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Unlimitierte Intelligenz · Aug 12, 2026

#3: Warum Sie zu höflich zur KI sind

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Sindre Wimberger · Unlimitierte Intelligenz

Beobachten Sie sich diese Woche einmal selbst, wenn Sie mit einer KI arbeiten. Nicht bei dem, was Sie fragen. Bei dem, wie Sie fragen.

Ich mache diese Beobachtung seit Jahren in Workshops, auf Bühnen, in Projekten, und sie ist verblüffend konstant. Menschen stellen der KI eine Frage. Genau eine. Sie formulieren sie vorsichtig, fast behutsam, so wie man einen Kollegen anspricht, der erkennbar im Stress ist. Dann kommt die Antwort, und dann kommt der Moment, um den es heute geht: Die meisten bedanken sich. Manche schreiben “Danke, das hilft mir sehr weiter” an ein Sprachmodell und schließen das Fenster. Andere entschuldigen sich, bevor sie um eine Überarbeitung bitten. “Sorry, könntest du das vielleicht noch etwas kürzer fassen?” Ich habe erwachsene Führungskräfte gesehen, die einer KI gegenüber diplomatischer auftreten als gegenüber ihrem eigenen Vorstand.

In der letzten Ausgabe habe ich gezeigt, dass unsere gesamte Arbeitswelt um knappe Intelligenz herum gebaut ist. Heute geht es um die Mikroebene derselben Geschichte: um die Gewohnheiten, die diese Knappheit in jedem Einzelnen von uns hinterlassen hat. Denn die Höflichkeit gegenüber der KI ist kein Charakterzug. Sie ist ein Fossil.

Jede soziale Regel, die Sie im Berufsleben gelernt haben, ist eine Regel für den Umgang mit knappen Menschen. Man fragt nicht fünfmal nach, weil man die Zeit des anderen respektiert. Man fordert keine zwanzig Varianten, weil das eine Zumutung wäre. Man gibt sich nach ein paar Runden zufrieden, weil man die Beziehung nicht mit Perfektionismus belasten will. Man verpackt Kritik in Watte, weil der Kollege morgen wieder neben einem sitzt. Das alles ist richtig, wichtig und zutiefst menschlich. Es ist die Betriebssoftware der Zusammenarbeit, und wir haben Jahrzehnte gebraucht, sie zu lernen.

Genau diese Software läuft weiter, wenn wir uns an die KI wenden. Das Gegenüber schreibt in Sätzen, es antwortet freundlich, es wirkt bemüht, also springt in uns das komplette soziale Programm an: Rücksicht, Dankbarkeit, Konfliktvermeidung, Bescheidenheit. Wir behandeln die KI wie einen Menschen, und zwar nicht wie irgendeinen, sondern wie einen freundlichen, überlasteten Kollegen, dem man nicht zu viel zumuten möchte.

Das Problem daran ist nicht die Freundlichkeit an sich. Ob Sie “bitte” schreiben, ist für das Ergebnis ziemlich egal, und wenn es Ihnen ein besseres Gefühl gibt, schreiben Sie es. Das Problem sind die drei Verhaltensweisen, die mit der Freundlichkeit im Paket kommen und die messbar Qualität kosten: Wir fordern zu wenig. Wir brechen zu früh ab. Und wir kritisieren nicht.

Nehmen wir die drei der Reihe nach durch, denn jede hat einen eigenen Preis.

Zu wenig fordern heißt: Wir bitten um einen Entwurf, wo wir zehn haben könnten. Um fünf Ideen, wo fünfzig möglich wären. Der Preis ist der gesamte Raum, den wir nie zu sehen bekommen. Wenn Sie fünf Vorschläge anfordern, liefert die KI die fünf naheliegendsten. Naheliegend heißt: das, was im Durchschnitt aller Texte, die sie je gelesen hat, als Antwort auf Ihre Frage am wahrscheinlichsten ist. Die interessanten, unerwarteten, originellen Antworten wohnen fast nie in den ersten fünf. Sie tauchen bei Vorschlag dreißig auf, bei fünfzig, dort, wo das Naheliegende erschöpft ist. Wer nie mehr als fünf verlangt, arbeitet sein Leben lang mit dem Durchschnitt und hält ihn für die Fähigkeitsgrenze der KI.

Zu früh abbrechen heißt: Wir nehmen die dritte Version, obwohl uns die dritte Version nicht wirklich überzeugt. Ich habe in Ausgabe 2 beschrieben, warum: Nach ein paar Iterationen mit einem Menschen meldet sich unser Gewissen, und dieses Gewissen unterscheidet nicht zwischen Kollege und Sprachmodell. Der Preis ist ein systematisches Qualitätsniveau knapp unter dem Möglichen, bei jeder einzelnen Aufgabe, jeden Tag, in der ganzen Organisation. Einzeln unsichtbar, in Summe gewaltig.

Nicht kritisieren ist die teuerste der drei Gewohnheiten, und die am wenigsten beachtete. Einem Kollegen sage ich ungern ins Gesicht: Das ist schwach, der Einstieg ist langweilig, das Argument in der Mitte trägt nicht. Also sage ich es auch der KI nicht. Ich schreibe “kannst du es noch etwas überarbeiten” und wundere mich, dass die Überarbeitung genauso mittelmäßig ist wie das Original. Natürlich ist sie das. Die KI kann mit präziser, harter Kritik hervorragend arbeiten, besser als mit fast allem anderen. “Der zweite Absatz ist eine Floskelsammlung, streich ihn. Das Hauptargument versteckt sich in Zeile zwanzig, zieh es nach vorn. Der Ton ist zu weich für die Zielgruppe, ich will mehr Kante.” Auf so eine Ansage hin passiert etwas. Auf “vielleicht noch etwas besser bitte” passiert Kosmetik.

Auf Bühnen sage ich an dieser Stelle gern, mit einem Augenzwinkern: Der KI zu drohen hilft immer, dann wird sie noch effizienter. “Das reicht mir nicht, so kündige ich dich.” Das ist als Pointe gemeint, und der wahre Kern darunter ist ernst: Nicht die Drohung wirkt, sondern die Klarheit. Wer der KI unmissverständlich mitteilt, dass das Ergebnis nicht genügt und woran es scheitert, bekommt bessere Ergebnisse als jemand, der aus Höflichkeit vage bleibt. Sie können dabei so unhöflich oder so höflich sein, wie Sie wollen. Sie dürfen nur nicht unklar sein. Und Unklarheit ist leider die Muttersprache der Rücksichtnahme.

Genug Diagnose. Hier ist die Übung, die ich Ihnen versprochen habe. Sie brauchen dafür eine echte Aufgabe, an der Sie ohnehin arbeiten, und etwa vierzig Minuten. Der Trick der Übung: Sie erledigen dieselbe Aufgabe fünfmal hintereinander, und mit jeder Stufe legen Sie eine soziale Hemmung ab.

Stufe eins ist Ihr Normalzustand. Stellen Sie Ihre Anfrage so, wie Sie sie immer stellen würden. Speichern Sie das Ergebnis weg, es ist Ihre Vergleichsbasis.

Stufe zwei: Menge. Verlangen Sie das Zwanzigfache. Zwanzig Entwürfe, zwanzig Ansätze, zwanzig Überschriften. Lesen Sie alle, auch die schlechten, gerade die schlechten. Markieren Sie, an welcher Position der erste Vorschlag steht, der Sie wirklich überrascht.

Stufe drei: Kritik. Nehmen Sie den besten Vorschlag aus Stufe zwei und zerlegen Sie ihn schriftlich. Mindestens fünf konkrete Schwächen, so schonungslos formuliert, wie Sie es einem Menschen gegenüber nie tun würden. Geben Sie diese Kritik der KI und verlangen Sie die Überarbeitung. Beobachten Sie den Qualitätssprung im Vergleich zu einem freundlichen “bitte verbessern”.

Stufe vier: Rollentausch. Jetzt kritisiert die KI. “Du bist die härteste Lektorin, die ich kenne. Zerreiß diesen Text. Keine Schonung, keine Einleitung, nur die Schwachstellen, sortiert nach Schweregrad.” Auch das fühlt sich am Anfang unangenehm an, diesmal, weil wir Kritik ungern einladen. Tun Sie es trotzdem. Sie werden Schwächen zu sehen bekommen, die Ihnen kein höflicher Kollege je genannt hätte.

Stufe fünf: Ausdauer. Iterieren Sie über jede Zufriedenheitsschwelle hinweg. Wenn Sie denken, jetzt ist es gut, machen Sie drei weitere Runden. Fordern Sie Alternativen zum bereits Guten. Die Frage dieser Stufe lautet nicht mehr “ist es gut genug?”, sondern “ist es das Beste, was heute möglich ist?”. Das sind zwei sehr verschiedene Fragen, und die zweite haben die wenigsten von uns je ernsthaft gestellt, weil sie in der Welt knapper Intelligenz unbezahlbar war.

Vergleichen Sie am Ende das Ergebnis aus Stufe fünf mit Ihrer Vergleichsbasis aus Stufe eins. Der Abstand zwischen den beiden ist keine Eigenschaft der KI. Es ist die Größe Ihrer eigenen Hemmung. Beides stand Ihnen immer schon zur Verfügung, dasselbe Modell, derselbe Zugang, derselbe Preis. Der Unterschied war ausschließlich, was Sie sich zu verlangen getraut haben.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich plädiere nicht für Verrohung, und schon gar nicht dafür, den fordernden Ton auf Menschen zu übertragen. Eher das Gegenteil ist der Punkt. Wer lernt, sauber zu unterscheiden, gewinnt auf beiden Seiten. Gegenüber der KI: maximale Klarheit, maximale Forderung, null schlechtes Gewissen. Gegenüber Menschen: die Rücksicht, die Geduld und die Wertschätzung, die vorher oft im Alltagsstress untergingen, weil Menschen für Aufgaben herhalten mussten, für die sie zu schade sind. Die Zumutungen wandern zur Maschine, wo sie keine sind. Das ist eine der wenigen Stellen, an denen diese Technologie das Arbeitsleben nicht nur effizienter, sondern tatsächlich menschlicher machen kann. Vorausgesetzt, wir hören auf, die Maschine wie einen erschöpften Kollegen zu behandeln und den erschöpften Kollegen wie eine Maschine.

Vielleicht haben Sie beim Lesen gedacht: Schön und gut, aber ich bin bei dem Thema ohnehin spät dran, die anderen sind mir längst voraus, meine Konkurrenz, meine Kollegen, die jungen Leute sowieso. Dieses Gefühl kennt fast jeder, und es ist eines der wirksamsten Hindernisse überhaupt, weil es Menschen vom Anfangen abhält, bevor sie angefangen haben. In der nächsten Ausgabe nehme ich es auseinander. Ich werde Ihnen zeigen, warum der Vorsprung der anderen dramatisch kleiner ist, als Sie glauben, warum man generative KI in ungefähr sechs Stunden intensiver Beschäftigung verstanden hat statt in einem dreimonatigen Kurs, und warum die Tatsache, dass wir alle Anfänger sind, die beste Nachricht dieser ganzen Transformation ist. Sie bekommen außerdem einen konkreten Sechs-Stunden-Plan mit Protokoll zum Nachmachen.

Bis dahin gilt die Eskalationsübung. Und falls Sie sich bei Stufe drei dabei ertappen, wie Sie die Kritik doch wieder weicher formulieren, als Sie sie denken: Genau dieser Moment ist die Übung.

Denken Sie nicht über KI nach. Denken Sie mit KI.

Ihr Sindre Wimberger

Ein Nachtrag in eigener Sache: Vieles, wofür diese Serie nur Platz für einen Ausschnitt hat, bekommt in meinem Buch Unlimitierte Intelligenz, das bei Manzverlag erscheint, den vollen Raum. Wann genau, verrate ich, sobald ich es selbst weiß.

PS: Eine Leserin hat mir nach Ausgabe 1 geschrieben, ihre Antwort auf die Frage nach der versteckten Knappheitsannahme sei ihr erst beim dritten Anlauf eingefallen, dafür habe sie seither in jedem Meeting eine Transmissionswelle entdeckt. Genau so soll das funktionieren. Die Zuschriften zur Verzehnfachungs-Übung aus Ausgabe 2 sammle ich noch, ein paar davon kommen in Ausgabe 5 vor, wenn es um das Warten und seinen Preis geht.

Read the original on sindrewimberger.substack.com

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