Italien Wo der wilde Fluss zur Ruhe kommt
26.08.2026 · 00:49 Uhr
Auf dem Tagliomento kann man im Hausboot Urlaub machen.
Foto: Stefanie BispingIn Italiens erstem Hausboot-Resort an der Mündung des Tagliamento erleben die Gäste ein fragiles Ökosystem – ganz nahe am Meer und doch abseits von allem Trubel.
Wenn der Tag sich neigt, erwacht der Fluss. Mittags brannte die Sonne auf Hafen und Hausboote und verlangsamte das Leben fast bis zum Stillstand. Jetzt beginnen Frösche zu lärmen. Kaum bewegt sich das Wasser, bis ein Motorboot vorübertuckert und sanfte Wellen in Richtung Ufer schickt. Auf der anderen Seite des Flusses sinkt die Sonne gemächlich und färbt Himmel und Wasser golden. Später wird ein goldener Mond auf den Tagliamento scheinen.
Das flache Hinterland der oberen Adria mit Feldern, Wäldchen und schlichten Gasthöfen neben schnurgeraden Landstraßen ist wohl nicht das Erste, was Mitteleuropäern beim Gedanken an Italien einfällt. Trotzdem hat die Landschaft ihren eigenen Reiz. Es liegt nicht allein an dem, was Land, Fluss und Meer hervorbringen, obwohl Spezialitäten wie mit süßsauren Zwiebeln und Pinienkernen angemachte Sardellen beweisen, dass man hier nicht weniger Sinn für die wichtigen Dinge im Leben hat als anderswo im Land. Es ist die Ruhe, die wirkt wie Medizin. Sie lässt kaum vermuten, dass touristische Zentren wie Lignano und Bibione von den Hausbooten aus mit dem Fahrrad zu erreichen sind.
Dass er sich als wilder Sturzbach aus den Alpen in die norditalienische Tiefebene ergießt, ist dem Tagliamento ebenfalls nicht mehr anzusehen. Zweieinhalb Kilometer von hier fließt der zuvor stark verzweigte Fluss, der Friaul-Julisch-Venetien und das Veneto trennt und vielen als letzter wilder Fluss Europas gilt, breit und träge in die Adria. Im östlich der Mündung gelegenen Lignano mit seinen Pinienhainen und breiten Stränden wird neben Italienisch und saisonalem Deutsch auch Friaulisch gesprochen. Am westlichen Ufer, in Bibione, unterhalten Einheimische sich in venezianischem Dialekt. Im Sommer verbindet eine Fähre nahe der Mündung beide Orte und Regionen.
Besonderes Erlebnis: Auf einem Restaurant-Schiff kann man im Hausboot-Resort auch essen gehen.
Foto: Stefanie BispingWichtiger als die geografische ist seine ökologische Bedeutung. Bis ins 20 Kilometer landeinwärts gelegene Latisana verläuft der Wildfluss noch immer weitgehend unreguliert. Mit Inselchen und Uferwäldern bildet er ein Ökosystem, das in seiner Gesamtheit von den Karnischen Alpen bis zur Adria als Unesco-Biosphären-Reservat nominiert ist.
Im geschützten Flussdelta ist die Biodiversität besonders hoch: 337 Pflanzenarten wachsen hier, viele von ihnen selten geworden oder bereits bedroht. Hinzu kommen über 50 Vogelarten, Amphibien, Insekten – neben 200 Schmetterlingsarten auch zahlreiche durstige Mücken – sowie Eidechsen. Natur und Landschaft könnten sich deutlicher kaum unterscheiden von Lignano, Bibione und der Lagune von Marano.
Auf der Halbinsel Lignano ist der Weg zum Strand nicht lang.
Foto: Stefanie BispingFür das Hausboot-Resort wurde wenig mehr gebaut als Tennis- und Sportplatz, ein Pool und Holzstege. 89 Hausboote liegen auf dem Fluss, im Hafenbecken und an Land zwischen Bambus und Silberpappeln verteilt. Die Boote auf dem Wasser sind fest vertäut. Auch das Restaurant liegt auf dem Fluss. Die „Emerald River“ begann ihr Berufsleben als Mosel-Rhein-Dampfer. Später war sie in Privatbesitz, bis sie aus Koblenz nach Triest gebracht und von Stil und Patina der 1970er-Jahre befreit wurde. Nun liegt sie verjüngt in pastelligen Look auf dem Tagliamento. Das ungenutzte Hafengelände am linken Ufer des Tagliamento befand sich seit Längerem im Besitz der Hoteliersfamilie Basso; die Idee eines Hausboot-Resorts kam ihnen in Amsterdam. Damit die Boote sich in ihre Umgebung einfügen, wurden sie nach dem Vorbild der traditionellen „casoni“ hiesiger Fischer gestaltet. Bis heute sieht man die mit Schilf verkleideten Holzhütten auf den Inselchen in den Lagunen von Murano und Bibione. Allerdings leuchten die Boote unter ihren reetgedeckten Dächern in Grapefruitpink und Adriablau. Zwar verfügt jedes über Motor und Steuer, doch ihre Proportionen eignen sich nicht für das Navigieren auf dem Fluss. Spontane Spritztouren mit dem Domizil sind deshalb nicht vorgesehen. Dafür schafft an Land eine Flotte von Leihrädern Beweglichkeit.
Die zwischen der Lagune von Marano und der Adria gelegene Halbinsel Lignano kommt ohne historische Bedeutungsschwere aus, wenn man davon absieht, dass Generationen von Deutschen und Österreichern hier zum ersten Mal das Mittelmeer gesehen haben. Eine Sternstunde kam, als der Italien-Reisende Ernest Hemingway Lignano der sumpfigen Lagune wegen „mein kleines Florida“ nannte.
Auch aufgrund der exponierten Lage am und im Meer ist Umweltschutz dort ein wichtiges Thema. So erklärte Lignano seine acht Küstenkilometer zu den ersten plastikfreien Stränden der nördlichen Adria. Seit einigen Jahren arbeiten die Strandbars anstatt mit Plastikgeschirr mit biologisch abbaubarem – was indes nichts daran ändert, dass Badegäste ihr Wasser weiterhin in großen Mengen in Plastikflaschen heranschleppen. Zapfstellen für Wein sind in den Alimentari selbstverständlich; daneben stapelt sich Mineralwasser, in Plastik abgefüllt und zu Sechser-Packs verschweißt, bis unter die Decke.
Zuletzt mussten die Ufer des Tagliamento an der Mündung befestigt werden. Dass der Meerwasserspiegel steigt, können Stammgäste mit eigenen Augen von Urlaub zu Urlaub beobachten. Wo vor wenigen Jahren Sandbänke den Übergang vom Strand zum Fluss säumten, können Spaziergänger nun nur noch einen schmalen Pfad nutzen; das Ufer wurde künstlich erhöht.
Es ist schön, an Deck zu sitzen und das Leben am Fluss zu beobachten. Morgens landet ein Fischreiher elegant an der Uferböschung. Teichrallen, Ringeltauben, kleine Wintergoldhähnchen und Stockenten lassen sich ebenfalls sehen. Die Enten lockten schon Ernest Hemingway ins Lagunengebiet – zur Jagd.
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