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Dachau - SZ.de · Aug 20, 2026

Internationale Jugendbegegnung Dachau: Junge Stimmen gegen das Vergessen

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Tobias Würtz · Süddeutsche Zeitung

Als Alicja Czwakiel ihren Vortrag über einen Angehörigen beginnt, der die Konzentrationslager der Nazis überlebt hat, ist es draußen bereits dunkel. Hinter den Teilnehmenden der Internationalen Jugendbegegnung Dachau liegt ein langer Tag voller Workshops. Trotzdem sitzen auch nach 21 Uhr noch etwa 30 junge Menschen im Seminarraum und hängen an Alicjas Lippen. Die 19-jährige Studentin aus Oświęcim erzählt die Geschichte von Jan Rąpel, dem Bruder ihrer Urgroßmutter, einem Überlebenden mehrerer KZ. „Er war nur ein Jahr in Auschwitz-Birkenau“, sagt Czwakiel. „Nach dem Todesmarsch und den Lagern in Auschwitz, Leonberg und Dachau hat er alles durchgemacht, was man sich vorstellen kann.“

Alicja Czwakiel spricht langsam und bedächtig, ganz so, als würde sie sich mit jedem Wort weiter in eine grausame Vergangenheit vortasten. Auf ihrem Schoß liegen ihre Notizen. „Jan hatte Verbindungen zu anderen Häftlingen im Lager, ohne diese Hilfe hätte er wohl nicht überlebt“, sagt Czwakiel über ihren Verwandten. Ein Freund habe in der Küche gearbeitet und ihm manchmal ein Stück Brot zugesteckt. „Trocken und alt, aber trotzdem Brot“, so Czwakiel. Sie kennt die Geschichte aus den Erzählungen ihrer Mutter, persönlich hat sie Jan Rąpel nie getroffen. „Er ist 1980 gestorben, ich wurde 27 Jahre später geboren“, so die Studentin. „Es geht um die Erinnerung. Wenn wir nicht darüber sprechen, stirbt diese Erinnerung irgendwann. Das ist eine Geschichte, die man nirgendwo nachlesen kann.“

Ihre Mutter arbeitet heute als Rundgangsleiterin in der Gedenkstätte in Oświęcim (Auschwitz) und machte sie auf die Internationale Jugendbegegnung Dachau aufmerksam, die es seit 1983 gibt. In diesem Jahr reisten 73 junge Teilnehmende aus 25 Ländern an. Neben gemeinsamen Ausflügen nahmen sie an Workshops und Gesprächen mit Zeitzeugen teilt.  Auch wenn sich alle mit der gleichen grausamen Vergangenheit beschäftigen, so unterscheiden sich ihre Biografien und damit auch ihr Zugang zu diesem Ort durchaus. Aber was motiviert junge Menschen aus aller Welt dazu, nach Dachau zu kommen, um ihre Ferien am Rande einer KZ-Gedenkstätte zu verbringen?

Lorenzo Sepe aus Italien nahm zum zweiten Mal an der Internationalen Jugendbegegnung Dachau teil.

Lorenzo Sepe aus Italien nahm zum zweiten Mal an der Internationalen Jugendbegegnung Dachau teil.

Johannes Simon

Lorenzo Sepe, 20, studiert Biotechnologie und kommt aus einer kleinen italienischen Stadt in der Region Lazio. Für ihn ist es bereits die zweite Teilnahme in Dachau; er erfuhr über seine Schule vom Treffen. Insbesondere eine Reise nach Polen habe ihn zur Erinnerungsarbeit gebracht, erzählt der Student. „In Auschwitz habe ich angefangen zu weinen, als ich gesehen habe, was dort passiert ist“, erinnert sich Sepe. „Wie können Menschen so grausam sein?“, habe er sich damals gefragt. „Ich denke, dass sich jeder junge Mensch damit auseinandersetzen sollte, was in der Vergangenheit passiert ist.“ Er wisse, dass er seine Freizeit auch anders verbringen könnte, „aber ich brauche keine Partys“, sagt der Student. Er zehre vor allem davon, unter Menschen aus verschiedenen Ländern zu sein und in andere Sprachen und Kulturen einzutauchen.

Naji Sabha aus Palästina hatte sich gemeinsam mit einem Freund für die Teilnahme in Dachau beworben. Allerdings musste er alleine reisen, weil sein Freund kein Visum erhielt.

Naji Sabha aus Palästina hatte sich gemeinsam mit einem Freund für die Teilnahme in Dachau beworben. Allerdings musste er alleine reisen, weil sein Freund kein Visum erhielt.

Johannes Simon

„Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt reise“, sagt Naji Sabha, 21, aus der Nähe von Nablus in Palästina. Eine Reise nach Europa sei für ihn ein Traum gewesen, auch wenn er gehört habe, dass es mit einem palästinensischen Pass schwer sei, nach Deutschland zu reisen. „Hier ist alles so schön, ich muss von allem Fotos machen“, sagt Sabha. Außerdem genießt er das kosmopolitische Umfeld der internationalen Jugendbegegnung: „Wenn ich höre, dass jemand über sein Land spricht, fühle ich mich, als würde ich selbst da hinreisen“, sagt er. Gemeinsam mit einem Freund hatte er sich für die Jugendbegegnung beworben. Allerdings bekam sein Freund kein Visum für Deutschland.

Neben Sabha sitzt Lina Bouguerra, 25, im Hinterhof des Max-Mannheimer-Hauses. Sie hilft dabei, das Gespräch zu übersetzen. „Selbstverständlich haben wir in der Schule etwas über den Holocaust gelernt“, sagt Bouguerra. Über Dachau hätten sie beide aber bisher noch nichts Konkretes gewusst. Bouguerra lebte viele Jahre in Lyon in Frankreich und wechselt im Gespräch souverän zwischen Englisch, Französisch und Arabisch. Seit mehreren Jahren studiert sie Medizin in Oran in Algerien.

Zu dem Treffen mit Workshops und Zeitzeugengesprächen kamen heuer 73 junge Leute aus 25 Ländern ins Max-Mannheimer-Haus.

Zu dem Treffen mit Workshops und Zeitzeugengesprächen kamen heuer 73 junge Leute aus 25 Ländern ins Max-Mannheimer-Haus.

Toni Heigl

In diesem Jahr sind unter anderem Teilnehmer aus Israel, Palästina und Russland gekommen – in der Vergangenheit waren es auch schon Menschen aus der Ukraine. In Dachau begegnen sich also junge Leute, deren Länder sich teilweise miteinander im Krieg befinden. Ob das ein Thema zwischen den Jugendlichen ist? Bouguerra sagt: „Wir haben hier über den Genozid im Dritten Reich gesprochen, aber auch generell über Konflikte – nicht speziell über Palästina“, sagt die Medizinstudentin. „Am Ende hoffen wir auf Frieden auf der ganzen Welt.“ Mehr wolle man dazu nicht sagen, fügt sie freundlich, aber bestimmt hinzu.

Für Jan Jagusiak, genannt „Jaś“, ist es bereits das zweite Mal in Dachau. Der 19-Jährige kommt aus Canterbury in England und hat polnische Wurzeln. Seine Mutter, die schon vor 25 Jahren bei der Jugendbegegnung im Max-Mannheimer-Haus dabei war, empfahl ihm, sich zu bewerben. „Dieses Jahr ist Naji aus Palästina hier und auch eine Gruppe aus Israel.“ Besonders habe ihn dabei überrascht: „Es gibt vielleicht Konflikte, aber sie streiten nicht. Die Teilnehmer respektieren sich, obwohl die großen Konflikte in der Welt gerade stattfinden.“ Außerdem sei es faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen leben – im Vereinigten Königreich, Japan, Palästina oder Polen. „Das sind wirklich andere Welten“, so Jagusiak. „Jetzt, wo ich zweimal hier war, kann ich es meinen Schülern erzählen und weiterempfehlen“, sagt der junge Brite, der als Schulhelfer für Kinder mit Autismus oder ADHS arbeitet.

„Es ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Jan Jagusiak aus England über seine Begegnung mit Zeitzeugen.

„Es ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Jan Jagusiak aus England über seine Begegnung mit Zeitzeugen.

Johannes Simon

Tief berührt hat ihn die Begegnung mit Zeitzeugen. „Es ist wirklich etwas Besonderes“, findet Jagusiak. Die Generation seiner Kinder werde diese Möglichkeit wohl nicht mehr haben. „Es ist etwas anderes, ein Video zu sehen oder einen Artikel zu lesen, als tatsächlich dort zu sein. Es hat mich wirklich erschüttert, die Kleidung der Häftlinge zu sehen.“

Der Wirtschaftsinformatik-Student Sebastian Gerle, 21, kommt bereits seit 2022 zum Treffen. Er ist einer der wenigen Teilnehmer, der aus Dachau stammt. Während die meisten Jugendlichen nach etwa zwei Wochen wieder nach Hause reisen, geht für Gerle sein Alltag vor Ort weiter. „Die meisten Menschen in meinem Alter wissen gar nicht so wahnsinnig viel über das ehemalige Konzentrationslager – auch nicht die, die aus Dachau kommen“, sagt er. Die Last der Vergangenheit merke man nicht immer gleich, wenn man im Alltag durch die Stadt fahre. „Erst hier habe ich zum Beispiel davon erfahren, dass die Plantage Dachau ein Ort war, an dem Menschen durch Zwangsarbeit gestorben sind“, sagt Gerle. Zuvor war ihm der Ort unter dem NS-Euphemismus „Kräutergarten“ bekannt. Auch heute trägt die Bushaltestelle noch den alten Namen. „Ich bin übrigens Nachfahre der Täter-Generation. Das jemandem so ins Gesicht zu sagen, war eine krasse Erfahrung“, so der Dachauer.

Alicja Czwakiel sagt am Ende des Gesprächs: „In jedem Land gibt es schlechte und gute Menschen. Aber viele Menschen haben Juden und anderen Verfolgten geholfen.“ Sie entschied sich nach der Schule für ein Studium der Germanistik. Im nächsten Jahr will sie für ein Erasmussemester an die Universität Leipzig gehen. „Wenn man Sprachen lernt, gibt es bessere Möglichkeiten, später einen guten Job zu haben“, sagt Czwakiel. Am liebsten würde sie, wie ihre Mutter, einmal als Guide in der Gedenkstätte Oświęcim arbeiten.

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