Tournee-Start „Romeo und Julia – Liebe ist alles“ „Es geht um Liebe und Tod, aber auch und vor allem um Sex“
25.08.2026 · 10:48 Uhr
Ulf Leo Sommer (l.) und Peter Plate: „Musical ist für uns das schönste Genre der Welt“.
Foto: Theater des Westens/Ferran Casanova/Ferran CasanovaInterview | Düsseldorf · Ab dem 27. August ist „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ im Capitol-Theater zu sehen. Die Musical-Macher haben uns vorab erzählt, worauf sie sich in Düsseldorf freuen, warum bei „Romeo und Julia“ Sex oft mit Liebe verwechselt wird und was Shakespeares Drama mit einem Partysong zu tun hat.
Peter Plate und Ulf Leo Sommer arbeiten seit 35 Jahren zusammen, und dass sie einander gewissermaßen blind verstehen, merkt man auch beim Gespräch per Videochat an diesem Vormittag. Meist ergänzen sie ihre Sätze so nahtlos, dass man glaubt, der eine habe die Gedanken des anderen schon geahnt. Was auch zu spüren ist: die Aufregung angesichts der bevorstehenden Tour ihres Musicals „Romeo und Julia – Liebe ist alles“, das ab dem 27. August auch in Düsseldorf zu sehen sein wird. Bestens gelaunt sprechen Plate und Sommer über die Arbeit an diesem Herzensprojekt, bei dem auch das besondere „Rosenstolz-Gefühl“ eine wichtige Rolle spielt. Im Hintergrund zwischen Plate und Sommer steht ein Foto im Regal. Es zeigt Plate und die verstorbene Rosenstolz-Sängerin Anna R..
Mal ehrlich, eigentlich ist „Romeo und Julia“ doch die frustrierendste Geschichte, die man sich vorstellen kann: Die ganz große Liebe – und dann endet alles wegen Verwerfungen und Missverständnissen tragisch. Soll die Kunstform Musical nicht klassischerweise Euphorie transportieren?
Peter Plate Diese wenigen Sätze des Glücks, die im Drama vorkommen, sind so überwältigend. Und das Stück hat ja viele Botschaften. Aber für uns geht es eigentlich die ganze Zeit um Hormone. Beziehungsweise: Es geht um Liebe und Tod, aber auch und vor allem um Sex. Und das ist tragisch, aber – zumindest in unserer Version – auch sehr lustig. Romeo und Julia haben sich ja gerade erst getroffen, sie können sich ja noch gar nicht „tief“ lieben, die wollen einfach miteinander, naja …
Ins Bett?
Plate Genau!
Ulf Leo Sommer Die Frage ist ja immer: Warum wurde das Stück damals geschrieben, und warum fasziniert die Geschichte heute immer noch so sehr? Zum einen, weil sich jeder an seine erste große Liebe erinnert – die übrigens klassischerweise unglücklich ausgeht. Und vielleicht ist das sogar besser, denn man denkt ja nicht mehr klar. Man verliebt sich und glaubt, man stirbt: für das Gefühl und für den anderen. Bei der ersten Liebe würde man alles machen – bis in den Tod. Fast jeder kann sich mit Romeo und Julia identifizieren, denn: So verknallt war man eben mal! Das ist das eine. Und dann ist da natürlich auch noch der andere Aspekt: Nämlich, wie sinnlos so eine Fehde, so ein Krieg ist, in dem dann, wie so oft, am Ende die jungen Menschen auf der Strecke bleiben. Das ist ein Symbol für alles, was leider gerade auf der Welt passiert. Diese Mischung macht das Stück so wahnsinnig modern.
Kann Musical etwas, was andere Bühnenformen nicht können? Sie haben mit der Intendanz am Berliner Theater des Westens ja explizit ein Musical-Theater etabliert…
Plate Musical ist für uns das schönste Genre der Welt. Unser Freund Detlef Buck hat mal gesagt: „Immer, wenn das Drama zu groß wird, fangen sie an zu singen.“ Das beschreibt es perfekt.
Sommer Musik ist nichts, was man im Kopf erstmal zerlegt. Musik geht – wenn man sie mag – direkt ins Herz, sie kann ganz viel Gefühl ganz unmittelbar ausdrücken. Andere Bühnenformen wie Theater oder Oper haben zuweilen – und oft zu Unrecht – den Ruf, elitär zu sein. Das macht manchen Leuten Angst. Unser großer Wunsch ist genau das Gegenteil, und das wollen wir auch mit dem Theater des Westens: Das soll ein Haus für alle Menschen sein, eines, das sagt: Komm her und lass dich in eine andere Welt entführen! Viel wichtiger, als eine besondere „Message“ zu transportieren, finde ich den Anspruch, dass die Leute aus dem Stück kommen und sagen: „Ich habe so viel gefühlt!“. Das ist Herzensbildung. Ich glaube aber auch, dass alle Arten des „Live-Entertainments“ – Theater, Oper, Musical – eine große Zukunft haben. Erst recht in Zeiten von Künstlicher Intelligenz. Es ist eben etwas anderes, wenn Menschen zusammenkommen und so etwas gemeinsam erleben.
In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" haben Sie unlängst über die Band Rosenstolz gesagt: „Die Konzerte waren wie eine Messe der Uncoolen“ – ist das mit dem Musical ähnlich? Die Bühnenform für die Uncoolen?
Plate Ich fand es schon immer ganz schlimm, wenn jemand versucht, cool zu sein. Schon der Versuch, cool zu sein, zeigt ja, dass man nicht cool ist. Wir machen einfach ein Angebot, und wer kommt, der kommt. Das hat bei uns schon immer am besten funktioniert. Wir reden oft von dem besonderen Rosenstolz-Gefühl. Wenn wir diesen Zustand erreichen, dann sind wir glücklich. Das geht nicht am Reißbrett und gelingt mal mehr, mal weniger gut.
Der titelgebende Rosenstolz-Song „Liebe ist alles“ ist mehr als 20 Jahre alt – war Ihnen bei der Entstehung des Liedes damals schon klar, dass daraus einmal mehr werden würde?
Plate Überhaupt nicht. Aber bei der Arbeit am Musical waren wir uns schnell einig, dass bei der Eröffnung des zweiten Aktes unbedingt so ein Lied wie „Liebe ist alles“ stattfinden muss. Das wollten wir unbedingt schreiben. Aber dann haben wir gedacht: Der Originalsong passt doch perfekt! Wir müssen kein Wort ändern!
Die Musical-Songs sind alle modern, aber bei den gesprochenen Passagen nutzen Sie die berühmte Shakespeare-Übersetzung von August Wilhelm Schlegel. Warum?
Sommer Wir hatten während des Entstehungsprozesses zwischenzeitlich eine bearbeitete Sprechversion – das wirkte dann auf einmal sehr profan. Shakespeare ist einfach ein Genie, seine Sprache ist wunderschön, aber auch sehr lustig – das merkt man auch in der Übersetzung noch. Dass Julia Romeo voraus ist, dass er ihr auch intellektuell gar nicht richtig hinterherkommt – das alles findet man bei Shakespeare.
Die Charaktere wirken aber schon etwas modernisiert …
Plate Das Tolle war, dass wir in die Charaktere reinschlüpfen und uns überlegen konnten: Wie fühlt sich das an? Unsere Julia ist ja nicht, wie im Original, 13 Jahre alt – das wäre ja fürchterlich – sondern eher 18, 19. Wir haben uns überlegt: Wie fühlt sich das in diesem Alter an, wenn die Hormone völlig durchdrehen?
Die berühmte Balkonszene zwischen Romeo und Julia ist so bekannt, dass sie kaum ohne Klischee inszeniert werden kann. Mich hat überrascht, wie gut sie im Musical funktioniert und wie lustig sie ist: Julia wirkt viel souveräner als der etwas überforderte Romeo …
Plate Unsere Julia ist, wenn man so will, schon oft nachts über den Balkon abgehauen. Das war nicht das erste Mal. Sie ist wild! Und das entspricht auch dem Rosenstolz-Gefühl: Wir waren auch immer ein bisschen wild und anarchistisch. Und das ist das, was wir vermitteln wollen.
Sommer Julia steckt Romeo in die Tasche…
Wie das üblicherweise ist bei Jungs und Mädels in dem Alter …
Sommer Ha, genau!
Plate Oft wird die Balkonszene so dargestellt, dass sich Romeo und Julia fast anschreien. Und ich dachte immer: Die müssen doch leise sein, sonst werden sie entdeckt. Ich wollte, dass sie eher flüstern. Der Effekt war, dass die Szene einerseits komischer wurde, aber andererseits auch erotischer.
Eine Figur, die bei Shakespeare nicht vorkommt, Sie aber eingefügt haben, ist der Todesengel, besetzt mit einem Countertenor. Eine interessante Idee…
Plate Als wir jung waren, waren wir beide große Fans des Countertenors Klaus Nomi. Als Jugendlicher habe ich ihn gesehen, als er in der Thomas-Gottschalk-Show „Na sowas!“ auftrat und gedacht: Was ist das denn? Wie kann man denn so singen? Wir haben dann mit Rosenstolz mit „Klaustrophobie“ einen Song gemacht, der Klaus Nomi gewidmet war. Und wir haben uns immer vorgenommen: Irgendwann machen wir etwas mit einem Countertenor. Hier hat es sich angeboten. Es gibt dem ganzen Stück etwas Mystisches.
Sommer Ich mag außerdem diese Genre-Überschneidung, wenn Pop die Klassik trifft – so wie es aktuell gerade Rosalía auf die schönste Weise macht.
Es kommen im Musical auch queere Elemente vor, die aber gar nicht besonders betont werden. Mercutio zum Beispiel hat ein Auge auf Romeo geworfen, aber das passiert eher beiläufig…
Plate Das war uns wichtig, zumal wir die Sprache ja nicht verändern wollten. Zu Shakespeares Zeiten gab es für schwul oder queer ja nicht einmal ein richtiges Wort. Mercutio weiß selbst gar nicht recht, wie ihm geschieht.
Sommer So, wie wir das Drama interpretieren, ist das alles bei Shakespeare schon angelegt. Ich glaube, dass er das im Kopf hatte: Dass Mercutio für Romeo geschwärmt hat. Man kann das so lesen, aber man muss es nicht.
Was, glauben Sie, hätte William Shakespeare zu Ihrem Musical gesagt? Er hat ja explizit auch für das „einfache Volk“ geschrieben…
Plate Darin liegt schon die Antwort. Wir sind oft in England, da gehen die Menschen viel lockerer mit Shakespeare um, das hat nichts Elitäres. Die würden sagen: Super! Shakespeare hätte sich gefreut! Diese steife Ehrfurcht, das ist etwas sehr Deutsches.
Sommer Ich glaube, Shakespeare wollte vor allem unterhalten. Eigentlich ist „Romeo und Julia“ wie ein guter, alter ABBA-Song, der auf jeder Party funktioniert – einfach, weil er so gut ist.
In Berlin hatte das Musical zuletzt eine richtige Fan-Gemeinde, Stück und Ensemble wurden regelrecht gefeiert. Glauben Sie, dass dieser Erfolg auf andere Städte übertragbar ist? Die Düsseldorfer zum Beispiel sind ja nicht unbedingt als Partyvolk bekannt…
Plate Ich weiß noch, als Anna und ich das erste Mal mit Rosenstolz in Zürich aufgetreten sind, da haben uns alle vorher gewarnt: dass es dort ganz anders wäre, wir ein bisschen aufpassen müssten und so. Am Ende stimmte das alles nicht. Jede Stadt ist anders, aber auch jeder Wochentag ist anders: Sonntags ist das Publikum immer anders drauf als freitags. Und manchmal sind die Vorstellungen, die gar nicht so laut und ekstatisch sind, die Allerschönsten.
Sommer Ich bin sehr gespannt. Ich bin zwar kein Geburtstagsfan, aber schön finde ich, dass wir von meinem Geburtstag in die Düsseldorf-Premiere reinfeiern.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich schon am 19.04.2026 auf RP ONLINE veröffentlicht. Da er weiter aktuell ist, bieten wir ihn noch einmal zum Lesen an.
Meistgelesen
Aktuell wichtig

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.