RSS Amplifier

Kultur | RP ONLINE · Aug 21, 2026

Festival im Heine Haus: Das Poesie-Fest zeigt, was Lyrik alles (sein) kann

0
Sign in to vote or save

Simone Fischer · RP ONLINE

Festival im Heine Haus Das Poesie-Fest zeigt, was Lyrik alles (sein) kann

21.08.2026 · 11:45 Uhr

 Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel liest beim Poesie-Fest aus „Die.da“.

Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel liest beim Poesie-Fest aus „Die.da“.

Foto: Heike Steinweg

Düsseldorf · Vom 1. bis zum 5. September zeigen Lyrikerinnen und Lyriker, was ein Gedicht alles sein kann. Mit dabei sind Größen wie Ursula Krechel und Michael Krüger, und auch das Publikum ist zum Mitmachen eingeladen.

Ein Gedicht kann aus wenigen Zeilen bestehen und trotzdem ein ganzes Leben mit sich führen. Michael Krüger, 1943 geboren, schreibt in der Nachbemerkung seines neuen Bandes „Die Wiedereinführung der Sanduhr“, Gedichte seien das Ergebnis eines Lebens, einer bestimmten Erfahrung, einer Ansammlung von Eindrücken. Seine früheste Kindheit reichte noch in den Krieg hinein, und bis heute kann er sich nur schwer damit abfinden, dass nach all den Versuchen der Kriegsverhütung die tödliche Auseinandersetzung im großen Stil nicht zur Ruhe gekommen ist.

Wenn Krüger am Dienstag, den 1. September, gemeinsam mit Rudolf Müller das Poesie-Fest eröffnet, beginnt im Heine Haus eine fünftägige Reise durch sehr unterschiedliche Formen des Gedichts. Bis zum 5. September wird das Literaturhaus in der Düsseldorfer Altstadt zum Ort für Lyrik, für ihre Autorinnen und Autoren und für Menschen, die ihr zuhören oder sie selbst lesen wollen.

Schon der erste Abend zeigt, wie unterschiedlich sich Poesie denken lässt. Krüger liest aus seiner „Wiedereinführung der Sanduhr“. Rudolf Müller stellt mit „jetzt.plötzlich. Findungen“ Texte vor, die aus Überresten anderer Texte entstehen. „Die Texte sind Ruinen“, schreibt Müller selbst. Aus dem Nichten könne ein Dichten werden, nur würden die Texte dabei nicht dichter, sondern offener und durchlässiger.

Stille Konzentration beim „Silent Poetry Reading“

Danach geht es am Mittwoch zunächst ganz still weiter. Erstmals steht beim Poesie-Fest ein „Silent Poetry Reading“ auf dem Programm. „Beim stillen Lesen richtet sich die ganze Konzentration auf das Gedicht. Wir möchten ihm Raum geben und diese besondere literarische Form damit noch einmal gezielt in den Mittelpunkt rücken“, sagt Kuratorin Selinde Böhm. In der ersten Stunde lesen die Gäste für sich, Gedichtbände liegen im Heine Haus bereit. Danach öffnet sich die stille Lektüre zum Gespräch. Anschließend können sich die Besucher mit Rudolf Müller über die Texte austauschen.

Einen Tag später folgt Uljana Wolf mit „Mutter Task“. Die Lyrikerin und Übersetzerin bewegt sich seit Jahren zwischen Sprachen, hat unter anderem Gedichte von Valzhyna Mort ins Deutsche übertragen und war Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin. Durch den Abend führt Christoph Buchwald, der langjährige Herausgeber des „Jahrbuchs der Lyrik“.

Was macht einen Text zum Gedicht?

Wie viele Formen ein Gedicht annehmen kann, rückt Michael Lentz am 4. September in den Fokus. Er stellt die von ihm herausgegebene Ausgabe 2025/4 der „Neuen Rundschau“ vor, die sich dem Briefgedicht ebenso widmet wie dem Klang-, Lied-, Meta- und Gedichtgedicht. Paul Valéry beschrieb das Schreiben von Gedichten einmal als einen Prozess des Wiegens, Läuterns und Verdichtens. Lentz nähert sich der Poesie zwischen Denken und Klang, Form und Verfahren und der Frage, was einen Text überhaupt zum Gedicht macht.

Zum Abschluss treffen am Samstag zwei Generationen und zwei unterschiedliche poetische Stimmen aufeinander. Ursula Krechel, Georg-Büchner-Preisträgerin 2025 und für ihren Roman „Landgericht“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, liest aus „Die.da“. Ihre Gedichte beobachten das Miteinander und Gegeneinander der Menschen und holen Geschichte in die Gegenwart. Krechels Ton prägen schmerzhafte Genauigkeit und eine große Lust am sprachlichen Detail. Danach liest Nasima S. Razizadeh, Jahrgang 1991, aus ihrem zweiten Gedichtband „Entschwebung“. Die studierte Biologin beschäftigt sich mit Übergängen, Schwellen und Zuständen des Dazwischen, mit Momenten des Lösens und Verharrens, mit Bewegung und Wahrnehmung. Ihre Sprache wird dabei zum Raum, in dem Bedeutung in der Schwebe bleiben darf. Die Moderation übernimmt die Schriftstellerin Frieda Paris.

Was also kann ein Gedicht? Es kann Erfahrung verdichten wie bei Krüger, vorhandene Sprache zerlegen wie bei Müller, zwischen Sprachen wandern wie bei Wolf oder Bedeutung in der Schwebe halten wie bei Razizadeh. Eine endgültige Antwort muss das Poesie-Fest nicht geben. Doch fünf Tage lang lässt sich im Heine Haus hören und lesen, wie unterschiedlich sie ausfallen kann.

Meistgelesen

Mehr zum Thema

Aktuell wichtig

Read the original on rp-online.de

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.