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Wolfratshausen - SZ.de · Aug 25, 2026

Pflegeberuf: „Es ist mehr als nur Leid und Waschen“

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Paul Schäufele · Süddeutsche Zeitung

Mit gesprochenen Worten kommuniziert sie nicht mehr, die Bewohnerin im ersten Stock des Josefistifts in der Tölzer Bahnhofstraße. Doch wenn Lucio Caterina das Zimmer betritt, der bettlägerigen Frau die Hände drückt und mit kräftiger Stimme „Hallo Monika!“ sagt, erwidert sie sofort das Lächeln, das der junge Mann mit der eckigen Brille und dem angedeuteten Bart ihr schenkt. Seit drei Jahren arbeitet Lucio Caterina im Alten- und Pflegeheim, bald schließt er seine Ausbildung zum Pflegefachmann ab. Er gehört damit zu einer wachsenden Gruppe in seiner Generation. Immer mehr Leute der Gen Z entscheiden sich, nach der Schule eine Pflegeausbildung zu absolvieren. Was motiviert einen Menschen, diesen Beruf zu ergreifen?

Lucio Caterina schiebt den Servierwagen aus glänzendem Metall über die Gänge des Josefistifts, vorbei an Landschaftsbildern, bemalten Porzellantellern, Kunstblumen, auch eine Übersichtsseite der Sütterlinschrift hängt an der Wand. Essensgeruch macht sich breit, es ist Mittagszeit. „Das ist die Breikost für die Bewohnerinnen, die nicht mehr selbst kauen können“, sagt Caterina und deutet auf die vier mit pürierten Gerichten beladenen Teller, die schon auf dem Wagen stehen. In seinem blauen Oberteil und der weißen Hose macht er sich auf zu den Frauen, von denen die Älteste beinahe fünfmal so alt ist wie der Zwanzigjährige. „95 Jahre jung ist die Frau Riedl“, sagt er, als er der Frau über die Schulter streicht.

Lucio Caterinas Weg zur Pflegeausbildung verlief nicht geradlinig. „Ich hatte leider den Schulabschluss nicht geschafft, wollte aber nicht ohne Quali bleiben“, sagt der 20-Jährige. Seine Idee: die einjährige Ausbildung zur Krankenpflegehilfe. Caterina fängt damit an und lernt in der Tölzer Asklepios-Stadtklinik. „Das hat mir gar nicht gefallen“, erzählt er. „Ich war damals 15 Jahre alt, das war einfach zu anstrengend, vor allem emotional. Das war zu viel für mich.“ Aber die Richtung sagt ihm zu. Er will, wie auch andere in seiner Familie und in seinem Freundeskreis, einen sozialen Beruf ausüben, einen, mit dem er helfen kann. Also entscheidet er sich dazu, die dreijährige Pflegeausbildung vor allem im Josefistift in seiner Geburtsstadt Bad Tölz zu machen, weil er in die Einrichtung schon einmal während eines Praktikums Einblick bekommen hat.

Mit ruhigen, geübten Handgriffen schiebt Caterina seinen Wagen durch die Tür. „Hallo Siggi, grüß dich. Wie geht’s dir? Ist dir kalt?“, sagt er. Die Bewohnerin nickt andeutungsweise, Caterina schließt das Fenster. Dass er die Bewohner duzt, möchte Caterina erläutern. „Das hat nichts mit Respektlosigkeit oder so zu tun.“ Sein Arbeitsbereich ist die gerontopsychiatrische Station des Heims, auf der Menschen mit so weit fortgeschrittener Demenz leben, dass sie sich an die meisten Daten ihres Lebens nicht mehr erinnern. „Das ist wie in einem Bücherregal, aus dem nach und nach die Bücher herausfallen“, sagt Caterina. Am Ende bleibe das, was am weitesten zurückliegt. So erinnern sich manche der Demenzpatienten an ihre Kinder, aber nicht an ihre Enkel. Und kennen noch ihren Vornamen, aber nicht mehr den durch Heirat geänderten Nachnamen. „Man muss die Leute kennenlernen“, sagt Caterina, so finde man den richtigen Umgang.

Der angehende Pflegefachmann Lucio Caterina schiebt den Essenswagen über den Gang.

Der angehende Pflegefachmann Lucio Caterina schiebt den Essenswagen über den Gang.

Manfred Neubauer
Die Medikamente für die Bewohnerinnen und Bewohner sind nach der Einnahmezeit sortiert.

Die Medikamente für die Bewohnerinnen und Bewohner sind nach der Einnahmezeit sortiert.

Manfred Neubauer

Die Bewohnerin liegt schräg im Bett. Ohne zu zögern, greift Caterina der Frau an die Seite und legt sie so, dass er ihr bequem das Essen von der Seite aus eingeben kann, wie es in der Pflegefachsprache heißt. „Schau mal, Siggi, mach mal den Mund auf“, sagt Lucio Caterina, nachdem er der Frau einen Latz umgelegt hat und reicht ihr Kartoffelpüree mit Sauce. „Dankeschön“ ist das einzige Wort, das sie an diesem Mittag sagt.

Lucio Caterina und die Bewohnerin kennen sich schon eine Weile. Nach einem Sturz war die Frau in ihrer Mobilität noch stärker eingeschränkt als vorher schon, hatte Probleme mit dem Bewegungsapparat. „Mensch, das interessiert mich“, sagt sich Caterina. „Ich trainiere ja selbst viel und beschäftige mich damit.“ Er überlegt sich ein paar einfache motorische Übungen und arbeitet mit der Patientin, in Abstimmung mit einem Arzt und der Familie. „Dann irgendwann hat es mit dem Laufen wieder geklappt“, erinnert sich Caterina. „Boah, wie cool, jetzt haben wir es so lange probiert und es hinbekommen“, habe er damals gedacht. „Und man hat es in ihrem Gesicht gesehen, dass sie glücklich war.“

Lucio Caterina kennt die Bewohnerinnen gut. Dass er „Du “zu ihnen sagt, hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, betont er, sondern mit der Demenz.

Lucio Caterina kennt die Bewohnerinnen gut. Dass er „Du “zu ihnen sagt, hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, betont er, sondern mit der Demenz.

Manfred Neubauer

Der angehende Pflegefachmann ist sich seiner Verantwortung im Umgang mit den Leuten im Heim bewusst. „Ich habe großen Respekt davor. Ich beobachte, ich entscheide und manchmal hängt davon ein Leben ab. Aber zum Glück hat mich meine Intuition bis jetzt nicht getäuscht.“ Nur einmal habe ihn eine Situation überwältigt. Caterina ist im zweiten Lehrjahr, als eine Bewohnerin kollabiert und gerade noch von einer Kollegin aufgefangen werden kann. Ein Puls ist nicht mehr zu spüren. „Da war ich überfordert.“ Die Praxisanleiterin greift ein und rettet die Frau.

Wenn mal wieder einer der üblichen Sprüche kommt – „Dann musst du denen den Hintern abwischen, oder?“ –, erzählt er von den glücklichen und lebensentscheidenden Momenten seiner Arbeit. Denn seine Arbeit als Pfleger sieht Lucio Caterina vielschichtiger. „Es ist mehr als nur Leid und Waschen“, sagt er.

Keine Ausbildung wird in Deutschland momentan besser vergütet als die Pflege

So empfinden das immer mehr junge Leute. Im Jahr 2025 erreichte die Zahl der Pflege-Auszubildenden nach einem Zuwachs von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr einen Höchststand. Insgesamt befanden sich Ende des Jahres etwa 157 200 Menschen in einer Pflegeausbildung. Der Trend wird auch auf die Pflegereform von 2020 zurückgeführt. Seitdem ist die Ausbildung generalistisch ausgerichtet, das heißt, die früheren Ausbildungen etwa in der Kranken- und Altenpflege wurden in einem breit ausgerichteten Ausbildungsprogramm zusammengefasst. Auch die Löhne wurden erhöht. Keine Ausbildung wird in Deutschland momentan besser vergütet als die Pflegeausbildung.

Für Lucio Caterina waren das aber nicht die Gründe, diesen Weg einzuschlagen. Er schätzt die Vielfalt der Tätigkeiten, auch die Möglichkeit, später einmal den Einsatzbereich zu wechseln. „Wenn mir das körperlich zu viel wird, könnte ich mir vorstellen, wieder in die Kinderklinik nach Gaißach zu gehen“, sagt er. Außerdem nimmt er an sich eine Entwicklung wahr. „Man lernt, Geduld zu haben, braucht Empathie, lernt viel über Kommunikation. Und es ist auch lustig, wir haben jeden Tag was zu lachen.“ Ein Bewohner, der abends gerne Bier trinkt, hat Caterina gefragt, ob noch eines vorrätig sei. „Nee, ist keins mehr da“, habe er geantwortet. „Was ist denn das für’n Saftladen?“, kam die Reaktion des Bewohners. „Die hauen einfach solche Sprüche raus“, sagt der 20-Jährige.

Der Brei ist verteilt, Medikamente ausgegeben, doch fertig ist Lucio Caterina noch nicht. Bis halb neun am Abend wird er heute arbeiten, bis zu 15 000 Schritte gehen, Bewohnern zu trinken geben, ihnen die Kleidung wechseln und immer wieder mit ihnen plaudern, auch mit denen, die nichts oder nur noch wenig sagen. Ein Lächeln bekommt er fast immer zurück.

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