Es ist ein imposantes Bild, wenn Oliver Zeidler sein Boot schultert und zum Wasser trägt. Ein 2,03 Meter großer Hüne, ein Kreuz wie ein Wandschrank, ein mehr als 100 Kilogramm schwerer Athletenkörper, durchtrainiert bis in die letzte Muskelfaser. Auf dem Steg setzt er seinen Einer wie ein Spielzeugschiffchen aufs Wasser, steigt elegant in das schmale und wackelige Gefährt, montiert die Skulls, schlüpft in die bereits befestigten Schuhe und stoßt sich ab. Wer schon einmal versucht hat, sich in ein Profi-Ruderboot zu setzen, weiß, wie schnell man im Wasser landet. Oliver Zeidler ist ein paar kräftige Ruderzüge später nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.
Dass der 30-Jährige sein Arbeitsgerät im Schlaf beherrscht, darf nicht überraschen, schließlich kann man Zeidler zurecht den derzeit besten Ruderer der Welt nennen. Drei Weltmeistertitel hat er für seine Vita bereits gesammelt, gerade ist er zum vierten Mal Europameister geworden. Seit er am 3. August 2024 auf der Regattastrecke von Vaires-sur-Marne vor den Toren Paris die olympische Goldmedaille gewonnen hat, zählt der Modellathlet zu den Größten seiner Zunft. Aber er möchte „ein bisschen“ mehr erreichen, wie er entspannt erzählt, Oliver Zeidler will an seinem „sportlichen Erbe“ arbeiten. Aber was will einer noch erreichen, der in seiner Sportart mehrmaliger Europa- und Weltmeister ist und eine olympische Goldmedaille zu Hause liegen hat?
Ruder-Europameisterschaft
:Der Doppelvierer sendet starke ZeichenBei der EM in Varese gibt der Deutsche Ruderverband ein sehr gutes Bild ab, überstrahlt vom Titel im Einer durch Oliver Zeidler – und vom Gold des Doppelvierers. Der soll in neuer Besetzung an glorreiche Zeiten anschließen.
Deutschland ist die größte Rudernation des Planeten mit einer gewaltigen Tradition, neben dem legendären Achter hat der Einer eine besonders erfolgreiche Geschichte. Müssen sich im Flaggschiff des Deutschen Ruderverbands (DRV) acht der besten deutschen Ruderer zu einer Einheit verbinden, kann der Einer-Ruderer sein Ding machen. So sagt es Heino Zeidler, 54, Vater und Trainer von Oliver. Zeidler senior war ebenfalls erfolgreicher Ruderer, er war Junioren-Weltmeister im Doppelzweier und brachte es immerhin auf zwei vierte Plätze bei Weltmeisterschaften. Selten war der Weg eines Spitzensportlers derart vorgezeichnet wie im Hause Zeidler: Oliver Zeidlers mittlerweile 79-jähriger Großvater Hans-Johann Färber gewann bei Olympia 1972 auf der Ruderregattastrecke in Oberschleißheim im legendären Bullen-Vierer die Goldmedaille, Schwester Marie-Sophie war ebenfalls im Nationalkader, trainiert vom Opa, hat ihre Karriere aber mittlerweile beendet.
Oliver Zeidler hat sie mittlerweile alle überholt. „Das ist schon auch für mich eine krasse Entwicklung“, sagt sein Trainer-Vater, „dass ich einen Sportler trainiere, der in diese Sphären vorstößt, das macht bei mir auch ein bisschen Gänsehaut.“ Wie stellt sich Oliver nun sein „sportliches Erbe“ vor? Mit seinem vierten EM-Titel von Varese Anfang August hat Zeidler mit dem Tschechen Ondrej Synek gleichgezogen, dass er ihn überflügeln wird, scheint vorprogrammiert zu sein. Zeidler hat große deutsche Vorbilder, Peter-Michael Kolbe und Thomas Lange, beide jeweils fünfmal Weltmeister, Lange war zudem zweimal Olympiasieger. „Sie haben eine Generation geprägt“, sagt Zeidler, „fünf WM-Titel sind Goldstandard, in diese Liste möchte ich mich gerne einreihen.“
Die Gelegenheit für den vierten WM-Titel steht unmittelbar bevor, am 24. August beginnen die Weltmeisterschaften in Amsterdam. Der Achter, der in den vergangenen Jahren schwächelte, zeigte bei der EM mit Platz zwei aufsteigende Tendenz, der Doppelvierer gewann EM-Gold und soll an erfolgreiche Zeiten anknüpfen. Und dann ist da natürlich Oliver Zeidler. „Ich bin gut drauf, die Saison hat ja schon im Februar angefangen mit einem Weltrekord auf dem Ergometer“, sagt er. Zeidler schätzt seine Verfassung sogar besser ein „als vor Olympia“. Über 2000 Meter war Zeidler der erste Mensch, der auf dem Ergometer unter der Marke von 5:35 Minuten blieb. Die Leistungsspitze will das Vater-Sohn-Duo zur WM erreichen, der EM-Titel Anfang August war ein hübsches Nebenprodukt.
Nach dem Olympiasieg ist viel Druck von Zeidler abgefallen, er sei jetzt ein „deutlich freundlicherer Charakter“
Keine guten Nachrichten für die Konkurrenz, von denen Zeidler den Belarussen Jauhen Salaty und den Griechen Stefanos Ntouskos als härteste Widersacher einschätzt. In dieser Reihenfolge kamen die Konkurrenten auch bei der EM hinter Zeidler ins Ziel. Zeidler ist seit seinem Olympiasieg das Maß der Dinge, seither zeichnet ihn eine neue Lockerheit aus: „Es macht mich gelassener, davor war ich immer etwas verbissen, jetzt habe ich alles erreicht im Sport.“ Früher sei er gegen Konkurrenten angetreten, „um sie unbedingt zu schlagen“, nun sei er mit sich im Reinen und ein „deutlich freundlicherer Charakter“. Man merke das auch „wenn man mir über den Weg läuft, dass ich viel offener bin, weniger verkrampft und fokussiert“. Vor Paris hatte Zeidler bittere Niederlagen einstecken müssen, wurde bei den Olympischen Spielen in Tokio nur Vierter, verpasste bei der Heim-EM in München auf seiner Hausstrecke gar das Finale – stets als Topfavorit.
Heute ist er mental gefestigter denn je, auch dank der Psychotherapeutin Annalen Collatz, mit der er nach wie vor zusammenarbeitet. Die habe ihm durch das Tränental geholfen und ermöglicht, „die ein, zwei Prozent im Kopf freizusetzen, die letztlich über den Ausgang des Rennens entscheiden“. Physisch seien die Unterschiede überschaubar, wobei an Zeidler wohl kein Konkurrent vorbeikommt.
Vergangene Saison hatte er den Sport sogar hintenan gestellt: „Ich habe mich ein Jahr nur auf mein Studium konzentriert, um zu beweisen, dass ich auch da was drauf habe.“ Das ist ihm ähnlich gut gelungen wie seine Karriere im Sport, Zeidler schloss den Masters of Business Administration nach Aufenthalten unter anderem in Singapur mit Auszeichnung ab.
Zeidler als zielstrebig und ehrgeizig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Der in Schwaig bei Erding geborene Athlet hat früh erkannt, „dass ich von dem Sport nicht leben kann“. Zwar sei nach dem Olympiasieg einiges in Bezug auf Sponsoren-Akquise einfacher, dennoch musste er immer zusätzlich arbeiten, bis Paris sogar in Vollzeit. Jetzt hat er bei seinem Arbeitgeber Deloitte in Absprache eine 60-Prozent-Arbeitsstelle, die ihm eine optimale Vorbereitung ermöglicht.
Dafür ist er von seinem Schweizer Wohnort Lausanne auf seine Heimanlage zurückgekehrt, wohnt bei seinen Eltern und feilt mit seinem Vater an jedem Detail. Sogar mit neuen Trainingsinhalten haben die Zeidlers gearbeitet, nur die immer beliebter werdenden Einheiten auf dem Rad seien nichts für ihn: „Ich bin eher der Kühlschrank auf Rädern.“
Für die WM hat ihm sein Sponsor ein neues Boot zur Verfügung gestellt, ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg zum nächsten Titel, wie Vater Heino erklärt: „Das Boot ist steifer und fester.“ Nach einer langen Saison würden die Boote tagelang auf irgendeinem Trailer durch Europa transportiert, sind Sonne, Regen, Hagel oder Schnee ausgesetzt. Die Festigkeit des neuen Materials bringe entscheidende Zentimeter, sagt der Trainer, „wenn er vorn ins Wasser greift, springt es schneller an, und wenn er hinten den Endzug sauber gestaltet, läuft es einfach noch mal 10, 20 Zentimeter weiter raus.“ Bei 200 bis 240 Schlägen auf der 2000-Meter-Strecke könne das entscheiden.
Die WM-Strecke in Boosban in Amsterdam hat indes eine besondere Tücke zu bieten: Seegras. „Das kann ein Thema sein in Amsterdam“, sagt Heino Zeidler, er gehe aber davon aus, dass der Veranstalter „Maßnahmen getroffen hat“, um optimale Bedingungen zu schaffen. Sohn Oliver weiß natürlich ebenfalls um die Tücken der Strecke: „Sie ist windanfällig und hat das Grasproblem, das kann auch Favoriten zu Fall bringen, wenn man in ein solches Büschel reingreift und mit dem Blatt hängenbleibt, oder sich eines mit der Flosse einfängt.“
Natürlich ist auch in diesem Punkt Vorsorge getroffen, erzählt der Vater lächelnd: „Wir werden uns das vor Ort ansehen und eventuell eine flachere Flosse nehmen.“ Schließlich gelte es an einem sportlichen Erbe zu arbeiten.

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