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Rheinberg | RP ONLINE · Aug 21, 2026

Zum Sonntag von Gertrud Sivalingam : Vielleicht beginnt Frieden an der Discounter-Kasse

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unbekannt · RP ONLINE

Zum Sonntag von Gertrud Sivalingam Vielleicht beginnt Frieden an der Discounter-Kasse

21.08.2026 · 11:13 Uhr

Schattenspiel zweier kämpfender Personen. „Jesus setzt nicht auf die Stärke der Faust, sondern auf die Stärke der Verständigung“, sagt Gertrud Sivalingam.

Foto: dpa/E. Topcu

Kolumne · Schon Kinder lernen früh die Logik von „Wie du mir, so ich dir“, von Unrecht und Rache. Da widerspricht der berühmte Satz mit der anderen Wange doch vollkommen unserem Gerechtigkeitsempfinden. Oder nicht?

Kürzlich in der Schlange vor der Kasse beim Discounter: Hinter mir höre ich zwei Kinder im Grundschulalter sich leise streiten. Als Kind 1 nicht mehr weiterweiß, wendet es sich klagend an den Vater. „Der hat…“ Der Vater sagt etwas und Kind 1 antwortet entrüstet: „Ne, dann ballert der mir einen!“, worauf der Vater es auffordert „Dann baller doch zurück!“. Spätestens da ist meine Aufmerksamkeit geweckt. Ein verstohlener Blick nach hinten zeigt mir: Die Personen, die da stehen, sehen nach einer „ganz normalen Familie“ aus: nett, sympathisch, unauffällig.

Es scheint angekommen im „Normalen“, dieses „Wenn dir einer eine reinballert, dann baller doch zurück.“ Und das ist sogar nachvollziehbar. Wer verletzt wird, möchte sich wehren. Wer ungerecht behandelt wird, will Gerechtigkeit. Schon Kinder lernen früh die Logik von „Wie du mir, so ich dir“, von Unrecht und Rache.

Diese Logik ist alt. Uralt sogar. Schon im Alten Testament findet sich die Regel: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Interessanterweise war diese ursprünglich kein Aufruf zur Rache, sondern zur Deeskalation, nämlich nicht mehr heimzuzahlen, als einem angetan wurde.

Der Weg Jesu ist ein anderer. In der Bergpredigt sagt er: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: …wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ Was für eine Provokation! Das widerspricht ja wohl vollkommen unserem Gerechtigkeitsempfinden. Muss ich mich wirklich demütigen lassen und Unrecht einfach so hinnehmen?

Mit seiner Aufforderung durchbricht Jesus die Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Er ermutigt, nicht automatisch mit derselben Münze heimzuzahlen. Nicht deshalb, weil Unrecht plötzlich in Ordnung wäre. Sondern weil Vergeltung selten Frieden schafft.

Uns stellt das vor die herausfordernde Wahl: Muss ich wirklich zurückschlagen, weil ich geschlagen wurde? Muss ich das Spiel weiterspielen, das andere begonnen haben? Den berühmten Satz mit der anderen Wange übersetze ich für mich so: „Lass dich nicht von der Bosheit des anderen bestimmen. Gib ihm nicht die Macht, dich in denselben Hass hineinzuziehen.“

Unsere Welt scheint oft nach dem Prinzip zu funktionieren: Wer einsteckt, muss erst recht austeilen, am besten noch etwas schlimmer. Wer angegriffen wird, schlägt zurück. Im Kleinen auf dem Schulhof, im Großen zwischen Staaten und Gesellschaften. Die aktuelle Weltlage fußt auf diesem Prinzip, dass der nächste Schlag die Sache zu einem befriedigenden Ende bringen wird. Die Erfahrung spricht dagegen.

Und Jesus auch. Er setzt nicht auf die Stärke der Faust, sondern auf die Stärke der Verständigung. Auf Menschen, die den Mut haben, den Kreislauf zu unterbrechen. Die nicht schwach sind, sondern stark genug, anders zu handeln.

Vielleicht beginnt der Frieden manchmal genau dort: in einer Schlange vor der Kasse. In dem Moment, in dem einer nicht zurückballert. Sondern einen anderen Weg sucht.

Unsere Autorin Gertrud Sivalingam ist Pastoralreferentin in St. Josef, Kamp-Lintfort

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