Nach dem Schuss eines Beamten auf einen 14-Jährigen im Münchner Stadtteil Schwabing gibt es nun widersprüchliche Darstellungen zum Polizeieinsatz. Die Linke München und das Kurdische Zentrum erheben unter Berufung auf die Eltern schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Der Jugendliche war am Dienstagabend nach Angaben der Polizei mit einer Softair-Waffe unterwegs gewesen, was nach einem Notruf von Passanten zu einem größeren Polizeieinsatz geführt hatte. In einer Medienmitteilung des Kurdischen Zentrums heißt es dazu, der Junge „führte lediglich eine Spielzeugwaffe mit sich, um sich mit Freunden einen Spaß zu erlauben“.
In dieser am Mittwochabend verbreiteten Mitteilung des Zentrums weist die Familie des tags zuvor schwer verletzten Jungen die Darstellung des Geschehens durch die Polizei „entschieden zurück“. Unter Bezugnahme auf ein persönliches Gespräch mit der Familie des Schülers heißt es, dieser habe nach Aufforderung durch Polizeibeamte die von ihm mitgeführte Spielzeugpistole „sofort auf den Boden“ geworfen und mehrmals laut gerufen: „Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!“
Dennoch habe ein Beamter einen Schuss abgegeben, mit dem er den Jugendlichen in den Bauch traf. Danach sei der Schwerverletzte „am Boden fixiert, gedemütigt und gefesselt“ worden; erst nach Aufforderung durch Sanitäter seien ihm die Handschellen abgenommen worden.
Damit unterscheidet sich die Schilderung der Familie in zwei wesentlichen Punkten von derjenigen der Polizei. Deren Sprecher Thomas Schelshorn hatte am Mittwochmittag berichtet, dass ein Zivilbeamter in dem Moment auf den Jungen geschossen habe, als dieser sich zu ihm umgedreht und die Waffe noch in den Händen gehabt habe. Die später als Softair-Pistole identifizierte Anscheinswaffe sei im Übrigen nicht als Spielzeug zu erkennen gewesen, wie Schelshorn anhand von Vergleichsfotos mit einer scharfen Neun-Millimeter-Beretta erläuterte. Außerdem hieß es, die Einsatzkräfte der Polizei hätten bis zum Eintreffen von Notarzt und Rettungsdienst umgehend Erste Hilfe geleistet; von einer Fixierung oder Fesselung war dabei nicht die Rede gewesen.
„Egal, was sich genau zugetragen hat – ich glaube, es gibt Alternativen zu diesem potenziell tödlichen Vorgehen“, sagte Johannes König, der Vorsitzende der Münchner Linken, am Telefon zur SZ. Vertreter des Kurdischen Zentrums forderten eine „lückenlose Aufklärung der Polizeigewalt (…), und vor allem Einsatzfehler aufzuarbeiten“. Auch König hatte in seiner Medienmitteilung vom Mittwochabend verlangt: „Die Umstände, die zum Schusswaffeneinsatz und dem anschließenden Vorgehen der Beamten führten, müssen lückenlos und unabhängig aufgeklärt werden.“ Er kritisiert den Einsatz scharf und warf dem Beamten vor, „die Lage fatal falsch eingeschätzt – und selbst als von einer akuten Bedrohung längst keine Rede mehr sein konnte, offenbar völlig unverhältnismäßig gehandelt“ zu haben.
König hatte nach eigenen Angaben im Krankenhaus mit den Eltern des 14-Jährigen gesprochen und dabei auch eine Handyaufnahme vom Krankenbett gesehen, in der der Schüler aus dem Landkreis Miesbach seine Sicht der Dinge geschildert habe. Auf Anfrage der SZ teilte eine Sprecherin der federführenden Staatsanwaltschaft München I mit, dass sie den Jugendlichen bislang nicht vernommen haben. Allerdings sei neben weiteren Zeugen auch die Begleiterin des Jungen befragt worden. Rechtlich bewerten will die Staatsanwaltschaft diese Aussagen erst, wenn die Vorermittlungen abgeschlossen sind. In denen werden die beteiligten Polizisten weiterhin als Zeugen geführt, nicht als Beschuldigte; das gilt auch für den Beamten, der den Schuss abgab.
Polizisten sichern am Dienstagabend den Tatort nahe der Kreuzung Herzog- und Belgradstraße in Schwabing.
Felix Hörhager/dpaOb dessen Schusswaffengebrauch rechtmäßig gewesen ist, gehört nun zu den Ermittlungen, die vom Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) unter sachlicher Leitung der Staatsanwaltschaft geführt werden. Mit schnellen Ergebnissen ist dabei nicht zu rechnen. In den Jahren 2024 und 2025 hat es in München drei Polizeieinsätze gegeben, bei denen Beamte oder Beamtinnen Schüsse auf Personen abgegeben haben mit jeweils tödlichen Folgen für die Getroffenen: am 19. August 2024 in einem Supermarkt an der Implerstraße, am 5. September 2024 am NS-Dokumentationszentrum nahe dem Karolinenplatz sowie am 7. Juni 2025 an der Theresienwiese. In allen drei Fällen sind die Vorermittlungen noch nicht abgeschlossen.
In der Implerstraße und an der Theresienwiese setzten die Beamten ihre Waffen gegen psychisch auffällige Frauen ein, die sie mit Messern bedrohten. Am Karolinenplatz erschossen die Beamten einen antisemitisch eingestellten Österreicher, der mit einem Gewehr bewaffnet war und offensichtlich einen Anschlag auf das israelische Generalkonsulat verüben wollte.
79 Schusswaffeneinsätze in den vergangenen Jahren
Von 2016 bis 2025 hat das BLKA insgesamt 79 Schusswaffeneinsätze der bayerischen Polizei gegen Personen erfasst, also im Durchschnitt acht pro Jahr. Dabei gab es 52 Verletzte und 13 Tote. Nur einmal in all den Jahren wurde ein Schusswaffengebrauch als unzulässig eingestuft, das war 2023. Detaillierte Zahlen für München konnte das BLKA am Donnerstag nicht vorlegen.
Über den 14-jährigen Schüler hatte die Münchner Polizei am Mittwoch bereits bekannt gegeben, dass er vor drei Jahren mit seinen Eltern in das Bundesgebiet eingereist sei und hier Asyl beantragt habe; dieser Antrag sei jedoch abgelehnt und die Abschiebung angedroht worden. In der Regel werden solche Angaben über Tatverdächtige öffentlich gemacht; gegen den 14-Jährigen wird im Zusammenhang mit dem Einsatz vom Dienstag wegen einer möglichen Bedrohung ermittelt.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.