Demut, Frieden, Armut Der Narr Gottes – was uns Franziskus von Assisi noch zu sagen hat
25.08.2026 · 12:02 Uhr
Franziskus predigt den Vögeln: Deutschland, 14. Jahrhundert.
Foto: picture alliance / Photoshot/Peter Barritt / Avalon / picture alliance / dpaAssisi/Düsseldorf · Vor 800 Jahren starb der vielleicht beliebteste Heilige, den die Kirche je hatte. Sein Image ist das eines tierlieben Ökos und gemütsvollen Pazifisten. Aber der seltsame Mann aus Umbrien ist viel komplizierter. Und faszinierend bis auf den heutigen Tag,
Wer auch nur in Ansätzen so etwas wie eine christliche Sozialisation erfahren hat, evangelisch oder katholisch, der ist an diesem Stück nicht vorbeigekommen. „Laudato si, o mi signore“ ist ein Evergreen des Neuen Geistlichen Lieds. Erinnerungen daran könnten zwiespältig sein, nicht zuletzt wegen des leicht jodelnden Ausgangs der einzelnen Strophen („Sei gepriesen, denn du bist wu-hun-der-her-ba-har, He-herr“) – „Laudato si“ aber ist so bekannt wie sein Autor, unsere Hauptfigur: der heilige Franziskus von Assisi. Das 70er-Jahre-Lied ist eine freie Nachdichtung von Franziskus‘ Sonnengesang, einem enthusiastischen Lobpreis der Schöpfung, von Franziskus selbst kurz vor seinem Tod, 1224 oder 1225, im umbrischen Dialekt des Italienischen verfasst.
Dieses „Laudato si“ („Gelobt seist du, mein Herr“) ist für viele mit amateurhaftem Gitarrenspiel verbunden, mit leiernd-brummelndem Gesang und mit Intonationsproblemen wegen des ordentlichen Tempos. All dieses Ungelenke wird Franziskus natürlich nicht gerecht, weil dieser Mann eine Jahrtausendgestalt war. Und zugleich wird es ihm sehr gerecht, weil es eine ganz authentische, unverstellte und dann eben doch bewegende Annäherung an den Glauben ist.
Vor genau 800 Jahren, am 3. Oktober 1226, ist dieser Franziskus in Assisi gestorben. Jeder kennt seinen Namen. Die katholische Kirche hat ihn zum Patron Italiens ernannt. Eine der großen christlichen Ordensgemeinschaften trägt seinen Namen. Der evangelische Theologe Jörg Lauster hat ihn kurzerhand den „größten Heiligen“ genannt, „den das Christentum je hatte“. Was? Dieser „poverello“, der „kleine Arme“, dieser „Narr Gottes“, dieser komische Heilige?
Der Peter Lustig des Christentums
In seinen Legenden lebt Franziskus als freundlicher, sanfter Öko, ein gemütsvoller Mann des Friedens, eine Art Peter Lustig des Christentums: der Mann, der den Vögeln predigt und den Wolf zähmt. Wenn Kirchenvater Augustinus der mit dem Sex ist, der den Christen den Leib verleidete, dann ist Franziskus der mit den Tieren. Gleichzeitig ist er der Rebell, der seinen Reichtum wegwirft. Und er ist der vergeistigte Gottsucher, dem visionäre Träume geschickt werden, der in äußerster Kargheit mit seinen Gefährten lebt und der die Wundmale Christi empfängt. Und der schließlich, erschöpft und ausgezehrt, schon im Ruf der Heiligkeit in den Armen seiner Ordensbrüder stirbt.
Das ist ein sehr rundes Bild von Franziskus. Allzu rund. Schon das Sanftmütige und das Rebellentum wollen dabei nicht so richtig zusammenpassen. Aber es ist ganz bequem, weil es so nett ist.
Dabei ist es mit diesem Franziskus viel komplizierter. Er ist nämlich, zumindest auch, ein Mann der Widersprüche. Ein Unbedingter, ein Radikaler, „sicher anstrengend“, meint der Historiker Martin Kaufhold. Ein Blick auf die Biografie mag helfen. Geboren wird er als Giovanni Bernardone privilegiert, nämlich als Sohn eines reichen Tuchhändlers, 1181 oder 1182 in Assisi, ziemlich mitten in Italien. Im 12. Jahrhundert erleben die Städte in Italien ihren großen Aufschwung, mit ihnen ihre reichen Bürger. Und in Rom besteigt 1198 ein Mann den Stuhl Petri, der als mächtigster Papst der Geschichte gilt: Innozenz III. Zwischen diesen Polen lebt Giovanni/Franziskus, und die Konflikte, die daraus entstehen, prägen sein Leben.
Ein „Franzmann“ im Krieg
Seine Jugend ist typisch für seine Zeit und seine Schicht: sorglose Vergnügungen, Träume vom ritterlichen Leben. „Francesco“ („Franzmann“), damals ganz ungebräuchlich, ist sein Kose- oder Spitzname. Als seine Mutterstadt Krieg gegen das mächtige Perugia führt, zieht Giovanni mit – und gerät für ein Jahr in Gefangenschaft. Krank und tief getroffen kehrt er heim.
Was folgt, ist die dramatische Wende, die aus kirchlicher Perspektive Berufung genannt wird und von Franziskus Verwandlung. Giovanni verschenkt mehr und mehr des väterlichen Vermögens; die Begegnung mit einem Aussätzigen schildert er später selbst als Wendepunkt. In der verfallenen Kirche San Damiano, heißt es, habe er vom Kreuz die Worte gehört: „Geh und baue mein Haus wieder auf, das ganz und gar in Verfall gerät.“ Giovanni versteht das erst wörtlich und schleppt Steine, versteht aber bald, dass der Auftrag viel umfassender gemeint ist.
Der Bruch ist spektakulär: Giovanni zieht sich vor dem Dom von Assisi nackt aus und wirft dem Vater seine Gewänder vor die Füße. Fortan wandert er, jetzt endgültig Franziskus, in schäbiger Kutte durch Mittelitalien; schnell sammelt sich eine kleine Gemeinschaft um ihn, auch Frauen. Die „minderen Brüder“ predigen Erlösung durch Demut, Buße, Armut (was sowohl den Bürgern als auch dem Papst suspekt ist).
Franziskus ist aber kein Häretiker – er will unbedingt den Segen Roms. Und er bekommt ihn. Das rettet ihn und sein Erbe, denn alle Welt sieht, was die Kirche für angebliche Ketzer übrighat: Feuer und Schwert. Dem entgehen die Brüder, mehr noch: Ihr Ruf eilt ihnen voraus, die Gemeinschaft wächst explosionsartig. Franziskus, begeistert bis zur Weltverleugnung, reist 1219 mit den Kreuzfahrern nach Ägypten, wo er Sultan Al-Kamil zum Christentum zu bekehren und die Schlacht zu verhindern versucht. Das ist (man ist versucht zu sagen: natürlich) vergeblich, aber das Feuer dieses seltsamen Mannes hinterlässt beim Sultan Eindruck.
Mit diesem Heiligen lassen sich Geschäfte machen
Zurück in Italien, gibt Franziskus die Leitung des jungen Ordens ab, durchwandert das Land und zieht sich, mehr und mehr von Schmerzen und Krankheit gequält, immer wieder fastend in die Klausur im wilden Apennin zurück. Jetzt ist er der Franziskus geworden, dessen Bild bis heute fortlebt: ein Heiliger zu Lebzeiten, durch den das Licht des Himmels gewissermaßen schon durchscheint, der für seine Mission brennt und von ihr verschlungen wird.
Auf dem Berg La Verna soll er, als Erster überhaupt, die Stigmata empfangen haben, die Wundmale Christi an den Händen, den Füßen und der Seite. (Der Kirchenhistoriker Helmut Feld hat dazu lapidar festgestellt: „Franziskus hat sie sich wie viele spätere Nachahmerinnen und Nachahmer selbst beigebracht.“) Sterbend kehrt er nach Assisi zurück, und die Bürger bewachen seinen Leichnam, weil schon jetzt klar ist, dass sie mit diesem Mann großartige Geschäfte machen werden. Assisi lebt bis heute bestens von seinem Heiligen.
Ein Teil der Faszination, die immer noch von ihm ausgeht, ist leicht erklärt. Der Anspruch, Gott nicht nur im Mitmenschen, sondern als wirkenden Schöpfer in der gesamten Welt zu sehen, in Tieren, Pflanzen und Steinen, passt bestens in eine Zeit, die sich unter größten Mühen ihrer Verantwortung für Umwelt und Klima bewusst wird. Das Hadern mit dem Streben nach materiellem Reichtum trifft einen Nerv – nicht zufällig nannte sich der Antikapitalist im Vatikan 2013 Franziskus, obwohl er Jesuit war. Die Sehnsucht nach Frieden in der Welt schließlich tragen nur die Allerverlorensten nicht im Herzen. Folgerichtig wurde Assisi der Ort interreligiöser Gebetstreffen.
Herr Bruder Sonne und Mutter Erde
All das ist richtig und springt doch zu kurz. Denn das Wenigste geht in Franziskus einfach glatt auf. Gegen den Vater ist er rebellisch, gegen den Papst gehorsam, ja unterwürfig. Er lehrt Frieden und Versöhnung, scheut aber in der Organisation seines Ordens keinen Konflikt. Er zieht hinaus aus der Welt und stürzt sich doch immer wieder ins Getümmel der Städte.
Vermutlich ist es seine begeisterte Emotionalität, die uns Franziskus so nahebringt: Glauben als Selbsterfahrung. Lauster spricht von einem „Weltgefühl“ – der Sonnengesang ist Ausdruck glücklicher Überwältigung, dass in allem Gottes Liebe erkennbar wird, in „Herrn Bruder Sonne“ und „Mutter Erde“, in „denen, die vergeben und Krankheit und Not ertragen“, selbst in „unserer Schwester, dem leiblichen Tod“. Darin steckt eine grandiose Gemeinschaftlichkeit, unmittelbar ansprechend auch ohne kirchliche Vorbildung oder Verwurzelung (oder Gitarrenbegleitung). Der französische Mittelalterhistoriker Jacques Le Goff hat festgestellt: „Dieser erstaunliche Franziskaner sprengte den Deckel des Klerikalismus, der auf der alten lebendigen Kultur der Menschlichkeit gelastet hatte.“ Für uns heute heißt das: Lebendiger Glaube in Gemeinschaft ist auch in Zeiten zusammenbrechender Strukturen möglich. Viele Gemeinden haben das längst verstanden.
Der Gott des Franziskus ist kein strenger, ferner, thronender Gott, sondern einer, der mitleidet, der sich sozusagen vom Kreuz herunterbeugt. Kunstgeschichtlich gesagt: nicht romanisch, sondern gotisch. Franziskus, der einfach nur Jesus nachfolgen wollte, lebt nicht nur an dieser Epochenwende, man kann buchstäblich sagen: Er verkörpert sie.
All das ist 800 Jahre her. Heute lässt sich kein Machtmensch mehr von freundlichen Worten beeindrucken. Bloße Worte machen kein wildes Tier friedlich. Und einfach alles wegwerfen und ganz neu anfangen – wer hat dazu schon den Mut? Aber der tiefe, vielleicht kindliche, vielleicht naive Wunsch nach alldem steckt in uns, ganz tief irgendwo. Franziskus hat das gewusst.
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