Traum-Baum und Klima-Killer Gute Palmen, schlechte Palmen
27.08.2026 · 12:59 Uhr
Düsseldorf · Die Palme steht für Fernweh, Urlaub, Leichtigkeit – bei Goethe und Gangsta-Rappern. Eine Gattung aber verheert, in profitablen XXL-Plantagen angebaut, ganze Ökosysteme.
Gäbe es Palmen-Phobiker, dann würden sie nicht alt. Die simple Silhouette ist stets schwer präsent, und in der Ferienzeit ist jegliches Entrinnen endgültig unmöglich. Palmen prangen auf vorfreudigen Kinderbildern und Handy-Beweisfotos, als Emojis im Whatsapp-Status sowie in den Abwesenheitsnachrichten der beruflichen E-Mail- und Chatprogramme.
Buchen und Eichen, Apfelbäume und Linden haben Freunde. Ganze Heerscharen begeisterter Fans hingegen hat der Baum, den der große Pflanzensystematiker Carl von Linné schon vor fast 300 Jahren als „Fürsten des Pflanzenreichs“ ehrte – und der genau genommen gar kein Baum ist, sondern eher ein groß gewachsenes Gras. Die Palme an und für sich nämlich besitzt weder eine Rinde noch Jahresringe noch besteht sie überhaupt aus Holz. Und das macht – Krone hin, Wurzeln her – einen Baum erst zum Baum.
Aber Palme is en Jeföhl. Eines, dem sich der große deutsche Dichter Peter Wackel über die Negierung des eben nicht Palmenhaften annäherte. In seinem Ballermann-Hit heißt es:
„Wollt ihr Arbeit? – Nein! Wollt ihr Regen? – Nein!Wollt ihr Alleinsein? – Nein!Was wollt ihr denn? – Wir wollen Party, Palmen, Weiber und `n Bier!“
Zu seinem Glück braucht der Mensch demnach Sex, Drugs und nicht näher bestimmte Vertreter der biologischen Familie der Palmengewächse also, die mehr als 2600 Arten in rund 180 Gattungen umfasst.
Diese Sonderstellung kommt nicht von ungefähr: Eine Palme – egal ob Honig-, Silberdattel-, Goldfrucht- oder Kubanische Königspalme – ist viel mehr als die Summe ihrer Teile. Sie ist eine Chiffre.
Unter Palmen ist die Welt noch in Ordnung
Wo Palmen sind, ist Sommer, aber kein problematischer, sondern einer, wie er früher einmal war. Sonnig, klar, aber nie unangenehm schwül oder wüstenhaft heiß. Palmen wiegen sich sanft im Wind. Sie spenden Schatten, aber nie so viel, dass es einen frösteln würde. Palmwedel rascheln und rauschen im Wind, aber kaum hörbar.
Zwischen Kakteen wird verdurstet und gestorben, zwischen Lianen geschwitzt und geflucht – unter Palmen aber wird bequem gesessen, gedöst und genossen.
Unter Palmen isst man frische Früchte und trinkt Kokosmilch, kühles Bier oder Cocktails. Unter Palmen ist die Welt noch in Ordnung. Sie sind ein Stück vom Paradies.
Wo Palmen sind, sind Karibik oder Südpazifik, mindestens das Mittelmeer
Denn wo eine Palme steht, da sind auch noch mehr, und weißer Sand, kristallklares Wasser und wolkenloser Himmel dazu. Palmen sind da, wo fast alle Westler hinwollen. Weil sie da sind, wo man selbst nicht ist. Palmen garantieren den größtmöglichen Abstand zum Alltag auf dem Amt, im Büro, in der Werkstatt oder am Band, schon durch die Gegebenheiten der Geografie.
Wo Palmen sind, sind die Tropen. Oder die Subtropen. Irgendwas in der Richtung jedenfalls. Karibik statt der nächsten Kreisstadt. Südpazifik statt bloß Nordsee. Mindestens mal Mittelmeer, wo die Riviera um 1900 herum systematisch mit kanarischen Dattelpalmen aufgehübscht und exotisiert wurde.
Palmen trennen tendenziell die Fernreise von der vernünftigen „Coolcation“ in, sagen wir, Dänemark oder Schottland. Könnten Palmen sprechen, würden sie uns fehlbare Geschöpfe vielleicht sirenenhaft fragen: Wohin willst du wirklich – nach Krakau oder Kalifornien? Nach Baltrum oder Bali, Texel oder Tonga? An die Mecklenburgische Seenplatte oder nicht doch lieber auf die Malediven?
Heine, Goethe, Humboldt liebten Palmen
Dieser Ansprache auf emotionaler Ebene konnte und kann sich kaum jemand entziehen: Lange bevor sich Gangsta-Rapper unter „Palmen aus Plastik“ verorteten, ließ Heinrich Heine „an palmigen Gestaden / Elefantenkälber baden“ und eine einsame, eingeschneite Fichte nur halb-ironisch von einer Palme träumen. Goethe schrieb in den „Wahlverwandtschaften“: „Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen“ – er selbst aber war von seiner ersten Italienreise mit sorgfältig gepressten Teilen einer Zwergpalme zurückgekehrt, von denen er gestand: „Ich verehre sie als Fetische.“
Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt hatte sogar einen regelrechten Palmenfimmel. So drückt es Jutta Person aus. Die Kulturwissenschaftlerin schreibt in ihrem leicht lesbaren Büchlein „Palmen. Ein Portrait“, dass der Anblick einer Palme im botanischen Garten des heutigen Berliner Stadtteils Schöneberg Humboldt erst dazu inspirierte, zum Wissenschaftler zu werden. Auf seinen Weltreisen kam er später zu dem Schluss, der Charakter jeder Weltregion werde maßgeblich von ihrer Vegetation bestimmt, und die wichtigste der sechzehn von ihm identifizierten Pflanzengruppen sei – Sie ahnen es sicher.
Trotz ihres meist schmalen Stamms bietet die Palme eine ungeheure Projektionsfläche: Der Soziologe Siegfried Kracauer schrieb 1930: „Da das Schlechte so nahe liegt, wird das Gute in exotischen Gegenden gesucht, dort, wo die Kokosnüsse gedeihen (...) und niemand etwas von Arbeitslosigkeit weiß oder von Nationalsozialisten.“
Mit Leidenschaft und Geduld entstand sogar in Gera ein Palmen-Paradies
Dabei hatten findige Kaufleute bereits im 19. Jahrhundert Palmen importiert, für die sündteuren neuartigen Gewächshäuser von Europas Königen, Kaisern und Zaren. Bald zogen sie auch in kleinere Adelshäuser und Luxushotels ein, später bei Groß- und Kleinbürgern – und heute fristen nicht wenige Schrumpf-Versionen der stolzen Gewächse ihr trauriges Dasein in Ämtern, Discos und Sonnenstudios als „Palmen vom Dienst“.
Doch auch die Palmen-Romantiker gibt es noch. Menschen wie Uwe Karczmarczyk aus dem thüringischen Gera. Ein Diavortrag über Italien in seiner DDR-Schulzeit hatte seine Faszination geweckt, die ihn, wie er mit leuchtenden Augen erzählt, „bis heute trägt“. Die Wende bedeutete für ihn nicht zuletzt die Möglichkeit, sich seinen Traum-Baum in möglichst vielen Varianten nach Hause zu holen. Und das tat er dann auch: Karczmarczyk experimentierte so lange mit Sand-Lehm-Böden und selbst gebastelten Schutzvorrichtungen gegen Schnee, bis sein Palmen-Paradies in Gera wuchs und gedieh.
Die Natur passt sich an.
Palmöl-Plantagen – „Dort wird alles Leben vernichtet“
Unnatürlich in jedem Sinne hingegen ist das explosionsartige Wachstum der Palmöl-Plantagen in aller Welt, die zusammengenommen beinahe Flächen von der Größe Deutschlands bedecken – und zwar meist dort, wo zuvor Regenwald gedieh. Der britische Affenforscher Ian Singleton schreibt, darunter litten nicht nur Orang-Utans und Tiger: „Dort wird alles Leben vernichtet, Ameisen und Termiten und Pilzarten eingeschlossen.“ Nach der Brandrodung werden Entwässerungskanäle gegraben, die auch alle Fische im Umkreis töteten. „All die Leute, die hier ihren Lebensunterhalt und ihre Wasserversorgung und ihre Proteinquelle hatten, stehen plötzlich ohne da. Und sie sind von Plantagen umzingelt.“
Person macht die Realität mit einem kleinen Kunstgriff greifbar: „Wer im Zug von Freiburg nach Berlin fährt, würde sieben Stunden lang nur Ölpalmen in Reih und Glied sehen, unterbrochen von schnurgeraden Landstraßen, Pestizidwolken und bewaffneten Sicherheitsposten: Monokulturen sind in vielerlei Hinsicht eine tödliche Angelegenheit.“
Allein in Indonesien werden pro Jahr fast 50 Millionen Tonnen Palmöl geerntet, denn das ist hitzebeständig, geschmacklos, vielseitig und vor allem spottbillig. Deshalb steckt der maximale wandelbare Grundstoff, der alles streichzart und schaumig macht, in jedem zweiten Supermarkt-Produkt, vom Pionier-Markenartikel „Sunlight-Seife“ von 1884 bis zu den neuesten Coups der Chemie-, Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie.
„Palmöl“ klingt irgendwie nett, nach Palmen eben
Das Palmöl darin bleibt weitestgehend unbemerkt, als ein Fachbegriff unter vielen in einer langen Liste von Zutaten. Und selbst wenn es anders wäre: In der breiten Masse der Konsumenten gibt es praktisch kein Problembewusstsein: „Palmöl“ klingt doch irgendwie so nett, nach Palmen eben. Und manchmal steht auch was von „100 % zertifiziert nachhaltig“ dabei. Wer weiß schon, was die Investigativreporterin Jocelyn C. Zuckerman betont? „Zwölf der sechzehn Mitglieder“ der Zertifizierungsorganisation RSPO „repräsentieren Palmöl-Erzeuger, -Verarbeiter, -Händler, Banken, Investoren und Lebensmittelkonzerne – was erklären könnte, warum es kaum Fortschritte gibt.“
Doch aus den Augen, aus dem Sinn. Die Dramen rund um die Herstellung des Palmöls spielen sich weit weg ab: in Indonesien, Nigeria, Kolumbien. Den Preis zahlen zunächst die indigenen Bewohner der Umgebung und die Plantagenarbeiter – aber mittelfristig wir alle, über die Klimabilanz.
„Integraler Bestandteil des spätkapitalistischen Systems“
Bleibt die Frage, ob man eine in jeder Hinsicht so bedeutsame Pflanze tatsächlich zu den Gräsern zählen muss? Das fühlt sich doch falsch an, bei allem Respekt für Einkeimblättrige Pflanzen, zu denen auch die Getreide zählen, denen wir schließlich einiges zu verdanken haben: Ackerbau, Brot und Bier, also: Sesshaftwerdung und Zivilisation.
Einen Weg aus diesem Dilemma zeigt das Bonmot „Palmen sind Gräser, die denken, sie seien Bäume“ auf. Lassen wir ihnen (und uns) doch diesen Etikettenschwindel – und konzentrieren uns auf das Kernproblem: In ihrem wuchtigen Essay „Das Unersetzbare“ in den Blättern für deutsche und internationale Politik schreibt die britische Kulturhistorikerin Bee Wilson: „Billiges Palmöl ist integraler Bestandteil eines spätkapitalistischen Systems, in dem alles mit allem zusammenhängt.“ Letztlich brauche es mehr als „nur“ einen Ersatz für diesen Schmierstoff der Weltwarenwirtschaft. „Was wirklich anders werden muss, ist nämlich das hoch verarbeitete ‚alles‘ selbst.“
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