Als Zoltan Racz nach Deutschland kam, war er motiviert. Nach seinem Abschluss an einer medizinischen Schule und einem Klinikpraktikum hatte er einen Job im fernen Deutschland in Aussicht. Ein Flugzeug brachte Racz – seinen wirklichen Namen und sein Herkunftsland will er nicht veröffentlicht sehen – nach Bayern, weit weg von seiner Heimat in einer Großstadt außerhalb der Europäischen Union. Er hatte Deutsch gelernt und kam mit einem Zertifikat für das Sprachlevel B1 an, doch bei seinem ersten Arbeitgeber in einem kleinen bayerischen Ort verstand er zunächst kaum ein Wort. Bald kündigte er und zog nach Dachau. Dort heuerte als Pflegekraft in Anerkennung beim Helios Amper-Klinikum an. Was er nicht erwartet hat: Er landete in einem Krankenhaus, in dem Patienten andere Patienten mitversorgen müssten, weil so wenige Pflegekräfte auf einer Station seien, wie er erzählt. Zwei Jahre nach seinem Dienstantritt sagt er: „Ich kann nicht mehr.“
Das Dachauer Klinikum, das dem Unternehmen Helios Gesundheit und damit zum DAX-Konzern Fresenius gehört, fährt Gewinne ein, während andere kommunale Krankenhäuser in der Region München rote Zahlen schreiben. Helios wirbt damit, dass es Fachkräfte aus dem Ausland mit speziellen Programmen ans Unternehmen binden will. Derzeit beschäftige man in Dachau 28 Pflegefachkräfte in Anerkennung, teilt das Unternehmen mit. Auf seiner Webseite wirbt es unter der Überschrift: „Berufsanerkennung fehlt? Kein Problem! Wir unterstützen ausländische Pflegefachkräfte in allen Fragen rund um die Anerkennung ihres Berufsabschlusses aus dem Heimatland in Deutschland.“ Man helfe bei der Suche nach Wohnraum und kümmere sich außerdem um die „Prüfungsvorbereitungen“.
In vielen deutschen Krankenhäusern fehlen Pflegekräfte. Da die Kliniken hierzulande kaum jemanden finden, werben sie gezielt um ausländische Arbeitskräfte. Die landen dann oft in einem System, das von Mangel geprägt ist und in dem sie strukturell ausgebeutet werden. Ausländische Pflegekräfte, deren Abschluss nicht automatisch in Deutschland anerkannt wird, müssen hier eine Prüfung ablegen – theoretisch, praktisch, mündlich. Bis dahin gelten sie rechtlich als Pflegehilfskräfte, auch wenn sie in ihrem Herkunftsland voll ausgebildete Fachkräfte waren. Pflegehilfskräfte dürfen keinen eigenverantwortlichen Bereich übernehmen. Das ist laut Pflegeberufegesetz den Fachkräften vorbehalten.
„Es ist gefährlich für uns und für die Patienten“
Darüber kann Zoltan Racz nur müde lachen. Der junge Mann hat Augenringe, er lebt in einem Wohnheimzimmer direkt neben dem Dachauer Klinikum. Immer wieder sei er in seinen Schichten innerhalb des Hauses spontan versetzt worden, ohne dass dies dokumentiert worden sei, erzählt er. Er sei aufgefordert worden, die Verantwortung für ganze Stationsbereiche zu übernehmen. Teilweise sei er gemeinsam mit einer anderen Pflegefachkraft in Anerkennung und einem Schüler für rund 35 Patienten verantwortlich gewesen. „Ich weiß, was ich dann machen muss – aber es ist nicht zu schaffen. Es ist gefährlich für uns und für die Patienten.“
Gesundheitsversorgung in Dachau
:„Die Klinik befindet sich in einem Transformationsprozess“Unmut von Pflegekräften über zu hohe Arbeitsbelastung, Beschwerden von Patienten über schlechte Versorgung: Der Helios-Klinikgeschäftsführer stellt sich im Kreistag der Kritik am Dachauer Krankenhaus.
Einmal kam es in einer solchen Unterbesetzung zu einem Notfall. Racz brauchte Hilfe. „Wir haben dann einfach die Notaufnahme angerufen.“ Zuvor habe ihm ein Vorgesetzter geraten: „Macht einfach nur die Infusionen, den Rest lasst ihr.“ Über den Vorfall hat Racz nach eigenen Angaben eine Überlastungsanzeige geschrieben. Die Klinik habe geantwortet, es habe zu dieser Zeit eine „Krankmeldungsspirale“ gegeben. Wieder ein neues deutsches Wort, das der junge Mann lernte. Helios teilt dazu mit: „Überlastungsanzeigen werden strukturiert und einzelfallbezogen bearbeitet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse fließen in den kontinuierlichen Verbesserungsprozess ein.“
Zwei Nachtschichten, einen Tag schlafen, dann Frühschicht
Belastend sind für Zoltan Racz auch die Umstände der Arbeit. Per Whatsapp sei er auf dem Privathandy eines Morgens um 6 Uhr kurzfristig aufgefordert worden, doch zur Spätschicht statt zur Frühschicht zu kommen, sagt er. Dabei war er für seinen Schichtbeginn um 6.30 Uhr schon extra früh aufgestanden. Er mache viele Nachtschichten, erzählt Racz, um sich durch die Zuschläge etwas hinzuzuverdienen. Doch nach zwei Nachtschichten sei er wiederholt für einen Frühdienst eingetragen worden – ohne ausreichende Ruhezeit.
Nachfragen, wie Ruhezeiten sichergestellt werden und über welche Kanäle Dienstplanänderungen kommuniziert werden, lässt Helios unbeantwortet und teilt stattdessen mit: „Die Erstellung der Dienstpläne erfolgt unter Berücksichtigung der geltenden gesetzlichen und tariflichen Vorgaben. Sie werden dem Betriebsrat vorgelegt und von diesem zusätzlich auf die Einhaltung der arbeitszeitrechtlichen Bestimmungen überprüft. Änderungen erfolgen ausschließlich in Abstimmung mit der zuständigen Führungskraft sowie den betroffenen Mitarbeitenden und grundsätzlich nur mit deren Zustimmung.“
„Da arbeite ich lieber im Elektromarkt.
Zoltan Racz sagt, er habe sein Herkunftsland verlassen, weil es dort keine Sicherheit für ihn gegeben habe. Er wolle in Deutschland nicht dieselben Muster von Machtmissbrauch dulden. Der junge Mann sieht entschlossen, aber auch erschöpft aus, wenn er sagt: „Ich will mich nicht so schikanieren lassen. Da arbeite ich lieber im Elektromarkt.“
Viele Kollegen wüssten auch nicht, dass die Prüfung vom Staat finanziert werde, nicht von Helios – und fühlten sich deshalb dem Arbeitgeber gegenüber stärker verpflichtet. Andere Pflegekräfte in Anerkennung trauten sich nicht, sich zu beschweren, weil ihr Visum alle paar Monate verlängert werden müsse, sagt Racz. Als er sich selbst einmal der zusätzlichen unbezahlten Aufgabe als Stationsverantwortlicher widersetzen wollte, sei ihm gedroht worden: Man wisse genau, wann sein befristeter Vertrag ende. Die unabhängige Betriebsgruppe am Dachauer Klinikum äußert auf Anfrage: „Die Kolleg*innen in Anerkennung kompensieren den alltäglichen Mangel und werden faktisch dafür ausgenutzt. Sie sind überproportional von kurzfristigen Versetzungen betroffen, da sie sich oft nicht trauen, sich zu wehren oder nicht wissen sollen, was ihre konkreten Rechte sind.“
Helios hat die Pflegedienstleitung ausgetauscht
Eine Helios-Sprecherin geht auf eine Anfrage zu kurzfristigen Versetzungen nicht ein. Sie antwortet: Pflegekräfte im Anerkennungsverfahren würden „im Rahmen der betrieblichen Erfordernisse flexibel“ eingesetzt. Der Einsatz erfolge stets entsprechend der vorhandenen Qualifikation, des Ausbildungs- und Anerkennungsstandes sowie unter Beachtung der geltenden rechtlichen Vorgaben. „Die erforderliche fachliche Anleitung, Supervision und Unterstützung durch qualifizierte Pflegefachpersonen standen den Mitarbeitenden im Anerkennungsverfahren jederzeit zur Verfügung.“
Schon mehrfach haben Dachauer Pflegekräfte in der Vergangenheit gegen die Zustände am Klinikum protestiert, wie hier im Jahr 2020.
Niels P. JørgensenDas Dachauer Helios Amper-Klinikum war in den vergangenen Jahren wiederholt in die Kritik geraten wegen möglicher Verstöße gegen die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung. Bei einer Kreistagssitzung im März stellte sich der Helios-Klinikgeschäftsführer den Vorwürfen. Mehrfach hatten sich Pflegekräfte in jüngerer Vergangenheit öffentlich darüber beklagt, dass sie auf den Stationen immer mehr Service-Aufgaben übernehmen müssen, für die vorher Hilfspersonal zuständig war. Dazu zählt etwa, Essen zu servieren oder Patienten zu Operationen fahren. Zuletzt flammte Protest gegen Pläne auf, wonach die Pflegekräfte in Zukunft auch Betten reinigen, beziehungsweise desinfizieren sollen. Im Juli hatte Helios die Pflegedienstleitung in Dachau ausgetauscht.

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