RSS Amplifier

Ebersberg - SZ.de · Aug 19, 2026

Kunst, Natur und Umwelt: Wenn Keramik gegen Wasserknappheit helfen soll

0
Sign in to vote or save

Michaela Pelz · Süddeutsche Zeitung

Feuer und Wasser spielen für die bildende Künstlerin Naho Matsuda derzeit eine große Rolle. Das eine braucht sie, um Gefäße aus Keramik herzustellen. Mit dem anderen sollen diese später Teil eines Bewässerungssystems nach historischem Vorbild werden. Auf Gut Sonnenhausen kommt nun beides zusammen.

Schon seit Langem befasse sie sich mit Technologien aus der Landwirtschaft – vor allem dem Umgang mit Wasserknappheit, sagt die Deutsch-Japanerin. „Aber dass ein Schwerpunkt dieser Residency das Thema ‚Keramik‘ sein würde, war ein unglaublicher Zufall.“

Kunst-August auf Gut Sonnenhausen

:Künstlern bei der Arbeit über die Schulter schauen

Sechs junge Männer und eine junge Frau arbeiten einen Monat lang als „Artists in Residence“ in Glonn. Dreimal die Woche kann man sie im „offenen Atelier“ besuchen und mit ihnen über das Wesen der Kunst sprechen.

Mit „Residency“ ist die zweite Auflage der „Artists in Residence“ gemeint. Dafür lädt Hausherr Georg Schweisfurth Absolventen und Studierende der Münchner Kunstakademie ein, Gut Sonnenhausen einen Monat lang als Wohn- und Arbeitsort zu nutzen. Sie sollen sich gegenseitig inspirieren, aber auch mit den Veränderungen der Natur auseinandersetzen. Zusammengestellt wurde die Gruppe von Kurator Jonas Augustin Mann. Neben der Münchnerin Naho Matsuda nehmen Koyo Saito aus Tokio und Vincent Schober aus Wien an dem Programm teil.

Als Künstler hat sich der 29-jährige Jonas August Mann auch auf aussterbende Handwerke spezialisiert. Deswegen möchte er die anderen Teilnehmenden bei einem „Holzbrand nach historischem Vorbild“ anleiten. Der dafür benötigte Ofen soll noch an diesem Vormittag entstehen. Doch dazu später mehr.

Fast bis zum Rand werden die auch „Ollas“ genannten Gefäße in den Boden eingelassen. Der zieht sich aus dem porösen Material nach und nach das darin enthaltene Wasser. Die Zeichnung an der Außenseite ist dem Bau einer Wühlmaus nachempfunden. Es handelt sich um verschiedenfarbigen Ton, keine Glasur.

Fast bis zum Rand werden die auch „Ollas“ genannten Gefäße in den Boden eingelassen. Der zieht sich aus dem porösen Material nach und nach das darin enthaltene Wasser. Die Zeichnung an der Außenseite ist dem Bau einer Wühlmaus nachempfunden. Es handelt sich um verschiedenfarbigen Ton, keine Glasur.

Renate Schmidt

Zunächst erklärt Matsuda das Prinzip der Speicherkeramiken. Die mit Wasser befüllten, unglasierten Gefäße werden bis knapp unter dem Rand in der Erde vergraben. „Aus dem porösen Material kann sich der Boden das Wasser, das er braucht, langsam herausziehen“, sagt sie.  Nachgefüllt wird über eine Öffnung, die mit einem Deckel oder einem Stein verschlossen ist. Besonders hebt Matsuda die große Effizienz der Gefäße hervor: „Verglichen mit Oberflächenbewässerung verlieren sie fast kein Wasser über die Verdunstung, wodurch man mit viel weniger Wasser gezielter bewässern kann.“

Hinweise auf solche Bewässerungssysteme fand Matsuda, die zehn Jahre in London gelebt hat, in der englischen Übersetzung einer chinesischen Schrift aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. „So spannend, diese einfache Technik! Wo wir derzeit in der Landwirtschaft jede Menge Sensoren und Daten verwenden, könnte simpler Ton intelligent funktionieren.“

Den Projekten von Naho Matsuda geht stets eine intensive Recherche voraus. Das in der Bayerischen Staatsbibliothek gefundene Werk ist die Übersetzung einer mehr als 2000 Jahre alten Schrift.

Den Projekten von Naho Matsuda geht stets eine intensive Recherche voraus. Das in der Bayerischen Staatsbibliothek gefundene Werk ist die Übersetzung einer mehr als 2000 Jahre alten Schrift.

Renate Schmidt

In dem Buch sei vermerkt, dass die Behältnisse fünf Liter fassten, nebst einer Anleitung, was man drum herum pflanzen könne. „Zeichnungen sind allerdings nicht dabei.“ Deshalb experimentiert sie mit unterschiedlichen Formen. Dabei hilft ihr ihre Ausbildung als Designerin. In diesem Bereich hat sie nicht nur gearbeitet, sondern auch geforscht und gelehrt.

Mehr als 100 Kilo Ton haben sich die „Artists in Residence“ im Vorfeld besorgt. Noch sind die Gefäße für das Bewässerungssystem nicht gebrannt, nur luftgetrocknet.

Mehr als 100 Kilo Ton haben sich die „Artists in Residence“ im Vorfeld besorgt. Noch sind die Gefäße für das Bewässerungssystem nicht gebrannt, nur luftgetrocknet.

Renate Schmidt

Noch sind ihre Rohlinge ungebrannt, die Linien an der Außenseite wirken rätselhaft. Was sie darstellen sollen, überrascht: „Das ist der Bau einer Wühlmaus“, erklärt Matsuda. Diese Idee entstand durch ein Gespräch mit den auf Gut Sonnenhausen arbeitenden Landschaftsgärtnern Jörn Kampermann und Gabriele Hammer. „Wenn Jörn beim Bewässern der jungen Apfelbäume Wühlmauslöcher entdeckt, dann hält er mit dem Schlauch gezielt hinein, da er so direkt die Wurzeln erreicht“, sagt Matsuda. In Zeiten extremer Trockenheit nagten die Tiere die Wurzeln der Bäume an und verursachten damit teils erhebliche Schäden.

„Das Thema Wasserknappheit bedrückt mich wirklich sehr. In der Stadt merkt man es erst jetzt – die Landwirtschaft betrifft es schon lange“, sagt Matsuda. Deshalb habe sie sich mit Alternativen zur industriellen Landwirtschaft beschäftigt sowie Kraut- und Gemeinschaftsgärten besucht. Dort – etwa im Münchner Stadtteil Milbertshofen – könnten ihre unterirdischen Skulpturen später zum Einsatz kommen. „Idealerweise von Wurzelwerk umhüllt. Oder Verästelungen legen sich in die Rillen. Was man jedoch erst nach dem Ausgraben sehen würde.“

Bis die Keramiken vergraben werden, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Weil Frost die Keramiken möglicherweise zerspringen lässt, kommen sie erst im Frühjahr in den Boden. Jetzt müssen sie jedoch gebrannt werden. Und zwar laut Plan im selbst gebauten Holzofen.

Der Prototyp aus Schamottsteinen und Ziegelplatten ist in einer guten halben Stunde fertig. Zum Einsatz kommt er allerdings nicht. Wie Matsuda später am Telefon berichtet, wurde der geplante Brand abgesagt: „Das Feld und die gesamte Umgebung war zu trocken, zudem sind wir alle besorgt über die zunehmenden Brände diesen Sommer.“

Stattdessen hat man die Gefäße in einer Grillschale gebrannt und anschließend durch die Zugabe von organischem Material wie Blumen und Kräutern Muster auf den Keramiken erzeugt.

Stattdessen hat man die Gefäße in einer Grillschale gebrannt und anschließend durch die Zugabe von organischem Material wie Blumen und Kräutern Muster auf den Keramiken erzeugt.

Stella Egger/OH

Deshalb habe man sich kurzfristig für eine andere Methode entschieden. Stattdessen entzündeten die Künstler in einer geschlossenen Grillschale ein Feuer. Im zweiten Durchgang wurden die Keramiken mit Blumen und Kräutern bedeckt und damit neue Muster erzeugt. „Am Morgen danach hat Koyo die Schalen für seine Teezeremonie mit einer Mischung aus Wasser und zerstoßenem, japanischen Reis bestrichen und nochmals in die Glut gelegt“, berichtet Matsuda. Das sei die traditionelle Art der Versiegelung, um Keramik wasserfest zu machen. Für ihre Bewässerungsgefäße komme das allerdings nicht infrage: Sie sollen schließlich weiterhin Wasser durch ihre porösen Wände abgeben können.

Bevor Koyo Saito nach seinem Erasmus-Jahr ins heimische Tokio zurückkehrt, wird er auf Sonnenhausen eine Japanische Teezeremonie mit selbst gefertigten Schalen abhalten.

Bevor Koyo Saito nach seinem Erasmus-Jahr ins heimische Tokio zurückkehrt, wird er auf Sonnenhausen eine Japanische Teezeremonie mit selbst gefertigten Schalen abhalten.

Renate Schmidt

Wie die unterschiedlichen Arbeiten aussehen, die in der von allen Beteiligten als „unglaublich offen, wertschätzend und ganz besonders“ beschriebenen Atmosphäre auf Gut Sonnenhausen entstanden sind, können Besucherinnen und Besucher noch bis Ende August an Ort und Stelle entdecken.

Besondere Events: Sonntag, 23. August, 14 Uhr: Japanische Teezeremonie. Sonntag, 30. August, 14 Uhr: Finissage & Atelierfest.

Read the original on sueddeutsche.de

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.