Wann, wenn nicht jetzt in der Ferienzeit, darf man es aussprechen, ja, hinausschreien in diese mühsame Welt: Nimmt bitte mal jemand anders die Dinge in die Hand, sagt hü oder hott? Damit man wenigstens für eine kleine Weile keine Optionen mehr abwägen muss. Wäre das zu viel verlangt?
Weil man nicht einfach jammern, sondern Behauptungen begründen soll, hier ein paar relevante Begriffe: Entscheidungsmüdigkeit, decision fatigue, kognitive Erschöpfung. Das kann die Besten treffen. Psychologen haben zum Beispiel einmal in einer Fallstudie beobachtet, wie Richter mit wachsender Ermattung immer einseitigere Entscheidungen trafen. In langen Sitzungen mit vielen Fällen lehnten sie gegen Ende einen Antrag nach dem anderen ab. Zack, weiter, keinen Nerv mehr!
Höchstens auf den ersten Blick weniger heikel und fehleranfällig sind familiäre Prozesse, die darüber entscheiden, wie Ferien verbracht werden. Strandurlaub auf Kreta, Hausboot in Frankreich, endlich ein paar romantische Tage in Stockholm, Alpenüberquerung, Safari …, je mehr Beteiligte, desto mehr Ideen, die kaum zusammenpassen.
Gerade Paare mit Kindern neigen nach zermürbenden Diskussionen oft zur Kapitulation vor den Möglichkeiten und – siehe die müden Richter – bestätigen einfach scheinbar bewährte Lösungen. Dann halt doch noch mal in das Feriendorf an der Adria. Hat vergangenen Sommer gepasst, was soll’s. Aber genau an diesem Punkt setzen glücklicherweise Tourismusangebote zunehmend beherzt an.
„Adults only oder Familienresort – bei den meisten Hotels entscheidet sich diese Frage schon bei der Buchung, und ein Kompromiss ist selten möglich“, stellt eine Pressemitteilung dieser Tage so trocken wie korrekt fest. Und dann kommt’s: „Entweder-oder war gestern“. Beworben wird nämlich ein Ort, an dem dank der Architektur Ruhe für Paare ebenso möglich sei wie Trubel für Familien. Im! Selben! Haus! Dazu umfasst das Portfolio Natur, Swimmingpools, DJs, Sterneköche und Longevity-Anwendungen, um nur ein paar Highlights zu nennen.
Mit den Preisen für diesen Hochgenuss wollen wir uns nun nicht betrüben, sondern der Schönheit des Konzepts Raum geben. Hier erkennen Profis die Not ihrer Zielgruppe und stoppen das Hamsterrad der Entscheidungen. Kommt zu uns, wir haben, was jeder Einzelne von euch braucht. Was zwar eigentlich immer schon das Grundversprechen guter Gastgeber war, jedoch nie ganz zu Ende gedacht wurde.
Nun aber, da erschöpfte Gäste endlich vom Abwägen und Kompromissfinden erlöst werden, ist klar, wie das Hotel der Zukunft aussehen muss. Ein Adults-only-Designtraum mit Kinderbereich, samt Haubenrestaurants, Tanzbar, Krabbelecken, Ayurveda, Ponyhof. Platziert in idyllischer Natur, ohne zu rustikal zu wirken. Die hauseigene Alm liegt fußläufig zum Planschbecken. Hinter der All-year-Skipiste wogen Surfwellen für Anfänger und Fortgeschrittene, im Übergangsbereich zur Ruhezone gibt es ein kleines künstliches Korallenriff zum Tauchen und Melancholischsein. Auf dem Kursprogramm stehen Workshops für Seidenmalerei und Holzhacken. Wer die Digital-Detox-Challenge nicht packt, wird mit stabilem Wlan aufgefangen.
Blöd nur, dass sich den glücklich im Paradies eingetroffenen Gästen ab dem ersten Urlaubstag die Frage stellen wird: Was von all dem machen wir jetzt eigentlich?
Die Autorin war hin- und hergerissen, was hier am besten zum Thema passen würde.
Bernd Schifferdecker
Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.