05.07.2025 - Robin Hood - Waldbühne Jonsdorf - Buch und Regie: Ingo Putz
Es ist mir bisher im Theater noch nie passiert, dass in ein und dem selben Stück so viel richtig und gleichzeitig so viel schlimm falsch gemacht wurde. Aber ich fange mal vorne an.
In der Reihe vor mir sitzen vier Frauen mit der selben Frisur. Ich stelle schnell fest, drei sind Schwestern, Nummer vier ist Mama. Und man trifft sich nicht zum ersten Mal hier. Ja, letztes Mal war ganz gut, dieses DEFA-Pfeil-und-Bogen-Stück mit Gojko Mitic (die drei sagen nicht Pfeil und Bogen und auch nicht Nordamerikanischer Ureinwohner sondern so „wie man’s gelernt hat“) also noch ein Jahr vorher oder waren es zwei, naja das nicht so. Jetzt erstmal einen Kleinen Feigling, wir sind schon ganz gespannt.
Los geht die wilde Fahrt auf der Waldbühne in Jonsdorf. Zum letzten Mal vor dem Umbau, also noch mal genau hin gucken, in zwei Jahren sieht es hier anders aus. Robin Hood ist ein dankbares Stück für diese Bühne. Viel zu fechten, viel Puff und Peng, galoppierende Pferde, brennende Windmühlen, herrlich. So geht Sommertheater. Schon ganz zu Beginn wird die vierte Wand durchbrochen, das Publikum direkt angesprochen und so immer wieder einbezogen. Wirklich witzig ist die Adaption des Stückes in die Region. Schon im Auftaktlied reimt sich Neiße auf Scheiße und ja, das ist plump gereimt, aber hier wirklich einen Schmunzler wert. Noch viel schöner ist der Zungenschlag, dass der beste Schütze des Bogenschießenwettbewerbs aus Gierschdurf kommt - aus Neugersdorf - wo das Gierschdurfer Schiss’n, das Neugersdorfer Schützenfest sein zu Hause hat, das größte Volksfest der Region. Das Publikum nimmt solche Gags gerne an.
Die Robin Hood Geschichte ist bekannt, ganz wunderbar ist die Tatsache, dass Maid Marian, die über den gesamten Abend immer von Prinz John sehr deutsch „Marion“ genannt und dann vehement von den anderen Ensemblemitgliedern verbessert wird, eine Prinzessin aus einem nicht näher bezeichneten fernen Land ist. Die seit dieser Spielzeit neu im Ensemble arbeitende, aus Münster stammende Darstellerin der Marian, Danja Rishany Emmanuel, tanzt im zweiten Teil des Stückes dann sogar einen indischen Tanz (da sie zweifach diplomiert im indisch klassischen Tanz Bharatanatyam ist, könnte es wohl ein solcher gewesen sein, aber ich hab keine Ahnung, es sah jedenfalls toll aus… ). Was mir sehr gut gefallen hat, war, dass Marian „trotz“ Ihres offensichtlichen Migrationshintergrundes (wie man das nicht im Sherwood Forest, aber doch in Gierschdurf sagen würde) als starke, selbstbewusste und sympathische Frau wahrgenommen wird und sie für Jung und Alt im Publikum eindeutig zu den „Guten“ zählt.
In der Pause das typische Waldbühnenbild. Die drei etwas jüngeren Damen vor mir freuten sich über ihr Piccolöchen, während Mama ganz rechts außen ihr Fischbrötchen bearbeitete, die Serviette beiseite schiebt und dann schließlich trotzdem beherzt den Salzhering mit Papierbeilage abbeißt. Am Ende hat sie die halbe Serviette mit verputzt. Die Schwestern konnten nicht auf Mutti achten, denn das Stück gefiel, man hatte viel zu schnattern. So konnte es weiter gehen, da war man sich um mich herum einig.
Aber wir müssen dann jetzt mal zu „schlimm falsch“ kommen. Jonas Maria Kubisch als Prinz John und Ireneusz Rosinski als Sheriff von Nottingham spielen Ihre Rollen zunächst wirklich gut: Ein launisch, kindisch, grausamer Truchsess John, ein böse, gehorsam, gemeiner Sheriff, alles, wie man es aus der Geschichte kennt. Als dann der nicht ganz im Sinne des Prinzen agierende Sheriff vom Dienstherren mit einer irgendwie an Fetisch-Utensilien erinnernden Peitsche gezüchtigt wird und das offenbar irgendwie gut findet, zeigen sich erste Fragezeichen über den Köpfen des platte Geschlechterrollen und Klischees aus der Mottenkiste bemerkenden Teils des Publikums. Wo soll das denn jetzt hier hin führen?
Als dann im großen Finale des Stückes die beiden Schurken durch einen „Zaubertrank“ auch noch „gezwungen“ werden, ineinander verliebt zu sein, bleibt zumindest mir mitten im grölenden Gelächter des Publikums um mich herum endgültig das Lachen im Halse stecken. Die beiden Schauspieler ziehen nun alle Register des schlechten Geschmacks, wie man es schon schon aus albernen Fernseh-Sketchen der 80er kennt, spielen so, wie heterosexuelle Männer sich eben homosexuelle Männer vorstellen. Es ist unwürdig. Gerade in einer Zeit, in der Gleichberechtigung zurück gedrängt, Menschen, deren Art zu Lieben nicht der Massennorm entspricht wieder angefeindet und verfolgt werden, erweist unser Theater sich und seinem eigenen Anspruch einen Bärendienst. Man setzt fahrlässig gleichgeschlechtliche Liebe mit Wucht öffentlich dem Gelächter des Publikums aus. Unterstützt allgemeines “Amüsemang” auf Kosten von benachteiligten Gruppen. Es war und ist nach wie vor unglaublich. Gerade durch die vorherigen, eh schon verstörenden Peitschenszenen wird diese abschließende „die bösen werden jetzt zur Strafe auch noch schwul gemacht“-Situation regelrecht ekelhaft. Obgleich sie ihre Wirkung nicht verfehlt und zu großem Gelächter und Begeisterung im Publikum führt. Klar, war ja alles nur ein Spaß, werden manche sagen. Und würde ich manchen vielleicht auch kopfschüttelnd abnehmen. Aber hier im Theater erschüttern, nein entsetzen mich solche Szenen im Jahr 2025 sehr.
Die Damen vor mir nehmen nach dem langen Schlussapplaus Mutti an die Hand und gehen leicht angeschickert und schwer begeistert nach Hause. Das war das Beste seit Jahren dewinnidief!
Ich bin eher ernüchtert. Die nächste Waldbühne würde ich mir nach dieser Erfahrung hier dann vielleicht doch demnächst mal wieder sparen. Aber da ja jetzt gebaut wird, kommt das nächste Sommertheater 2026 auf den Zittauer Marktplatz. Für das einzige, mir spontan einfallende Stück, für das man einen italienischen Palast mit Balkon brauchen kann. Das kann und werde ich mir dann wohl doch nicht entgehen lassen.
Hier, vielleicht ein gutes Schlusszitat vom nächsten Jahr für diesen letzten Waldbühnen-Abend im alten Umfeld: „Um Hass gehts hier, doch mehr um Liebe noch….“

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