„Ich überwinde die Grenzen meines Körpers,
um mich mit einem großen Schöpferkollektiv zu verbinden.
Ich überwinde Weiß oder Schwarz, um einfach Mensch zu sein.
Ich überwinde das Fleisch, um ein Bewusstsein zu sein.
Ich überwinde die Erde, um Teil der Galaxie zu sein.
Ich überwinde Grenzen, um unbegrenzt zu sein.“
(Martine Rothblatt [1])
Der Name ist Programm. Das lateinische Präfix trans bedeutet „über“, „hinaus“. Der Biologe Julian Huxley definierte Transhumanismus vor fast 70 Jahren: „Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet [2].
Geben wir zuerst den Anhängern des Transhumanismus das Wort. Es gibt zahlreiche Ziele dieser extrem technikaffinen Geistesrichtung, die gerade im Silicon Valley viele sehr bekannte Anhänger hat. Dabei teilt nicht jeder Transhumanist unbedingt alle genannten Visionen:
Die Überwindung des Todes durch die sogenannte Kryonik [3]. Hierbei wird der Kopf oder der ganze Körper eingefroren. Der Milliardär Peter Thiel hat sich beispielsweise hierfür schon angemeldet [4].
„Der Transhumanismus wird die Menschheit zu der Einsicht führen, dass das Gespenst des Alterns und des Todes unerwünscht ist und dass wir danach streben sollten, es zu kontrollieren und zu beseitigen.“ (Zoltan Istvan [5])
Mind Uploading. Dadurch soll das eigene Gehirn extern dupliziert werden. Dabei gibt es verschiedene Formen und Ziele des Uploadings [6].
„Ein simuliertes Gehirn ist ein digitales System, das auf einem Computer läuft. (…) Es gibt keinen allgemeinen Grund, warum ein digitales System nicht ein Bewusstsein haben sollte.“ (David Chalmers [7])
Genkontrolle und Genediting des Fötus zur Optimierung des Kindes.
„Wir werden nicht länger Sklaven unserer Gene sein. Wir werden die Kontrolle über unsere genetische Programmierung übernehmen und unsere biologischen und neurobiologischen Prozesse beherrschen. Wir werden alle individuellen und arteigenen Defekte beheben, die von der Evolution durch natürliche Selektion übrig geblieben sind.“ (Max More [8])
Weitere Ziele des Transhumanismus sind das Upgrading des Gehirns, das die kognitiven Grenzen des Menschen überwinden soll, und ein möglichst flächendeckender Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Optimierung des Lebens insgesamt.
Allen erklärten Zielen des Transhumanismus ist gemeinsam, dass sie den Menschen als ein defizitäres Wesen ansehen, dessen Natur „enhanced“, also verbessert werden muss. Mithilfe von Technik. Selbstverständlich.
„Der Transhumanismus steht dafür, alte Selbstverständlichkeiten aufzubrechen, die Menschen beschränken und daran hindern, ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen.“ (Stefan Lorenz Sorgner [9])
Diese philosophische Denkrichtung, die man mit seinem Erlösungsanspruch von unserem Tod auch flapsig als „Nerd-Religion“ (Douglas Rushkoff) bezeichnen kann [10], stützt sich auf ein sehr eigenes und simples Menschenbild. Larry Page, Mitbegründer von Google, drückte seine Einschätzung der menschlichen DNA in diesem Sinne aus: Diese sei einzig „komprimiert 600 Megabyte, also kleiner als jedes moderne Betriebssystem (...) also sind ihre Programmalgorithmen wahrscheinlich nicht so kompliziert” [11]. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins brachte seine Einschätzung noch prägnanter auf den Punkt: „Das Leben besteht nur aus Bytes und Bytes und Bytes von digitalen Informationen“ [12].
Was bleibt für die Transhumanisten von uns Menschen in der Zukunft, die sie sich wünschen?
„Es wird keine Unterscheidung (...) zwischen Mensch und Maschine oder zwischen physischer und virtueller Realität geben. Wenn Sie sich fragen, was in einer solchen Welt eindeutig menschlich bleiben wird, dann ist es einfach diese Eigenschaft: Wir sind die Spezies, die von Natur aus danach strebt, ihre physische und mentale Reichweite über die derzeitigen Grenzen hinaus zu erweitern.“ (Ray Kurzweil [13])
In den Augen der Transhumanisten wird die Zukunft endlich der lang ersehnte Garten Eden sein. Der flächendeckende Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die mit Terabyte persönlicher Daten gefüttert wird, erfüllt dann die vermeintlich große Sehnsucht des Menschen, die Google-Mitbegründer Eric Schmidt schon vor Jahren formulierte: „Ich glaube, die meisten Leute wollen nicht, daß Google ihre Fragen beantwortet. Sie wollen, daß Google ihnen sagt, was sie als nächstes tun sollen“ [14]. Kein anstrengendes Probleme-Welzen und Entscheidungen-Fällen mehr. Kurz: das Leben eine einzige unendlich supergeile Party!
„Superintelligenz. Superlanglebigkeit und Superglücklichsein. (...)
Das Leben wird immer aufregend sein, und der Spaß wird einfach nicht aufhören.“ (David Pearce [15])
Falls das alles für Dich eher nach Gedankenspielen für eine spannende Science-Fiction-Story klingt, täuschst Du Dich gründlich. Viele Unternehmen in Silicon Valley und führende Persönlichkeiten der dortigen Community arbeiten genau daran. Elon Musk besitzt das Unternehmen Neuralink, das Computerchips für das menschliche Gehirn baut und diese auch seit Kurzem an Menschen testen darf [16]. Peter Thiel investiert massiv in eine Firma, die Gehirn und Computer direkt verbinden will [17].
In den letzten Jahren haben sich die Zahl von Experten gemehrt, die Künstliche Intelligenz als Bedrohung empfinden und ihre Stimme gegen sie erheben. Im Herbst 2022 kam sogareine Studie von KI-Forschern der Universitäten Oxford und Canberrazu dem etwas beunruhigenden Ergebnis, dass die Künstliche Intelligenz die Menschheit vermutlich auslöschen wird [18]. Zuletzt verließ Jeffrey Hinton, „der Vater der KI“, Google, um offen über die Risiken von Künstlicher Intelligenz sprechen zu können [19] und Mo Gawdat, ehemaliger Chief Business Officer von Google X, bezeichnet in einem beeindruckenden Interview die Diskussion um KI als „die existenziellste Debatte und Herausforderung, der sich die Menschheit jemals stellen wird“. Die Gefahr durch KI sei größer als die einer drohenden Klimakatastrophe[20].
„Eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft wird das Internet sich plötzlich zu einer superintelligenten KI zusammenballen, unendlich klüger als jeder einzelne Mensch und alle Maschinen zusammen. Es wird von einem Moment auf den anderen lebendig werden und die Weltherrschaft übernehmen, bevor wir kleinen unbedeutenden Menschen überhaupt wissen, wie uns geschieht.“ (Jaron Lanier [21])
Inwiefern Peter Thiels folgende Gedanken, die er bereits vor rund zehn Jahren von sich gab, beruhigend sind, sei dahingestellt: „Natürlich hoffen wir, dass ein künstlich intelligenter Computer den Menschen freundlich gesinnt sein wird. Zugleich aber nehme ich nicht an, dass man als eines der menschlichen Wesen bekannt sein möchte, das gegen Computer ist und sein Leben mit dem Kampf gegen Computer bestreitet“ [22].
Verschiedene Kritiker sprechen von einer unheiligen Allianz, die Transhumanismus, Neoliberalismus und Silicon-Valley-Kapitalismus eingehen[23]. Erstaunlicherweise entdecken wir, wenn wir den Transhumanismus genauer unter die Lupe nehmen, übrigens einen alten Bekannten: den Homo oeconomicus! Denn dank der KI könnte der Mensch tatsächlich zum rein rationalen Eigennutz maximierenden Wesen mit sich niemals ändernder Präferenz werden!
„Auf dieser Anschauung des Menschen als von Natur aus defizitäres, mit Wissenschaft und Technik jedoch besonders anpassungsfähig und dominant gewordenes Wesen baut der Transhumanismus sein Menschen- und Weltbild auf.“ (Philipp von Becker [24])
Wie Du vielleicht gemerkt hast, benutzen Transhumanisten ein GPS, das sich gründlich von dem unterscheidet, das wir für unsere Entdeckungsreise benutzen. Während wir immer versuchen, auf den Menschen neugierig zu sein und herauszufinden, was wir mit möglichst hoher wissenschaftlicher Genauigkeit über die Natur des Menschen sagen können, interessieren Transhumanisten die Erkenntnisse über die Natur des Menschen erstaunlich wenig, denn sie sind vielmehr felsenfest überzeugt, sie bereits zu kennen (Du erinnerst Dich: Der Mensch ist nur ein Produkt seiner Bytes und Megabytes).
„Die Vorstellung des Mind-Uploads beruht auf der Fiktion, dass das Wesen des Menschen unabhängig von der spezifischen Materie seines Körpers sei und lediglich aus Daten bestehe, die auf eine beliebige Materie transferiert werden könnten. Auch die Vorstellung zur gentechnischen Umgestaltung des Menschen beruht auf der Fiktion des Menschen als einer formalisierbaren, berechenbaren, von der Umwelt abgeschnittenen Entität.“ (Philipp von Becker [25])
Alle Überlegungen der Transhumanisten zu einer gentechnischen Optimierung gehen von einem berechenbaren Wesen aus und übersehen dabei vollständig, dass Gene unser Leben und Verhalten bei Weitem nicht so stark festlegen. Unsere Umwelt und unser soziales Miteinander beeinflussen, welche Gene wie stark (oder gar nicht) zur Wirkung kommen. Einen genetischen Determinismus, wie der Wolf schon beim Check-in unserer Reise behauptet hat, gibt es nicht. Das Leben lässt sich in keine Excel-Tabelle pressen! Falls Du den gleichnamigen Ausflug noch nicht gelesen hast, kannst Du das gerne tun. Epigenetik ist das Zauberwort!
„Gene sind keine „Nerds“, keine nur mit ihren Interessen beschäftigten, von der sozialen Außenwelt abgeschotteten Eigenbrötler. Gene sind Kooperatoren und Kommunikatoren. Gene arbeiten mit anderen Molekülen zusammen, für sich alleine kann ein Gen nicht das Geringste ausrichten.“ (Joachim Bauer [26])
Beim Transhumanismus steht auch nicht das soziale Wesen Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch ist stattdessen ganz offensichtlich ein zu optimierendes Einzelwesen. Gedanken zum sozialen Wesen Mensch sucht man bei Transhumanisten daher vergeblich. Auch damit offenbart sich der Transhumanismus als eine philosophische Denkrichtung, die zwar massiv auf einem Menschenbild aufbaut, aber von der Natur des Menschen in Wirklichkeit leider ziemlich wenig Ahnung hat. Das ultra-kooperative Wesen mit einem Social Brain, großzügigem Spenderherz und Wunsch nach Gemeinschaft, das in Katastrophen zur mitmenschlichen Höchstform aufläuft und am gesündesten und bestens gelaunt ist, wenn die sozialen Bindungen stimmen … kurz: der Mensch. Der Mensch, wie er uns in jedem Abschnitt unserer Reise begegnet ist, ist für die Transhumanisten ein Fremder, und all das, was Menschsein ausmacht, wird ignoriert, um im neoliberalen Credo das Selbst immer und immer weiter zu optimieren.
„Transhumanisten (…) begreifen den Menschen nicht als psychosomatische Einheit und sozial verbundenes Wesen, sondern schlichtweg als programmierbare Maschine, bei der nur das richtige Stück Materie auf die richtige Art und Weise manipuliert werden muss, damit das erwünschte Resultat eintritt.“ (Philipp von Becker [27])
Die Vorstellung, eines Tages unser Gehirn auf einer Festplatte abspeichern zu können, übersieht, dass der Mensch nicht einzig in Daten ausgedrückt und in Nullen und Einsen zerlegt werden kann. Wie wir schon gelernt haben, ist der Mensch nicht das rationale Wesen, das die Anhänger des Homo oeconomicus so gerne hätten, sondern ein eher irrationales Wesen, das Entscheidungen zuerst intuitiv trifft, bevor die Vernunft als unser Pressesprecher auftritt, und möglichst überzeugende Argumente für die Entscheidung zu finden sucht (→ S. 89). Das Zusammenspiel zwischen unserer Umwelt und unserem Leben, das weit über eine festgelegte und berechenbare Summe unserer Gene hinausgeht, und das Zusammenspiel zwischen unserem Körper und unserem Gehirn taucht im Transhumanismus schlicht nicht auf. Du erinnerst Dich: Wir können ohne unseren Körper gar nicht denken und wie wir uns fühlen, beeinflusst unser Denken! (→ S. 88 ff) Wie genau soll also dieses lebendige Zusammenspiel statisch auf eine Festplatte in Nullen und Einsen gepresst werden?
„Die Ansicht, Menschen seien Maschinen, bedeutet eine Verkennung der biologischen Realitäten. Körper und Gehirn des Menschen bedürfen der Realität. Sie sind außerdem soziale Akteure, sie reagieren auf soziale Interaktionen.“ (Joachim Bauer [28])
Wen wundert es da, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen unsere Reise und der Transhumanismus führen, wenn man wissen möchte, was uns Menschen eigentlich guttut: Ist es ein Upgrade für unser Gehirn, eine genetische Optimierung, eine KI, die uns rund um die Uhr Entscheidungen abnimmt, kurz die Dauerparty, von der David Pearce oben schwärmt, oder das Leben unserer sozialen Natur? Begegnungen, Unterstützung, Großzügigkeit und Berührungen?
Wir können uns noch so sehr optimieren, wie wir wollen und was der Geldbeutel hergibt, und rund um die Uhr unsere Gesundheitsdaten überwachen lassen, wir werden uns dadurch kaum besser fühlen und auch unsere Gesundheit wird unter dem Optimierungswahn leiden. Denn wir vergessen bei unserem Blick auf Smartwach und Datentabelle, dass die beste Medizin unser Mitmensch ist, wir uns nach Gemeinschaft sehnen und uns Gemeinschaft guttut.
Da der Mensch angeblich nur aus Daten besteht, kann es nicht wirklich verwundern, dass in der Welt des Transhumanismus grundsätzlich nur das zählt, was quantifizierbar, in Zahlen ausgedrückt ist, binär erfasst und in Nullen und Einsen als auswertbare Daten zerlegt wird. Damit verlieren wir komplett genau das aus dem Blick, was unser Leben wirklich lebenswert macht.
Mithilfe der möglichst vollkommenen Vermessung der Menschen und der Welt bietet die Künstliche Intelligenz an, die meisten oder vielleicht sogar alle Entscheidungsfragen unseres Lebens zu beantworten inklusive aller moralischen Dilemmata (und sie vielleicht sogar für uns zu beantworten, ohne dass wir überhaupt gefragt haben. Denn – so die liebenswerte Begründung – die Dauerparty des Lebens solle nicht durch schwermütige Probleme belastet werden). Kants Kategorischer Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“) wird zur Vergangenheit, denn im Transhumanismus benötigt der Mensch dank einer omnipräsenten KI keinen moralischen Leitfaden mehr.
„Im Transhumanismus würden wir uns richtig verhalten, weil es gar keine Alternative mehr gibt (und wir kein Gefühl für richtig und falsch mehr haben).“ (Philipp von Becker [29])
Der Transhumanismus verspricht eine möglichst vollkommene Freiheit, schafft aber einen Menschen, der gesagt bekommen möchte, was er tun soll, um endlich von der Verantwortung für das eigene Leben befreit zu sein. Der Transhumanismus erbaut damit aber ein Gefängnis, denn der Mensch verliert mehr und mehr die Fähigkeit, eigene Entscheidungen fällen und Verantwortung für sein Leben übernehmen zu können. (Dabei wird auch geflissentlich übersehen, dass derjenige, der die Macht über die Entscheidungsarchitekturen der Künstlichen Intelligenz hat, auch die Macht über die Menschen besitzt.) Der Transhumanismus verspricht dem Menschen, die Grenzen des Menschseins zu überwinden und schafft dabei den Menschen als eigenständiges und unabhängiges Wesen ab.
„Die Menschen werden sich nicht mehr als autonome Wesen betrachten, die ihr Leben entsprechend den eigenen Wünschen führen, sondern viel eher als eine Ansammlung biochemischer Mechanismen, die von einem Netzwerk elektronischer Algorithmen ständig überwacht und gelenkt werden.“ (Yuval Noah Harari [30])
In der logischen Konsequenz kann das auch das Ende der Demokratie bedeuten. Die gemeinsame Kompromisssuche und die Mehrheitsentscheidung würde durch die angeblich optimale Lösung der KI ersetzt werden. Kein Dialog. Kein Zuhören. Kein Perspektivwechsel. Keine Unterbrechung der Endlos-Netflix-Serie.
„Die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form kann die Verschmelzung von Biotechnologie und Informationstechnologie nicht überleben. Sie wird sich entweder radikal neu erfinden müssen, oder die Menschen werden künftig in „digitalen Diktaturen“ leben.“ (Yuval Noah Harari [31])
Der Transhumanismus stellt nicht nur das Wesen des Menschen und unsere Natur infrage, sondern sogar die Wirklichkeit. Der Philosoph David Chalmers schreibt: „1. Man kann nicht wissen, dass man sich nicht in einer Simulation befindet. 2. Wenn man nicht wissen kann, dass man sich nicht in einer Simulation befindet, kann man auch nichts über die Außenwelt wissen. 3. Also: Du kannst nichts über die Außenwelt wissen“ [32] Seine Schlussfolgerung: „Wir sind wahrscheinlich Simulationen“ [33].
Für den Psychologen Joachim Bauer ist das die „Vollendung des Realitätsverlusts“ [34]. Einen vollkommenen Rückfall hinter die Aufklärung, die den Menschen aus seiner Unwissenheit befreien wollte. Willkommen in der digitalen Mystik!
Und nicht zuletzt: Der Transhumanismus, der sich so gerne als eine radikal liberale Denkrichtung versteht und die Freiheit in leuchtend großen Buchstaben auf seine Fahnen schreibt, führt zwangsläufig auch zu einer festbetonierten Zweiklassengesellschaft. Denn die wunderbaren Lösungsvorschläge zur Optimierung des Nachwuchses, zur Selbstoptimierung und zur Überwindung des Todes werden natürlich keine patentfreien Open-Source-Lösungen für das Gemeinwohl sein, sondern eine gewisse Kleinigkeit aus der Portokasse kosten. Eine Kleinigkeit, die sich nur eine kleine Minderheit wird leisten können. Womit wir wieder beim Neoliberalismus sind. Frei nach dem Motto des Philosophen Slavoj Zizek: „Neoliberalismus bedeutet, dass man alles machen kann, solange es mit Einkaufen zu tun hat“ [35] Der Siegeszug der KI würde ewige und massive Ungleichheit mit sich bringen.
„Doch so wie Big-Data-Algorithmen die Freiheit auslöschen könnten, so könnten sie gleichzeitig die ungleichsten Gesellschaften hervorbringen, die es je gab. Aller Reichtum und alle Macht könnten sich in den Händen einer winzigen Elite konzentrieren, während die meisten Menschen nicht unter Ausbeutung, sondern unter weitaus Schlimmerem zu leiden haben – bedeutungs- und nutzlos zu sein.“ (Yuval Noah Harari [36])
Aber, was man nicht vergessen darf: Der Transhumanismus ist ein Riesengeschäft, an dem viele mitverdienen wollen.
Du erinnerst Dich an Pearces Lobgesang auf den Transhumanismus, der eine ewige Dauerparty verspricht? Falls Du noch nicht „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley kennen solltest, dann laden wir Dich hier zu einem kleinen Gedankenexperiment ein, das Ähnlichkeiten mit diesem lesenswerten Klassiker hat.
Hast Du Lust auf ein dauerhaftes Glück, wenn Du dafür auf Deine Arbeit, Deine Beziehungen und Deinen Schmerz verzichten müsstest? Der Philosoph Robert Nozick schlug für dieses Gedankenexperiment die Idee einer „Erlebnismaschine“ vor, bei der das Gehirn an einen Computer angeschlossen werden könnte. Stell Dir also vor, diese Erlebnismaschine würde Dir exakt die richtige Kombination von Dopamin, Opiaten und Serotonin zuführen, sodass Du Dich für immer und ewig glücklich fühlen würdest. Keine Höhen und Tiefen mehr. Kein Leid. Keine Trauer. Kein Frust. Keine Enttäuschung. Nie mehr. Die Erlebnismaschine würde ununterbrochen Bilder in Dein Gehirn projizieren, sodass Du glaubst, Du würdest Weltmeister in allen mögliche Sportarten werden, mindestens einen Nobelpreis abholen, Dir im ausverkauften Stadion vor ekstatischen Fans die Seele aus dem Leib singen, wunderbare exzessive Nächte mit Partnern Deines Herzens verbringen, Dich über die Geburt Deines Kindes und das neue Haus freuen. Keine Steuererklärungen mehr. Keine Parkknöllchen. Keine Mahnungen in der Inbox.
Es gibt nur einen klitzekleinen Haken. Dein Gehirn ist dauerhaft an einen Computer angeschlossen. Du würdest nicht mehr arbeiten, keine Beziehungen mehr haben oder die Härten des Lebens erleiden. Du wärst schlicht und einfach vollkommen glücklich. Ein Dauerlächler.
Wählst Du die Erlebnismaschine [37]?
Die Suche nach dem Sinn unseres Lebens oder eine Welt, wo diese Frage keinen Sinn mehr macht und überhaupt nicht mehr verstanden wird?
„Erst bauen wir die Werkzeuge, dann bauen sie uns.“ (John Culkin [38])
Würde es nicht vielleicht Sinn machen, dass die Abertausenden hochintelligenter Menschen und die Abermilliarden Investitionskapital sich weniger dem Ziel annehmen, den Menschen künstlich zu einer Maschine zu formen, sondern die Welt zu einer mitmenschlicheren Welt zu machen?
Zitiert nach: Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 13.
Huxley, Julian: New Bottles For New Wine. London 1957, S. 17.
Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 24.
Wood, Patrick: „Transhumanist Peter Thiel Is Planning Cryopreservation After Death“. In: Technocracy. News & Trends, 07. 05. 2023, online unter: https://www.technocracy.news/transhumanist-peter-thiel-is-planning-cryopreservation-after-death/, abgerufen am 26. 08. 2024.
Istvan, Zoltan: „Forget Trump, Zoltan Istvan wants to be the 'anti-death' president“. In: Wired, 08. 11. 2016, online unter: https://www.wired.co.uk/article/the-transhumanist-age, abgerufen am 26. 08. 2024.
Chalmers, DavidJ.: „The Singularity: A Philosophical Analysis”. In: The Journal of Consciousness Studies, Vol. 17, S. 7 – 65, 2010, online unter: https://www.consc.net/papers/uploading.pdf, abgerufen am 16. 08. 2024.
Zitiert nach: Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 21.
Zitiert nach: Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 61.
Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 29.
Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 94.
Zitiert nach: Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 94.
Zitiert nach: Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 94.
Kurzweil, Ray: The Singularity Is Near. When Humans Transcend Biology. London 2005, S.
Zitiert nach: Kurz, Constanze und Rieger, Frank: Die Datenfresser, S. 95
Zitiert nach: Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 64.
„Musk-Firma Neuralink darf Gehirn-Chips testen“. In: ZDF, 26. 05. 2023, online unter: https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/musk-neuralink-gehirn-computer-chips-100.html, abgerufen am 16. 08. 2024.
„Musk's Neuralink raises $280 mln in funding led by Thiel's Founders Fund“. In: Reuters, 07. 08. 2023, online unter: https://www.reuters.com/technology/musks-neuralink-raises-280-mln-latest-fundraise-2023-08-07, abgerufen am 16. 08. 2024.
Cohen, Michael K., Hutter, Marcus, Osborne, Michael A.: „Advanced artificial agents intervene in the provision of reward“. In: AI Magazine, 43 (3), S. 282 – 293, Herbst 2022, online unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/aaai.12064, abgerufen am 16.08. 2024.
„‘Godfather of artificial intelligence’ weighs in on the past and potential of AI“: In: CBS Saturday Morning, 25. 03. 2023, online unter: https://www.cbsnews.com/news/godfather-of-artificial-intelligence-weighs-in-on-the-past-and-potential-of-artificial-intelligence/, abgerufen am 16. 08. 2024.
The Diary of A CEO: „Emergeny Episode: Ex-Google Officer Finally Speaks Out On The Dangers Of AI!“. In: Youtube, abgerufen am 16. 08. 2024.
Lanier, Jaron: Wem gehört die Zukunft? Hamburg 2014, S. 255.
Zitiert nach: Pariser, Eli: Filter Bubble. München 2012, S. 194.
Siehe: Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 63
Zitiert nach: Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 57.
Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 60.
Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 34f.
Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 64.
Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 34.
Sorgner, Stefan Lorenz und Becker, Philipp von: Transhumanismus. Frankfurt am Main 2023, S. 97.
Harari, Yuval Noah: Homo Deus. München 2017, S. 445.
Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München 2018, S. 104.
Zitiert nach: Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 222.
Zitiert nach: Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 120.
Bauer, Joachim: Realitätsverlust. München 2023, S. 119.
Zitiert nach: Felber, Christian: This is not economy. München 2019, S. 176.
Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München 2018, S. 111.
Diener, Ed und Biswas-Diener, Robert: Happiness. Malden 2008, S. 248f.
Rushkoff, Douglas: The Survival of the Richest. New York 2022, S. 162f.
Eine der ganz zentralen Themen der Natur des Menschen ist die Frage, inwiefern die Überzeugung zutrifft, der Menschen gleiche mehr oder minder stark dem Modell des Homo oeconomicus. Achte mal darauf, wie oft Du dieser Gewissheit begegnest. Diskutiere in Deinem Freundeskreis, welcher Glaube dort vorherrscht.
Der Mensch ändert seine Vorlieben nie:
Bruno Frey. Zitiert in: Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2011, S. 331.
… eher Züge von Psychopathen als der Durchschnitt:
Yamagishi, T., Li, Y., Takagishi, H., Matsumoto, Y., Kiyonari, T.: „In search of Homo economicus“. In: Psychological Science, 25 (9), S. 1699 – 1711, 18. 07. 2014, online unter: https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0956797614538065?journalCode=pssa, abgerufen am 04. 08. 2024.
… rational Handelnde dem Zustand eines Psychopathen:
Zitiert nach: Haller, Christian: Menschenbild und Wirtschaft. Marburg 2012, S. 48.
Sage und schreibe 84 Prozent:
Yamagishi, T., Li, Y., Takagishi, H., Matsumoto, Y., Kiyonari, T.: „In search of Homo economicus“. In: Psychological Science, 25 (9), S. 1699 – 1711, 18. 07. 2014, online unter: https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0956797614538065?journalCode=pssa, abgerufen am 04. 08. 2024.
… kaum ernsthaft bemühten, ihre Prämisse zu überprüfen:
Zitiert nach: Triebel, Claas und Hürter, Tobias: Kunst des kooperativen Handelns. Zürich 2012, S. 81.
… Homo oeconomicus „versagt in allen untersuchten Gesellschaften“:
Henrich J., Boyd, R., Bowles, S., Camerer, C., Fehr, E., Gintis, H., McElreath, R., Alvard, M., Barr, A., Ensminger, J., Henrich, N. S., Hill, K., Gil-White, F., Gurven, M., Marlowe, F. W., Patton, J. Q., Tracer, D.: „‘Economic man’ in cross-cultural perspective: behavioral experiments in 15 small-scale societies“. Behavioral Brain Science, 28 (6), S. 795 – 815, Dezember 2005, online unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16372952/, abgerufen am 03. 08. 2024.
… über das Verhalten echter Menschen sagen kann:
Aldred, Jonathan: Der korrumpierte Mensch. Stuttgart 2020, S. 383.

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