Erst zuhören und dann gleich nachlesen: Die Büchertische sind beim Poetenfest immer gut besucht.
Erich MalterMehr als 80 Schriftsteller, Publizisten und Wissenschaftler werden bei den langen Lesenachmittagen im Erlanger Schlossgarten und der Orangerie zu Gast sein. Und nicht nur dort, die Literatur erobert auch das Markgrafentheater, den Kultur- und Bildungscampus Kubic, das Palais Stutterheim, das Stadtmuseum, das Kulturzentrum E-Werk oder die Lamm-Lichtspiele. Wer kann, sollte sich unbedingt dieses verlängerte Wochenende freihalten für die vielen Neuerscheinungen, Diskussionen, für Musik, Poetry-Slam, die beliebte Druckwerkstatt mit ihrer papiernen Kunst, für das Kinderprogramm – und die eine oder andere Bratwurst im Park.
Klar, der Buchbranche ging’s schon mal besser. Nach einem erfüllten Tag beim Erlanger Poetenfest aber, wo man Menschen in Gemeinschaft, aber auch ganz still für sich in ein Buch versunken begegnen kann, möchte man ganz fest an die Zukunft der Literatur glauben.
Die Ausgezeichneten
Lena Schätte, die Bachmann-Preisträgerin 2026, liest aus ihrem Sieger-Text „Was wir tragen“.
Wolfgang Jannach/APA/dpaEr hat noch immer etwas Auratisches, der Ingeborg-Bachmann-Preis. Als Natascha Gangl, Preisträgerin 2025, im vergangenen Jahr im Schlosspark aus ihrem Text „Da Sta“ las, drängten sich die Menschen vor dem Hauptpodium. Viel Aufmerksamkeit wird heuer auch Lena Schätte bekommen, die in Klagenfurt – wie Gangl – sowohl den Hauptpreis als auch den Publikumspreis gewonnen hat. „Was wir tragen“ heißt ihr Text, der von Körperscham und Selbstermächtigung erzählt, von zwei Schülerinnen, die gemobbt werden und sich gegenseitig Halt geben: „Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind. Der Rest strömt in der Pause Richtung Mensa, doch wir gehen zur Schultoilette an der Turnhalle, zu der sonst kaum jemand geht. Essen unsere Brote in den Kabinen.“ Lena Schätte liest am 30. August um 16.30 Uhr im Schlossgarten.
Auch Kinga Tóth, die beim Bachmann-Wettbewerb ihren Text „OstblockMädl“ so großartig performte und dafür den Kelag-Preis erhielt, ist im Park anzutreffen (29.8., 16 Uhr). Ja, Preise, sie sind wichtig im Literaturbetrieb, für die Autoren, für die Verlage und auch für Veranstalter von Festivals. In Erlangen haben sie da seit jeher ein gutes Näschen: Wenn ein paar Wochen zuvor die Longlist mit den Nominierten für den Deutschen Buchpreis bekannt gegeben wird, kann man sicher sein, beim Poetenfest einigen der 20 Kandidatinnen und Kandidaten zu begegnen.
Miriam Carbe gibt in ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ ihren Vorfahrinnen einen Stimme.
Wolfgang StahrMiriam Carbe zum Beispiel, sie liest im Schlossgarten am 29. August, 17.30 Uhr, aus ihrem Debütroman „Unerwünschte Töchter“, dem die Tagebücher ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter als Ausgangsmaterial dienten. Um 18 Uhr schließt sich Longlist-Kandidatin Karosh Taha an; sie erzählt in „Gulistan“ vom Terror gegen die kurdische Bevölkerung im Irak während der Herrschaft Saddam Husseins. Helene Bukowski wiederum beschreibt in ihrem „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ das Schicksal einer jungen Pianistin in der DDR, ein beeindruckendes Buch, mit dem sie auch schon auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand (30. 8., 13.30 Uhr).
Dana Vowinckel schreibt über das Leben von jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland, ihr neues Buch „Anton und Alma“ erscheint im September.
Imago/dts NachrichtenagenturIn „Gewässer im Ziplock“, Dana Vowinckels gefeiertem Debütroman, sucht die 15-jährige Protagonistin Margarita, Tochter eines jüdischen Kantors, nach ihrem Platz in einer komplizierten Familiensituation, die zwischen Berlin, Israel und Chicago spielt. Vowinckels zweiter Roman „Anton und Alma“, der im September erscheint, erzählt von der Liebe zwischen einem Juden und einer Nicht-Jüdin in Berlin, vor dem Hintergrund des Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023, des Gaza-Kriegs und des Rechtsrucks in Deutschland. Die Autorin liest daraus am 30. August, 16 Uhr, in der Orangerie.
Radka Denemarková zählt zu den erfolgreichsten und international am meisten übersetzten Schriftstellerinnen Tschechiens.
Imago/Isabella De MaddalenaDer Magnesia Litera gilt als der wichtigste tschechische Literaturpreis; Radka Denemarková hat ihn bereits vier Mal gewonnen, und das in verschiedenen Kategorien (Prosa, Sachbuch, Übersetzung, Buch des Jahres). Zweifellos zählt Denemarková zu den erfolgreichsten und international am meisten übersetzten Schriftstellerinnen Tschechiens, das heuer Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist. In Erlangen stellt die 58-Jährige ihren neuen Roman „Schokoladenblut“ vor, ein erstaunliches Textexperiment, das die Leser mitnimmt auf eine Eisenbahnreise durch das 19. Jahrhundert. Episodenhaft verschachtelt sie dort die Lebensläufe von George Sand, John D. Rockefeller und Božena Němcová, der tschechischen Nationaldichterin wider Willen, die die Vorlage für den Filmklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödl“ lieferte. Was hinter dem Titel „Schokoladenblut“ steckt, und warum Denemarková gerade diese Protagonisten gewählt hat, darüber spricht sie am 29. August im Bayern-2-Podcast „Buchgefühl“ live um 17 Uhr in der Orangerie.
Die Porträts
Schreiben über die eigene Mutter: Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss stellt sich dieser schwierigen Aufgabe im Buch „Königin der Nacht“.
Catherina HessZwei Schweizer und eine Berlinerin stehen diesmal im Fokus bei den Autorenporträts im historischen Markgrafentheater. Ob es da etwas gibt, was das Schreiben der Drei verbindet? Prägende Erfahrungen in der Kindheit? Wer alle Abende besucht, mag da einiges an Gemeinsamem entdecken. Lukas Bärfuss macht den Anfang (28.8., 20.30 Uhr); Maike Albath spricht mit dem Georg-Büchner-Preisträger über sein aktuelles Buch „Königin der Nacht“. Nach „Vaters Kiste“ über seinen abwesenden, kriminellen Erzeuger geht es in diesem autobiografischen Essay nun um sein schwieriges Aufwachsen mit einer Mutter, die ihm keine Liebe schenken konnte. Mit 15 landete der vernachlässigte Junge auf der Straße. Bärfuss selbst nennt das Buch eine „Fallbeschreibung“, die über das eigene Erleben hinausgeht.
Schriftstellerin Gabriele von Arnim
:„Seien wir aufmerksam!“Bei einer „Erika Mann Lecture“ der LMU München bezieht die Schriftstellerin Gabriele von Arnim unmissverständlich politisch Stellung, beschwört das „Prinzip Zuversicht“ – und ruft jeden dazu auf, Verantwortung zu übernehmen.
Alex Capus, der schon lange zu den erfolgreichsten Schweizer Gegenwartsautoren gehört, wuchs in der Wohnung des Großvaters in Paris auf und zog nach der Trennung seiner Eltern mit der Mutter in die Schweiz. Er stellt seinen noch druckfrischen Roman „Querfeldein“ vor (29.8., 20.30 Uhr). Überlebensstrategien entwickeln musste als Kind auch Gabriele von Arnim. Die Journalistin und Autorin war als Neunjährige wegen eines Hüftleidens viele Monate sprichwörtlich ans Bett gefesselt. Um das durchzustehen, begab sie sich in ein „Eisfach der Unempfindlichkeit“. Am 30. August, 20 Uhr, spricht die 79-Jährige unter anderem über ihr Zukunftsmut machendes Buch „Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls“.
Gespräche und Diskussionen
What is going on in the U.S.? Ein Podium beim Poetenfest wird sich mit dieser Frage beschäftigen. Und auch mit Präsident Donald Trump, der hier während der Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit als Papp-Aufsteller in Martinsburg, USA, anzutreffen war.
Cara Anna/AP/dpaIst das Gefühl lähmender Mutlosigkeit angesichts der aktuellen Polykrisen nicht allzu verständlich, wenngleich auch ein Luxus, den sich niemand leisten kann? Eine Frage, die auf den Podien des Poetenfests zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen gewiss auf den Tisch kommen wird. Dafür sorgt schon die exzellente Moderatoren-Riege, Journalisten wie Korbinian Frenzel oder Nana Brink, denen man auch in den Sendungen von Deutschlandfunk Kultur gerne zuhört.
Auch vor und in der Orangerie im Schlossgarten gibt es Lesungen und Diskussionen.
Simone VoggenreiterVom Timing her etwas unglücklich ist, dass sich das Publikum am 28. August zwischen dem Abend mit Lukas Bärfuss im Markgrafentheater und einem zeitgleich stattfindenden Podium in der Orangerie entscheiden muss: Dort stellen Lena Gorelik, Marlen Hobrack und Sarah Trentzsch ihre aktuellen Bücher vor, in denen es ebenfalls um das Thema Mutterschaft geht, um Beziehungen, Rollenbilder, Erwartungen.
Mythen mit der Realität abgleichen: Spätestens seit Beginn der zweiten Trump-Präsidentschaft stellen sich die Menschen nicht nur in Europa die Frage: „What is going on in the U.S.?“ Erklärungsversuche kommen beim Poetenfest von der deutsch-amerikanischen Journalistin Jiffer Bourguignon, die zusammen mit ihrem Ehemann, Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni, den NDR-Podcast „Amerika, wir müssen reden!“ hostet, und Aaron Wiener, bis Anfang des Jahres Korrespondent der Washington Post. (29. 8., 19 Uhr, Orangerie).
Ebenfalls auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis: Tomer Gardi, der 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. In seinem aktuellen Buch „Liefern“ geht es um die globale Ausbeutung von Essenslieferanten.
Klett-Cotta/picture alliance/dpaDen Raum öffnen für sachlichen Dialog, den respektvollen Austausch von Standpunkten. Auch das hat auf dem Poetenfest Tradition und ist notwendiger denn je. „Wenn Worte fehlen. Schreiben zwischen Krieg und Frieden“ – unter diesem Titel kommen am 30. August, 16 Uhr, in der Orangerie Autorinnen und Autoren aus Israel, Gaza und Iran ins Gespräch, die sich genau in dieser existenziellen Situation befinden: Salim Alafenisch wurde 1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren, ist israelischer Staatsbürger und lebt seit 1973 in Heidelberg. Berlin ist der Lebensmittelpunkt von Tomer Gardi, der in einem Kibbuz in Galiläa aufwuchs. Atefeh Chaharmahaliyan, die renommierte Dichterin und Aktivistin, wurde 2022 während der „Woman, Life, Freedom“-Proteste in Teheran verhaftet, heute lebt sie im Exil in Deutschland. Aus Teheran zur Diskussion in Erlangen zugeschaltet ist der persische Ingenieur und Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, dessen Bücher dort schon lange nicht mehr erscheinen dürfen. Aus Tel Aviv meldet sich Autor Ofer Waldman zu Wort.
Emily Brontë trifft Booktok
Beliebt bei der Booktok-Community: Emily Brontës „Wuthering Heights“.
imago stock&peopleAuch um die sozialen Medien, vor allem ihren Einfluss auf Kinder und Jugendliche geht es beim Erlanger Bücherfest. Verbieten oder regulieren? Diese Frage diskutieren am 30. August, 16 Uhr, in der Orangerie Jakob Hein und Nina Kolleck mit den Jugendlichen Sarah Koussougbo und Laurina Lennartz.
Doch Social Media hat auch den Buchmarkt fundamental verändert. Eine superschnelle Zusammenfassung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ gefällig? Im Netz bekommt man sie, auf Tiktok, respektive Booktok, beispielsweise von einer sehr blonden jungen Frau, die den gesamten Gossip über das komplexe Figuren-Tableau mal eben souverän dropped. Der Roman aus dem Jahr 1847 ist ein Riesen-Ding in der Community, tausende Book-Influencerinnen durchstreifen jedes Jahr die misty moors of Yorkshire, wo der Roman spielt und die talentierten Brontë-Schwestern in einem Pfarrhaus aufwuchsen.
Längst hat die Buchbranche die Boosterkraft von Tiktok-#Booktok erkannt, auf den großen Branchenmessen präsentieren sich die Online-Stars auf Live-Bühnen. Nur logisch, dass auch das Erlanger Poetenfest den umsatzstarken Trend abbildet. In Kooperation mit „ARD Literally“, dem ersten öffentlich-rechtlichen Booktok-Kanal im deutschsprachigen Raum. Und auch am 29. August, 19 Uhr, wird es um „Wuthering Heights“ gehen, im Kubic und live auf Tiktok. Für die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal ist es eines ihrer Lebensbücher, ihre „Initiation in die Welt der Erwachsenenliteratur“. Sanyal selbst hat 2022 ein so kluges wie lustiges Buch über Emily Brontë herausgebracht, in dem sie auch erklärt, warum „Wuthering Heights“ ein „postmigrantischer Roman“ ist. Eine unbedingte Empfehlung, auch an Euch, liebe Booktok-Community!
46. Erlanger Poetenfest, 28. bis 30. August, im Erlanger Schlossgarten, in der Orangerie, im Markgrafentheater und an anderen Orten. Näheres zum Programm unter www.poetenfest-erlangen.de

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