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Jüchen | RP ONLINE · Aug 19, 2026

Kohleausstieg und Kunst: Siegfried Henkel zeichnet Luftblasen der Erinnerung über dem Tagebau

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Jan Sting · RP ONLINE

Kohleausstieg und Kunst Siegfried Henkel zeichnet Luftblasen der Erinnerung über dem Tagebau

19.08.2026 · 15:08 Uhr

Siegfried Henkel in seinem Garten an der Staffelei mit einem Bild der Kraftwerke in Aktion und seiner Vision, wie die Landschaft später einmal aussehen könnte.

Foto: Jan Sting

Grevenbroich · Der frühere Sozialamtsleiter Siegfried Henkel malt die Wolken der Kraftwerke. Seine Serie erzählt von Heimat und Abschied – doch die geplante Wende gerät ins Wanken.

Zehn Wolkenarten führt die Weltorganisation für Meteorologie auf. Darunter die zarte Federwolke „Cirrus“, die größere Schäfchenwolke „Altocumulus“ oder die dicke Regen- oder Schneeschichtwolke „Nimbostratus“. Siegfried Henkel geht noch weiter. Der frühere Sozialamtsleiter und passionierte Maler widmet sich den Dampfwolken aus den Kühltürmen der Kraftwerke. Prägend sind diese für die Menschen der Region, die auch dann im Schatten der Wolken spielten, wenn eigentlich schönster Sonnenschein herrschte und kein Sturmtief angesagt war. Wolken sind Teil ihrer Geschichte. Und bald sind diese bizarren Himmelsbilder wohl ganz weg.

Ein Aquarell mit Kraftwerk und Wolken, die es bunt treiben.

Foto: Jan Sting

Schmunzelnd erzählt Henkel von seiner ursprünglichen Vision für eine wolkenlose Zeit nach 2030, die er nun wohl ein bisschen revidieren muss. Denn die Politik überlegt, die Kraftwerke länger zu betreiben. Eigentlich wollte die Bundesregierung spätestens bis Mitte August geprüft haben, ob die Braunkohleanlagen Neurath (die Blöcke F und G) und Niederaußem (Block K) in eine Reserve bis Ende 2033 überführt werden können. RWE wiederum plant weiterhin den Kohleausstieg 2030. Henkel malt derweil munter weiter seine Aquarelle. Mit wenigen vertikalen schwarzen Strichen setzt er die Kraftwerke wie hingetupft in die Landschaft.

Das Bild aus dem Jahr 2002 zeigt, wie sich Schaufelradbagger und Autobahn durch die Landschaft fräsen.

Foto: Jan Sting

Die tänzelnden Wolken darüber erinnern an die Fleckenkunde eines Peter Rühmkorf, der seine Tintenkleckse mit humorvoller Poesie unterschrieb. Ironie ist auch bei Henkel zu spüren. Er arbeitet sich nicht etwa am holprigen Kohleausstieg ab. Vielmehr „will ich konstatieren, dass sich die Landschaft verändern wird.“ Ohne Dampfwolken, dafür vielleicht mit Schäfchenwolken oder dem Furcht einflößenden Nimbostratus werden die Menschen aus und um Frimmersdorf und Neurath aufatmen können und weniger düstere Ausblicke auf den Himmel haben.

Siegfried Henkel sagt, dass er immer gerne gemalt hat. Und immer war es autodidaktisch. Das, was er brauchte, um sich weiterzuentwickeln, nahm er aus Büchern mit. Offenbar waren es gute Bücher, denn er beherrscht die Kunst des Weglassens, wo viele Hobbykünstler sich stattdessen an Details verausgaben, denen man Fleiß und Mühe später ansieht. Auch in seinen früheren Bildern war der Tagebau Thema. 2002 zum Beispiel malte der in Jüchen aufgewachsene Henkel ein Bild vom alten Otzenrath. Ein Kreuz hat er am unteren Bildrand angebracht für das todgeweihte Land.

Eine Reisestaffelei samt Koffer für die Pinsel und Farben hat Siegfried Henkel immer dabei, wenn es in die Ferne geht. Zumindest eine Minimalausstattung.

Foto: Jan Sting

Wehmut und eine tiefe Verbundenheit mit der Heimat spricht daraus, obwohl die Landschaft an sich in frohen Farben angelegt ist. Es entspricht sehr wahrscheinlich seinem nach vorne gerichteten Naturell. Trotzdem ist dem mittlerweile weggesprengten Holzer Wasserturm, den er unweit des Kreuzes malte, ein kleines Andenken gewidmet.

In der Garage gibt es ein Ragal mit Farben – hier Acryl.  Foto: Jan Sting

In der Garage gibt es ein Ragal mit Farben – hier Acryl. Foto: Jan Sting

Foto: Jan Sting

Mit seiner aktuellen Serie unter dem Titel „Luftblasen der Erinnerung“ hatte sich Henkel im vergangenen Jahr bei der von Ulrike Oberbach mitinitiierten Aktion „Kunst im Schaufenster“ beworben. Es brauchte einen aktuellen Bezug zur Region. Und offenbar traf Henkel ins Schwarze. Eine junge Frau aus Grevenbroich, die mittlerweile in Zürich lebt, kaufte ein Aquarell, da es die Situation ihrer Kindheit zeichnet. Beim Artwalk zu den Kunstschaufenstern hörte Henkel mehrfach von Grevenbroichern, dass sie mit den Wolken „von klein auf verbunden waren.“

Die Urkunde für sein erfolgreiches Praktikum auf dem Weingut Stefan Meyer in Rhodt unter Rietburg hängt auf der Terrasse.

Foto: Jan Sting

„Der Kohleausstieg in der Kunst“ ist durch die Kraftwerkswolken quasi aus der Taufe gehoben. Henkel freut sich über das Interesse an seiner Malerei. Und die aktuellen Bezüge habe er sich im vergangenen Jahr gar nicht ausmalen können – etwa durch die Frage, wie die Fernwärme des Kraftwerks Neurath für die vielen örtlichen Nutzer kompensiert werden kann. Und natürlich die politische Überlegung, den Kohleausstieg wegen der globalen Krisenlagen zu verschieben.

„Wenn die Kohlekraftwerke keine Braunkohle mehr verstromen, sie keine Funktion mehr haben, dann fehlen auch die Dampfwolken der Kühltürme“, sagt Henkel. „Das sind aber Wahrzeichen der Region. Jeder kennt sie. Das entfällt bald.“ Die neuen Themen seien Energiewende und Strukturwandel. „Die in der Nacht eindrucksvoll blinkenden Windräder haben den fossilen Energieträger Braunkohle ersetzt“, sagt Henkel, der schon überlegt, mit was für einem Thema er sich für die nächste Aktion zur Kunst im Schaufenster bewerben will.

An Ideen dürfte es ihm nicht fehlen, experimentierfreudig ist Henkel (Jahrgang 1955) schon immer gewesen. Mit einem Praktikum bei Winzer Stefan Meyer in Rhodt unter Rietburg begann er seinen Ruhestand und mittlerweile hat er auch ein Buch über Wein geschrieben. Das zweite Sachbuch ist schon in Arbeit. Es soll „Europas kleine Weinecken“ beleuchten.

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