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Making of "Conrad" - Geburt eines stillen Helden · Jan 26, 2026

Kindheit, Eltern und Verantwortung

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Sindy · Making of "Conrad" - Geburt eines stillen Helden

Familienszenen. Ich liebe sie. Sie zeigen den Alltag in der Welt, über die man schreibt, mehr als alles andere. An sich schreiben sie sich einfach, vor allem, wenn man eine eigene Familie und genug emotionalen Abstand oder genug emotionale Nähe hat – je nachdem. Aber wenn ich an meinem Roman „Conrad“ schreibe, dann stehe ich vor echten Herausforderungen: einem Zeitenbruch, einem Weltenbruch und einem Altersbruch. Elternschaft im Mittelalter! 

Über das Thema gibt es einige Dokumentationen, etliche Artikel (ich habe sie fast alle gelesen) und sogar YouTube-Videos. Aber oft voller Klischees, Annahmen und wenig psychologischer Betrachtung. Nun, ich bin kein Psychologe, aber vielleicht ist genau das gut. Ich war 28 Jahre jung, als wir unser erstes Kind bekamen. Meine eigene Mutter war jünger. Ich kenne ihre Erzählungen. In meiner Romanrecherche für „Conrad“ oder auch beim Schreiben von Szenen halte ich an diesen Familienstellen oft inne und versuche, mich in das Alter meiner Protagonisten hineinzuversetzen, in ihre Welt und in ihr Denken. Denn das, was ich erlebt oder gefühlt habe und fühle, passt nicht oder nur bedingt ins Mittelalter. Emotionen sind zwar zeitlos, aber Zeiten prägen. Würde ich darüber hinwegschreiben, wäre ich naiv.
Unsere Welt heute ist ganz anders. Wir sind mit anderen gesellschaftlichen Mustern groß geworden. Schreiben in anderen Zeiten heißt daher immer auch, die eigenen Muster zu hinterfragen. Das ist gar nicht so leicht, denn vieles hat man unreflektiert übernommen, weil es dem „Zeitgeist“ entsprach. Doch genau dieses Hinterfragen macht die Autorenschaft wirklich wertvoll!
Meine Gedanken von heute sind anders, als es meine Gedanken wohl wären, wenn ich im Jahr 1225–1250 gelebt hätte. Aber wie dachte man damals? Dieser Artikel ist ein Versuch, Erziehung damals und heute zu vergleichen.

Werfen wir also einen Blick auf Elternschaft, Kindheit und Verantwortung anno Domini 1226 und ins Jahr 2026 n. Chr. 😉.

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Mir fällt in der Recherche immer wieder auf, wie jung Eltern damals wirklich waren. Sehr jung. Wirklich jung.

Im Mittelalter war es nichts Ungewöhnliches, mit 19 oder 20 ein Vater zu sein oder mit 14 oder 15 Jahren Mutter zu werden. Manchmal jünger. In manchen Ländern dieser Welt ist das bis heute so. Ich schreibe das vollkommen neutral. Es ist einfach ein Tatsachenbestand. Um nichts unnötig zu triggern, bleibe ich sprachlich und inhaltlich im Mittelalter. Wir reden also nicht von sozialer Ungerechtigkeit oder Kinderehen heute!

Die Kinder kamen in ein Leben hinein, das noch im Aufbau war. Die Väter hatten gerade erst den Hof ihrer Eltern übernommen oder bauten sich ein eigenes Leben auf. Nichts war fertig. Nichts sortiert. Ein Kind wurde mehr oder weniger zwangsläufig und selbstverständlich eingebettet in ein Gefüge aus Familie, Arbeit, Verantwortung. Es gehörte dazu. Es wuchs mit.

Heute bekommen viele ihr erstes Kind mit Mitte dreißig, manche mit vierzig oder später. Auch das ist nichts Schlechtes. Es ist schlicht anders. Und dieses „anders“ verändert mehr, als wir oft wahrhaben wollen.

Kinder im Mittelalter hatten wenig bis gar keine Wahlmöglichkeiten. Dafür hatten sie einen festen Platz. Sie wuchsen mit Verantwortung auf und ihre Identität formte sich daran. Sie waren Teil eines Ganzen. Sie wurden gebraucht. Nicht als Projektionsfläche, nicht als Sinnstifter, sondern ganz konkret: im Alltag und im Mithelfen. Schafe hüten, Wasser holen, Holz sammeln. Ohne sie blieb das Feuer aus, gingen Tiere verloren oder fehlte Wasser im Haus. Verantwortung war keine pädagogische Maßnahme, sie war Realität. Und ja, das war harter Alltag. Ich romantisiere das auch nicht.

Heute wachsen Kinder mit sehr vielen Möglichkeiten auf. Und mit sehr viel Schutz. Sie sollen sich finden. Ihren Weg entdecken. Herausfinden, wer sie sind. Das klingt auf den ersten Blick gut – ist aber oft verbunden mit erstaunlich wenig Orientierungshilfe. Denn jemandem zu sagen „Finde dich selbst“, ohne einen Rahmen zu geben, bedeutet auch: Du bist allein zuständig für etwas, das du noch gar nicht erfassen kannst. Gerade in der weiten Welt des ungezähmten Internets lassen viele ihre Kinder völlig allein. Nicht alle! Aber doch erschreckend viele.

Für mich ist das der Punkt, an dem die heutige Orientierungslosigkeit unserer Jugendlichen entsteht. Sie haben viele Optionen, aber kaum Richtung. Viel Freiheit, aber wenig Einordnung. Und gleichzeitig existiert bei vielen Eltern eine große Angst davor, Kinder zu überfordern. Bloß nicht zu viel zumuten. Bloß nichts verlangen!
Ich habe das oft bei meinen Outdoor-Veranstaltungen gesehen, wenn ich die Jungs Holz hacken ließ. „Um Himmels willen! Mein Sohn kann sich doch ins Bein hacken!“ Wenn er es nie lernt: ja! Ich gebe den Kindern keine Axt in die Hand und lasse sie damit machen, was sie wollen. Ich bin weder lebensmüde, noch verantwortungslos. Sie erhalten erst mal eine Sicherheitsunterweisung, ein Handling, eine Anleitung – Orientierung! Die Kinder können das! Die Eltern können es mitunter nicht – weil sie es selbst nie gelernt haben, weil es anstrengend ist, weil sie keine Zeit haben … Die Gründe sind vielfältig. Das ist auch kein Vorwurf. Wenn man 12 h am Tag arbeitet und das Geld dennoch knapp bleibt, gerät man schnell an den Rand der Erschöpfung, und jeder, der Jugendliche zu Hause hat, weiß: Viele von ihnen kosten Kraft! Wir haben heute andere Probleme als damals. Aber wir haben Probleme.

Bild: Der Umgang mit Werkzeug will gelernt sein – mit Anleitung, Orientierung und Vertrauen. Doch wo Helikopter-Eltern fliegen und Angst regiert, sind verantwortungsvolles Handeln der Kinder, ihre Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit blockiert. Kein Wunder, dass die Kinder heute „nichts mehr können“.

Das führt zu einem seltsamen Widerspruch:
Kindern wird wenig zugetraut – und später wundert man sich, dass sie wenig können.

Ich frage mich dabei auch, ob das Alter der Eltern eine Rolle spielt. Natürlich. Junge Eltern, wie es viele im Mittelalter gab, entwickeln sich oft gemeinsam mit ihren Kindern. Die Eltern selbst sind in ihrer Entwicklung noch nicht „fertig“. Das Leben ist im Werden. Verantwortung kommt früh, manchmal zu früh, aber sie formt. Eltern und Kinder wachsen dann im selben Gefüge, im selben Strom. Sie lernen voneinander und die jungen Eltern geben ihre Lernerfahrungen ganz automatisch an ihre Kinder weiter. Familie ist ein Lernraum, ein Generationenklassenzimmer, wenn man so möchte. Es gibt keine Lehrer, aber Schüler, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Das erzeugt bei jungen Eltern Stress – ja, das mag sein – aber dadurch entsteht auch etwas Einzigartiges in der Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung: Es entwickelt sich selbstverständliche Nähe durch diese Unfertigkeit.

Bei älteren Eltern ist vieles stabiler. Sie sind erfahrener und reflektierter. Und doch beobachte ich etwas anderes: Das Kind kommt in ein bereits eingerichtetes Leben. Und: Das Kind wird leichter zur Projektionsfläche. Zum Sinnträger. Zum Träger von Hoffnungen, die aus der eigenen Biografie stammen.

Wenn Eltern Kinder brauchen, um selbst noch einmal Kind sein zu dürfen, wird es für das Kind schwer.

Das ist nicht böse gemeint. Es ist menschlich. Doch wenn Eltern immer älter werden, dann tritt ein solcher Zustand automatisch auch häufiger auf. Rein statistisch.
Das kann schnell in ein anderes Extrem kippen, denn wenn Eltern Kinder benötigen, um selbst noch einmal mit kindlichen Augen auf die Welt zu schauen, entsteht eine Schieflage. Dann wird das Kind beschützt – nicht nur vor der Welt, sondern oft auch vor dem, was die Eltern selbst erlebt haben und vor dem sie ihre Kinder bewahren wollen. So entstehen Helikopter-Eltern aus Angst. Aus dem Wunsch, es besser zu machen. Und wenn das eine gesellschaftliche Entwicklung wird, dann verändert dies das vorgelebte Muster von Erziehung.

Kinder tragen dann etwas, das nicht ihres ist und das mitunter schwerer zu tragen ist, als ein Wassereimer: die unerfüllten Hoffnungen der Eltern.

Vielleicht brauchen Kinder gar nicht mehr Freiheit oder mehr Schutz. Vielleicht brauchen sie etwas viel Einfacheres – und gleichzeitig etwas viel Schwereres:

Das Gefühl, wirklich als Teil der Familiengemeinschaft gebraucht zu sein. Einen Platz zu haben.

Damit würde sich der Satz von „Du bist mein Ein und Alles.“
in ein „Du gehörst dazu“ und „Du wirst hier gebraucht“ verwandeln. Für Kinder ist das eine viel bedeutungsvollere Aussage, denn für sie heißt es: Hier ist mein Platz, mein Raum. Und der ist …begrenzt. Im guten Sinne. Kinder brauchen Grenzen.

Ich habe keine fertigen Antworten.
Ich merke nur, dass mir das Schreiben und das Hineindenken in eine mittelalterliche Welt etwas schenken, womit ich nicht gerechnet habe: einen klaren Perspektivwechsel auf unsere heutige Zeit.

Wenn ich gezwungen bin, den heutigen Denkrahmen zu verlassen – meine Selbstverständlichkeiten, meine Gewohnheiten, meine moralischen Reflexe –, dann trete ich aus dem Framing, in dem wir leben, aus und kann Dinge, die wir für gewöhnlich nicht sehen, weil sie so selbstverständlich geworden sind, neu bewerten. Und zum ersten Mal seit meiner Schulzeit verstehen ich wirklich, tief in meinem Innersten, den Sinn von Geschichte. Schade, dass man das in der Schule nicht als Schwerpunkt thematisiert, sondern nur blind die Daten rauf und runter lernt, denn genau der Moment, in dem man nachdenkt, ist der Moment in dem man wirklich etwas lernt.

So schrieb ich neulich nur eine kleine Szene von Conrad:

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Conrad saß mit seinen drei Töchtern im Strahlenberger Wirtschaftshof auf einer Bank. Die kleine Esse hatte noch nicht die richtige Temperatur und der Ritter ließ seinen Knecht noch ein wenig das Feuer schüren. Seine Älteste, Lisbeth, beugte sich zu ihm und flüsterte:
„Vater, Knappe Siegfried hat wieder die Rosinen aus dem Weinkrug gefischt!“

Conrad zog eine Braue hoch.
„So? Hat er sich vorher wenigstens die Hände gewaschen?“

Die Mädchen kicherten.
Conrad grinste – noch.
„Hat er?“

Liba schüttelte den Kopf: „Nein.“

„Er hat Weinrosinen gestohlen und ist mit schmutzigen Fingern in meinen Wein?“, harkte der Hausherr nach. Sein Gesicht wurde ernst.

Sie nickte.

Conrad sah zu seinem Knappen hinüber und zog die Stirn kraus.
„Ein schmutziger Dieb also.“

Die kleine Christine zog ihren Vater am Hemd.
„Aber jetzt hat er doch saubere Finger, Vater.“

Conrad sah sie an.
„Dann hat er sie nicht aus dem guten Rotwein gestohlen, sondern aus dem dünnen Weißen?“

Die Mädchen kicherten wieder.

„Aus dem Knechtsmost“, korrigierte Lisbeth naseweis.

„So“, sagte Conrad, „dann ist es wohl nur halb so schlimm. Das waren eure Rosinen, nicht meine.“

Er sah seine Töchter an, die ihn entsetzt ansahen, als sie verstanden, dass sie es waren, die beklaut wurde.
„Und was meint ihr: Wie soll ich ihn dafür bestrafen?“, frage Conrad.

Bild: Conrad 1231 mit seinen drei Töchtern Lisbeth, Liba und Christine auf seinem Strahlenberger Wirtschaftshof (KI generiert)

Diese Frage blieb bei mir hängen. Und sie bleibt es noch immer:

Was würde sich ändern, wenn wir Kindern wieder mehr zutrauen –
nicht, um sie zu überfordern, sondern um sie wirklich ernst zu nehmen?

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Read the original on sindygrambow.substack.com

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