16.01.2026 Schauspiel von Gerhard Zahner - Uraufführung - Hinter dem Eisernen Vorhang - 1h 20min.
Eine Seeschlacht des 16. Jahrhunderts in Zittau? Schon der Titel des Stückes sorgt für erste Fragezeichen auf der Stirn der geneigten Zuschauerin. Und der Fragezeichen sollten es noch einige mehr werden. Auf dem Rand der Drehbühne hinter dem Eisernen Vorhang sind die wenigen Plätze für das Publikum angeordnet, daneben steht ein rostiger Überseecontainer. Über dem Rund hängt diverses Treibgut - eine Kette, Musketen, ein Teddybär, ein Fischernetz, leere Eimer, eine große helle Folie, eine Totenkopfmaske. Als das Stück beginnt, kommt das Treibgut tiefer herab gefahren, Licht und Ton vermitteln, dass wir uns wohl unter Wasser befinden. Dann hören wir zum ersten Mal die Protagonisten: ein namenloser Türke, gespielt von Marc Schützenhofer und ein ebenfalls anonymer Grieche, dargestellt von Philipp Scholz, plaudern darüber, ob man sich unter Wasser wohl überhaupt unterhalten könne, sprechen von Schätzen gesunkener Schiffe, sind dabei gar nicht wirklich zu sehen, denn sie sprechen von hoch oben aus dem Bühnenturm zu uns, die wir unten am Meeresgrund sitzen. Als die beiden dann zu uns hinab gestiegen sind, taucht zur sich wie ein Dampfer in wankende Drehbewegung schaukelnden Bühne eine dritte Figur auf: Jonas Maria Lubisch als, ja als was eigentlich? Ein Neptun oder Poseidon, wie die Griechen sagen würden? Er sagt fast nichts, sorgt für weitere Fragezeichen in den Gesichtern. Was passiert hier eigentlich? Was hat es mit dieser Schlacht eigentlich auf sich? Heute ist es von Vorteil, sich ein wenig auf das Stück vorbereitet zu haben.
Da ist bis in die Gegenwart der Konflikt zwischen Türken und Griechen um die Insel Zypern, da ist diese Seeschlacht von Lepanto - 1571 am Golf von Patras, als eine katholische Liga unter Führung von Spanien und der Seemacht Venedig eine osmanische Übermacht besiegte. Und da ist das Wissen darum, dass Lepanto ein gern zitiertes Bild unter der europäischen Rechten ist, denn man glorifiziert diesen unerwarteten Sieg schon seit dem 16. Jahrhundert zum goldenen Beispiel für den Sieg des Christentums über den Islam, das Judentum und alles als nicht-christlich wahrgenommene.
Die beiden nach den verlorenen Schätzen dieses glorifizierten und immer wieder instrumentalisierten Gemetzels suchenden scheinen selbst Geister zu sein. Mit ihren modrig anmutenden Kleidern, ihren vom Meerwasser ausgelaugten Gesichtern und strähnigen langen Haaren sind sie Schatten vergangener Zeit, aber noch immer sehr menschlich auf der Suche nach Reichtum. Hier unter Wasser verschwimmen für das Publikum immer wieder die Grenzen zwischen gestern und heute, der osmanischen Sklaven-Galere und dem Schaufelraddampfer, der 4. Klasse auf der Titanic und dem über Bord geworfenen Überseecontainer voller geflüchteter Menschen aus Afrika. Immer ist das Meer strahlend blaues unendlich weites Schlachtfeld voller Hoffnungen und Ängste; immer wieder wird es besonders für die ärmsten zum dunklen nassen Grab.
Die schauspielerische Leistung ist gewohnt stark, die Schauspieler sicher und gleichzeitig locker genug, den schweren Stoff hin und wieder mit einem Scherz aufzubrechen. Sie bilden eine überzeugende Einheit mit dem starken Szenenbild. Gerade bei einem durchaus anspruchsvollen Stück mit oft nicht sofort verständlichen Textpassagen entscheidet schließlich die Dramaturgie des Stückes darüber, ob die Zuschauerin gedanklich dabei bleibt, oder aussteigt. Martin Stefke zeigt bei Lepanto in Zittau erneut, dass er ein Meister seines Faches ist. Aus den Gesichtern weichen bei jeder neuerlichen Runde der Drehbühne ein paar mehr Fragezeichen und der lang anhaltende Applaus nach dem Finale des Stückes ist dankbarer Lohn des Premierenpublikums für eine starke Leistung auf und hinter der Bühne.
Um wirklich alles zu verstehen, was hier heute Abend offensichtlich oder auch nur beiläufig vermittelt wurde, lohnt es sicher, das Stück auch ein zweites oder drittes Mal anzusehen. (Vielleicht erschließt sich dann auch die übermannshohe laufende Gummihand.)

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