Uschi? Dass der Blomberg bei Bad Tölz längst nicht mehr Naturburschen und Gipfelstürmerinnen vorbehalten ist, weiß jeder. Auf einige Exzentriker trifft man zwischen Kletterwald und Sommerrodelbahn immer. Aber Uschi? Sie sieht aus wie ein riesiges Seepferdchen mit Glubschaugen. Und dann dieser OihcconiP, der offenkundig nicht weiß, wo vorn und hinten ist. Ohne Gliedmaßen rollt er sich rückwärts auf, den Nacken extrem überdehnt. Das sprengt die üblichen Dimensionen. Und das hat Konzept: Beide Figuren entstanden beim Tölzer Bergkunst-Festival 2025 unter dem Motto „Aliens – Mittler zwischen Welten“. Nun gehören sie zu den Neuzugängen des Kunstwanderwegs „Sinneswandel“.
Wer es bis zu „Uschi“ von Franka Kraus geschafft hat, darf Pause machen.
Harry WolfsbauerDeutschlands höchstgelegener Kunstwanderweg, 2008 gegründet, hat in den vergangenen Jahren selbst manchen Wandel durchlebt. Wind, Wasser und Sonne haben an ihm genagt, Scharen von Kindern seine Widerstandskräfte getestet. Nun hat der Tölzer Kunstverein ihm eine Kur verordnet, hat ihn herausgeputzt und aufgemöbelt. Mehr als 30 Skulpturen aus Holz, Stein und Metall, eingebettet in die Bergkulisse, laden zu einem inspirierenden Kunst-Natur-Erlebnis ein. Ein Wiedereröffnungsfest ist für Sonntag, 20. September, angesetzt. Wer mag, kann sich dem neuen „Sinneswandel“ aber schon jetzt unterziehen.
Dazu haben Marion Marski, Vorsitzende des Kunstvereins, und Oliver Kugel, Hüter des Kunstwanderwegs, an diesem sonnigen Augusttag eingeladen. Sie wollen ihr Gemeinschaftswerk vorstellen. „Noch ist nicht alles perfekt“, sagt Marski. Die QR-Codes fehlten, der Flyer sei noch nicht ganz fertig. Was man dennoch schon sehe: „Dass das etwas Tolles und Außergewöhnliches ist.“
Johann Löffelmanns „Arche“ am Gipfelkreuz wird gern als Sitzgelegenheit genutzt.
Harry Wolfsbauer
Die „Berg-Bank“ haben Nicola Hornäcker und Marinus Sanden aus einer Tanne gesägt.
Harry WolfsbauerStartpunkt ist beim Gipfelkreuz, das man von der Bergstation der Blombergbahn aus gemütlich in 15 Minuten erreicht. Kunstwerk Nummer eins, eine „Arche“ von Johann Löffelmann aus dem Jahr 2008, könnte man indes leicht übersehen – etwa, weil man darauf sitzt. Vom Wetter grau gegerbt, mischt sie sich unaufdringlich unter die Sitzgelegenheiten neben dem Gipfelkreuz. Der Blick geht weit ins Tölzer Land.
Die nächsten beiden Arbeiten – ein bearbeiteter Findling von Andrea Kreipe und eine „Steinjungfrau“ von Stefanie von Quast - fügen sich noch spielerischer in die Umgebung ein. Ohne die weißen Hinweisschilder würde man womöglich achtlos an ihnen vorübergehen. Erst bei genauerer Betrachtung offenbart sich die Kunstfertigkeit, die in ihnen steckt. In der gewaltigen Bergwelt lassen sie eine angenehme menschliche Note anklingen.
Vorbei geht es an einer in Würde gealterten Tannenbank, die bei einem Symposium junger Holzbildhauer aus München 2012 entstanden ist. Moos hat sich in die schuppige Rückenlehne eingenistet. Auf ihr ließe es sich gut über Werden und Vergehen sinnieren. Außer Frage steht: Die Vergänglichkeit ist in dieser Ausstellung Dauergast.
Marion Marski, Vorsitzende des Tölzer Kunstvereins (links), und Oliver Kugel, Hüter des Kunstwanderwegs, in der Installation „Wanderer“ von Jürn Ehlers.
Harry Wolfsbauer
Auch dieser alten Weiden-Skulptur hat Ehlers eine neue Dynamik gegeben.
Harry WolfsbauerGleiches gilt offenkundig für den Herrschinger Bildhauer Jürn Ehlers. Der 84-Jährige ist der eifrigste Gestalter des Kunstwanderwegs. Das Herzstück des „Sinneswandels“ könnte man daher auch Jürn-Ehlers-Weg nennen. Seine „Blaue Feder“, die „Rote Harfe“ oder die „Blaue Blume“ gehören seit Anbeginn zu den Hinguckern am Wegesrand. Eindruck hinterlassen seine „Wanderer“ – eine Gruppe abstrahierter Figuren, die einer kleinen goldenen Kugel folgt. „Das Thema Flucht hat ihn stark beschäftigt“, sagt Maria Marski. „Hier hat er ihm einen Platz gegeben.“
Wenige Schritte weiter trifft man auf eine eigenwillige Weide. Angepflanzt und in Kreuzform gebracht hatten sie 2009 Marianne Süßbauer und Sylvia Drudik. Die Weidenkünstlerin ist im Mai im Alter von 57 Jahren unerwartet gestorben. Zuletzt hatte ihre von Schneelasten verformte Skulptur auf dem Blomberg ein unbändiges Eigenleben entwickelt. Jürn Ehlers hat ihr nun durch das Einflechten leuchtend roter Holzstücke eine ganz neue Gestalt und Dynamik gegeben.
Der „Weltaal“ von Philine Vijverberg.
Harry Wolfsbauer
Und der „Wurmwurmwurm“ von Elsa Dombrowski.
Harry WolfsbauerWer weiter Richtung Blomberghaus spaziert, trifft bald auf das erste Alien im Wald. Entstanden ist der „Weltaal“ (Philine Vijverberg) ebenso wie die glubschäugige „Uschi“ (Franka Kraus), der verdrehte „oihcconiP“ (Lino Louys) oder der „Wurmwurmwurm“ (Elsa Dombrowski) vor einem Jahr beim Bergkunst-Festival 2025, das der Tölzer Kunstverein in Kooperation mit der Stadt Bad Tölz ausgerichtet hat. Sechs Tage und Nächte verbrachten junge Talente von der Garmischer Holzbildhauer-Schule auf dem Blomberg und legten sich dort mit Motorsäge und Stechbeitel ins Zeug.
„Das war ein toller Austausch von Alt und Jung“, sagt Kugel, der das Festival geleitet hat. 13 neue Skulpturen seien dabei entstanden. Auch Kugel hat mehrfach zur Motorsäge gegriffen. Interessant sei für ihn gewesen, wie geplant und durchdacht die jungen Holzbildhauer vorgingen. „Ich arbeite immer intuitiv“, sagt er. Und holt – perfekt vorbereitet – einen Winkelschleifer aus seiner Tasche.
Im Wald hat er ein ungewöhnliches „Gästebuch“ installiert. Es ist aus einem Fichtenstamm gesägt, ebenso wie die Hände, die es halten. Dutzende Wanderer haben offenbar zum Filzstift gegriffen: Leonie und Papa, Teddy und Daniela. Die Arbeit ist wild bekritzelt.
Kugel scheint zufrieden zu sein. „Zeit umzublättern“, sagt er, macht erst noch ein Foto, wirft dann sein Gerät an und raspelt über das Holz, bis es wieder frisch und wie neu ist. Sechsmal habe er auf diese Weise schon umgeblättert, erzählt er. Familien mit Kindern bleiben stehen und staunen. Die frischen Seiten werden nicht lange leer bleiben.
Großes Wiedereröffnungsfest mit Führungen, Live-Musik und Mitmachangeboten am Sonntag, 20. September, Beginn 11 Uhr. Der Kunstwanderweg kann ganzjährig begangen werden, der Eintritt ist frei.

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