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Beruf | RP ONLINE · Aug 21, 2026

Azubis der Stadt Krefeld sammeln Erfahrungen im Ausland: 1700 Kilometer für die Ausbildung

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Martin Röse · RP ONLINE

Azubis der Stadt Krefeld sammeln Erfahrungen im Ausland 1700 Kilometer für die Ausbildung

21.08.2026 · 07:30 Uhr

Maike Gandras nutzte das Auslandspraktikum auch, um die finnische Natur zu erkunden.

Maike Gandras nutzte das Auslandspraktikum auch, um die finnische Natur zu erkunden.

Foto: Maike Gandras

Krefeld · Maike Gandras tauschte für vier Wochen ihre Krefelder Kita gegen eine in Finnland. Das Auslandspraktikum ist Teil eines besonderen Angebots der Stadt für ihre Auszubildenden – und bescherte der 36-Jährigen einige Überraschungen.

Einen Tag vor dem Abflug hätte Maike Gandras die ganze Sache am liebsten noch abgeblasen. Vier Wochen allein nach Finnland, arbeiten in einer Kita, eine Sprache, von der sie kein Wort verstand – plötzlich war die Vorfreude vor allem Aufregung. „Ich hatte auf einmal das Gefühl: Oh Gott, ich weiß gar nicht, ob ich das doch vielleicht nicht machen möchte.“ Auch am Flughafen war das Gefühl noch da. Dann saß sie im Flugzeug. „Da dachte ich: Jetzt kann ich auch nicht zurück. Ist alles gut.“ Vier Wochen später kam die 36-Jährige zurück nach Krefeld. Und wenn sie heute gefragt wird, ob sie es noch einmal machen würde, braucht sie keine Bedenkzeit: „Auf jeden Fall.“

Von Krefeld nach Tampere

Gandras absolviert bei der Stadt Krefeld die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und ist in der städtischen Kita Dieselstraße eingesetzt. Dass sie einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland verbringen könnte, wusste sie zunächst gar nicht. Erst bei den Einführungstagen für die neuen Nachwuchskräfte hörte sie davon.

Bei einer zusätzlichen Informationsveranstaltung berichteten frühere Teilnehmer von ihren Erfahrungen. Als Gandras hörte, dass auch Finnland möglich war, stand für sie fest: Das wollte sie machen. Sie hatte das Land schon lange spannend gefunden – und wollte vor allem sehen, wie dort mit Kindern gearbeitet wird. Schließlich gilt das finnische Bildungssystem international als vorbildlich.

Im Juni vergangenen Jahres, am Ende ihres ersten Ausbildungsjahres, ging es nach Tampere, rund zwei Zugstunden nördlich von Helsinki. Vier Wochen arbeitete Gandras dort in einer Kita, in der es zwei Gruppen gibt, in denen neben Finnisch auch Deutsch gesprochen wird.

Die Villa Kunterbunt blieb aus

Eine finnische Kita hatte Gandras sich vorher ein bisschen wie eine Villa Kunterbunt vorgestellt: Holz, Farben, ein schönes Häuschen – irgendwie passend zum Ruf des Landes als Bildungsparadies.

Dann kam sie an.

 Wenig Gemeinsamkeiten mit „Villa Kunterbunt“: Die Kita in Tampere, in der Maike Gandras vier Wochen arbeitete.

Wenig Gemeinsamkeiten mit „Villa Kunterbunt“: Die Kita in Tampere, in der Maike Gandras vier Wochen arbeitete.

Foto: Maike Gandras

Die Kita befand sich in einem Übergangsbau. Zwar nett eingerichtet, aber keine skandinavische Bilderbuchidylle. Auch bei der Arbeit stellte Gandras schnell fest, dass Finnland weniger exotisch war als gedacht. Der Tagesablauf ähnelte dem in Krefeld: Die Kinder spielten, aßen gemeinsam und gingen nach draußen. Selbst einige Kinderlieder erkannte Gandras an der Melodie wieder. „Dornröschen“ und „Schmetterling, du kleines Ding“ gibt es auch auf Finnisch. Und doch gab es Dinge, bei denen die Krefelderin staunte.

Schlafen müssen auch die Großen

Der größte berufliche Kulturschock wartete mittags auf sie. Gandras kannte es aus Deutschland, dass kleinere Kita-Kinder schlafen. In Finnland stellte sie fest: Auch die Großen werden hingelegt. Bis zum Alter von sechs Jahren gehört eine Mittagsruhe dort zum Kita-Alltag. Dafür gibt es ausklappbare Betten. Wer nicht schlafen kann oder will, muss zumindest liegen und ruhen. „Das kenne ich von hier kaum noch. Vor allem nicht in dem Alter.“

Auch beim Wetter sind die Finnen wenig zimperlich. In der Kita ging es nach draußen – bei praktisch jedem Wetter. Erst bei einer Unwetterwarnung blieben die Kinder drinnen.

Gandras packte schnell ganz normal mit an. Sie half beim Anziehen und Essen, begleitete die Kinder nach draußen, war beim Freispiel und beim Morgenkreis dabei.

Finnisch? Keine Chance

Nur die Sprache blieb eine Herausforderung. „Finnisch ist eine Sprache, die kann man überhaupt gar nicht verstehen“, sagt Gandras und lacht. Mit deutschsprachigen Kolleginnen verständigte sie sich auf Deutsch, mit den anderen auf Englisch. Die Kinder versuchten es zunächst einfach auf Finnisch. Manche wechselten ins Deutsche, wenn sie merkten, dass Gandras sie nicht verstand. Ansonsten halfen Hände, Füße und Mimik.

Dabei machte Gandras eine Erfahrung, die sie anderen Auszubildenden mitgeben würde: Kinder gehen ausgesprochen entspannt mit Sprachbarrieren um. „Die finden das gar nicht komisch, dass man sie nicht versteht. Die versuchen es einfach zehnmal.“ Wenn gar nichts funktionierte, half eine finnische Kollegin.

Nach Feierabend ging es in den Wald

Auch jenseits der Kita war vieles neu. Gandras hatte sich selbst ein kleines Apartment in Tampere organisiert. Die Stadt liegt zwischen zwei großen Seen, und im Juni wird es dort kaum dunkel. Als Gandras nachts einmal die Vorhänge öffnete, sah es draußen aus wie in der Morgendämmerung. Sie machte sie schnell wieder zu.

Nach der Arbeit erkundete sie Tampere zu Fuß, an den Wochenenden fuhr sie mit Bus und Bahn in Nationalparks oder besuchte Helsinki und Turku. Besonders in Erinnerung blieb ihr eine Wanderung. Gandras war allein unterwegs, als sie auf ein finnisches Paar traf, das an einer Feuerstelle Kaffee kochte. Die beiden sprachen sie zunächst auf Finnisch an, wechselten dann ins Englische – und luden die fremde Wanderin kurzerhand auf einen Kaffee ein. Sie hätten sowieso zu viel gekocht.

Es sind solche Begegnungen, die Gandras aus den vier Wochen mitgenommen hat. Zum ersten Mal war sie für längere Zeit völlig allein im Ausland unterwegs. Dass alles so gut funktioniert hatte, machte sie hinterher auch ein bisschen stolz.

14 Krefelder Azubis waren bereits im Ausland

Dass Gandras diese Erfahrung während ihrer Ausbildung machen konnte, ist Teil eines Angebots, mit dem die Stadt Krefeld auch um Nachwuchs wirbt. Nach Angaben von Lucia Dohmen aus dem Team Ausbildungsorganisation gibt es die Möglichkeit zu Auslandspraktika seit 2021. Die Corona-Pandemie sorgte zunächst für eine längere Unterbrechung, seit 2023 läuft das Programm wieder.

Inzwischen haben 14 städtische Auszubildende über Erasmus+ ein Praktikum im Ausland absolviert. Die Aufenthalte führten Nachwuchskräfte unter anderem nach Venlo und Neer in den Niederlanden, Dünkirchen in Frankreich sowie Tampere in Finnland. 2025 waren neben Gandras zwei weitere Auszubildende in Tampere: Eine arbeitete in einer anderen Kita, einer in der Verwaltung.

Auch in diesem Jahr geht das Programm weiter. Zwei Aufenthalte in Eferding in Oberösterreich sind für dieses Jahr noch geplant. Beide Teilnehmer absolvieren eine Ausbildung zur Sozialassistenz und sind im Offenen Ganztag eingesetzt. Die Auslandspraktika dauern grundsätzlich vier Wochen. Möglich sind sie für Auszubildende der Verwaltung und des Kommunalen Ordnungsdienstes sowie inzwischen auch für Nachwuchskräfte aus dem Kita-Bereich. Für Studierende der Stadt gilt das Angebot nicht; ihnen stehen andere Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte offen.

Ganz automatisch bekommt allerdings niemand vier Wochen im Ausland. Interessierte besuchen zunächst einen Informationsabend und bewerben sich anschließend. Bei der Auswahl spielt die Motivation eine Rolle – und die Ausbildungsleistung muss stimmen. „Wir ermöglichen den Auslandsaufenthalt nicht, wenn wir sehen, dass es in irgendeiner Form eng werden könnte“, sagt Carolyn Wilms, Koordinatorin Personalentwicklung bei der Stadt Krefeld. Die Stadt müsse sicher sein können, dass ein Azubi für vier Wochen „über den Tellerrand hinausschauen“ könne, ohne dass darunter die Ausbildung leide.

Die Ausbildungsvergütung läuft weiter

Wer ausgewählt wird, erhält während des Praktikums weiterhin seine normale Ausbildungsvergütung von der Stadt. Für Reise und Aufenthalt können die Teilnehmer Fördermittel aus Erasmus+ bekommen. Gandras erhielt einen Teil des Zuschusses vor ihrer Reise, den weiteren nach dem Nachweis über das absolvierte Praktikum. Reicht die Förderung für die tatsächlichen Kosten nicht aus, müssen die Auszubildenden die Differenz selbst tragen.

Für die Stadt ist das Programm nicht nur ein Extra, das eine Ausbildung attraktiver machen soll. Die Nachwuchskräfte sollen andere Strukturen und Arbeitsweisen kennenlernen, Kontakte knüpfen und mit neuen Ideen zurückkommen. „Was wird vielleicht anders gemacht? Was wird besser gemacht? Wo können wir vielleicht mit unserem Know-how auch weiterhelfen?“, beschreibt Dohmen die Idee. Gleichzeitig sei die Möglichkeit eines Auslandspraktikums ein Angebot, mit dem sich die Stadt im Wettbewerb um Nachwuchskräfte von anderen Arbeitgebern unterscheiden könne.

Manchmal sind es nur Kleinigkeiten

Maike Gandras hat in Finnland keine pädagogische Revolution entdeckt. Im Gegenteil: Eine ihrer überraschendsten Erkenntnisse war, wie ähnlich die Arbeit in Tampere und Krefeld teilweise ist. Beeindruckt hat sie der individuelle Blick auf die Kinder. Wenn etwas nicht funktionierte, suchten die Erzieherinnen gemeinsam nach einer anderen Lösung, probierten sie aus und änderten sie gegebenenfalls wieder. Das versucht Gandras auch in Krefeld mitzunehmen.

Und dann bleibt die Erfahrung, vier Wochen allein in einem fremden Land zurechtgekommen zu sein. Deshalb hat Gandras eine ziemlich eindeutige Antwort für andere Auszubildende, die überlegen, ob sie sich darauf einlassen sollen: machen. Auch wenn man vorher am Flughafen steht und sich fragt, warum man sich das eigentlich angetan hat.

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