Verteidigungsabkommen von Mekka Mehr Stabilität oder gefährliche Neuordnung am Golf?
21.08.2026 · 18:09 Uhr
(V. l. n. r.): Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif posieren nach der Unterzeichnung eines trilateralen Verteidigungsabkommens.
Foto: -/Saudi Press Agency/AP/dpa/-Analyse | Berlin · Der Pakt von Mekka verbindet ein Nato-Mitglied, einen Ölriesen und eine Atommacht. Gleichzeitig entstehen neue Lager. Ist das der Beginn einer gefährlichen Neuordnung in einer ohnehin unsicheren Region?
Die Symbolik ist immens: In Mekka unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei am 7. August ein gemeinsames Verteidigungsabkommen. Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle gelten. Unterschrieben haben der saudische Kronprinz und faktische Herrscher Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif. Was es im Ernstfall bedeutet, wenn ein Nato-Mitglied, einer der wichtigsten Erdölstaaten und eine Atommacht sich gegenseitig in der heiligsten Stadt des Islam Beistand versprechen, bleibt offen. Unterschätzt werden sollte der Pakt jedoch nicht.
Man könnte das Abkommen der drei sunnitisch geprägten Staaten als Signal an Teheran deuten. Der schiitische Iran und Saudi-Arabien ringen seit Jahrzehnten um die politische und religiöse Führungsrolle in der islamischen Welt. Teheran will dem saudischen Königshaus dabei die Rolle als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina streitig machen. Womöglich ist der Name auch ein Hinweis darauf, wer bei einer Erweiterung des Bündnisses außen vor bliebe: Schließlich ist der Zutritt zur Stadt Mekka für Nicht-Muslime streng verboten.
Die drei Staaten ziehen nach Einschätzung des Leiters des Regionalprogramms Golfstaaten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Philipp Dienstbier, „einen strategischen Vorteil aus der Unbestimmtheit ihrer Vereinbarung“. Unserer Redaktion sagte er: „Vieles bleibt vage – etwa die Frage, unter welchen Bedingungen die Beistandsklausel greift.“ Zunächst arbeiten seinen Angaben nach jedoch die Verteidigungsindustrien der beteiligten Staaten enger zusammen.
Der vollständige Vertrag ist zunächst nicht veröffentlicht worden. Der türkische Außenminister Hakan Fidan versicherte aber, das Abkommen richte sich nicht gegen ein bestimmtes Land. „Es gibt keine gemeinsame Bedrohung, die wir schriftlich festgehalten haben“, sagte er nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. Die Allianz sei zudem keine „sunnitische Nato“. In einer gemeinsamen Erklärung der drei Unterzeichnerstaaten ist vielmehr von „Brüderlichkeit und islamischer Solidarität“ die Rede.
Laut Hakan Fidan müsste ein angegriffener Staat erst einmal um Hilfe ersuchen sowie Art und Umfang der gewünschten Hilfe benennen. Das spricht gegen einen automatischen Kriegseintritt – schließt militärische Unterstützung aber nicht aus. Und auch wenn Pakistan seit Langem von Saudi-Arabien finanziell stark unterstützt wird, gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass Pakistan einen nuklearen Schutzschirm über Saudi-Arabien spannt.
Doch wie prägend politische Bündnisse über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte wirken können, wird an der saudischen Geschichte besonders deutlich. Zwei politische Verständigungen waren schließlich für den Aufstieg des Königshauses entscheidend. Das war 1744 der legendäre Pakt von Diriyya zwischen dem Emir Mohammed Ibn Saud und dem Prediger Ibn Abdul Wahhab: Der Machthaber bekam religiöse Legitimation, der Prediger wiederum Schutz und Einfluss. Der Grundstein für den ersten saudischen Staat war gelegt.
Die zweite politische Verständigung datiert auf Februar 1945: US-Präsident Franklin D. Roosevelt und König Abdul Aziz Ibn Saud trafen sich damals an Bord eines US-Kreuzers am Suezkanal und läuteten die strategische Partnerschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien ein – nach dem Motto: Erdöl gegen Sicherheit.
Die jüngsten Kriege im Nahen und Mittleren Osten verändern nun offenbar das Machtgefüge in der Region deutlich. Im April 2024, etwa sechs Monate nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, kam es erstmals zur direkten Konfrontation zwischen Israel und dem Iran. Bei den Golfstaaten entstand in jener brenzligen Lage der Eindruck, dass auf den Schutz Washingtons kein Verlass mehr ist. Israels Angriff auf Hamas-Führer in Katar im September 2025, der aktuelle Iran-Krieg sowie der Vertrauensverlust in US-Präsident Donald Trump beschleunigten die Bemühungen der Golfstaaten, ihre Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen.
Als Bruch mit den USA lässt sich der Mekka-Pakt jedoch nicht interpretieren. So kommentierte Trump das Verteidigungsabkommen jüngst in seinem Onlinedienst Truth Social als „großen, mutigen, wichtigen ersten Schritt“ und erklärte: „Es zeigt, wie der Nahe Osten zusammenkommt und wie die Länder endlich in der Lage sein werden, sich auf bedeutendere Weise zu verteidigen.“
Doch eine gute Nachricht für die Region ist der Pakt ebenfalls nicht. Zwar gibt es bislang keinen Gegenpakt. Doch zeichnen sich mögliche Bruchlinien ab: Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indien rücken ebenfalls enger zusammen – Israel und die Emirate sind schon durch die Abraham-Abkommen verbunden, Indien und die Emirate haben eine vertiefte Verteidigungskooperation. „Israel unterstützt die Vereinigten Arabischen Emirate beim Aufbau und Betrieb ihrer Luftverteidigung“, sagte KAS-Experte Dienstbier. „Zugleich sind Dubai und Abu Dhabi wichtige Handels- und Verkehrsdrehkreuze für den Handel mit Indien.“
Stellvertreterkonflikte Saudi-Arabiens und der Emirate in Sudan, Libyen und Jemen, wachsende Spannungen zwischen der Türkei und Israel sowie ein aggressiver Iran verschärfen die Lage. Der Mekka-Pakt könnte daher statt mehr Stabilität eine gefährliche Neuordnung der ohnehin unsicheren Region hervorbringen.
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