriftbereich kommen und gehen, deren Geschichte heute aber keiner mehr versteht. Die venezianische Renaissance-Antiqua ist einfach kein allgemein gültiger Begriff mehr für heutige Anwender. Keiner öffnet sein Schreibprogramm und denkt sich: Ich suche jetzt mal eine schöne Barock-Antiqua und schreibe damit einen Essay. Leute, die sowas machen, tragen sicher auch gezwirbelte Schnurbärte und fahren Hochrad. Solche Kategorien sind so nützlich wie Kokosnussentkerner. Schließlich ist man daher dazu über gegangen, die Schriften nicht mehr nach ihrer Entstehung sondern nach ihrer Anmutung und ihrer Verwendung zu sortieren. Formal, verspielt, handgeschrieben, monospace für Bildschirm oder invertierte Lackierungen. Das hilft schon eher, sich im Font-Dschungel zurecht zu finden. Ich verstehe diese Kategorien direkt ohne Vorwissen und kann mich daran orientieren. Natürlich gibts auch hier jede Menge Schriftarten, die nicht sauber in eine Kategorie passen, aber welchem Ordnungssystem ist das schon so. Man braucht immer ein Fach für »Sonstiges«.
Kategorien, für die es keine Kategorie gibt
Den Rosen ging es ähnlich. Für die ersten paar Jahrhunderte, in denen der Mensch sich Rosen in seine Nähe holte, konnte man die Rosenarten und -sorten noch gut nachvollziehbar in einen gedanklichen Stammbaum bringen. Es gab Höhepunkte wie etwa das Einkreuzen von Gelb in die Rosensippe oder die langen weichen Triebe der wallichiana, um wahre Klettermonster zu schaffen. In Nancy im Botanischen Garten ist ein wunderschönes Rosarium aufgepflanzt. Man betritt es durch einen Gang, der links und rechts mit den Wildsarten der Rosen bestockt ist. Rosa gallica, Rosa rugosa und Consorten stehen dort sortiert nach der Reihenfolge ihres Erscheinens in dieser Rosen-Daily-Soap. Sehr früh taucht hier Rosa lutea auf und es wurde gelb. Am gegenüberliegenden Ende des Rosariums sind moderne Kletterrosen aufgepflanzt, die mehltauresistent, blattgesund und mehrfachblühend sind. Sie putzen sich gut und haben sogar Pollen für Bienen. Ihre Genealogie ist alledings während des langen Weges so verworren, dass die beste DNA-Analyse hier nichts mehr bringt. Es ist einfach eine Gemengelage wer alles im Stammbaum dieser Kletterrosen beteiligt war, teilweise waren ihre Eltern oder Großeltern schon schwer einzuordnen. Aber wenn man vor diesen Kletterrosen steht und die Zeitfolge zurückblickt auf den Anfang des Weges, ist es unmöglich, zu benennen, wo man auf Vorfahren oder auf keine Vorfahren schaut. Auf halber Strecke des Wegs war es noch möglich Burbonrosen abzugrenzen oder Teerosen, aber wenn man eine Blüte dieser modernen Kletterrosen in die Hand nimmt, ist das so, als würde man versuchen, den genetischen Stammbaum Bayerns freizulegen. Es ist einfach verdammt kompliziert.
Mich haben die alten Kategorien der Rosen immer abgeschreckt. Wann ist eine Polyantha eine Strauchrose? Ist eine Kleinwüchsige auch eine Bodendeckerrose? Sind Zentifolien gefüllt im eigentlichen Sinne? Ab welcher Höhe ist eine Rose eine Tee-Rose und wo steht der Burbon?
Und weil das so kompliziert ist, kann man Rosen ja viel einfacher nach ihrer Wuchshöhe, Farbe, Blütenform oder ihren Einsatzmöglichkeit sortieren.
Zum Glück hab ich eine Website gefunden, die eine sehr große Menge von Rosen nach für mich nachvollziehbaren Kriterien sortiert. Ich hab schnell die Zeit vergessen und mich in den Rosensorten verloren. Auf einmal fand ich einen anderen Zugang zu den empfindlichen knallbunten Plastikblumen. Es gibt eine große Welt der feinen Farbnuancen und Schattierungen, von ungefüllt bis mehrfach gefüllt. Es gibt sogar einen Trend in der Rosenzüchtung zu eher halbgefüllten oder ungefüllten Rosen, die Pollen und Nektar für Insekten bieten. Manche haben sogar Hagebutten für die Vögel und Haselmäuse in petto. Überhaupt Hagebutten: Welche Pflanze kann schon von sich behaupten, einen eigenen Namen für ihre Fruchtform zu haben! Das ist wahre Liebe. Ich kenne Hagebutten noch als Juckpulver. Wir haben die roten Früchte an einer Bordsteinkante aufgerieben und dann die Kerne mit dem Fruchtfleisch anderen Kindern ins T-shirt gesteckt. Die kleinen Härchen sind wirklich hervorragend geeignet als Juckpulver. Später hab ich entdeckt, dass man aus Hagebutten eine sehr feine Konfitüre machen kann.
Aber zurück zu den Rosensorten: Alte Sorten wie Lykkefund sind wirkliche Monster, die ganze Bäume unter sich begraben können. Eine Würgefeige in dekorativ, wenn man so will. Ich muss wohl gerade einen Kaffee kochen gewesen sein, als sich die ersten Rosen wie von selbst in meinen digitalen Einkaufswagen bewegten. Es war im Oktober, es gab wurzelnackte Rosen und ich konnte mich schlecht entscheiden, also hab ich möglicherweise mehr gekauft als geplant. Wenige Tage später hob ich Löcher für die noch kleinen Wurzelstöcke aus und hatte mehrere Rosen im Garten. Rosen. In meinem Garten. So kanns gehen.
Im nächsten Frühjahr bekam ich die Belohnung in Form von aparten Neuaustrieben in Korallenrot oder dunklem Kupfer. Kräftige Pflanzen, die aber leider nicht alle den Jahrhunderstommer überleben sollten. Das Eis war dennoch gebrochen. Ich hatte Rosen im Garten. Ich habe meinen Blick geweitet.
Call me by your name
Rosen haben noch eine weitere, nicht sichtbare Ebene, die sehr gut zu einem Gartenraum passt als Bühne zwischen Natur und Kultur. Sie haben Sortennamen. Rosennamen waren lange ein Spiegelbild der Gesellschaften. Sie bekamen die Namen von denen, die es sich leisten konnten. Nicht der Gärtner, der sich um die Sämlinge und Veredelungen kümmerte, wurde verewigt, sondern der oder die, die den Gärtner bezahlte, oder jemand anderen beeindrucken wollte.
Heute sind Rosen nach allem Möglichen benannt: Sängerinnen, Schauspieler, Städte, Kanzlerfrauen, Nationalgerichte und Sternenbilder bekamen alle ihre Rose. Manche Rosenzüchter versuchen, ganze Namensfamilien zu schaffen, sodass man schon beim Namen weiß, aus welchem Stall sie kommt. Das ist vergleichbar mit der Marotte, allen Kindern einen Namen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben zu geben. Die Wahl eines Namens für eine Rose stelle ich mir ungefähr so kompliziert vor wie bei einer Geburt, wobei man bei der Rose schon weiß, wie sie aussehen wird, weil ja erst die Rose da ist und dann der Name gefunden werden muus. Die Attidtüde der Rose muss zum Namen passen und zur geehrten Person. Loki Schmidt, biologiebegeisterte Frau eines ehemaligen rauchenden Bundeskanzlers, war eine Menschenfreundin und demonstrativ hanseatisch unkompliziert. Ihr kann man natürlich keine üppig bauschige Pomponrose geben, das würde ihr nicht gerecht und das hätte sie sicher abgelehnt. Daher hat sie eine kräftig orange blühende Rose mit halbgefüllten Blüten bekommen, was hervorragend zu ihrem Naturell passt. Kräftig, unkompliziert und sichtbar!
Die Namen der Sorten bringen eine neue Ebene mit in den Garten. Sie bringen die subtile Andeutung, etwas Politik und hier und da ein Statement in den Garten. Wir haben eine „Charles Darwin« mit Blick auf die Kirche gepflanzt, damit sie sich sehen können, nach den vielen Jahrhunderten des Schweigens in Fassungslosigkeit. Darwin selbst war ein gläubiger Mensch, der schwer mit seinen eigenen Entdeckungen haderte. Schließlich brachte er sein eigenes Weltbild gewaltig durcheinander und es hat ihn einiges gekostet, sich am Ende für seine Erkenntnisse auszusprechen und in Konflikt zur offiziellen Lehrmeinung zu gehen.
Man kann also subtil Stellung beziehen, indem man bestimmte Rosensorten auftauchen lässt. Russische Prinzessinnen, Königshäuser und Maler verlangen als Rose natürlich angemessene Plätze. Ich muss zugeben, ich tue mich schwer damit, eine Rose zu pflanzen, die nach einer Adeligen benannt ist, die nichts mit Gärten zu tun hatte. Das ist schlechtes Marketing, das möchte ich nicht in meiner Nähe haben. Man kann auch einen Kompost nicht mit einer Queen verdecken, das fänd sogar ich irgendwie unpassend. Und sowas als Subversionzu pflanzen finde ich irgendwie zäh, weil man ja dann sehr viele Jahre lang immer neuen Gästen diese Pointe erklären muss.
Lässt sich nicht einordnen, wächst trotzdem
Wir haben eine »Zauber der Loreley« direkt an den Zaun zum öffentlichen Wanderweg gesetzt, natürlich mit einem Schild zur Erklärung. Das ist die offizielle Welterberose des Mittelrheintals, die sich irgendwie den Kategorien entzieht. Sie ist eine Strauchrose, wächst aber irgendwie auch wie eine Kletterrose. Sie ist halbgefüllt, mit schönem Duft und einer eleganten weißen Blüte mit etwas Rosa und etwas Apricot. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie man sie gut in Form hält. Wenn ich sie stark zurückschneide, bildet sie angelartige neue Triebe von mehr als drei Metern. Wenn ich sie nicht stark zurücknehme, kahlt sie von unten aus. Ein schöner Strauchaufbau ist mir noch nicht gelungen. Unabhängig davon bereitet es den Wandernden am Burgweg, die diese Rose entdecken und ihr Schild lesen, offenbar ein kleines Bonusvergnügen, in der Nähe der Loreley eine Rose zu finden, die auch so heißt. Ein stimmiges Bild.
Apropos Schild: Da kommt dann alles zusammen. Die Rose »Zauber der Loreley« ist mit herkömmlichen Kategorien nicht sauber zu greifen. Die Schrift, die ich für das Schild genommen habe, ebenso wenig. Also stehen die beiden jetzt in ihrer etwas trotzigen Indifferenz am Zaun und dokumentieren, dass hier einer Rosen mag. Dass das noch nicht so lange ist, muss man ja keinem sagen.

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