RSS Amplifier

Freising - SZ.de · Aug 24, 2026

Freisinger Stadtgeschichte: Die Dame sollte es warm haben

0
Sign in to vote or save

Kerstin Vogel · Süddeutsche Zeitung

Die Handwerker-Rechnung war verräterisch. Plötzlich wurden im Oktober 1810 in der Fürstbischöflichen Residenz gegenüber vom Freisinger Dom die Öfen instandgesetzt – nachdem sich seit der Säkularisation 1802/03 lange Jahre wohl niemand mehr so recht um den Erhalt des Gebäudes gekümmert hatte.

Nach einem Einbruch im Jahr 1809 war zwar immerhin ein Nachtwächter eingesetzt worden. Behaglichkeit aber hatte in dem heute als Kardinal-Döpfner-Haus bekannten Prachtbau offenbar niemand mehr für besonders wichtig gehalten – bis Therese von Sachsen-Hildburghausen hier nächtigte. Kronprinz Ludwig hatte seine Verlobte vor ihrer Hochzeit am 12. Oktober 1810 in dem einstigen Jagdschloss der Wittelsbacher untergebracht. Und die Dame sollte es wohl warm haben.

Die etwa 30 Leute, die sich diese Anekdoten amüsiert anhören, stehen im Domhof. Ihre Stadtführerin Myriam Wagner-Heisig wird ihnen in den kommenden anderthalb Stunden noch einiges über royale Spuren in der Stadtgeschichte erzählen. Es ist eine Sonderführung, die von der Kunsthistorikerin im Sommerprogramm der Freisinger Stadtführer angeboten wird – unterhaltsam und durchaus mit dem einen oder anderen Aha-Effekt verbunden.

Denn auch wenn die alte Domstadt Freising über Jahrhunderte von kirchlichen Herrschern geprägt wurde – es waren die bayerischen Könige, die bei ihren Besuchen die Ideen und Errungenschaften der neuen Zeit mitbrachten.

Im heutigen Freisinger Amtsgericht wurde 1804 ein Institut für Gehörlose eingerichtet, danach wurde die ehemalige Domdechantei zur Blindenschule, die allerdings später nach München umzog.

Im heutigen Freisinger Amtsgericht wurde 1804 ein Institut für Gehörlose eingerichtet, danach wurde die ehemalige Domdechantei zur Blindenschule, die allerdings später nach München umzog.

Marco Einfeldt
Eine Tafel am Gerichtsgebäude dokumentiert die frühere Nutzung unter anderem auch für das Camerloher-Gymnasium, das heute an der Wippenhauser Straße steht.

Eine Tafel am Gerichtsgebäude dokumentiert die frühere Nutzung unter anderem auch für das Camerloher-Gymnasium, das heute an der Wippenhauser Straße steht.

Marco Einfeldt

Das zeigte sich zum einen im Bereich der Bildung: in einer Schule für Gehörlose im heutigen Amtsgericht, im Klerikalseminar und im bis heute existierenden Domgymnasium – aber auch in Neuerungen auf dem Gebiet der Hygiene. Dass die Freisingerinnen und Freisinger ihre Schlachtabfälle und Fäkalien irgendwann nicht mehr über den Nierenbach oder den Fluss Stadtmoosach entsorgten, ging, so die Erzählung, durchaus auch auf Anregungen königlicher Besucher zurück.  „Die Könige schätzten die Stadt Freising und wollten sie voranbringen“, sagt Stadtführerin Wagner-Heisig.

Die Freisinger – die Kunsthistorikerin ordnet sie als „moderat königstreu“ ein – bedankten sich mit Straßennamen und anderen Würdigungen. So gibt es bis heute eine Prinz-Ludwig-Straße, die Luitpoldanlage soll dem Prinzregenten Luitpold gewidmet sein. Und am Fürstendamm steht, ein wenig versteckt, der Königsstein – Maximilian und der Bayerischen Verfassung von 1818 zu Ehren.

Die Inschrift auf dem Freisinger Königsstein am Fürstendamm erinnert nicht nur an die Bayerische Verfassung von 1818. Außerdem steht dort: „Maximilian, dem Beglücker seiner Baiern. Karolina, der zärtlichsten Mutter und huldvollsten Stütze der Bildung und Tugend huldigen Freisings treue Bürger ewigen Dank und Liebe.“

Die Inschrift auf dem Freisinger Königsstein am Fürstendamm erinnert nicht nur an die Bayerische Verfassung von 1818. Außerdem steht dort: „Maximilian, dem Beglücker seiner Baiern. Karolina, der zärtlichsten Mutter und huldvollsten Stütze der Bildung und Tugend huldigen Freisings treue Bürger ewigen Dank und Liebe.“

Marco Einfeldt

Auch in Sachen Tierhaltung und Landwirtschaft kamen die Wittelsbacher mit immer neuen Ideen nach Freising. So sollen 1808 vorübergehend arabische Hengste im damaligen Marstall auf dem Domberg untergebracht worden sein. Später sollte die königliche Merinoschafherde in Freising ein neues Zuhause finden. Das Projekt konnte sich allerdings zunächst nicht recht durchsetzen.

Erst 1819/20 wurde unter Max I. Joseph tatsächlich der Schafhof im Norden der Stadt gebaut. Daneben hatte es noch Experimente mit einer Seidenraupenzucht gegeben, für die zahlreiche Maulbeerbäume gepflanzt wurden, allerdings ebenfalls ohne Erfolg. Die königliche Schafherde blieb bis 1888 in Freising; danach endete die Schafzucht. Heute allerdings weiden wieder Schafe am Schafhof, sie gehören zu einer privaten Herde.

Die Wälder rund um Freising dienten den Wittelsbachern lange als Jagdgrund. Eine weitere Anekdote erzählt von einem Hirsch aus den Isarauen, der auf der Flucht vor den königlichen Jägern bis ins Hofbrauhaus geraten sein soll. Dort soll er aus dem dritten Stock gesprungen oder gestürzt und erst am Stadttor erlegt worden sein.

Mit der Überführung der ehemals fürstbischöflichen Wälder in eine strukturierte staatlich-bayerische Verwaltung hatte nach der Säkularisation der Förster Eustachius Dillis zu tun, der zwischenzeitlich an der Forstschule Weihenstephan unterrichtet hatte. Sein Amts- und Wohnsitz war bis 1810 der Propsteihof von St. Andreas auf dem Domberg, an den heute nur noch der Brunnen rechts oberhalb der Benedikt-Linde erinnert. Doch den guten Mann, so erzählt es Myriam Wagner-Heisig, überfiel die unbestimmte Angst, der Domberg könne abrutschen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion zog er deshalb in den Colonna-Hof neben dem Tor an der östlichen Auffahrt des Domberges. Dort sitzt das Forstamt bis heute.

„Sie sehen, dass sie nichts sehen“:  Myriam Wagner-Heisig vor dem  Brunnen St. Andreas, der an den früheren Probsteihof erinnert.

„Sie sehen, dass sie nichts sehen“:  Myriam Wagner-Heisig vor dem  Brunnen St. Andreas, der an den früheren Probsteihof erinnert.

Marco Einfeldt

Auch auf interessante Frauengestalten stößt, wer sich mit den königlichen Einflüssen in Freising befasst. Da war zum Beispiel Maria Leopoldine von Österreich, die als sehr junge Frau mit dem Wittelsbacher Karl Theodor, Kurfürst von Bayern und Pfalzbayern, verheiratet wurde. Den ehelichen Umgang mit dem mehr als 50 Jahre älteren Gatten soll sie allerdings verweigert haben. Und auch ansonsten lebte sie nicht eben typisch für die Frauen ihrer Zeit.

Als Karl Theodor 1799 ohne legitime Nachkommen starb, machte sich seine Gemahlin nicht nur als recht lebenslustige Zeitgenossin einen Namen. Sie wurde auch zu einer politischen Beraterin von König Max Joseph und machte den Kauf gleich mehrerer Brauereien offenbar zu einer Art Hobby, darunter das Freisinger Hofbrauhaus, das später ihre Enkelin Sophie erbte. Die wiederum war verheiratet mit dem Grafen von Moy – der Name Gräflich von Moy’sches Hofbrauhaus war Biertrinkern in aller Welt bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ein Begriff.

Bis heute wird im Freisinger Hofbrauhaus Bier gebraut, im Domgymnasium wird gelernt, am Schafhof grasen Schafe und die Stadt gilt als bedeutendes Zentrum für forstliche Forschung. Und das Kardinal-Döpfner-Haus auf dem Domberg, in dem einst die Öfen für Therese angeworfen wurden, wird derzeit als Seminar- und Tagungszentrum saniert und neu gestaltet – Zentralheizung inbegriffen.

Read the original on sueddeutsche.de

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.